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Krebsrisiko: Ist Bio gesünder?

Biologische Landwirtschaft: nachhaltig: ja, aber auch gesünder?

Wegen des Verzichts auf Pflanzenschutzmittel sollen Bio-Produkte gesünder sein als konventionelle Ware. Hat die geringere Belastung auch Einfluss auf das Krebsrisiko?


Frage:Senkt eine Ernährung mit möglichst vielen Bio-Lebensmitteln das Krebsrisiko?
Antwort:widersprüchliche Studienlage
Erklärung:Bisher wurden nur zwei Studien veröffentlicht, die einen möglichen Zusammenhang zwischen dem Konsum von Bio-Produkten und dem Krebsrisiko erforscht haben. Beide Publikationen weisen methodische Mängel auf. Zudem widersprechen sie sich: Eine deutet an, dass Menschen mit höherem Bio-Konsum seltener an Krebs erkranken, während die zweite Studie keine Unterschiede zwischen Bio- und konventioneller Ernährung feststellen konnte.

Der Umsatz mit Bio-Lebensmitteln steigt seit Jahren. 2017 gaben die Menschen in Österreich über 1,8 Milliarden Euro für Bio-Produkte aus [3]. Laut einer Umfrage ist der häufigste Grund für den Griff zur Bio-Ware der Wunsch nach gesunder Ernährung. Etwa ein Viertel der Verbraucherinnen und Verbraucher sind von einer gesundheitsfördernden Wirkung überzeugt [4].

Bio-Produkte als Krebsvorsorge?

Einige Medien berichteten im Herbst 2018, dass der regelmäßige Verzehr von biologischen Produkten sogar vor Krebs schützen könnte und zitierten eine französische Studie. Der in dieser Studie vermutete Schutzeffekt soll vor allem an der niedrigeren Pestizidbelastung liegen. Doch stimmt diese Behauptung? Wir haben nachgeforscht, ob der erhöhte Konsum von Bio-Lebensmitteln das Risiko einer Krebserkrankung senken kann.

Studienlage nicht aussagekräftig

Trotz umfangreicher Recherche konnten wir nur zwei Studien zu diesem Thema finden [1,2]. Beide Untersuchungen können weder beweisen noch widerlegen, dass Bio-Lebensmittel vor Krebs schützen. Das liegt vor allem daran, dass sie sich auf wenig verlässliche Schätzungen über die Menge der verzehrten Bio-Lebensmittel stützen. Zudem widersprechen sich die Ergebnisse: Nur eine der beiden Studien deutet einen gewissen Schutzeffekt an.

Beide Studien wurden auf ähnliche Weise durchgeführt: Zu Beginn schätzten die teilnehmenden Personen grob ein, ob sie Bio-Lebensmittel „meistens bis immer“, „manchmal“ oder „nie“ verzehren. Dann wurden sie mehrere Jahre beobachtet und immer wieder zu ihrem Gesundheitszustand befragt.

Im Laufe der Studie waren einige von ihnen an Krebs erkrankt. Die Forscherinnen und Forscher wollten herauszufinden, ob das mit der Menge an verzehrten Biolebensmitteln zusammenhing. Dazu verglichen sie die Anzahl der Krebskranken, die laut eigenen Angaben häufig Bio-Lebensmittel aßen, mit denjenigen, die nur wenig oder nie Bio-Ware konsumierten.

Studien widersprechen sich

Die ältere Studie aus dem Jahr 2014 [2] mit rund 600.000 britischen Frauen fand nach neun Jahren keinen Unterschied. In allen Gruppen traten ähnlich viele Krebsfälle auf. Laut dieser Studie kann der Verzehr von Produkten in Bio-Qualität das Krebsrisiko nicht beeinflussen.

Die bereits erwähnten Medienberichte über ein verringertes Krebsrisiko beziehen sich auf die neuere Studie aus Frankreich; sie ist 2018 erschienen [1]. Von den darin teilnehmenden Frauen und Männern, die selten oder nie Bio-Ware verzehrten, erhielten 21 von 1.000 Menschen die Diagnose Krebs. Im Gegensatz dazu gab es in der Gruppe mit dem höchsten Bio-Konsum 16 Krebsfälle pro 1.000 Menschen – also 5 Menschen (rund 25 Prozent) weniger.

Mit etwa 70.000 war die Anzahl der Teilnehmenden jedoch nur ein Zehntel so groß wie in der britischen Studie. Zudem war die Laufzeit mit viereinhalb Jahren nur etwa halb so lang. Aus diesen Gründen sind die Ergebnisse dieser Studie weniger aussagekräftig.

