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Kolloidales Silber: haltlose Versprechen

Silber: Edles Metall und in Wasser gelöst ein angebliches Wundermittel

Silber: Edles Metall und in Wasser gelöst ein angebliches Wundermittel

Fragwürdige Webseiten bewerben kolloidales Silber als „natürliches“ Antibiotikum und generelles Wundermittel. Diese Behauptungen sind – weil nicht belegt – ganz einfach unseriös.

Frage:Hat kolloidales Silber („Silberwasser“) zum Trinken einen gesundheitlichen Nutzen?
Antwort:wissenschaftliche Belege fehlen
Erklärung:Ob das Trinken von kolloidalem Silbe Krankheiten heilen oder vorbeugend wirken kann, ist nie in aussagekräftigen Studien untersucht worden. Behauptungen zur Wirksamkeit von Silberwasser sind daher aus der Luft gegriffen. Gesichert ist hingegen, dass kolloidales Silber die Haut auf Dauer blau-grau verfärben kann, wenn die Metallpartikel-Lösung in größeren Mengen getrunken wird.

Ein natürliches Mittel zum Einnehmen, das Antibiotika ersetzt und auf vielfältige Weise das Immunsystem stärkt: Genau das soll kolloidales Silber sein. Zumindest, wenn man den zahlreichen Internetseiten glaubt, auf denen das auch als „Silberwasser“ bezeichnete Mittel beworben oder zum Kauf angeboten wird.

Zu schön, um wahr zu sein

Wer kolloidales Silber einnimmt, könne beispielsweise Grippe, Ohrenschmerzen oder Magengeschwüre bekämpfen. Sogar bei ernsten Erkrankungen wie Borreliose oder einer HIV-Infektion sollen die winzig kleinen Silberteichen, gelöst in Wasser, angeblich helfen. Soweit die Behauptungen.

Etliche Webseiten bieten diese Silber-Lösungen zum Kauf an. Manche Onlineshops vertreiben sogar Geräte für die Herstellung zuhause. Wer wissen möchte, in welcher Dosierung man das Silberwasser für die beste Wirksamkeit schlucken soll, findet auf den Webseiten allerdings keine oder widersprüchliche Informationen.

Kolloidales Silber: vom Reagenzglas in den menschlichen Körper

Die zahlreichen Behauptungen rund um Heilung, Linderung oder Vorbeugung von Silberwasser sind unserer Recherche zufolge aus der Luft gegriffen. Denn ob die Einnahme von kolloidalem Silber die Gesundheit positiv beeinflussen kann, wurde nie in aussagekräftigen Studien erforscht.

Zwar zeigen Laborexperimente, dass Silberlösungen im Reagenzglas krankheitserregende Mikroorganismen bekämpfen können [3]. Aus diesen Ergebnissen lässt sich jedoch nicht schließen, dass kolloidales Silber auch im menschlichen Körper gegen Krankheitserreger wirksam ist. Schließlich ist der Stoffwechsel des Menschen viel komplexer als Vorgänge in einem Reagenzglas.

Silber-Nasentropfen ohne Wirkungsnachweis

Bei einer umfassenden Suche in medizinischen Forschungsdatenbanken haben wir keine einzige gut gemachte klinische Studie zu kolloidalem Silber („Silberwasser“) gefunden und lediglich eine klinische Studie mit menschlichen Versuchspersonen, die die Wirkung von Silber-haltigem Nasenspray getestet haben. Mit der Studie wollte ein italienisches Forschungssteam die Wirkung von Nasentropfen gegen Erkältungen testen, die kolloidales Silber und die Stärke-ähnliche Substanz Carboxymethyl-Beta-Glucan enthalten [1].

Die Durchführung der Studie bewerten wir jedoch als wissenschaftlich mangelhaft, sodass ihre Ergebnisse nicht aussagekräftig sind. Selbst wenn die Studie eine Anti-Schnupfen-Wirkung zeigen könnte, wäre unklar, ob nun das Silber oder Carboxymethyl-Beta-Glucan (oder beide) dafür verantwortlich wäre.

