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Kinesiotape bei Kreuzschmerzen: Wirkung nicht erwiesen

Rückenschmerzen mit Kinesiotapes wegkleben?

Rückenschmerzen mit Kinesiotapes wegkleben?

Helfen Kinesiotapes gegen chronische Schmerzen im unteren Rücken? Die aktuelle Studienlage deutet an, dass die dehnbaren „Klebebänder“ nicht gegen Kreuzschmerzen wirken.

Frage:Sind Kinesiotapes wirksam gegen chronische unspezifische Schmerzen im unteren Rücken („Kreuzschmerzen“)?
Antwort:möglicherweise Nein
Erklärung:Die Wirksamkeit von Kinesiotaping in Bezug auf unspezifische chronische Schmerzen im unteren Rücken („Kreuzschmerzen“) wurde nur in wenigen Studien untersucht. Insgesamt deutet sich an, dass die Schmerzintensität mit Kinesiotapes nicht mehr nachlässt als mit einem Placebo-Tape; die Tapes sind also möglicherweise nicht wirksam. Diese vorläufige Erkenntnis ist allerdings nicht gut untermauert. Denn die besten derzeit vorliegenden Studien sind nicht gut miteinander vergleichbar, dauerten meist nur vier Wochen und hatten insgesamt nur wenige Testpersonen.

Schmerzen im unteren Rücken sind sehr häufig; etwa 1 von 5 Menschen leidet daran. Verbunden mit den so genannten Kreuzschmerzen sind oft starke Einschränkungen im Alltag und lange Krankenstände [1].

Schmerzen im Rücken

„Chronisch“ werden Kreuzschmerzen genannt, wenn sie nach etlichen Wochen noch immer nicht abgeklungen sind. Als „unspezifisch“ gelten die Schmerzen, wenn dafür keine bestimmten Grunderkrankungen oder Verletzungen aufgespürt werden können, wie etwa Bandscheibenprobleme. Wenn auch unangenehm und einschränkend – unspezifische Kreuzschmerzen sind zum Glück nicht gefährlich [7,8,9].

Als Gegenmittel wird oft empfohlen, in Bewegung zu bleiben, also den Alltag möglichst aktiv zu gestalten, gezielte Übungen zu machen und übermäßige Schonung zu vermeiden. Aber auch kurzzeitig eingenommene Medikamente können helfen, zum Beispiel Mittel gegen Schmerzen und Entzündungen [7,8,9].

Besserung durch „Klebeband“?

Eine eher neue Methode, die gegen chronische Schmerzen im unteren Rücken wirken soll, ist das Kinesiotaping bzw. K-Taping. Dabei kommen textile Pflaster („Tapes“) zum Einsatz.

Die selbstklebenden Tapes sind gut dehnbar und können gespannt auf die Haut geklebt werden, entlang von darunter liegenden Muskelzügen. Die erhofften schmerzlindernden Effekte des Kinesiotaping sollen, so Annahmen, u.a. durch die Lockerung und verbesserte Versorgung der darunter liegenden Muskulatur eintreten.

Wir haben recherchiert, wie der aktuelle Stand des Wissens ist. Sind Kinesiotapes wirksam gegen chronische Schmerzen im unteren Rücken?

287 Rücken mit Tapes

Die auf unsere Fragestellung am besten zugeschnittene, aktuellste und vertrauenswürdigste Übersichtsarbeit [1] hat die Ergebnisse von vier Studien (aufgeteilt auf 5 Publikationen: [2-6]) berücksichtigt. Die knapp 300 erwachsenen Testpersonen hatten zu Beginn mittelstarke Schmerzen im unteren Rücken – und das seit mindestens 12 Wochen.

Sie erhielten, je nach Studie, 1 bis 8 Mal ein „echtes“ Kinesio-Tape oder ein Placebo-Tape. Bei der Scheinbehandlung wurden auch Tapes geklebt, allerdings nicht nach der Kinesiomethode.

Am Ende der Nachbeobachtungszeit von 2 Tagen bis zu 24 Wochen stand die spannende Frage: Bessern sich Kreuzschmerzen mit Hilfe von Kinesiotapes stärker als durch die Scheinbehandlung?

Keine Verbesserung, viel Unsicherheit

Es sieht leider eher nicht danach aus. Dies deuten zumindest die bisher besten verfügbaren Studien an. Allerdings ist dieses vorläufige Überblicksergebnis nicht solide abgesichert; denn die zugrunde liegenden Studien sind nur klein und auch nicht sonderlich gut miteinander vergleichbar.

Schadet Kinesiotaping?

Schlecht erforscht sind auch die möglichen Nebenwirkungen der Kinesiotapes bei Kreuzschmerzen. In den in der Übersichtsarbeit [1] ausgewerteten Studien wurden Nebenwirkungen nur am Rande dokumentiert. Zwei von elf Studien haben von leichten allergischen Reaktionen berichtet. Das heißt: Auch hinsichtlich Nebenwirkungen ist das derzeit vorliegende Wissen sehr lückenhaft.