Schutzeffekt ist ungewiss

Da von den Teilnehmenden keine sonderlich exakten Angaben zu ihrem Bio-Lebensmittelkonsum erfragt wurden, beruhen die beiden Studien auf ungenauen Daten. Das beeinträchtigt die Aussagekraft der Ergebnisse.

Zudem können die Autorinnen und Autoren nicht ausschließen, dass es eine andere Erklärung für das geringere Krebsrisiko in der französischen Studie gibt: Es könnte beispielsweise auch sein, dass bei den Befürwortern von Bio-Lebensmitteln die Krebs-Wahrscheinlichkeit aus ganz anderen Gründen verringert war, zum Beispiel durch Faktoren wie Einkommen, Bildung oder Zugang zum Gesundheitssystem.

Weniger Pestizide

Im Vergleich zu konventioneller Landwirtschaft sind bei Bioanbau keine Pestizide, synthetischen Düngemittel und gentechnisch veränderte Pflanzen erlaubt. Daher liegt die Vermutung nahe, dass Bio-Lebensmittel nicht nur umweltverträglicher, sondern auch gesünder für den Menschen sind.

Tatsächlich haben Studien gezeigt, dass Bio-Produkte im Durchschnitt weniger Pestizidrückstände enthalten [5,6]. Dennoch ist unklar, ob die geringere Belastung einen Effekt auf den menschlichen Organismus hat. Schließlich dürfen konventionell hergestellte Produkte bestimmte Grenzwerte ebenfalls nicht überschreiten, um die Gesundheit nicht zu gefährden.

Insgesamt bleibt weiterhin fraglich, ob eine Ernährung mit einem hohen Anteil an Bio-Lebensmitteln das Krebsrisiko senken kann. Es gibt jedoch Hinweise aus Beobachtungsstudien, dass der Genuss von möglichst viel Obst und Gemüse die Wahrscheinlichkeit ein wenig verringern könnte, an Krebs zu erkranken – egal ob Bio oder nicht [7].

 

Die Studien im Detail

Beide Beobachtungstudien [1,2] beschäftigen sich mit dem Konsum von Bio-Produkten und der Wahrscheinlichkeit an Krebs zu erkranken.

Bei der französischen Untersuchung füllten die Probandinnen und Probanden einen Fragebogen zu ihrer Person und ihren Ernährungsgewohnheiten auf einer Internetplattform aus. Die Teilnehmenden sollten dabei angeben, ob sie bestimmte Lebensmittelgruppen „nie“, „gelegentlich“ oder „meistens“ in Bioqualität essen. Wichtige Informationen zur Gesundheit, wie Krankenhausaufenthalte oder die Einnahme von Medikamenten, wurden ebenfalls online abgefragt.

Zwei Studien, zwei Ergebnisse

Rund 70.000 Studienteilnehmende mit einem Durchschnittsalter von etwa 44 Jahren waren zu Studienbeginn nicht an Krebs erkrankt. In der bisherigen Beobachtungszeit von fast fünf Jahren ist es unter den Befragten zu 1.340 Krebsdiagnosen gekommen. In der Gruppe mit dem höchsten Verzehr von Bioprodukten erkrankten geringfügig weniger Menschen an Krebs. Der Grund dafür sei die geringere Menge an über die Nahrung aufgenommen Pestiziden, interpretiert das Autorenteam.

An der britischen Studie nahmen über 600.000 Frauen im Alter von durchschnittlich etwa 60 Jahren teil. Zu Studienbeginn gaben fast sieben Prozent der Teilnehmerinnen an, „häufig oder immer“ Biolebensmittel zu konsumieren. Dreißig Prozent konsumierten keine Bio-Ware. Im Beobachtungszeitraum von etwa neun Jahren traten in beiden Gruppen ähnlich viele Krebsfälle auf. Somit liefert diese Studie keine Hinweise auf einen Zusammenhang zwischen weniger Krebsdiagnosen und mehr Biokonsum.

Kritik

Ein großer Kritikpunkt bei den vorliegenden Studien ist die nur sehr ungenaue Erfassung der tatsächlich aufgenommenen Menge an Bio-Lebensmitteln. Es wäre aussagekräftiger gewesen, wenn die Probandinnen und Probanden zu bestimmten Zeitpunkten ihren Lebensmittelverzehr exakt protokolliert hätten – und welcher Anteil davon in Bioqualität war.

