Koffein gegen Haarausfall: Nutzen mangelhaft erforscht

AutorIn: Jana Meixner
Review:

Bernd Kerschner, Julia Harlfinger

zuletzt aktualisiert: 29. Juli 2020
Mit Koffein die Haare aufwecken? Durch Studien nicht bestätigt.
Im Labor kann Koffein das Haarwachstum anregen. Ob Haarprodukte mit Koffein das auch unter realen Bedingungen schaffen, ist unzureichend erforscht.
Frage:
Können kosmetische Produkte mit Koffein für Haare und Kopfhaut gegen erblich bedingten Haarausfall helfen?
wissenschafliche Beweise fehlen
Antwort:
Antwort:
Erklärung:
Koffein kann in die Haarwurzel eindringen und dort die Wachstumsphase der Haare verlängern – zumindest wenn der Haarausfall erblich bedingt ist (androgenetische Alopezie). Darauf deuten zumindest Studien aus dem Labor hin. Ob Koffein-Shampoo oder andere kosmetische Produkte mit Koffeine Frauen und Männern mit erblich bedingtem Haarausfall helfen, ist dadurch noch nicht gesagt. Vertrauenswürdige Forschung fehlt bisher.

Wie gehen wir vor?

Metastudien
Langzeitstudien
Fallstudien

Der Kaffee am Morgen macht wach und stimuliert die Sinne, dank Koffein. Warum also nicht auch die Haare? Immerhin ist Haarausfall weit verbreitet, besonders unter Männern. Denn ursächlich für den erblich bedingten Haarausfall, auch androgenetische Alopezie genannt, ist das Geschlechtshormon Testosteron.

Dass Haarverlust vielen Männern und Frauen Sorgen bereitet, haben auch Hersteller von Haarpflegeprodukten erkannt. Shampoos, Spülungen und Tonics werben deshalb mit der aktivierenden Wirkung von Koffein. Es soll die Haarwurzeln anregen und Haare wieder wachsen lassen. Denn Koffein soll an den Haarwurzeln als Gegenspieler des Testosterons wirken.

Aber können Haarpflegeprodukte mit Koffein bei Männern und Frauen wirklich für mehr Haare am Kopf sorgen? Und zwar so, dass der Effekt auch spürbar ist? Oder sind derartige Versprechen – Pardon – an den Haaren herbeigezogen? Wir haben uns die Studienlage genauer angesehen.

Theoretisch möglich, praktisch schlecht erforscht

Unsere Suche in drei wissenschaftlich Datenbanken förderte mehrere Studien zum Thema zutage: einerseits Laborstudien, andererseits Studien mit männlichen Probanden. Aufschlussreich war diese jedoch nicht.

Die Studien aus dem Labor haben zwar gezeigt: Koffein wandert durch die Kopfhaut, dann in die Haarwurzeln [3]. Es lässt sich daraus aber nicht automatisch schließen, dass es dort auch so wirkt, wie von Herstellern versprochen.

Wir konnten insgesamt sechs Studien finden, die dieser Frage nachgingen [1,2]. An den Studien nahmen ausschließlich Männer mit erblich bedingtem Haarausfall teil.
Studien zur Wirkung bei Frauen konnten wir nicht finden. Ebenso fanden wir keine Studien zur Wirkung von Koffein bei anderen Formen von Haarausfall.

Wenig vertrauenswürdig

Sämtliche Studienteams berichteten von weniger Haarausfall und höherer Zufriedenheit durch Haarpflegeprodukte mit Koffein. Das Problem: Alle sechs Studien haben ernsthafte Mängel und sind daher aus unserer Sicht alles andere als vertrauenswürdig (mehr dazu im Abschnitt Die Studien im Detail).

Ob Koffeinshampoo und Co. in der Praxis wirken, kann anhand dieser Ergebnissen also nicht beantwortet werden. Obwohl eine Wirkung denkbar und theoretisch möglich ist – die verfügbaren Studien sind zu mangelhaft, um das zu beurteilen.

Deswegen sucht man Koffein auch in medizinischen Leitlinien für Ärztinnen und Ärzte vergeblich: Als mögliche Behandlung des erblich bedingten Haarausfalls kommt es dort nicht vor [4].

Hauptsache Haare

Erblich bedingter Haarausfall heißt im Fachjargon auch androgenetische Alopezie. Es ist ein typisch männliches Phänomen. In Europa sind rund 8 von 10 Männern über 70 Jahre davon betroffen sowie 4 von 10 Frauen aus derselben Altersgruppe [4].

Warum Männer deutlich häufiger Haarausfall haben? Das liegt an den größeren Mengen an Testosteron. Das Geschlechtshormon kann die Haare am Wachsen hindern und den Haarausfall beschleunigen. Die Haarwurzeln werden mit der Zeit inaktiv. Typischerweise beginnt dann der Haaransatz nach oben zu wandern oder das Haar am oberen Haupt lichtet sich zusehends.