Populär durch Olympia

Kinesiotapes sind seit etwa 15 Jahren einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. Besonders hilfreich dafür dürften die Olympischen Spiele in Peking und London gewesen sein. Damals wurden die auffälligen Tapes gratis an viele Athletinnen und Athleten verteilt und weltweit durch die TV-Übertragungen sichtbar [1,10].

Kinesiotapes: dünn und dehnbar

Die Methode des Kinesiotaping wurde in Japan vom Chiropraktiker Kenzo Kase in den 1970ern erfunden. Entscheidend dabei ist, dass die Tapes, die auf die Haut geklebt werden, dünner und dehnbarer sind als bei anderen Taping-Methoden in Sport und Physiotherapie. Haut und Muskeln, auf die Kinesiotapes geklebt sind, sollen durch die Beschaffenheit der Tapes gespannt oder gestreckt werden, sie bleiben aber gleichzeitig beweglich.

Einige Fachleute sagen, dass durch das Kinesiotaping der Druck auf bestimmte Rezeptoren in der Haut verringert wird. Außerdem soll das Taping zu einer besseren Zirkulation von Blut und Lymphflüssigkeit führen, wohltuend auf Gelenke und Muskulatur wirken und insgesamt Schmerzen reduzieren [1,10].

Mittel gegen den Schmerz

Chronische Kreuzschmerzen, also anhaltende unspezifische Schmerzen im unteren Rücken, sind häufig. Es gibt eine Reihe von Empfehlungen und Behandlungsmethoden. Dazu zählen Kräftigungsübungen, Entspannungstechniken, Schmerz- und Verhaltenstherapie.

Mehr zum Thema Rücken- und Kreuzschmerzen finden Sie auf den Seiten von www.gesundheitsinformation.de

 

Die Studien im Detail

Im Zuge unserer Recherche haben wir mehrere Datenbanken nach den besten verfügbaren wissenschaftlichen Studien über das Kinesiotaping gegen chronische Kreuzschmerzen durchsucht. Dabei ist uns aufgefallen, dass in den letzten Jahren etliche Studien zum Thema veröffentlicht worden sind. Kinesiotaping in diversen Körperregionen gegen verschiedene Beschwerden scheint für die Wissenschaft durchaus interessant zu sein.

Auch als Methode gegen unspezifische Schmerzen im unteren Rücken wurde Kinesiotaping in vier randomisiert-kontrollierten Studien getestet, von denen eine auf zwei Publikationen aufgeteilt ist [2-6]. Sie sind in einer systematischen Übersichtsarbeit [1] zusammengefasst. Hier wurde der Effekt der „echten“ Kinesiotapes mit der Wirkung von Placebo-Tapes verglichen.

Wir haben uns diese Übersicht [1] genauer angesehen. Sie kommt zu dem Schluss, dass Kinesiotaping möglicherweise nicht die erhoffte schmerzlindernde Wirkung auf den unteren Rückenbereich hat. Zwar gibt es rein rechnerisch einen Effekt, dieser kann aber sehr gut zufallsbedingt sein und nicht die Wirklichkeit spiegeln bzw. ist so klein, dass die eventuelle Verbesserung für die Betroffenen nicht wahrnehmbar sein dürfte.

In allen Studien waren die Teilnehmerinnen und Teilnehmer erwachsen und litten seit mindestens drei Monaten an unspezifischen Schmerzen im unteren Rücken. Die insgesamt rund 290 Testpersonen stammten aus Saudi Arabien, Spanien und Brasilien.

Zu Beginn stuften sie mit Hilfe einer 11-teiligen Schmerzskala (0 bis 10: „kein Schmerz“ bis „unerträglicher Schmerz“) die Intensität ihrer Beschwerden mit etwa 5 bis 7 ein. Sie hatten also deutliche Schmerzen.

Nach dem Zufallsprinzip wurden die Testpersonen zumindest großteils von Physiotherpeutinnen und -therapeuten behandelt. Sie bekamen entweder Kinesiotapes oder Placebo-Tapes verpasst. Bei der Scheinbehandlung wurden die Tapes beispielsweise nicht „nach Vorschrift“ geklebt, sodass das getapte Gewebe nicht in Spannung versetzt wurde.

Die Tapes wurden je nach Studie 1 bis 8 Mal aufgebracht, sie verblieben dort 2 bis 14 Tage. Ebenfalls unterschiedlich waren die Zeitpunkte, zu denen die Testpersonen nach ihren Schmerzen befragt wurden: nämlich 2 Tage bzw. 1,2, 4, 5, 12 oder 24 Wochen nach Studienstart. Ebenso war nicht einheitlich, wie und wo die Tapes am unteren Rücken aufgebracht wurden (z. B. sternförmig). All diese Unterschiede erschweren die Vergleichbarkeit und senken die Aussagekraft des Überblicks.

