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Kalt duschen als gesunde Abhärtung?

Regelmäßiger Kaltwasserschock als Vorbeugung?

Regelmäßiger Kaltwasserschock als Vorbeugung?

Kaltes Duschen und Baden oder das Treten von kaltem Wasser soll die Abwehrkräfte stärken. Es ist aber nicht ausreichend belegt, dass kaltes Wasser vorbeugend wirkt.

Frage:Kann kalt duschen, kalt baden oder Kaltwassertreten nach Kneipp Erkältungen und Atemwegsinfekte bei Erwachsenen vorbeugen?
Antwort:wissenschaftliche Belege fehlen
Erklärung:Die drei bisher durchgeführten Studien sind zu mangelhaft, um diese Frage beantworten zu können.

Warmduscher war Sebastian Kneipp keiner. Regelmäßig übergoss er sich mit eiskaltem Wasser. Der Geistliche war überzeugt, seiner Gesundheit mit Heiß-Kalt-Wechselbädern oder dem Treten von kaltem Wasser etwas Gutes zu tun.

Dass kalte Bäder oder Duschen mit kaltem Wasser die Abwehrkräfte stärken und damit zum Beispiel Erkältungen vorbeugen ist bis heute eine verbreitete Überzeugung.

Große Studie mit großen Mängeln

Belege für eine solche Wirkung konnten wir jedoch nicht finden. Nach Auswertung der besten verfügbaren Studien sind wir zu dem Schluss gekommen, dass die Frage schlicht nicht gut genug untersucht ist, um sich für oder gegen eine Wirksamkeit auszusprechen.

Medienberichte legen allerdings oft einen Vorteil nahe. Gern zitiert wird eine niederländische Studie [1] mit über 3000 Freiwilligen. Dem Studienteam zufolge waren die Teilnehmenden seltener krank, wenn sie beim Duschen das Wasser für 30 bis 90 Sekunden auf kalt stellten.

Die Gründe für die Erkrankung der Teilnehmenden sind in der Studie jedoch nicht erwähnt. So scheint es, als ob das Forschungsteam außer Erkältungen und Atemwegsinfektionen auch psychische Erkrankungen sowie Verletzungen und geplante Operationen mitzählte.

Zusätzlich gibt es in dieser Studie etliche andere Unklarheiten, sodass wir den Ergebnissen kein Vertrauen schenken können.

Seltener erkältet?

Darüber hinaus haben wir zwei weitere Studien ausgewertet. Hier wurde der krankheitsvorbeugende Effekt von Warm-Kalt-Duschen [2] oder Treten in kaltem Wasser nach Kneipp [3] untersucht. Teilgenommen haben 60 Männer [2] beziehungsweise 24 Frauen [3]. Ausgewertet wurde, ob die Anwendungen das Risiko für Erkältungen und Atemwegsinfekte senken.

Auch diese Studien können eine Wirkung weder belegen noch ausschließen. Denn sie haben diverse Mängel wie geringe Teilnehmerzahlen und kurze Laufzeiten. Unklar war teilweise auch, ob die Startbedingungen für alle gleich waren und ob Erwartungshaltungen die Ergebnisse verzerrt haben.

Nebenwirkungen

Sich kaltem Wasser auszusetzen ist häufig unangenehm. Doch kann Duschen oder Baden mit kaltem Wasser Gesundheitsprobleme mit sich bringen?

In der niederländischen Studie [1] war die häufigste Nebenwirkung ein anhaltendes Kältegefühl in Händen und Füßen. Rund 13 Prozent der Teilnehmenden berichteten davon.

Bei einzelnen Personen kam es durch das kalte Wasser auch zu Krämpfen, Muskelschmerzen, Juckreiz, Schlafproblemen aufgrund des kalten Körpergefühls, Schwindel und anderen Problemen.

Schwerwiegende Nebenwirkungen wurden in keiner Studie berichtet. Es lässt sich jedoch nicht ausschließen, dass kalte Duschen für Menschen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen gefährlich sein können.