Auch bei Frauen kann ein Zuviel an Testosteron zu verstärktem Haarausfall führen. Etwa in der Pubertät oder nach den Wechseljahren.

Haarausfall kann viele Gründe haben

Erblich bedingter Haarverlust ist keine Krankheit, gesundheitlich nicht bedenklich und streng genommen „nur“ ein kosmetisches Problem. Aber natürlich kann der Haarverlust für Betroffene äußerst belastend sein.

Neben der genetisch bedingten androgenetischen Alopezie gibt es noch weitere Formen des Haarausfalls. Sie können die Folge einer Erkrankung sein: bei Pilzinfektionen der Kopfhaut oder bei Autoimmunerkrankungen zum Beispiel. Auch bestimmte Behandlungen können als Nebenwirkung Haarausfall verursachen. Dazu zählt die Chemotherapie bei einer Krebserkrankung.

Koffein-Kick fürs Haar?

Bei störendem erblich bedingten Haarausfall soll Koffein durch seine Anti-Testosteron-Wirkung helfen Koffein hemmt ein Enzym (Phosphodiesterase), wodurch weniger Testosteron in seine aktive Form Dihydrotestosteron umgewandelt wird.

Auf die Kopfhaut aufgebracht, soll Koffein also zu den Wurzeln der Haare wandern und dort für weniger aktives Testosteron sorgen. Und das bedeutet: Längere Wachstumsphasen, bessere Durchblutung der Haarwurzeln und schnelleres Wachstum der Haare [3].

Soweit zumindest die Theorie. Was es wirklich bringt, sich die Haare mit Koffeinshampoo zu waschen und andere kosmetische Produkte mit Koffein zu verwenden, ist allerdings unklar.

Andere Medikamente besser erforscht

Gegen erblich bedingten Haarausfall gibt es Substanzen, deren Wirkung deutlich besser erforscht ist als jene von Koffein. Minoxidil (zum Auftragen auf die Kopfhaut) oder Finasterid (als Medikament zum Schlucken) etwa hemmen nachweislich die Wirkung von Testosteron. Diese Medikamente sind wirksam und sicher. Das wurde bereits in ausreichend verlässlichen Studien gezeigt [4].

Was gegen erblich bedingten Haarausfall wirkt, haben wir uns in einem früheren Beitrag bereits genauer angesehen, siehe Was hilft gegen Haarausfall?.

Gesicherte Informationen zu Aufbau und Wachstum der Haare finden Sie auf www.gesundheitsinformation.de.

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Die Studien im Detail

Wir haben in drei wissenschaftlichen Datenbanken gesucht und eine Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2017 sowie eine aktuelle Studie aus demselben Jahr gefunden [1,2]. Teilnehmer waren ausschließlich Männer mit erblich bedingtem Haarausfall (androgenetische Alopezie).

Wir wissen zwar von einer Studie, an der Frauen mit Haarausfall teilnahmen [5]. Diese Studie wurde scheinbar nie veröffentlicht und ist für uns nicht auffindbar. Es war uns deshalb nicht möglich, sie in unsere Bewertung einzuschließen. Auch andere Studien mit Frauen konnten wir nicht finden.

Problematisch: Keine Kontrollgruppen

In der Übersichtsarbeit [5] sind die Ergebnisse von fünf Studien zusammengefasst. Sie haben die Wirkung von Koffein auf das Haarwachstum bei Männern untersucht. Insgesamt 267 Männer verwendeten in den Studien Shampoos oder Tonics mit Koffein, und das vier bis sechs Monate lang.

  • Bei zwei Studien wurde lediglich die Zufriedenheit der Teilnehmer vor und nach der Anwendung des Koffeinshampoos beurteilt. Das ist gleich doppelt problematisch: Zum einen ist unklar, ob wirklich die Behandlung mit Koffein verantwortlich für die beobachteten Effekte war. Es gab nämlich keine Kontrollgruppe, die kein Koffeinshampoo verwendete. Zum anderen wussten die Teilnehmer, dass in den von ihnen getesteten Shampoos Koffein enthalten war – sie knüpften also womöglich eine gewisse Erwartung an die Anwendung. Das kann Wahrnehmung und Ergebnisse verzerrt haben.

Viele Fragezeichen

  • Zwei Studien untersuchten mit jeweils zwei Gruppen, ob der etablierte Anti-Haarausfall-Wirkstoff Minoxidil in Kombination mit Koffein besser wirkt als alleine.
  • Eine Studie war randomisiert-kontrolliert. Eine nach Zufallsprinzip zusammengestellte Gruppe verwendete ein Koffeinshampoo, die Kontrollgruppe wusch zum Vergleich mit einem Scheinpräparat die Haare.

