Kältekammer: Frostschock ohne Wirknachweis

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Jana Meixner

zuletzt aktualisiert: 17. März 2022
In einer Kältekammer wird die Luft auf unter -100 Grad Celsius gekühlt.
Die Kryotherapie in einer Kältekammer wird mit vielen positiven Effekten beworben – sie soll etwa Schmerzen, Entzündungen oder Depressionen lindern. Belege dafür gibt es keine.
Frage:
Verbessert eine Ganzkörper-Kryotherapie in der Kältekammer die Gesundheit?
wissenschafliche Beweise fehlen
Antwort:
Antwort:
Erklärung:
Bisher veröffentlichte Studien sind von geringer Qualität und daher nicht aussagekräftig. Weder für körperliche noch für psychische Beschwerden ist die Wirksamkeit der Kältekammer belegt. Auch im Sport gibt es keine Belege für eine Wirksamkeit, etwa bei Muskelkater oder für eine erhoffte Steigerung der sportlichen Leistung.

Wie gehen wir vor?

Wirksamkeitsstudie(n)
Beobachtungsstudie(n)
Labor/Tier-Studien(n)

Kälte gilt bei vielen Beschwerden als Hausmittel – etwa in Form von Eisbeuteln, um Schmerzen und Schwellungen bei Sportverletzungen zu lindern. Kälteschocks sollen der „Abhärtung“ dienen und das Immunsystem stärken. So wird Kneipp-Kuren und regelmäßigen Kaltwasser-Duschen – trotz fehlender Belege – nachgesagt, dass sie vor Infektionskrankheiten schützen. Der niederländische „Iceman“ Wim Hof hat gar eine Kälte-Trainingsmethode erfunden, die er mit zahlreichen gesundheitlichen Behauptungen bewirbt – ebenfalls ohne wissenschaftliche Grundlage.

Die extremste Form der Kältebehandlung ist die Ganzkörper-Kryotherapie in einer Kältekammer. Darin sinkt die Lufttemperatur auf minus 110 bis minus 160 Grad. Die Behandlung in der Kältekammer soll angeblich Schmerzen unterschiedlichster Ursache lindern, bei Erkrankungen des Nervensystems helfen und psychische Leiden bessern. Sportlerinnen und Sportler sollen selbst dann von den tiefen Temperaturen profitieren, wenn sie gesund sind.

Wir haben recherchiert, welche wissenschaftlichen Belege es für all diese Behauptungen gibt.

Oft untersucht, nie belegt

Dazu haben wir mehrere Forschungsdatenbanken durchsucht. Gefunden haben wir zwar etliche Studien zu den unterschiedlichsten Gesundheitsproblemen, doch überzeugt haben sie uns nicht. Alle haben grobe Mängel, keine davon ist aussagekräftig.

Keinen Hinweis auf eine Wirksamkeit können bisherige Studien demnach für folgende Anwendungsgebiete liefern:

  • Kreuzschmerzen [1,2]
  • Ganzkörperschmerzen bei Fibromyalgie [3-5]
  • eine schmerzhafte Schulter-Steife („Frozen Shoulder“) [6]
  • Rheuma der Gelenke [7] oder der Wirbelsäule [8]
  • das Restless-Legs-Syndrom – einem quälenden Unruhegefühl in den Beinen [9]
  • die chronischen Nervenkrankheit Multiple Sklerose [10]
  • Vorstufen von Demenz [11]
  • Depression [12]

Die Gründe für die fehlende Aussagekraft der Studien sind vielfältig: Vor allem untersuchten sie viel zu wenige Testpersonen, um zu einem verlässlichen Ergebnis kommen zu können. Darüber hinaus können sie nicht sicherstellen, dass angebliche Verbesserungen wirklich auf die Kältekammer zurückzuführen sind. Ob sich Beschwerden auch anhaltend bessern, wurde erst gar nicht untersucht.

Anhand dieser Daten ist es unmöglich zu beurteilen, ob eine Ganzkörper-Kältetherapie bei unterschiedlichen Gesundheitsproblemen wirksam und sinnvoll ist.

