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Je mehr Freiluft-Aktivitäten, umso weniger kurzsichtig

Kurzsichtigkeit

Kurzsichtigkeit

Aufenthalt im Freien verringert das Risiko für Kurzsichtigkeit bei Kindern, schreibt der Standard. Auch wenn der Grund dafür nicht bekannt ist, scheint der Zusammenhang zwischen häufigem Aufenthalt innerhalb der vier Wände und Kurzsichtigkeit wahrscheinlich. (aktualisiert 28.4.2014)
 
 

Zeitungsartikel: Frische Luft ist gut für das kurzsichtige Auge (2. 12. 2011, Der Standard)
Frage:Hemmt vermehrter Aufenthalt im Freien Kurzsichtigkeit bei Kindern?
Antwort:Es besteht wahrscheinlich ein Zusammenhang zwischen verminderter Kurzsichtigkeit und Freiluft-Aktivitäten. Ob der vermehrte Aufenthalt im Freien tatsächlich die Ursache für die geringere Kurzsichtigkeit ist, lässt sich jedoch nicht zweifelsfrei sagen. Bei der Entwicklung von Kurzsichtigkeit spielen zudem auch verschiedene andere Faktoren eine Rolle.
Beweislage:
Niedrige wissenschaftliche Beweislagefür die Wirksamkeit

[Aktualisierte Version vom 28.4.2014: eine neue systematische Übersichtsarbeit und eine aktuelle Studie ändern nichts an der prinzipiellen Einschätzung]

Kurzsichtigkeit hat in den letzten Jahrzehnten stark zugenommen. Waren beispielsweise in den USA Anfang der 70er-Jahre noch rund 25 von 100 Personen kurzsichtig, hat sich diese Zahl bis zur Jahrtausendwende beinahe auf etwa 42 von 100 verdoppelt. Die Gründe dafür sind unbekannt. Experten nehmen aber an, dass dabei unter anderem Änderungen im Bildungsniveau und damit verbundene vermehrte Nahsichttätigkeiten wie Lesen eine Rolle spielen. Kurzsichtigkeit ist allerdings teilweise auch erblich bedingt [1].

Der Anteil kurzsichtiger Menschen ist weltweit sehr unterschiedlich, in Asien sind etwa weitaus mehr Menschen betroffen als in den USA [2].

Die Ursache der Kurzsichtigkeit liegt entweder in einem zu langen Augapfel, oder aber in einer zu starken Lichtbrechung des Auges durch die Linse oder Hornhaut. Beide Fälle führen dazu, dass das einfallende Licht bereits vor Erreichen der Netzhaut (Retina) am stärksten gebündelt wird. Auf die Netzhaut selbst trifft das Bild, das wir wahrnehmen, daher wieder unscharf auf – ähnlich einer Lupe, mit der man Sonnenstrahlen bündeln möchte, die aber in zu großer Entfernung vom Boden gehalten wird. Da sich dieses Phänomen umso mehr auswirkt, je weiter entfernt sich eine Lichtquelle von der Linse befindet, erscheinen entferntere Objekte unschärfer als nahe gelegene.

Der Beginn der Kurzsichtigkeit liegt oft im Schulalter. Während der jugendlichen Wachstumsphase in der Pubertät kann die Kurzsichtigkeit stark ansteigen, nimmt aber ab dem jungen Erwachsenenalter meist nicht weiter zu [1, 2].

Außentätigkeit und verringerte Kurzsichtigkeit hängen zusammen

In seiner Gesundheitsrubrik schreibt der Standard am 2. 12. 2011, dass der Aufenthalt im Freien helfen soll, fortschreitende Kurzsichtigkeit bei Kindern zu hemmen.

[aktualisiert 28.4.2014] Zahlreiche Studien haben bisher versucht, dieses Phänomen zu erforschen. Im Großteil dieser Untersuchungen [3, 4, 5, 6, 7, 10, 11] entdeckten verschiedene Forschergruppen einen Zusammenhang zwischen dem Ausmaß an Kurzsichtigkeit und der Zeit, die die Kinder und Jugendlichen in geschlossenen Räumen statt im Freien verbrachten. Je mehr Zeit sie an der frischen Luft verbrachten, umso geringere Kurzsichtigkeit wiesen sie auf.