 

Die Studien im Detail

Bei unserer aufwändigen Suche haben wir zwei Forschungsdatenbanken nach randomisiert-kontrollierten Studien durchsucht. Gefunden haben wir drei Studien.

Freiwilligkeit mindert Aussagekraft

Die größte Untersuchung stammt aus den Niederlanden [1]. Dafür wurden 3018 gesunde Männer und Frauen zwischen 18 und 65 einer von vier Gruppen zugelost. Je nach Gruppe sollten sie täglich während ihrer wie üblich temperierten Dusche das Wasser für 30 oder 60 oder 90 Sekunden auf kalt stellen. Die vierte Gruppe war die Kontrollgruppe, sie duschte wie gewohnt täglich mit warmem Wasser.

Innerhalb dieses Monats (Jänner) waren die Teilnehmenden aus der Kontrollgruppe im Durchschnitt einen Tag krank, jene aus den Kaltdusch-Gruppen null Tage. Ein solider Beweis dafür, dass Kaltduschen das Erkrankungsrisiko senkt? Nein, denn ein Monat ist zu kurz, um das objektiv zu beurteilen.

In den folgenden zwei Monaten (Februar, März) konnten die Teilnehmenden aus den Kaltdusch-Gruppen ihre Duschwasser-Temperatur selbst bestimmen. Etwa ein Drittel duschte daher wie gewohnt wieder warm. Dadurch sinkt die Aussagekraft der Studie deutlich. Dennoch fasste das Forschungsteam die Ergebnisse für drei Monate (Jänner, Februar, März) zusammen.

Für das Vierteljahr war die Anzahl der beim Arbeitgeber gemeldeten Krankenstandstage in den Kaltduscher-Gruppe um 29 Prozent geringer als bei der Kontrollgruppe. Wie viele Tage die beiden Gruppen konkret in Krankenstand waren, geben die Autorinnen und Autoren nicht an.

Dennoch waren die Menschen in allen Gruppen ähnlich lange krank. Das ist für uns ein Hinweis, dass sich Menschen trotz Krankheit an den Arbeitsplatz geschleppt haben. Ein gutes Maß für den möglichen Nutzen von Warm-Kalt-Duschen scheint die Anzahl der Krankenstandstage allerdings nicht zu sein.

Ein Kritikpunkt von uns ist auch, dass die teilnehmenden Personen und auch die Forschenden nicht verblindet waren. Verschiedene Erwartungshaltungen haben eventuell Verhalten und Urteilsvermögen beeinflusst , weshalb die Endergebnisse weniger vertrauenswürdig sind.

Hinzu kommt, dass die Ergebnisse einer Studie mit berufstätigen Menschen nur bedingt auf die Allgemeinheit übertragbar sind. Diese Personengruppe unterscheidet sich oft in punkto Gesundheit vom Rest der Bevölkerung.

Zudem scheint es, als ob das Forschungsteam außer Erkältungen und Atemwegsinfektionen auch psychische Erkrankungen sowie Verletzungen und geplante Operationen mitzählte.

Nicht per Los

Eine deutsche Forschungsgruppe untersuchte 60 Männer im Alter von 20 bis 50 Jahren [2]. Die Hälfte der Männer nahm regelmäßig kalt-warme Wechselduschen. Die Kontrollgruppe duschte lediglich mit warmem Wasser.

Die Zuteilung zu den beiden Gruppen war allerdings nicht rein zufällig. Dadurch war die Vergleichbarkeit der beiden Gruppen zum Studienstart nicht gewährleistet. Beispielsweise ist unklar, ob die Kontrollgruppe schon zu Beginn anfälliger für Erkältungen war als die Kaltwassergruppe.

Im sechsmonatigen Untersuchungszeitraum (Oktober bis März) war die Kaltwassergruppe durchschnittlich 5,9 Tage krank und die Kontrollgruppe 7,5 Tage. Der Unterschied zwischen beiden Gruppen ist jedoch so gering, dass er möglicherweise zufallsbedingt ist.
Die Kaltwassergruppe beurteilte ihre Erkältungen zwar als weniger schwer; dieses Urteil war aufgrund von Erwartungshalten eventuell verzerrt.

