Kreuzimpfung mit AstraZeneca und BioNTech/Pfizer

AutorIn:
Review: 

Bernd Kerschner

zuletzt aktualisiert: 4. August 2021

Zuerst AstraZeneca, dann Biontech/Pfizer: Wie gut wirkt die Kombination aus zwei unterschiedlichen Corona-Impfstoffen? Ist sie sicher und welche Nebenwirkungen sind zu erwarten? (Bild: © diy13 – shutterstock.com)
 


Dieser Beitrag ist Teil unserer Serie zur Corona-Impfung.

Bei drei der derzeit in Österreich zugelassenen Corona-Impfstoffen (Biontech/Pfizer, Moderna und AstraZeneca) sind zwei Spritzen im Abstand von 4 bis 12 Wochen notwendig (Stand Juli 2021). Üblicherweise wird beide Male derselbe Impfstoff verwendet (homologes Impfschema).

Seit Kurzem empfiehlt die Ständige Impfkommission (STIKO) in Deutschland, die zweite AstraZeneca-Spritze durch einen der beiden mRNA-Impfstoffe (Biontech/Pfizer oder Moderna) zu ersetzen [8]. Die Kombination von zwei unterschiedlichen Impfstoffen nennt man Kreuzimpfung oder heterologes Impfschema. Grund für diese Empfehlung ist das etwas erhöhte Risiko für Blutgerinnsel (Thrombosen) durch die AstraZeneca-Impfung [10].

Wir wollten wissen, was die Wissenschaft zur Wirksamkeit und Sicherheit der Corona-Kreuzimpfung sagt und haben uns auf die Suche nach aussagekräftigen Studien gemacht.

Ist eine Kreuz-Impfung mit AstraZeneca und Biontech/Pfizer wirksam?

Zuerst AstraZeneca, dann Biontech/Pfizer: Dieses Impf-Schema dürfte höheren Schutz vor dem Coronavirus bieten als die ausschließliche AstraZeneca-Impfung.

Die Kreuzimpfung scheint ähnlich wirksam zu sein wie eine zweimalige Biontech/Pfizer-Impfung. Denn kreuz-geimpfte Personen bilden mindestens ebenso viele Antikörper und Immunzellen gegen das Coronavirus wie nach einer zweimaligen Biontech/Pfizer-Impfung. Das ergaben sechs Studien, die das untersuchten [1-6]. Sie alle kamen zu demselben Ergebnis.

Dabei handelt es sich jedoch nur um Hinweise aus Laboruntersuchungen. Bisher gibt es noch Studien, die direkt verglichen haben, wie häufig herkömmlich und Kreuz-Geimpfte an Covid-19 erkranken.

Welche Impfstoffe können kombiniert werden?

Sämtliche Studien, die wir finden konnten, untersuchten die Kombination aus dem Impfstoff von AstraZeneca (Vektorimpfstoff) und einem mRNA-Impfstoff (Biontech/Pfizer oder Moderna). (Was sind Vektor- und mRNA-Impfstoffe?)

Als besonders wirksam erwies sich die Kombination aus AstraZeneca-Impfstoff, gefolgt von mRNA-Impfstoff. Die umgekehrte Variante – also zuerst mRNA-Impfstoff, dann AstraZeneca-Impfstoff – scheint hingegen laut Studienergebnissen am wenigsten gut zu schützen.

Ist die Kreuzimpfung sicher? Welche Nebenwirkungen sind zu erwarten?
Die Kreuzimpfung scheint ebenso sicher zu sein wie die Impfung mit einem einzigen Impfstoff. In keiner der Studien, die das untersuchten, wurden schwerwiegende Nebenwirkungen beobachtet [1,4]. Wie hoch im Vergleich das Risiko für seltene Nebenwirkungen ist, lässt sich mit den vorhandenen Daten nicht sagen. Vorübergehende Impfreaktionen wie Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen sowie Abgeschlagenheit kamen in der aussagekräftigsten Studie bei Kreuzimpfungen etwas häufiger vor als bei der Impfung mit nur einem Impfstoff [1].

Wer empfiehlt Kreuzimpfungen und warum?

Die Ständige Impfkommision (STIKO) in Deutschland empfiehlt allen Personen, die bereits einmal mit dem AstraZeneca-Impfstoff geimpft wurden, eine zweite Spritze mit einem der beiden zugelassenen mRNA-Impfstoffen (Biontech/Pfizer oder Moderna) [8]. Die Kommission begründet diese Empfehlung mit den bisherigen Studienergebnissen zur höheren Wirksamkeit der Kreuzimpfung sowie mit der erhöhten Gefahr von Thrombosen nach der zweimaligen AstraZeneca-Spritze.

Das österreichische Nationale Impfgremium empfiehlt die Kreuzimpfung derzeit nicht explizit [7]. Es nennt sie aber als eine Möglichkeit für Personen, die die erste Spritze schlecht vertragen haben oder einen Wechsel des Impfstoffes wünschen.