[aktualisiert 28.4.2014] Dieser Zusammenhang war in den meisten Studien aber nicht besonders groß. Einer systematischen Übersichtsarbeit zufolge [10] scheint mehr Aufenthalt im Freien das Risiko das Risiko für Kurzsichtigkeit etwas zu senken. Von 100 Kindern, die sonst kurzsichtig geworden wären, blieben 13 normalsichtig, wenn sie täglich eine Stunde zusätzlich außer Haus waren. Der geringe Effekt weist darauf hin, dass noch andere Faktoren einen wichtigen Einfluss auf die Entwicklung und das Fortschreiten von Kurzsichtigkeit zu haben scheinen. Bekannt ist etwa, dass die Vererbung hier ebenso eine wichtige Rolle spielt. In zwei Studien [8, 9] fand sich außerdem gar kein Zusammenhang zwischen vermehrter Freiluft-Aktivität und verringerter Kurzsichtigkeit.

Grund für Zusammenhang unbekannt

In den meisten der erwähnten Studien wurde das Ausmaß der Kurzsichtigkeit und die durchschnittliche Dauer der Freizeitaktivität außer Haus jeweils nur ein einziges Mal erhoben und miteinander verglichen. So lässt sich zwar ein Zusammenhang zwischen Sehstärke und Aufenthalt im Freien feststellen, aber nicht, was nun Ursache und was die Auswirkung ist. So kann etwa nicht ausgeschlossen werden, dass Kurzsichtigkeit die Ursache dafür ist, dass die Kinder lieber im Haus bleiben als umgekehrt.

Nur ein kleiner Teil der Studien [6, 10, 11] konnte auch zeigen, dass zu Beginn normalsichtige Kinder im Verlauf von mehreren Jahren tatsächlich seltener Kurzsichtigkeit entwickeln, wenn sie sich länger außer Haus aufhalten. Dieses Ergebnis macht es wahrscheinlich, dass der vermehrte Aufenthalt im Freien die Ursache für ein geringeres Kurzsichtigkeitsrisiko ist. Zur Bestätigung wären aber weitere Studien nötig, die die Entwicklung der Sehstärke über einen längeren Zeitraum beobachten und in regelmäßigen Abständen die Aufenthaltsdauer außer Haus feststellen.

Was nun der genaue Grund für den beobachteten Zusammenhang ist, bleibt weiter unklar. Ob tatsächlich etwa – wie im Standard behauptet – das hellere Licht im Freien für die bessere Sehstärke verantwortlich ist, lässt sich anhand der bisher durchgeführten Studien nämlich nicht feststellen.

(AutorIn: B. Kerschner, Review: M. Strobelberger, K. Thaler, C. Christof)

 

Ähnliche Artikel

 

 

Information zu den wissenschaftlichen Studien

[3] Deng u. a. (2010)
Studientyp: Querschnittsstudie
Teilnehmer: 147 Kinder zwischen 6 und 18 Jahren (USA)
Fragestellung: gibt es Unterschiede in Kurzsichtigkeit zwischen Kindern, die sich mehr oder weniger im Freien aufhalten, während dem Schuljahr oder in den Sommerferien

Titel: „Children’s refractions and visual activities in the school year and summer.“ Optom Vis Sci 87(6): 406-413. (Zusammenfassung der Studie)

[4] Dirani u. a. (2009)
Studientyp: Querschnittsstudie
Teilnehmer: 1249 Jugendliche (Singapur)
Fragestellung: Gibt es Unterschiede in Kurzsichtigkeit zwischen Kindern, die sich mehr oder weniger im Freien aufhalten?

Titel: „Outdoor activity and myopia in Singapore teenage children.“ Br J Ophthalmol 93(8): 997-1000. (Zusammenfassung der Studie)

[5] Rose (2008)
Studientyp: Querschnittsstudie
Teilnehmer: 4132 (1765 6-jährige + 2367 12-jährige aus Sydney)
Fragestellung: Zusammenhang zwischen Kurzsichtigkeit und Dauer der Outdoor-Activity bei 6-jährigen und 12-jährigen.

