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Kaiserschnitt: prägend für die Gesundheit?

Gesundheitsprobleme durch Kaiserschnitt?

Führt ein Kaiserschnitt später im Leben zu mehr Gesundheitsproblemen?

Angeblich kann eine Entbindung per Kaiserschnitt gesundheitliche Langzeitfolgen für das Kind haben. Dazu gibt es jedoch kaum wissenschaftlich abgesicherte Erkenntnisse.

Frage:Haben Kaiserschnitt-Babys im späteren Leben ein höheres Risiko, übergewichtig zu werden?
Antwort:möglicherweise Ja
 
Frage:Haben Kaiserschnitt-Babys im späteren Leben ein höheres Risiko für Asthma und Allergien?
Haben sie ein erhöhtes Risiko für Typ-1-Diabetes?
Antwort:nicht (ausreichend) erforscht
Erklärung:Es gibt Hinweise darauf, dass eine Geburt per Kaiserschnitt das Risiko für Übergewicht im späteren Leben leicht erhöhen könnte. Für Asthma, Allergien und Typ-1-Diabetes ist eine Risikoerhöhung durch einen Kaiserschnitt unklar.
Insgesamt ist bis jetzt nicht geklärt, ob es einen unmittelbaren ursächlichen Zusammenhang zwischen der Art der Entbindung und der Entwicklung von Krankheiten im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter gibt.

Österreichweit kommt knapp jedes dritte Kind per Kaiserschnitt zur Welt, etwa die Hälfte davon als geplanter Kaiserschnitt [12]. Kaiserschnitt-Geburten sind hierzulande damit doppelt so häufig wie die WHO-Empfehlung, die bei maximal 15 Prozent der Geburten liegt. Auch in vielen anderen Ländern ist ein Kaiserschnitt längst zum Routineeingriff geworden.

Kindern, die per Kaiserschnitt auf die Welt kommen, müssen sich nicht unter hohem Druck durch den engen Geburtskanal nach draußen arbeiten. Es gibt die Vermutung, dass diese scheinbare Erleichterung zu Nachteilen für das Kind führen könnte. Was ist da dran? Ist ein Kaiserschnitt-Baby tatsächlich schlechter auf die Bedingungen außerhalb des mütterlichen Körpers vorbereitet? Bei den Kurzzeitrisiken scheint es so zu sein: Zum Beispiel kommt es nach einem Kaiserschnitt bei den Neugeborenen häufiger zu Atemproblemen [9].

Und wie sieht es bei den gesundheitlichen Langzeitfolgen aus? Haben Kaiserschnitt-Babys als Kinder, Jugendliche und Erwachsene mehr gesundheitliche Probleme als auf natürlichem Weg zur Welt gekommene Kinder?

Langzeitfolgen durch Kaiserschnitt?

In den letzten Jahren sind einige Übersichtsarbeiten entstanden, die sich mit verschiedenen möglichen Langzeitfolgen einer Kaiserschnitt-Entbindung auseinandergesetzt haben.

Die Befunde aus drei Arbeiten geben Hinweise darauf, dass ein Kaiserschnitt das Risiko für ein ungesund hohes Gewicht später im Leben etwas ansteigen lassen könnte. Allerdings konnte keine dieser Analysen eindeutig Ursache und Wirkung beweisen. Es ist also nicht abgesichert, dass die Art der Geburt die Ursache für das spätere Gesundheitsrisiko darstellt [3, 4] [6].

Unklarheit herrscht auch darüber, ob Babys, die per Kaiserschnitt auf die Welt geholt werden, später eher an allergischen Erkrankungen, Asthma oder Typ-1-Diabetes leiden. Die Studien, die sich mit diesen Fragestellungen befasst haben, sind größtenteils von zu schlechter Qualität für eine klare Aussage [1, 2] [5] [7].

Ein ursächliche Zusammenhang zwischen dem Kaiserschnitt und späteren gesundheitlichen Problemen könnte nur durch randomisiert-kontrollierte Studien nachgewiesen werden, bei denen die werdenden Mütter durch ein Losverfahren zufällig auf eine Art der Entbindung – also Schnittentbindung oder vaginale Geburt – festgelegt werden [8]. Dieses Vorgehen wäre jedoch unethisch, daher wird es zu den genannten Fragestellungen wohl auch nie solche Studien geben.

Mikrobielle Begrüßung als Schlüsselerlebnis

In den letzten Jahren hat die Mikrobiom-Forschung gehörig Fahrt aufgenommen. Das Mikrobiom ist die Gesamtheit an Mikroorganismen – vor allem Bakterien und Viren –, die jeden Menschen besiedeln. Diese Keime üben eine Vielzahl von Aktivitäten im Körper aus, die von immer mehr Wissenschaftlern und Forscherinnen als sehr bedeutend für die Gesundheit angesehen werden. Zahlreiche Forschungsgruppen weltweit beschäftigen sich etwa mit der Frage, ob eine gestörte Darmflora vermehrt zu Übergewicht und anderen Erkrankungen beiträgt.

