Dieser Beitrag ist älter als vier Jahre, möglicherweise hat sich die Studienlage inzwischen geändert.

Kombi-Impfungen für Kleinkinder: Ängste und Fakten

Viele Eltern machen sich sorgen, ob zusätzliche Impfungen bei Kleinkindern Nachteile haben - etwa die Pneumokokken-Impfung zusätzlich zur 6fach-Kombi-Impfung. Studien zeigen hier keine zusätzlichen Gesundheitsprobleme.

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Review:  Kylie Thaler 

Ist die Kombination von Pneumokokken-Impfung und 6-fach-Impfung gegen Diphtherie, Tetanus, Kinderlähmung, Keuchhusten, Hepatitis B und Haemophilus influenzae B) gleich sicher und wirksam wie die 6-fach-Impfung alleine?

Die gleichzeitige Impfung mit Pneumokokken- und Sechsfach-Impfstoff bewirkt im Vergleich zur alleinigen Sechsfach-Impfung einen im Wesentlichen gleichwertigen Impfschutz vor den 6 Erregern. Das etwas erhöhte Risiko für Fieber nach der Impfung steht einem zusätzlichen, beinahe vollständigen Schutz vor einer Infektion mit Pneumokokken und Infektion gegenüber.

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© Alliance Images – shutterstock.com
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Ab dem kommenden Jahr, so Medienberichte, will das österreichische Gesundheitsministererium zwei weitere Impfungen für Kinder kostenlos zur Verfügung stellen. Bisher finanziert der Staat hierzulande neben der Sechsfach-Impfung für Kleinkinder (gegen Diphtherie, Tetanus, Kinderlähmung, Keuchhusten, Hepatitis B und das Haemophilus influenzae B Bakterium (HiB)) bereits die Kombinations-Impfung gegen Masern, Mumps und Röteln sowie die Rota-Viren-Schluckimpfung. Neu hinzukommen sollen die Immunisierung gegen eine Meningokokken-Art und gegen Pneumokokken.

Können Impfungen schaden?

Die Vorstellung, Impfungen könnten ihrem Kind mehr Nachteile bringen als helfen, verunsichert viele Eltern. Tatsächlich haben Impfstoffe, wie alle Arzneimittel, neben der erhofften Wirkung auch unerwünschte Nebenwirkungen.

Eine Impfung unterstützt den Körper quasi bei der Selbstverteidigung gegen Krankheitserreger. Sobald ein schädlicher Keim in den Körper gelangt, produziert das Immunsystem mit Hilfe weißer Blutkörperchen speziell auf den Eindringling maßgeschneiderte Antikörper. Diese helfen, den Erreger zu bekämpfen und bleiben auch lange danach noch als Schutz gegen spätere Infektionen mit demselben Keim im Blut.

Nebenwirkungen wie Fieber, Schwellungen an der Einstichstelle, Abgeschlagenheit, Übelkeit oder Schwellungen der Lymphknoten sind normale Anzeichen der gewollten erhöhten Aktivität des Immunsystems nach der Impfung. In seltenen Fällen kann es auch zu einer Überreaktion des Immunsystems bis hin zu einem allergischen Schockzustand (anaphylaktischer Schock, rund 1-10 Fälle pro 1 Million) kommen [2]. Bei Säuglingen und Kleinkindern kann es selten auch zu kollapsähnlichen Zuständen kommen, die allerdings nur kurze Zeit anhalten und nicht lebensbedrohlich sind. Ihre Häufigkeit liegt zwischen 1 von 1400 und 1 von 100.000 [2].

Prinzipiell durchläuft jeder Impfstoff – wie alle Medikamente – ein strenges Zulassungsverfahren bei der Europäischen Arzneimittelbehörde EMA, in welchem unter anderem dessen Sicherheit und Unbedenklichkeit nachgewiesen werden muss. Treten nach erfolgter Zulassung weitere bisher unbekannte Nebenwirkungen auf, müssen diese der EMA gemeldet werden und können schließlich zur Änderung oder Aufhebung der Zulassung führen.

In der Vergangenheit wurden Impfstoffe immer wieder verdächtigt, für verschiedene schwere Erkrankungen wie Autismus, Epilepsie (Krampfanfälle), Multiple Sklerose oder Plötzlichen Kindstod verantwortlich zu sein. Eine evidenzbasierte Übersichtsarbeit des deutschen Paul Ehrlich Instituts aus dem Jahr 2009 zeigt, dass es für diese Vermutungen keine Hinweise gibt. So sinkt das Risiko für Plötzlichen Kindstod beispielsweise sogar nach Impfungen (Details siehe [2]). Ein vor wenigen Tagen in den USA veröffentlichter 600-seitiger evidenzbasierter Bericht über Impfschäden fand für diese und ähnliche Mutmaßungen ebenfalls keine Bestätigung. [3]

… oder ist der Nutzen weit größer?