Sportliche Behauptungen

Nicht nur bei Beschwerden und Erkrankungen werden Kältekammern beworben, auch Gesunde sollen davon profitieren. Sportlerinnen und Sportler sollen etwa ihre Leistung mithilfe der Kälteschocks steigern können.
Wir fanden zwei kleine Studien an Fußballspielern [13] und Marathonläufern [14]. Ob die teilnehmenden Männer tatsächlich profitierten, bleibt aufgrund grober Mängel in der Durchführung jedoch unklar.

Das gilt auch für die Behauptung, die Kältekammer würde Muskelkater lindern. Vier bisher durchgeführte Studien dazu lassen aufgrund fehlender Aussagekraft offen, ob da etwas dran ist [15].

Risiken und Nebenwirkungen

Nebenwirkungen der Kältekammer-Aufenthalte sind in bisherigen Untersuchungen oft nicht erwähnt. Nur vereinzelt berichten Studien darüber. Beobachtet wurden bisher z.B.:

  • Leichte oberflächliche Erfrierungen der Haut (in zwei Studien: je 1 von 14 bzw. 20 Teilnehmenden) [7,16]
  • Kopfschmerzen (2 Studien: 1 von 34 sowie 2 von 12 Teilnehmenden) [5,9]
  • Unwohlsein (1 von 20 Teilnehmenden) [7]
  • Herzrasen (2 von 34 Teilnehmenden) [5]
  • Atemwegsinfektion (2 von 20 Teilnehmenden) [7]
  • Starkes Zittern und Muskelsteife (1 von 34 Teilnehmenden) [5]
  • Starke Hautrötungen (1 von 30 Teilnehmenden) [12]

In vier Studien [5,7,12,16] brachen Teilnehmende die Kältekammer-Behandlungen wegen dieser Nebenwirkungen vorzeitig ab. Betroffen waren 3 bis 5 Prozent der Behandelten, in einer Untersuchung waren es sogar 22 Prozent [16].

Wie häufig diese und möglicherweise weitere Nebenwirkungen sind, lässt sich nicht seriös schätzen – dazu ist die Aussagekraft der Studien zu gering.

In den wenigen Studien, die die Auswirkung von Kältekammern auf Kranke untersuchten, durften von vornherein nur Personen teilnehmen, die keine der folgenden Probleme oder Beschwerden hatten [16]:

  • Überempfindlichkeit gegen Kälte
  • Kreislauf- oder Atemschwächen
  • Thromboseneigung
  • Entzündung der Blutgefäße
  • offene Wunden oder Geschwüre
  • schwere Wahrnehmungsbeeinträchtigungen
  • Fieber
  • Suchterkrankungen (beispielsweise kann Alkohol das Kälteempfinden beeinträchtigen)
  • Angst vor engen Räumen

Offensichtlich vermuteten die Studienautorinnen und -autoren, dass Menschen mit diesen Merkmalen Probleme durch die Kältekammer-Behandlung bekommen könnten.

Was geschieht in der Kältekammer?

Eine Kältekammer besteht aus einem stark gekühlten Vorraum. Hier kann sich der Körper auf die Kälte einstellen. Danach geht es in den Hauptraum, der auf unter –100°C abgekühlt ist. Üblich sind Temperaturen um –110°C, vereinzelt werden bis zu –180°C erreicht.

Vor dem Betreten werden die empfindlichsten Körperstellen geschützt: Ohren, Stirn und Brustwarzen werden bedeckt. Handschuhe, dicke Socken und Schuhe verhindern das Abfrieren von Fingern und Zehen. Ein Mundschutz soll Kälteschäden an der Lunge verhindern.

Der Aufenthalt in der Hauptkammer dauert maximal drei Minuten. Dabei wird die Hautoberfläche empfindlich abgekühlt, während die Kerntemperatur des Körpers fast normal bleibt [16].

Eine Alternative zur geschlossenen Kältekammer ist die „Kryosauna“: ein oben offenes, tonnenförmiges Gerät, das um den Körper geschlossen und mit dem Dampf von flüssigem Stickstoff gefüllt wird. Die Kryosauna ist deutlich kleiner als die klassische Kältekammer.