Auffällig bei den zwei Studien ist auch, dass diejenigen, die viel Bio-Ware aßen, offenbar einen gesünderen Lebensstil verfolgen konnten. Sie trieben mehr Sport, rauchten weniger und aßen weniger Fleisch. Deshalb bleibt unklar, ob die leicht geringere Anzahl der Krebsfälle in der französischen Studie wirklich an der Ernährung mit mehr Bio-Lebensmitteln lag. Auch ein größeres Einkommen, höheres Bildungsniveau, bessere Arbeitsbedingungen und Wohnverhältnisse, das soziale Umfeld und Unterschiede bei der Nutzung von Gesundheitsleistungen könnten dafür mitverantwortlich sein. Zwar haben die Forschenden versucht, solche Faktoren herauszurechnen. Dies ist aber nicht im vollem Umfang möglich, da nicht alle Einflüsse erfasst werden oder bekannt sind.

Die beiden Publikationen sind zwar relativ umfangreich und liefern viele Informationen. Doch der hohe Frauenanteil von 78 Prozent in der französischen [1] beziehungsweise 100 Prozent in der britischen Studien [2] stellt keinen repräsentativen Querschnitt der Gesellschaft dar. Außerdem haben sich die Probandinnen und Probanden freiwillig zur Teilnahme an den Studien gemeldet. Es könnte daher sein, dass sie schon im Vorfeld an gesunder Ernährung interessiert waren, was eine Verallgemeinerung der Ergebnisse zusätzlich erschwert.

Fazit

Insgesamt können alle Daten die aufgestellte These weder belegen noch widerlegen. Es müssen daher weitere Untersuchungen durchgeführt werden.

[Aktualisiert am 30.11.2018. Die ursprüngliche Version des Artikels wurde am 14.3.2013 veröffentlicht und am 5.10.2016 aktualisiert. Die bisherigen Versionen hatten jedoch nicht speziell Krebs zum Thema. Die prinzipielle Einschätzung zur Frage, ob Bio-Lebensmittel gesünder sind, bleibt jedoch gleich.]

(AutorIn: B. Bernitt, Review: B. Kerschner, J. Harlfinger, C. Christof)

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Ähnliche Artikel

 

 

Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Baudry u.a. (2018)
Studientyp: Prospektive Kohortenstudie
Teilnehmende: 68.946 Personen, davon 78% Frauen
Beobachtungszeitraum: durchschnittlich 4,6 Jahre
Fragestellung: Senkt ein hoher Verzehr von Bio-Lebensmitteln das Krebsrisiko?
Interessenskonflikte: keine laut Autorenteam

Baudry, J., Assmann, K. E., Touvier, et al. Association of frequency of organic food consumption with cancer risk: findings from the NutriNet-Santé prospective cohort study. JAMA Internal Medicine. (Studie in voller Länge)

[2] Bradbury u.a. (2014)
Studientyp: Prospektive Kohortenstudie
Teilnehmende: 623.080 Frauen
Beobachtungszeitraum: durchschnittlich 9,3 Jahre
Fragestellung: Senkt ein hoher Verzehr von Bio-Lebensmitteln das Krebsrisiko?
Interessenskonflikte: keine laut Autorenteam

Bradbury KE, Balkwill A, Spencer EA, Roddam AW, Reeves GK, Green J, Key TJ, Beral V, Pirie K; Million Women Study Collaborators. Organic food consumption and the incidence of cancer in a large prospective study of women in the United Kingdom. Br J Cancer. 2014 Apr 29;110(9):2321-6. (Studie in voller Länge)

Weitere Quellen

[3] AMA Marketing (2018)
Einkaufswert von Bio-Lebensmitteln in Österreich von 2014 bis 2017 (in Millionen Euro). In Statista – Das Statistik-Portal. Abgerufen am 29. 11. 2018 unter https://de.statista.com/statistik/daten/studie/881805/umfrage/einkaufswert-von-bio-lebensmitteln-in-oesterreich/

[4] AMA Marketing (2018)
Was gibt für Sie den Ausschlag zum Kauf von Bioprodukten?. In Statista – Das Statistik-Portal. Abgerufen am 29. 11. 2018 unter https://de.statista.com/statistik/daten/studie/616311/umfrage/umfrage-in-oesterreich-zu-motiven-fuer-den-kauf-von-bioprodukten/

[5] Smith-Spangler u.a. (2012)
Smith-Spangler C, Brandeau ML, Hunter GE, et al. Are organic foods safer or healthier than conventional alternatives?: a systematic review. Ann Intern Med. 2012 Sep 4;157(5):348-66. (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

[6] Baránski u.a. (2014)
Barański M, Srednicka-Tober D, Volakakis N et al. Higher antioxidant and lower cadmium concentrations and lower incidence of pesticide residues in organically grown crops: a systematic literature review and meta-analyses. Br J Nutr. 2014 Jun 26:1-18. (Übersichtsarbeit in voller Länge)

[7] UpToDate (2018)
Colditz GA. Cancer prevention. In Melin JA (ed.). UpToDate. Abgerufen am 29. 11. 2018 unter https://www.uptodate.com/contents/cancer-prevention