Die Diphtherie ist dank des Schutzes durch die Sechsfachimpfung bei Kleinkindern bei uns heutzutage praktisch unbekannt. Dennoch handelt es sich bei Diphtherie um eine schwere bakterielle Infektion, die mit Schwellungen der Atemwege bis hin zur Erstickungsgefahr sowie möglichen Langzeitschädigungen von Herz und Nerven einhergeht und nachwievor in manchen Ländern verbreitet ist

Als sich beispielsweise Anfang der 1990er die Sowjetunion auflöste, kam es in den Nachfolgestaaten zu einem plötzlichen Anstieg an Diphteriefällen mit insgesamt 140 000 Erkrankungen, darunter 4000 Todesfälle. Grund war die aus verschiedenen Gründen stark gesunkene Durchimpfung der Bevölkerung. Erst nach Bemühungen von offizieller Seite konnte die Epidemie im Zuge eines verstärkten Impfprogramms wieder eingedämmt werden.

Auch andere Kinderkrankheiten, gegen die sich die Sechsfach-Kombinationsimpfung für Kleinkinder richtet, sind hierzulande praktisch nicht mehr verbreitet. Dazu gehört der Tetanus-Erreger, dessen Infektion starke Krämpfe (Wundstarrkrampf) auslösen, die nicht selten (in 1-2 von 10 Fällen) zum Tod führen können. Auch Keuchhusten (Pertussis), das Hepatitis B Virus (verursacht Leberentzündungen, die chronisch werden können), Kinderlähmung (Polio) sowie das Haemophilus influenzae B (HiB) Bakterium (kann Hirnhautentzündungen und in Folge Langzeitschäden des Gehirns verursachen) gehören zu den Erregern, gegen die die Sechsfach-Kleinkinderimpfung größtenteils vollständigen Schutz (bei zumindest 95 von 100 Geimpften) bietet.
Die Impfung gegen (manche, aber nicht alle) Meningokokken welche ebenfalls Hirnhautentzündungen sowie Blutvergiftungen auslösen und zum Tod führen können, ist erst ab dem 12. Lebensjahr vorgesehen.

Pneumokokken- und Sechsfach-Impfung

Neben Mittelohr- und Lungenentzündungen können auch Pneumokokken ernste Hirnhautentzündungen auslösen. Pneumokokken-Infektionen sind besonders dann gefährlich, wenn das Immunsystem bereits geschwächt, oder wie bei Kleinkindern noch nicht vollständig ausgebildet ist.

Die Nebenwirkungen der Sechsfachimpfung und der Pneumokokkenimpfung für Kleinkinder sind relativ ähnlich. So ist bei mehr als einem von 10 Kleinkindern mit Müdigkeit, Fieber über 38°C, Schwellungen, Rötungen und Schmerzen an der Einstichstelle sowie ungewöhnlichem oder langanhaltendem Schreien oder Übelkeit mit Erbrechen zu rechnen. Bei mehr als einem von 100 Kindern kann das Fieber auch über 39,5°C ansteigen. Bei Fieber kann es selten auch zu Krampfanfällen kommen, bleibende Schäden durch solche Fieberkrämpfe sind aber nicht belegt [2].

Einer systematischen Übersichtsarbeit [1] zufolge steigt das Risiko für unerwünschte Nebenwirkungen nach einer Kombinationsimpfung aus Sechsfach-Immunsisierung plus Pneumokokken-Impfung geringfügig an. Statistisch gesehen müssen die Eltern etwa jedes 12. kleinen Patienten, der zusätzlich gegen Pneumokokken geimpft wird, mit einer stärkeren Reaktion an der Einstichstelle (Schwellung, Schmerzen, Rötung), erhöhter Müdigkeit und stärkerem Auftreten von Fieber rechnen als dies bei der Sechsfach-Impfung alleine ohnehin schon zu erwarten wäre.

Zusammenfassend zeigt sich durch die gleichzeitige Verabreichung von Pneumokokken- und bisheriger Sechsfach-Impfung kein verminderter Schutz vor den Erregern, während das Risiko für unerwünschte Nebenwirkungen geringfügig ansteigt.

[1] Tozzi u. a. (2007)
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit
Anzahl der eingeschlossenen Studien: 4 (davon 2 zu Sechsfach-Impfstoff und Pneumokokken)
Teilnehmer insgesamt: 1420 Kleinkinder.
Vergleich: Wirksamkeit und Sicherheit der Sechsfachimpfung verglichen mit Sechsfachimpfung plus Pneumokokken-Impfung gemeinsam.

Titel: “Can hexavalent vaccines be simultaneously administered with pneumococcal or meningococcal conjugate vaccines?“. Human Vaccines.2007;3(6):252-259. (Studie im Volltext)

Andere wissenschaftliche Quellen

[2] Weißer, Barth et al. (2009). “Sicherheit von Impfstoffen”. Bundesgesundheitsblatt 2009. Bundesinstitut für Sera und Impfstoffe Paul-Ehrlich-Institut, Langen. (Dokument zum Herunterladen)

[3] Institute of Medicine (2011) “Adverse Effects of Vaccines: Evidence and Causality“ (Dokument zum Herunterladen)

  • 10.3.2014: eine Suche nach neuen Studien bringt keine inhaltliche Änderung
  • 5.9.2011: erste Version

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