Ein weiterer Kritikpunkt: Die Therapeutinnen und Therapeuten und manchmal auch die Testpersonen wussten, ob eine Behandlung mit der „echten“ Kinesio-Technik oder nur zum Schein durchgeführt wurde; sie waren also teilweise nicht verblindet. Daher lassen sich Verzerrungseffekte aufgrund von Erwartungshaltungen nicht ausschließen. Die Forscherinnen und Forscher, die die Ergebnisse beurteilten, waren allerdings verblindet, was wiederum ein Qualitätskriterium ist.

Bei zwei Studien [4-6] zeigte sich gar keine Verbesserung, die deutlich über die Placebowirkung hinausging. Bei einer Studie gab es einen rechnerischen Effekt [3], der aber mit weniger als 2 von 10 möglichen Punkten Veränderung so klein sein war, dass die Verbesserung für die Betroffenen wohl nicht spürbar war. In einer vierten Studie [2] zeigte sich ein kleiner spürbarer Effekt – doch diese Studie hat aufgrund einiger Schwächen die geringste Aussagekraft.

Insgesamt deutet sich also an, dass Kinesiotaping eher keine Schmerzlinderung bei chronischen Kreuzschmerzen bewirkt. Doch in seiner Gesamtheit stufen wir dieses Ergebnis nur als vorläufig ein.

Die Hinweise darauf, dass Kinesiotaping bei chronischen Schmerzen im unteren Rücken keine Anti-Schmerz-Wirkung zeigt, sollte in weiteren Studien überprüft werden – gerade im Hinblick auf die Tatsache, dass Kinesiotaping weit verbreitet ist. Weitere Studien können die derzeitige Einschätzung durchaus noch verändern.

(AutorIn: J. Harlfinger, Review: C. Christof)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Luz u.a. (2019)
Studienart: Systematische Übersichtsarbeit
Analysierte Studien: 11 randomisiert-kontrollierte Studien (darunter 4 mit Placebo-Vergleich, siehe [2-6])
Teilnehmende insgesamt: 287 (40 bis 148 pro Studie)
Studiendauer: zwischen 4 und 24 Wochen
Interessenskonflikte: keine laut Autorinnen und Autor

Luz Júnior MAD, Almeida MO, Santos RS, Civile VT, Costa LOP.
Effectiveness of Kinesio Taping in Patients With Chronic Nonspecific Low Back Pain: A Systematic Review With Meta-analysis.
Spine (Phila Pa 1976). 2019 Jan 1;44(1):68-78.

Zusammenfassung

[2] Al-Shareef u.a. (2016)

Al-Shareef AT, Omar MT, Ibrahim AH. Effect of Kinesio Taping on Pain and
Functional Disability in Chronic Nonspecific Low Back Pain: A Randomized Clinical Trial.
Spine (Phila Pa 1976). 2016 Jul 15;41(14):E821-8.

Zusammenfassung

[3] Castro-Sanchéz u.a. (2012)
Castro-Sánchez AM, Lara-Palomo IC, Matarán-Peñarrocha GA, Fernández-Sánchez M,

Sánchez-Labraca N, Arroyo-Morales M. Kinesio Taping reduces disability and painslightly in chronic non-specific low back pain: a randomised trial.
J Physiother. 2012;58(2):89-95.

Zusammenfassung

[4] Luz u.a. (2015)

Luz Júnior MA, Sousa MV, Neves LA, Cezar AA, Costa LO. Kinesio Taping® is not better than placebo in reducing pain and disability in patients with chronic non-specific low back pain: a randomized controlled trial. Braz J Phys Ther. 2015 Nov-Dec;19(6):482-90.

Zusammenfassung

[5] Parreira u.a. (2014)

Parreira Pdo C, Costa Lda C, Takahashi R, Hespanhol Junior LC, Luz Junior MA, Silva TM, Costa LO. Kinesio taping to generate skin convolutions is not better than sham taping for people with chronic non-specific low back pain: a randomised trial. J Physiother. 2014 Jun;60(2):90-6.

Zusammenfassung

[6] Araujo u.a. (2018)

Araujo AC, do Carmo Silva Parreira P, Junior LCH, da Silva TM, da Luz Junior
MA, da Cunha Menezes Costa L, Pena Costa LO. Medium term effects of kinesiotaping in patients with chronic non-specific low back pain: a randomized controlled trial. Physiotherapy. 2018 Mar;104(1):149-151.

Zusammenfassung

Weitere Quellen

[7] DynaMed Plus (2018)
Chronic low back pain
Abgerufen am 02.05.2019 (kostenpflichtig)

[8] IQWIG (2019)
Rücken- und Kreuzschmerzen
Abgerufen am 02.05.2019 (kostenpflichtig)

[9] Uptodate (2019)
Subacute and chronic low back pain: Nonpharmacologic and pharmacologic treatment
Abgerufen am 02.05.2019 (kostenpflichtig)

[10] Parreira u.a. (2014)
Parreira Pdo C, Costa Lda C, Hespanhol LC Jr, Lopes AD, Costa LO. Current
evidence does not support the use of Kinesio Taping in clinical practice: a systematic review. J Physiother. 2014 Mar;60(1):31-9.

Zusammenfassung
Volltext