Auch diese drei Studien hatten große Mängel. Teilweise hatten die Teilnehmer der Kontrollgruppe zu Beginn weit stärkeren Haarausfall als jene der Koffeinshampoo-Gruppe. Somit gab es ungleiche Startbedingungen.

Auch die Messung des Haarverlusts war nicht immer verlässlich und objektiv. Oft wurden auch wichtige Zahlen und Informationen nicht berichtet, was wenig vertrauenswürdig wirkt.

An der Durchführung von mindestens zwei der Studien war die die Herstellerfirma des Koffeinprodukts beteiligt. Das kann zu Interessenskonflikten geführt haben.

Koffein so gut wie Minoxidil?

Dasselbe gilt auch für die 2017 in Indien durchgeführte Studie [2]. Hier war ein bekannter Hersteller von Koffein-Haarpflegeprodukten der Auftraggeber. Dass der Hersteller Einfluss etwa auf die Durchführung oder Darstellung der Studie nahm, ist denkbar.

Das Forschungsteam untersuchte darin ein Koffein-Produkt zum Einmassieren in die Kopfhaut. Ziel der Studie war es zu zeigen, dass das Produkt ebenso gut wirkt wie ein Produkt mit dem Wirkstoff Minoxidil. Teilnehmer waren 161 Männer zwischen 18 und 55 Jahren mit erblich bedingtem Haarausfall. Laut den Ergebnissen der Studie waren beide Wirkstoffe einander ebenbürtig.

Als vertrauenswürdig stufen wir dieses Ergebnis nicht ein. Sowohl Teilnehmer als auch Studienpersonal wussten, wer welche Behandlung erhielt. So konnten sie Wirkung nicht unvoreingenommen beurteilen. Außerdem ist unklar, wie die Gruppenzuteilung erfolgt ist.

Wissenschaftliche Quellen


[1] Dressler u.a. (2017)
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit
Eingeschlossene Studien: 5
Fragestellung: Wirken Produkte mit Koffein einzeln oder in Kombination mit anderen Wirkstoffen gegen Haarverlust bei Männern mit androgenetischer Alopezie?
Mögliche Interessenskonflikte: eine der Autorinnen ist an der Erstellung medizinischer Leitlinien für die Behandlung von androgenetischer Alopezie beteiligt.

Dressler, C., Blumeyer, A., Rosumeck, S., Arayesh, A., & Nast, A. (2017). Efficacy of topical caffeine in male androgenetic alopecia. JDDG: Journal der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft, 15(7), 734-741. (zur Übersichtsarbeit)

[2] Dhurat u.a. (2017)
Studientyp: non-inferiority Studie
Teilnehmende: 161 Männer
Fragestellung: Wirkt ein auf der Kopfhaut angewendetes Produkt mit Koffein ebenso gut gegen Haarausfall wie ein Produkt mit dem Wirkstoff Minoxidil?
Möglicher Interessenskonflikt: Zwei der Autoren waren zum Zeitpunkt der Studie bei der Herstellerfirma des Koffein-Produktes beschäftigt.

Dhurat, R., Chitallia, J., May, T. W., Jayaraaman, A. M., Madhukara, J., Anandan, S., … & Klenk, A. (2017). An open-label randomized multicenter study assessing the noninferiority of a caffeine-based topical liquid 0.2% versus minoxidil 5% solution in male androgenetic alopecia. Skin pharmacology and physiology, 30(6), 298-305. (Zusammenfassung der Studie)

Andere Quellen

[3] Herman u.a. (2013)
Herman, A., & Herman, A. P. (2013). Caffeine’s mechanisms of action and its cosmetic use. Skin pharmacology and physiology, 26(1), 8-14.
(Arbeit in voller Länge) https://www.researchgate.net/profile/Andrzej_Herman2/publication/276945240_Caffeines_Mechanisms_of_Action_and_Its_Cosmetic_Use/links/5717ebae08ae986b8b79e626.pdf

[4] Kanti u.a. (2018)
S3-Leitlinien zur Behandlung von androgenetischer Alopezie
Kanti, V., Messenger, A., Dobos, G., Reygagne, P., Finner, A., Blumeyer, A., … & Nast, A. (2018). Evidence‐based (S3) guideline for the treatment of androgenetic alopecia in women and in men–short version. Journal of the European Academy of Dermatology and Venereology, 32(1), 11-22.
(Leitlinien in voller Länge)

[5] Bussoletti u.a. (2018)
Bussoletti C, Tolaini MV, Celleno L. Efficacy of a cosmetic phyto-caffeine shampoo in female androgenetic alopecia. Giornale Italiano di Dermatologia e Venereologia : Organo Ufficiale, Societa Italiana di Dermatologia e Sifilografia. 2018 Mar. (Zusammenfassung der Studie)