Warnung einer Behörde

Kältekammer und Kryosauna sind auch in den USA auf dem Vormarsch. Und so hat sich 2016 die oberste amerikanische Gesundheitsbehörde FDA näher mit ihnen beschäftigt [17]. Nach Durchsicht der Studienlage gab sie eine Warnung vor unbewiesenen Heilsversprechen aus: Kein einziges Gerät sei offiziell für eine therapeutische Behandlung zugelassen und keine der Behauptungen, egal ob von medizinischen oder von Wellness-Einrichtungen, sei derzeit wissenschaftlich abgesichert.

Zusätzlich teilt die FDA die gesundheitlichen Bedenken bezüglich der bereits erwähnten Nebenwirkungen.

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Die Studien im Detail

Wir wollten wissen, ob Kältekammer-Behandlungen die Gesundheit verbessern können.

Aussagekräftig überprüfen lässt sich die behauptete Wirksamkeit der Kältekammern nur mit randomisiert-kontrollierten Studien. Bei dieser Studienart werden die Teilnehmenden nach dem Zufallsprinzip (randomisiert) auf zwei Gruppen aufgeteilt: Die Behandlungsgruppe hält sich einige Minuten bei unter minus 100 Grad Celsius in der Kältekammer auf. Für die Kontrollgruppe wird die Kältekammer deutlich weniger stark gekühlt.

Idealerweise sind Teilnehmende und Forschende dabei „verblindet“ – das heißt, sie wissen nicht, wer die echte und wer die Scheinbehandlung bekommt.

Für unsere Recherche haben wir drei Forschungsdatenbanken durchsucht (Pubmed, Cochrane Liberary und Epistemonikos). Gefunden haben wir 14 randomisiert-kontrollierte Studien [1-14] und eine systematische Übersichtsarbeit [15] mit weiteren 4 randomisiert-kontrollierten Studien.

Gravierende Mängel

Etliche – aber nicht alle – Studien kommen zu scheinbar positiven Ergebnissen. Die Wirksamkeit der Kältekammer-Behandlung kann jedoch keine der Studien beweisen, denn allen mangelt es an Aussagekraft. Die Gründe dafür sind unter anderem:

  • die Anzahl der Teilnehmenden ist mit 9 bis 100 Personen pro Studie zu gering für aussagekräftige Ergebnisse
  • in einigen Studien [4,5,9,10,14] fehlen Daten, oder die Berechnung der Ergebnisse ist nicht nachvollziehbar
  • in vielen Studien [2-7,10,13-15] waren die Teilnehmenden nicht verblindet. Sie waren sich also bewusst, ob sie eine Kältekammer-Behandlung bekamen oder nicht. Das kann Erwartungen schüren, die das Studienergebnis verzerren können.
  • In etlichen Studien [5,7,8,10,11] waren Behandlungs- und Kontrollgruppe nicht vergleichbar, weil sie sich in wesentlichen Merkmalen unterschieden haben.
  • Ein Grund dafür kann sein, dass die Gruppenzuteilung nicht nach dem Zufallsprinzip (randomisiert) erfolgt ist. Das war zumindest in zwei Studien [3,8] offensichtlich der Fall.
  • Manchmal wurden viele Teilnehmende nicht in die Auswertung einbezogen [4,10-12]. Das kann die Ergebnisse verzerrt haben.

Versionsgeschichte

  • 15.3.2022: aktualisiert, neuere Studien ändern nichts an unserer Einschätzung
  • 26.11.2018: aktualisiert, neuere Studien ändern nichts an unserer Einschätzung
  • 22.12.2016: erste Version

Wissenschaftliche Quellen


[1] Nugraha (2015)
Nugraha B, Günther JT, Rawert H, Siegert R, Gutenbrunner C. Effects of whole body cryo-chamber therapy on pain in patients with chronic low back pain: a prospective double blind randomised controlled trial. Eur J Phys Rehabil Med. 2015 Apr;51(2):143-8. (Studie in voller Länge)

[2] Giemza (2015)
Giemza C, Matczak-Giemza M, De Nardi M, Ostrowska B, Czech P. Effect of frequent WBC treatments on the back pain therapy in elderly men. Aging Male. 2015;18(3):135-42. (Zusammenfassung der Studie)

[3] Bettoni (2013)
Bettoni L, Bonomi FG, Zani V, Manisco L, Indelicato A, Lanteri P, Banfi G, Lombardi G. Effects of 15 consecutive cryotherapy sessions on the clinical output of fibromyalgic patients. Clin Rheumatol. 2013 Sep;32(9):1337-45. (Zusammenfassung der Studie)