Eine weitere Studie wurde gestoppt, noch bevor die ersten Personen daran teilnehmen konnten [2].

Nebenwirkung: Blaue Haut

Gut belegt ist hingegen, dass die längerfristige Einnahme von kolloidalem Silber und anderen Silberverbindungen eine langfristige blau-graue Verfärbung der Haut verursachen kann. Diese ist dann auch im Gesicht, an den Armen und Händen sichtbar. Durch die Medien bekannt gewordene Betroffene sind etwa der US-amerikanische Lokalpolitiker Stan Jones [4] oder der 2013 verstorbene US-Amerikaner Paul Karason [5].

Im Fachjargon heißt diese Verfärbung Argyrie. Sie entsteht dadurch, dass sich Silber in der Haut einlagert. Fallberichte lassen vermuten, dass eine solche Verfärbung dauerhaft ist [6-8]. Die 1942 geborene US-Amerikanerin Rosemary Jacobs beispielsweise bekam im Alter von 14 Jahren Argyrie, weil sie regelmäßig silberhaltige Nasentropfen gegen Erkältungen verwendet hatte. Bis heute ist ihre Haut gräulich gefärbt [9].

Nicht ausgeschlossen ist, dass kolloidales Silber oder andere Silberverbindungen neben Argyrie noch weitere unerwünschte Wirkungen haben können. Dies ist bisher jedoch unzureichend erforscht [10].

Silber für Wunden und Zähne

Kolloidales Silber, also in Wasser gelöste winzige Silberteilchen, werden in der wissenschaftlich orientierten Medizin nicht verwendet. Aber andere Formen von Silber kommen sehr wohl zum Einsatz. So nutzen Ärztinnen und Ärzte die keimhemmende Wirkung von Silberteilchen, etwa indem sie Verbrennungen mit silberbeschichteten Wundauflagen bedecken. Bisher veröffentlichte Studien zeigen, dass Brandwunden mit Silberverbänden rascher heilen könnten als herkömmliche Verbände [3,11].

Manche Zahnärzte verwenden Silberverbindungen zur Behandlung von Milchzahn-Karies. Diese Behandlung kann jedoch die betroffene Stelle am Zahn dunkel verfärben, auch eine vorübergehende Verfärbung von Zahnfleisch und Mundschleimhaut ist möglich [12].

Um 1900 herum waren kolloidales Silber oder gelöste Silbersalze beliebte Desinfektionsmittel. Trotz fehlender Belege für die Wirksamkeit war es auch als Mittel zum Einnehmen verbreitet – etwa gegen Erkältungen oder andere Krankheiten. Ende der 1930er Jahre warnten manche Ärztinnen und Ärzte vor der manchmal damit verbundenen Hautverfärbung [13]. Mit der Entdeckung von Penicillin und anderen Antibiotika ab den 1940er Jahren ging der Einsatz von silberhaltigen Arzneimitteln zurück.

 

Die Studien im Detail

Bei unserer Suche nach Forschungsergebnissen über kolloidales Silber fanden wir nur eine einzige klinische randomisiert-kontrollierte Studie [1]. Darin nahmen 100 italienische Kinder zwischen null und zwölf Jahren teil. Alle waren erkältet. Sie wurden nach dem Zufallsprinzip in zwei Gruppen aufgeteilt.

Eine Gruppe sollte sieben Tage lang Nasentropfen einnehmen, die kolloidales Silber und Carboxymethyl-Beta-Glucan enthielten. Das Nasentropfen-Präparat ist in Italien rezeptfrei erhältlich. Die andere Gruppe sollte sieben Tage lang Nasenspülungen mit Salzwasser durchführen. Im Laufe der Woche sollten die Eltern regelmäßig auf einem Fragebogen angeben, wie krank sich ihre Kinder noch fühlten.

Die Ergebnisse sind widersprüchlich. Zudem geben die Autorinnen und Autoren nicht alle Daten an. Es ist daher nicht klar, ob die Kinder mit den Nasentropfen rascher gesund wurden als jene, die die Salzwasserspülungen erhalten haben. Zudem wussten die teilnehmenden Kinder, Eltern und das Forschungsteam wahrscheinlich, wer die Nasentropfen und wer die Salzlösung bekam. Daher können Erwartungshaltungen zur Wirkung der Nasentropfen das Studienergebnis verzerrt haben. Insgesamt ist die Studie nicht aussagekräftig.