Diese Informationen gelten zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Beitrags (August 2021). Aktuelle Informationen und Empfehlungen zur Corona-Impfung finden Sie für Österreich auf der Seite des Sozialministeriums, für Deutschland auf der Seite des Robert-Koch-Instituts (RKI) und für die Schweiz beim Bundesamt für Gesundheit.

Die Studien im Detail

Für diesen Artikel suchten wir nach Studien zu Wirksamkeit und Nebenwirkungen von Corona-Impfungen mit zwei unterschiedlichen Impfstoffen (Kreuzimpfung). Wir fanden eine randomisierte kontrollierte Studie – die aussagekräftigste Studienart [1]. Außerdem noch fünf sogenannte Kohortenstudien [2-6].

In allen sechs Studien wurde das Blut der Probandinnen und Probanden untersucht. Gemessen wurden die Art und Anzahl der Antikörper gegen das Coronavirus sowie bestimmter Immunzellen (T-Zellen) nach der Impfung.

Wir fanden keine Studien, die direkt verglichen, wie viele Personen nach einer Kreuzimpfung und nach einer herkömmlichen Impfung an Covid-19 erkranken.

Verschiedene Impfstoff-Kombinationen untersucht

In die Studien flossen die Daten von insgesamt 1 181 Geimpften ein. An der aussagekräftigsten und größten Studie nahmen 426 Erwachsene teil [1]. Sie waren über 50 Jahre alt und hatten keine oder nur leichte Vorerkrankungen wie etwa Diabetes, Bluthochdruck oder Nierenerkrankungen. Außerdem waren vorher nie positiv auf SARS-CoV-2 getestet worden.

Die Teilnehmenden wurden per Zufall in acht Gruppen unterteilt. Die Gruppen erhielten entweder

  • zwei Spritzen mit dem AstraZeneca-Impfstoff
  • zwei Spritzen mit dem Biontech/Pfizer-Impfstoff
  • zuerst Biontech/Pfizer, danach AstraZeneca
  • oder zuerst AstraZeneca, danach Biontech/Pfizer

jeweils im Abstand von 28 oder 84 Tagen.

Antikörper-Zahl und Nebenwirkungen?

Über einen Fragebogen gaben die Teilnehmenden an, wie es ihnen nach den jeweiligen Spritzen gegangen war; 28 Tage nach der zweiten Spritze wurde außerdem das But der Teilnehmenden untersucht. Das Studienteam maß dabei die Zahl der Antikörper gegen SARS-CoV-2 und suchte nach Immunzellen (T-Zellen), die spezifisch gegen das Coronavirus gerichtet waren.

Kreuzimpfung: Besser als zweimal AstraZeneca

Teilnehmende mit einer Kreuzimpfung aus AstraZeneca gefolgt von Biontech/Pfizer hatten

  • deutlich mehr Antikörper als zweimal mit AstraZeneca Geimpfte.
  • ungefähr so viele Antikörper wie zweimal mit Biontech/Pfizer Geimpfte.
  • etwas mehr gegen das Coronavirus gerichtete T-Zellen als zweimal mit Biontech/Pfizer Geimpfte.
  • etwas stärkere Reaktionen wie Fieber und Abgeschlagenheit nach der zweiten Spritze als bei anderen Kombinationen.

Es gab während der Studiendauer keine schweren Nebenwirkungen in Folge der Impfung.

Aussagekraft der Studie eingeschränkt

Die Studie ist zwar die größte und aussagekräftigste, die wir finden konnten. Doch sie hat auch Mängel. Zwar wussten die Teilnehmenden selbst nicht, welcher Gruppe sie zugeteilt waren. Das Studienpersonal, das die Nebenwirkungen abfragte, war jedoch eingeweiht. Die Studie war also nur einfach verblindet. Dadurch entstandene Erwartungen könnten die Studienergebnisse verzerrt haben.

Zudem gibt es bisher nur Ergebnisse für jene vier Gruppen, die ihre beiden Spritzen im Abstand von 28 Tagen erhalten haben. Ein Abstand von 28 Tagen wird für die Impfung mit einem mRNA-Impfstoff (Biontech/Pfizer oder Moderna) empfohlen. Beim AstraZeneca-Impfstoff scheint das jedoch nicht optimal zu sein: Der Schutz ist vermutlich höher, wenn zwischen erster und zweiter Spritze 63 bis 84 Tage liegen [10].

Unfairer Vergleich

Die derzeitigen Ergebnisse können also nur zeigen, dass eine zweite Spritze mit Biontech/Pfizer-Impfstoff im Abstand von 28 Tagen wirksamer zu sein scheint als eine AstraZeneca-Spritze im selben Abstand. Einen direkten Vergleich zwischen der Kreuzimpfung und der herkömmlichen AstraZeneca-Impfung mit einem Abstand von 84 Tagen lassen sie aber nicht zu.

Keine Daten zu Erkrankungswahrscheinlichkeit

Zu guter Letzt untersuchten die verfügbaren Studien die Reaktion des Immunsystems auf die Impfung lediglich anhand von Blutproben. Um sicher zu wissen, wie gut die Kreuzimpfung vor Covid-19 schützt, bräuchte es Untersuchungen dazu, wie viele Personen nach einer Kreuzimpfung erkranken und wie viele gesund bleiben.