Titel: „Outdoor activity reduces the prevalence of myopia in children”. Ophthalmology. 2008
Aug;115(8):1279-85. Epub 2008 Feb 21. (Zusammenfasung der Studie)

[6] Jones u. a. (2007)
Studientyp: Kohortenstudie
Teilnehmer: 514 normalsichtige Kinder
Dauer: vom 3. bis zum 8. Schuljahr
Fragestellung: Entwickeln normalsichtige Kinder im 3. Schuljahr, die sich öfter im Freien aufhalten, bis zum 8. Schuljahr eher Kurzsichtigkeit?

Titel: “Parental history of myopia, sports and outdoor activities, and future myopia”.
Invest Ophthalmol Vis Sci. 2007 Aug;48(8):3524-32. (Studie im Volltext)

[7] Wu u. a. (2010)
Studientyp: Querschnittsstudie
Teilnehmer: 145 Schüler zwischen 6 und 12 Jahren (Taiwan)
Fragestellung: Identifizierung von Verbreitung und Risikofaktoren für Kurzsichtigkeit unter Grundschülern.

Titel: „Effects of outdoor activities on myopia among rural school children in Taiwan.“ Ophthalmic Epidemiol 17(5): 338-342. (Zusammenfassung der Studie)

[8] Low u. a. (2010)
Studientyp: Querschnittsstudie
Teilnehmer: 3009 Kleinkinder aus Singapur (zwischen 6 Monaten und 6 Jahren)
Fragestellung: Feststellung von Risikofaktoren für Kurzsichtigkeit

Titel: „Family history, near work, outdoor activity, and myopia in Singapore Chinese preschool children.“ Br J Ophthalmol 94(8): 1012-1016. (Zusammenfassung der Studie)

[9] Lu (2009)
Studientyp: Fall-Kontrollstudie
Teilnehmer: 998 kurzsichtige Kinder und 248 Kinder mit Normalsicht, (durchschnittlich 14,6 Jahre), China
Fragestellung: Zusammenhang zwischen Nah-Tätigkeiten, Outdoor-Tätigkeiten und Kurzsichtigkeit

Titel: „Associations between near work, outdoor activity, and myopia among adolescent students in rural China: the Xichang Pediatric Refractive Error Study report no. 2.“ Arch Ophthalmol 127(6): 769-775. (Studie im Volltext)

[10] Sherwin u.a. (2012)
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse
Eingeschlossene Studien: 23 (davon 7 Querschnittstudien in der Meta-Analyse, sowie 8 andere Querschnittstudien, 7 Kohortenstudien und 1 randomisiert-kontrollierte Studie)
Teilnehmer: 9885 in der Meta-Analyse (sowie >9000 Kinder aus Querschnittsstudien, die nicht für die Meta-Analyse geeignet waren, rund 4000 Kinder aus prospektiven Kohortenstudien und 80 Kinder aus einer randomisiert-kontrollierten Studie)
Fragestellung: Besteht ein Zusammenhang zwischen im Freien verbrachter Zeit und der Häufigkeit von Kurzsichtigkeit?
Interessenskonflikte: keine laut Autoren

Sherwin JC, Reacher MH, Keogh RH, Khawaja AP, Mackey DA, Foster PJ. The association between time spent outdoors and myopia in children and adolescents: a systematic review and meta-analysis. Ophthalmology. 2012 Oct;119(10):2141-51. (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

[11] Pärssinen u.a. (2014)
Studientyp: Kohortenstudie
Teilnehmer: 240 Kinder zwischen 8 und 12 Jahren
Studiendauer: 23 Jahre
Fragestellung: Besteht ein Zusammenhang zwischen im Freien verbrachter Zeit und der Häufigkeit von Kurzsichtigkeit?
Interessenskonflikte: keine laut Autoren

Pärssinen O, Kauppinen M, Viljanen A. The progression of myopia from its onset at age 8-12 to adulthood and the influence of heredity and external factors on myopic progression. A 23-year follow-up study. Acta Ophthalmol. 2014 Mar 27. (Zusammenfassung der Studie)

Weitere wissenschaftliche Quellen

[1] Mian S I (2011). Visual impairment in adults: Refractive disorders and presbyopia. In Trobe D (ed.). UpToDate. Abgerufen von http://www.uptodate.com am 9. 12. 2011

[2] Coats D K, Paysse E A (2011). Refractive errors in children. In Saunders R A (ed.). UpToDate. Abgerufen auf http://www.uptodate.com am 9. 12. 2011