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Krebs durch Schlafmittel?

Schlaftabletten

Schlaftabletten

Gängige verschreibungspflichtige Schlafmittel erhöhen sowohl das Sterberisiko sowie die Wahrscheinlichkeit, an Krebs zu erkranken, schreibt die Kronenzeitung. Auch wenn vieles darauf hin deutet – dass andere Gründe für das erhöhte Risiko verantwortlich sind, lässt sich nicht mit Sicherheit ausschließen.
 

 
 

Zeitungsartikel: Studie: Schlafmittel erhöhen Krebs- und Sterberisiko (28. 2. 2012, Kronenzeitung, APA-Meldung)
Frage:Fördert die regelmäßige Einnahme von Schlafmitteln das Risiko zu sterben oder an Krebs zu erkranken?
Antwort:Es besteht ein Zusammenhang zwischen der Einnahme von Schlafmitteln und einem erhöhten Sterbe- bzw. Krebsrisiko. Allerdings lässt sich nicht mit Sicherheit ausschließen, dass nicht etwa andere Gründe für dieses erhöhte Risiko verantwortlich sind.
Beweislage:
Niedrige wissenschaftliche Beweislagefür ein erhöhtes Risiko

Schlafstörungen wie etwa Probleme beim Einschlafen, unruhiger, wenig erholsamer Schlaf oder vorzeitiges Aufwachen belasten laut Angaben der Statistik Austria rund ein Viertel aller Österreicher. Zur Behandlung solcher Schlafstörungen existiert eine Reihe nicht-medikamentöser Therapien, wie etwa das Einhalten eines regelmäßigen Tagesrhythmus, Entspannungsübungen oder kognitive Therapien zum besseren Umgang mit Sorgen oder Gedankenmustern, die das Einschlafen behindern [2]. Dennoch gaben in einer Befragung der Statistik Austria etwa 5 von 100 Österreichern an, ärztlich verschriebene Schlafmittel einzunehmen.

Einem Artikel der Kronenzeitung zufolge sollen solche Schlafmittel für zahlreiche Todesfälle verantwortlich sein. Auch das Risiko, an Krebs zu erkranken, steige durch die Einnahme deutlich, so der Zeitungsartikel – selbst bei einer Anwendung von nur ein bis zwei Tabletten pro Monat.

Sind Schlafmittel tatsächlich so gefährlich, dass sich Patienten mit Schlafstörungen lieber nach anderen Behandlungsmöglichkeiten umsehen sollten?

Deutlicher Zusammenhang feststellbar…

In der von der Kronenzeitung angeführten Studie [1] wurden die Daten von über 10 000 Personen analysiert, die an Schlafstörungen litten und zu deren Behandlung sie Schlafmittel verschrieben bekommen hatten. Innerhalb von zweieinhalb Jahren verstarben deutlich mehr dieser Patienten als die Personen einer Vergleichsgruppe, die weder Schlafmittel einnahmen, noch Schlafstörungen hatten. Gab es unter jenen, die Schlafmittel einnahmen, etwa 55 Todesfälle unter 1000, waren es in der Vergleichsgruppe nur etwa 12 unter 1000 – die Sterberate war also mehr als viermal so hoch.

Zusätzlich beobachteten die Verfasser der Studie, dass das Sterberisiko umso größer war, je häufiger Schlafmittel eingenommen worden waren. Doch selbst nur bis zu 18 Schlaftabletten pro Jahr schienen schon mit einem mehr als dreifach erhöhten Sterberisiko in Verbindung zu stehen.

Das Risiko, an Krebs zu erkranken, war zwar weit weniger erhöht, dennoch zeigte sich in der Untersuchung ein deutlicher Zusammenhang zwischen der Einnahme von mehr als rund 130 Tabletten pro Jahr und dem Risiko an Krebs zu erkranken.