 

Versionsgeschichte

  • 4. 8. 2021: Erste Fassung

 

Quellen

[1] Liu u.a. (2021)
Studientyp: Randomisierte kontrollierte Studie
Teilnehmende: 426 Erwachsene
Fragestellung: Wie stark fällt die Immunantwort nach verschiedenen Impf-Kombinationen mit den Impfstoffen von AstraZeneca und Biontech/Pfizer aus? Wie häufig sind Nebenwirkungen?
Interessenskonflikt: Einige Autorinnen und Autoren der Studie erhielten in der Vergangenheit Geld von Pharmaunternehmen, darunter auch AstraZeneca und Pfizer.

Liu, X., et al. (2021). Safety and Immunogenicity Report from the Com-COV Study – a Single-Blind Randomised Non-Inferiority Trial Comparing Heterologous And Homologous Prime-Boost Schedules with An Adenoviral Vectored and mRNA COVID-19 Vaccine. SSRN. (Studie in voller Länge)

[2] Barros-Martins u.a. (2021)
Studientyp: Kohortenstudie
Teilnehmende: 129 Erwachsene
Fragestellung: Wie stark fällt die Immunantwort nach verschiedenen Impf-Kombinationen mit den Impfstoffen von AstraZeneca und Biontech/Pfizer aus?
Interessenskonflikt: keiner laut Autorenteam

Barros-Martins, J. et al. (2021). Humoral and cellular immune response against SARS-CoV-2 variants following heterologous and homologous ChAdOx1 nCoV-19/BNT162b2 vaccination. medRxiv. (Studie in voller Länge)

[3] Gross u.a. (2021)
Studientyp: Kohortenstudie
Teilnehmende: 25 Erwachsene
Fragestellung: Wie stark fällt die Immunantwort nach einer Kreuzimpfung mit AstraZeneca und Biontech/Pfizer aus?
Interessenskonflikt: keiner laut Autorenteam

Gross, R., et al. (2021). Heterologous ChAdOx1 nCoV-19 and BNT162b2 prime-boost vaccination elicits potent neutralizing antibody responses and T cell reactivity. medRxiv. (Studie in voller Länge)

[4] Hillus u.a. (2021)
Studientyp: Kohortenstudie
Teilnehmende: 326 Teilnehmende
Fragestellung: Wie stark fällt die Immunantwort nach verschiedenen Impf-Kombinationen mit den Impfstoffen von AstraZeneca und Biontech/Pfizer aus? Wie häufig sind Nebenwirkungen?
Interessenskonflikt: nicht angegeben

Hillus D., et al. (2021). Reactogenicity of homologous and heterologous prime-boost immunization with BNT162b2 and ChAdOx1-nCoV19: a prospective cohort study. medRxiv. (Studie in voller Länge)

[5] Rose u.a. (2021)
Studientyp: Kohortenstudie
Teilnehmende: 59 Erwachsene
Fragestellung: Wie stark fällt die Immunantwort nach einer Kreuzimpfung mit AstraZeneca und Biontech/Pfizer oder Moderna aus?
Interessenskonflikt: keiner laut Autorenteam

Rose, R., et al. (2021). Heterologous immunisation with vector vaccine as prime followed by mRNA vaccine as boost leads to humoral immune response against SARS-CoV-2, which is comparable to that according to a homologous mRNA vaccination scheme. medRxiv. (Studie in voller Länge)

[6] Schmidt u.a. (2021)
Studientyp: Kohortenstudie
Teilnehmende: 216 Erwachsene
Fragestellung: Wie stark fällt die Immunantwort nach verschiedenen Impf-Kombinationen mit den Impfstoffen von AstraZeneca und mRNA-Impfstoff (Biontech/Pfizer oder Moderna) aus?
Interessenskonflikt: keiner laut Autorenteam

Schmidt, T., et al. (2021). Immunogenicity and reactogenicity of a heterologous COVID-19 prime-boost vaccination compared with homologous vaccine regimens. medRxiv. (Studie in voller Länge) https://www.medrxiv.org/content/medrxiv/early/2021/06/15/2021.06.13.21258859.full.pdf

[7] Nationales Impfgremium (2021)
Abgerufen am 26.7.2021 unter www.sozialministerium.at (lokale Kopie)

[8] Ständige Impfkommission (STIKO) 2021
Beschluss der STIKO zur 8. Aktualisierung der COVID-19-Impfempfehlung und die dazugehörige wissenschaftliche Begründung. Abgerufen am 26.7.2021 unter www.rki.de

[9] Bundesamt für Gesundheit Schweiz (2021)
Abgerufen am 26.7.2021 unter www.bag.admin.ch

[10]Robert-Koch Institut (RKI)
COVID-19 und Impfen: Antworten auf häufig gestellte Fragen (FAQ). Abgerufen am 27.7.2021 unter www.rki.de