Wassertreten nach Kneipp

Ob Wassertreten nach Kneipp das Immunsystem stärkt, untersuchte eine deutsche Studie mit 24 Frauen zwischen 18 und 30 Jahren [3]. Die Teilnehmerinnen wurden zufällig einer Experimentalgruppe und einer Kontrollgruppe zugeteilt. Die Experimentalgruppe watete morgens für bis zu drei Minuten in einem Becken mit kaltem Wasser – und zwar täglich über vier Wochen (Wassertreten nach Kneipp). Die Kontrollgruppe bekam keine Behandlung.

Innerhalb von zwölf Monaten wurden beide Gruppen etwa gleich häufig krank. Die Experimentalgruppe stufte ihre Erkältungen als weniger schwer ein als die Kontrollgruppe. Weil die Teilnehmerinnen nicht verblindet waren und die Experimentalgruppe möglicherweise bereits zu Studienbeginn weniger anfällig für Erkältungen war, sind diese Ergebnisse nicht aussagekräftig.

Zu wenige Testpersonen

Ein weiteres Problem mindert die Verlässlichkeit der beiden deutschen Studien [2,3]: die geringe Anzahl der Teilnehmenden. Fachleuten zufolge sind erst Studienergebnisse von 400 oder mehr Teilnehmenden ausreichend verallgemeinerbar, um davon auf die Bevölkerung schließen zu können [4].

(AutorIn: B. Kerschner, Review: J. Harlfinger, C. Christof, )

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Buijze u.a. (2016)
Studienart: randomisiert-kontrollierte Studie
Teilnehmende: 3018 gesunde Männer und Frauen zwischen 18 und 65
Untersuchungsdauer: 3 Monate
Fragestellung: Kann das Umschalten von warm auf kalt für 30 bis 90 Sekunden pro Duschgang Krankheiten und Krankenstände verhindern?
Interessenskonflikte: keine laut Autorinnen und Autoren

Buijze GA, Sierevelt IN, van der Heijden BC, Dijkgraaf MG, Frings-Dresen MH. The Effect of Cold Showering on Health and Work: A Randomized Controlled Trial. PLoS One. 2016 Sep 15;11(9):e0161749. (Studie in voller Länge)

[2] Ernst u.a. (1990)
Studienart: kontrollierte, nicht randomisierte Studie
Teilnehmende: 60 Männer
Untersuchungsdauer: 6 Monate
Fragestellung: Kann der Wechsel zwischen warmem und kaltem Wasser beim Duschen Erkältungen verhindern?
Interessenskonflikte: keine laut Autorinnen und Autoren

Ernst, E., Wirz, P., & Pecho, L. (1990). Prevention of common colds by hydrotherapy: A controlled long-term prospective study. Physiotherapy, 76(4), 207-210. (Zusammenfassung der Studie)

[3] Kreutzfeldt u.a. (2003)
Studienart: randomisiert-kontrollierte Studie
Teilnehmende: 24 gesunde Frauen zwischen 18 und 30 Jahren
Untersuchungsdauer: 4 Wochen Wassertreten, letzte Untersuchung nach 12 Monaten
Fragestellung: Kann 4 Wochen Wassertreten in kaltem Wasser Erkältungen vorbeugen?
Interessenskonflikte: Angaben fehlen

Kreutzfeldt, A., Albrecht, B., & Müller, K. (2003). Einfluss des Wassertretens nach Kneipp auf die Immunregulation. Physikalische Medizin, Rehabilitationsmedizin, Kurortmedizin, 13(04), 208-214. (Zusammenfassung der Studie)

Weitere Quellen

[4] Schünemann u.a. (2013)
Schünemann H, Brozek J, Guyatt G, Oxman A. Handbook for grading the quality of evidence and the strength of recommendations using the GRADE approach. Updated October 2013. Abgerufen am 27.8.2019 unter gdt.gradepro.org