In diese Ergebnisse wurden zwar Daten für 8 verschiedene Schlafmitteln oder Schlafmittelgruppen miteinbezogen (Zolpidem, Temazepam, Eszopiclon, Zaleplon, Triazolam, Flurazepam, sowie die Medimantengruppe der Barbiturate und die der Antihistaminika) – eine Verallgemeinerung auf alle Schlafmittel ist dennoch nur mit Vorsicht zu treffen.

Die Autoren verweisen außerdem auf 24 frühere Untersuchungen, von denen immerhin 16 einen deutlichen Zusammenhang mit einem gesteigerten Sterberisiko aufzeigen. Inwieweit in diesen Studien aber andere mögliche Gründe für das höhere Risiko ausgeschlossen worden sind, ist unklar.

…Ursache für erhöhtes Sterbe- und Krebsrisiko dennoch unklar

Ein großer Unsicherheitsfaktor der zuvor beschriebenen Studie [1] ist allerdings, dass die tatsächlichen Todesursachen nicht bekannt sind. So kann auf keinen Fall angenommen werden, dass sich die vermehrten Todesfälle durch die geringfügig erhöhte Rate an Krebserkrankungen erklären ließe. Dafür wäre der Beobachtungszeitraum von zweieinhalb Jahren zu kurz, und die Sterberate liegt zudem deutlich über der Rate an neuen Krebsdiagnosen.

Die Studienautoren mutmaßen, dass Schlafmittel etwa aufgrund der Benommenheit, die sie mitunter auslösen, vermehrt zu gefährlichen Stürzen oder Unfällen mit Todesfolge führen können. Auch ein Zusammenhang mit einer höheren Rate an Depressionen unter Personen, die Schlafmittel einnehmen, und somit einem höheren Anteil an Selbstmorden als Folge der Depression wird nicht ausgeschlossen. Da ein Großteil der beobachteten Patienten aus sozial schwächeren Verhältnissen stammte, könnte unter anderem das Depressionsrisiko von vornherein erhöht gewesen sein.

Da nur die Personen in der Schlafmittelgruppe an Schlafstörungen litten, nicht aber diejenigen in der Vergleichsgruppe, könnte die höhere Todesrate auch auf die Schlafstörungen zurückzuführen sein. Beispielsweise könnte eine erhöhte Tagesmüdigkeit und Konzentrationsmangel aufgrund der Schlafprobleme während der Nacht das Unfallrisiko ansteigen lassen.

Die Verfasser der Studie [1] haben zwar viele andere Krankheiten als wahrscheinlichen Grund für das deutlich erhöhte Sterbe- und Krebsrisiko ausgeschlossen, einen absolut sicheren Beweis dafür, dass Schlafmittel die Ursache dafür darstellen, können ihre Untersuchungsergebnisse aber dennoch nicht liefern. Trotzdem „werfen diese Ergebnisse wichtige Bedenken und Fragen über die Sicherheit von Beruhigungsmitteln und Schlaftabletten auf“, meint die Chefredakteurin des British Medical Journal, dem wissenschaftlichen Fachmagazin, in dem die Studie veröffentlicht wurde.

(AutorIn: B. Kerschner, Review: M. Strobelberger, K. Thaler)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Kripke u. a. (2012)
Studientyp: Kohortenstudie
Teilnehmer: 10 529 Schlafstörungs-Patienten, denen Schlafmittel verschrieben wurden, 23 676 Personen als Vergleichsgruppe
Dauer: 2,5 Jahre
Fragestellung: Zusammenhang zwischen regelmäßiger Einnahme von Schlafmitteln und Krebs bzw. Sterblichkeit

Titel: „Hypnotics‘ association with mortality or cancer: a matched cohort study“. BMJ Open. 2012 Feb 27;2(1):e000850. (Studie im Volltext)

Weitere wissenschaftliche Quellen

[2] Bonnet M H, Arand D L (2012). Treatment of Insomnia. In Wilson K C (ed.). UpToDate. Abgerufen unter http://www.uptodate.com am 24. 3. 2012