[4] Vitenet (2018)
Vitenet M, Tubez F, Marreiro A, Polidori G, Taiar R, Legrand F, Boyer FC. Effect of whole body cryotherapy interventions on health-related quality of life in fibromyalgia patients: A randomized controlled trial. Complement Ther Med. 2018 Feb;36:6-8. (Zusammenfassung der Studie)

[5] Rivera (2018)
Rivera J, Tercero MJ, Salas JS, Gimeno JH, Alejo JS. The effect of cryotherapy on fibromyalgia: a randomised clinical trial carried out in a cryosauna cabin. Rheumatol Int. 2018 Dec;38(12):2243-2250. (Studie in voller Länge)

[6] Ma (2013)
Ma SY, Je HD, Jeong JH, Kim HY, Kim HD. Effects of whole-body cryotherapy in the management of adhesive capsulitis of the shoulder. Arch Phys Med Rehabil. 2013 Jan;94(1):9-16. (Zusammenfassung der Studie)

[7] Hirvonen (2006)
Hirvonen HE, Mikkelsson MK, Kautiainen H, Pohjolainen TH, Leirisalo-Repo M. Effectiveness of different cryotherapies on pain and disease activity in active rheumatoid arthritis. A randomised single blinded controlled trial. Clin Exp Rheumatol. 2006 May-Jun;24(3):295-301. (Zusammenfassung der Studie)

[8] Romanowski (2020)
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[9] Happe u.a. (2016)
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[10] Radecka (2021)
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[11] Rymaszewska (2021)
Rymaszewska J, Lion KM, Stańczykiewicz B, Rymaszewska JE, Trypka E, Pawlik-Sobecka L, Kokot I, Płaczkowska S, Zabłocka A, Szcześniak D. The improvement of cognitive deficits after whole-body cryotherapy – A randomised controlled trial. Exp Gerontol. 2021 Apr;146:111237. (Zusammenfassung der Studie)

[12] Rymaszewska (2020)
Rymaszewska J, Lion KM, Pawlik-Sobecka L, Pawłowski T, Szcześniak D, Trypka E, Rymaszewska JE, Zabłocka A, Stanczykiewicz B. Efficacy of the Whole-Body Cryotherapy as Add-on Therapy to Pharmacological Treatment of Depression-A Randomized Controlled Trial. Front Psychiatry. 2020 Jun 9;11:522. (Studie in voller Länge)

[13] Russell u.a. (2017)
Russell M, Birch J, Love T, Cook CJ, Bracken RM, Taylor T, Swift E, Cockburn E, Finn C, Cunningham D, Wilson L, Kilduff LP. The Effects of a Single Whole-Body Cryotherapy Exposure on Physiological, Performance, and Perceptual Responses of Professional Academy Soccer Players After Repeated Sprint Exercise. J Strength Cond Res. 2017 Feb;31(2):415-421. (Zusammenfassung der Studie)

[14] Wilson u.a. (2018)
Wilson LJ, Cockburn E, Paice K, Sinclair S, Faki T, Hills FA, Gondek MB, Wood A, Dimitriou L. Recovery following a marathon: a comparison of cold water immersion, whole body cryotherapy and a placebo control. Eur J Appl Physiol. 2018 Jan;118(1):153-163. (Zusammenfassung der Studie)

[15] Costello u.a. (2015)
Costello JT, Baker PR, Minett GM, Bieuzen F, Stewart IB, Bleakley C.
Whole-body cryotherapy (extreme cold air exposure) for preventing and treating muscle soreness after exercise in adults. Cochrane Database Syst Rev. 2015 Sep 18;(9):CD010789. (Übersichtsarbeit in voller Länge)

[16] Hauptverband der österreichischen Sozialversicherungsträger (2012)
Ingrid Wilbacher: Kältekammertherapie bei muskuloskeletalen Erkrankungen – HTA-Bericht (Update 2012). Abgerufen am 17.3.2022 unter www.sozialversicherung.at

[17] US Food and Drug Administration FDA (2016)
Whole Body Cryotherapy (WBC): A “Cool” Trend that Lacks Evidence, Poses Risks. Abgerufen am 17.3.2022 unter www.fda.gov