Hier käme theoretisch der Kaiserschnitt ins Spiel: Denn bei einer normalen Geburt kommt das Baby mit den Mikroorganismen aus der Scheide und dem Darm der Mutter in Kontakt, die es sofort besiedeln. Dieser Begrüßungscocktail aus Keimen, die das Immunsystem des Kindes aufbauen helfen, fehlt Kaiserschnitt-Babys [11]. Noch ist der Zusammenhang allerdings nicht eindeutig bewiesen. Selbst wenn es Indizien gibt, dass die mikrobielle Begrüßung einen langfristigen Einfluss auf die Darmflora und die spätere Gesundheit des Kindes haben könnte, muss auch das erst in guten Studien nachgewiesen werden [9] [11].

Kaiserschnitt: Notfall-, Routine- oder Wunscheingriff

Ein Kaiserschnitt wird einerseits als Notfalloperation durchgeführt, wenn während der Geburt Komplikationen auftreten. Hierzu zählen starke Blutungen, zu schwache Wehen oder eine alarmierende Herzfrequenz des Babys. Die Operation kann Mutter und Kind das Leben retten und Folgeschäden vermeiden helfen.

In vielen Fällen wird ein Kaiserschnitt aber auch im Voraus geplant. Die Operation findet dann vor dem natürlichen Start der Geburt statt, also vor dem Platzen der Fruchtblase oder dem Einsetzen der Wehen.

Medizinische Gründe für einen geplanten Kaiserschnitt sind zum Beispiel, wenn das Kind ungünstig liegt, bei einer Zwillings- oder Mehrlingsschwangerschaft, oder wenn die Mutter an einer Infektionskrankheit leidet. Auch Ängste der Mutter etwa vor Schmerz oder späteren Beckenbodenproblemen und nicht zuletzt „Bequemlichkeitsgründe“ wie die bessere Planbarkeit des Geburtstermins können eine Rolle bei der Entscheidung für eine geplante Schnittentbindung spielen [10] [13].

[Die ursprüngliche Fassung dieses Artikels erschien am 9. April 2014. Bei einer neuerlichen Literatursuche fanden wir einige neue Arbeiten, die unsere Einschätzung aber nicht verändern.]

 

Die Studien im Detail

Im Zuge unserer systematischen Literatursuche fanden wir mehrere systematische Übersichtsarbeiten, die sich mit gesundheitlichen Spätfolgen durch einen Kaiserschnitt beschäftigt haben. In all diesen Arbeiten wurden ausschließlich Ergebnisse aus Beobachtungsstudien zusammengefasst.

Drei Forschungsgruppen berichten, dass ein Kaiserschnitt Übergewicht und Fettleibigkeit im späteren Leben etwas wahrscheinlicher machen könnte [3, 4] [6]. Laut einer dieser Arbeiten beträgt der Anstieg etwa ein Fünftel. Wären also von 100 vaginal entbundenen Kindern und Jugendlichen etwa 15 zu füllig, so würde diese Zahl bei Kaiserschnittkindern auf 18 steigen [4].

Diese Rückschlüsse ziehen die Forscherinnen und Forscher aus den zusammengefassten Ergebnissen von Kohortenstudien. Ein generelles Problem dieser Studienart ist jedoch, dass durch verschiedene, oft unbekannte Einflussfaktoren Zusammenhänge verschleiert und dadurch falsche Schlüsse gezogen werden. So könnte zum Beispiel das Gewicht der Mutter vor der Geburt oder das Stillen bzw. Nichtstillen eine Rolle für die weitere Gewichtsentwicklung des Babys im weiteren Leben spielen. In den genannten Übersichtsarbeiten wurden solche Faktoren bei der Beurteilung der Studien aber nur unzureichend berücksichtigt. Deshalb kann eine Verfälschung der Ergebnisse nicht ausgeschlossen werden.

Weitere Befunde: methodisch mangelhaft

Ebenfalls unsicher bleibt, ob die Autoimmunerkrankung Diabetes Typ 1 nach einem Kaiserschnitt häufiger vorkommt. Die Übersichtsarbeit, die hier einen Zusammenhang gefunden haben will, weist deutliche methodische Mängel auf [2].

Zwei weitere Übersichtsarbeiten fanden bei Kaiserschnittkindern ein erhöhtes Asthmarisiko [5] [7]. Demnach würden etwa zwölf von hundert Kaiserschnittkindern Asthma entwickeln, aber nur zehn von hundert vaginal zur Welt gekommenen Kindern [5]. Einen ähnlichen Schluss zieht eine weitere Arbeit, die darüber hinaus auf ein gesteigertes Heuschnupfenrisiko und möglicherweise Lebensmittelallergie-Risiko nach einer Kaiserschnittgeburt verweist [1].

Doch auch bei diesen Arbeiten fehlen wichtige Qualitätsmerkmale. Ihre Aussagen sind deshalb nicht überzeugend.