(AutorIn: B. Kerschner, Review: J. Harlfinger, C. Christof)

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Ähnliche Artikel

 

 

Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Damiani u.a. (2011)
Studientyp: randomisiert-kontrollierte Studie
Teilnehmer: 100 Kinder mit Erkältung
Fragestellung: Wirken Nasentropfen mit kolloidalem Silber und Carboximethyl-Beta-Glucan besser als Spülungen mit Salzlösung?
Interessenskonflikte: Angaben fehlen

Damiani V, Di Carlo M, Grappasonni G, Di Domenico R, Dominici P. Efficacy of a new medical device based on colloidal silver and carbossimetyl beta glucan in treatment of upper airways disease in children. Minerva Pediatr. 2011 Oct;63(5):347-54. (Zusammenfassung der Studie)

Weitere wissenschaftliche Quellen

[2] Clinical Trials (2018)
Silver Nanoparticle Investigation for Treating Chronic Sinusitis (SNITCH). Washington University School of Medicine. Abgerufen am 11.6.2018 unter https://clinicaltrials.gov/ct2/show/nct03243201

[3] UpToDate (2018)
Tenenhaus M, Rennekampff H. Topical agents and dressings for local burn wound care. In Collins KA (ed.) UpToDate. Abgerufen am 7.6.2018 unter https://www.uptodate.com/contents/topical-agents-and-dressings-for-local-burn-wound-care (Zugang kostenpflichtig)

[4] BBC News (2002)
True-blue bids for Senate. Abgerufen am 7.6.2018 unter http://news.bbc.co.uk/2/hi/americas/2297471.stm

[5] Psiram.com (2013)
Paul Karason ist tot. Abgerufen am 7.6.2018 unter https://blog.psiram.com/2013/09/paul-karason-ist-tot/

[6] Wadhera u.a. (2005)
Wadhera A, Fung M. Systemic argyria associated with ingestion of colloidal silver. Dermatol Online J. 2005 Mar 1;11(1):12. (Fallbericht in voller Länge)

[7] Chang u.a. (2006)
Chang AL, Khosravi V, Egbert B. A case of argyria after colloidal silver ingestion. J Cutan Pathol. 2006 Dec;33(12):809-11. (Zusammenfassung des Fallberichts)

[8] Kim u.a. (2009)
Kim Y, Suh HS, Cha HJ, Kim SH, Jeong KS, Kim DH. A case of generalized argyria after ingestion of colloidal silver solution. Am J Ind Med. 2009
Mar;52(3):246-50. (Zusammenfassung des Fallberichts)

[9] Rosemary Jacobs (2010-2018)
Rosemary’s Medical Blog. Abgerufen am 7.6.2018 unter http://rosemary-jacobs.blogspot.com/2010/07/

[10] EFSA (2016)
EFSA Panel on Food Additives and Nutrient Sources added to Food (ANS). (2016). Scientific opinion on the re‐evaluation of silver (E 174) as food additive. EFSA Journal, 14(1), 4364. (Bericht in voller Länge)

[11] Dynamed (2018)
Topical treatment and dressing of burns. Abgerufen am 7.6.2018 unter http://www.dynamed.com/topics/dmp~AN~T901805/Topical-treatment-and-dressing-of-burns#sec-Ag-Comparative-Efficacy (Zugang kostenpflichtig)

[12] UpToDate (2018)
Nowak AJ, Warren JJ. Preventive dental care and counseling for infants and young children. In Torchia MM (ed.). UpToDate. Abgerufen am 7.6.2018 unter https://www.uptodate.com/contents/preventive-dental-care-and-counseling-for-infants-and-young-children (Zugang kostenpflichtig)

[13] Hill & Pillsbury (1939)
Hill WR, Pillsbury DM. Argyria, The Pharmacology of Silver. 1st edn. The Williams and Wilkins Co. 1939. (Buch in voller Länge)