(Autorin: J. Harlfinger, Review: C. Christof, V. Ahne)

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Ähnliche Artikel

 

 

Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Bager u.a. (2008)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse
Eingeschlossene Studien: 26 Beobachtungsstudien
Teilnehmende insgesamt: über 1,3 Millionen
Fragestellung: Besteht ein Zusammenhang zwischen einer Kaiserschnitt-Entbindung und dem Risiko für diverse Allergien oder Unverträglichkeiten?
Interessenkonflikte: keine angegeben

Caesarean delivery and risk of atopy and allergic disease: meta-analyses.
Clin Exp Allergy. 2008 Apr;38(4):634-42 (Volltext der Arbeit)

[2] Cardwell u.a. (2008)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse
Eingeschlossene Studien: 20 Beobachtungsstudien
Teilnehmende insgesamt: über 2,1 Millionen
Fragestellung: Besteht nach einer Kaiserschnitt-Geburt ein erhöhtes Diabetes-Risiko?
Interessenkonflikte: keine angegeben

Caesarean section is associated with an increased risk of childhood-onset type 1 diabetes mellitus: a meta-analysis of observational studies. Diabetologia. 2008 May;51(5):726-35 (Volltext der Arbeit)

[3] Darmasseelane u.a. (2014)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse
Eingeschlossene Studien: 15 Beobachtungsstudien
Teilnehmende insgesamt: über 163 000 Personen
Fragestellung: Besteht ein Zusammenhang zwischen Schnittentbindung und BMI, Übergewicht oder Fettleibigkeit im Erwachsenenalter?
Interessenkonflikte: keine angegeben

Mode of delivery and offspring body mass index, overweight and obesity in adult life: a systematic review and meta-analysis. PLoS One. 2014 Feb 26;9(2):e87896 (Volltext der Arbeit)

[4] Li u.a. (2013)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse
Eingeschlossene Studien: 9 Beobachtungsstudien
Fragestellung: Besteht ein Zusammenhang zwischen Kaiserschnittgeburt und Gewichtsentwicklung (Übergewicht, Fettleibigkeit)?
Interessenkonflikte: keine angegeben

The impact of cesarean section on offspring overweight and obesity: a systematic review and meta-analysis. Int J Obes (Lond). 2013 Jul;37(7):893-9 (Zusammenfassung der Arbeit)

[5] Thavagnanam u.a. (2008)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse
Eingeschlossene Studien: 23 Beobachtungsstudien
Teilnehmende insgesamt: über 1,2 Mio. Personen im Alter von 1 bis 31; davon über 112 000 per Kaiserschnitt entbunden
Fragestellung: Besteht ein Zusammenhang zwischen Kaiserschnitt-Geburt und Asthma in der Kindheit?
Interessenkonflikte: keine angegeben

A meta-analysis of the association between Caesarean section and childhood asthma. Clin Exp Allergy. 2008 Apr;38(4):629-33 (Volltext der Arbeit)

[6] Sutharsan u.a. (2015)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse
Eingeschlossene Studien: 14 Longitudinalstudien, davon sieben in der Meta-Analyse
Teilnehmende insgesamt: 261 000 Personen, davon 194 463 in der Meta-Analyse
Fragestellung: Besteht ein Zusammenhang zwischen einer Kaiserschnitt-Geburt und späterem Übergewicht bzw. Fettleibigkeit?
Interessenkonflikte: keine angegeben

Caesarean delivery and the risk of offspring overweight and obesity over the life course: a systematic review and bias-adjusted meta-analysis. Clin Obes 5(6): 293-301 (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

[7] Huang (2015)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse
Eingeschlossene Studien: 26 Kohortenstudien (15 retrospektive und 11 prospektive)
Fragestellung: Besteht ein Zusammenhang zwischen einer Kaiserschnitt-Geburt und der Entstehung von Asthma?
Interessenkonflikte: keine angegeben

Is elective cesarean section associated with a higher risk of asthma? A meta-analysis. J Asthma 52(1): 16-25 (Zusammenfassung der Arbeit)

Weitere wissenschaftliche Studien

[8] Hyde u.a. (2012)
The long-term effects of birth by caesarean section: the case for a randomised controlled trial.Early Hum Dev. 2012 Dec;88(12):943-9 (Zusammenfassung der Studie)

[9] Hyde u.a. (2012)
The health implications of birth by Caesarean section.Biol Rev Camb Philos Soc. 2012 Feb;87(1):229-43 (Zusammenfassung der Studie)

[10] Lavender u.a. (2012)
Caesarean section for non-medical reasons at term. Cochrane Database Syst Rev. 2012 Mar 14;3:CD004660 (Volltext der Übersichtsarbeit)

[11] Rutayisire u.a. (2016)
The mode of delivery affects the diversity and colonization pattern of the gut microbiota during the first year of infants‘ life: a systematic review. BMC Gastroenterol. 2016 Jul 30;16(1):86 (Volltext der Übersichtsarbeit)

Weitere Quellen

[12] Statistik Austria (2016)
Statistische Nachrichten: Kurzzusammenfassungen Dezember 2016. Abgerufen am 02.08.2017 unter http://www.statistik.at/web_de/services/stat_nachrichten/110866.html

[13] UpToDate (2017)
Patient Information: C-section (cesarean delivery) (Beyond the basics). Abgerufen am 02.08.2017 unter http://www.uptodate.com/contents/c-section-cesarean-delivery-beyond-the-basics