Hydrogel-Füllung für abgenutzte Bandscheibe sinnvoll?

AutorIn: Jörg Wipplinger
Review:

Bernd Kerschner, Jana Meixner

zuletzt aktualisiert: 7. Februar 2020
Die Bandscheiben zwischen den einzelnen Wirbeln können sich mit der Zeit abnutzen
Eine abgenutzte Bandscheibe kann Rückenschmerzen verursachen. Das Einspritzen von Hydrogel in die Bandscheibe soll helfen. Belege dafür fehlen jedoch.
Frage:
Hilft eine Füllung mit Hydrogel bei chronischen Rückenschmerzen durch eine abgenutzte Bandscheibe?
wissenschafliche Beweise fehlen
Antwort:
Antwort:
Erklärung:
Keine der bisherigen Studien kann beantworten, wie gut die Behandlung wirkt – dazu mangelt es ihnen an Aussagekraft. Einige Hydrogel-Produkte wurden inzwischen wieder vom Markt genommen.

Wie gehen wir vor?

0 Metastudien
0 Langzeitstudien
0 Fallstudien

Bandscheiben sind die Puffer zwischen den Wirbeln. Sie sind unglaublich stabil, sie halten einem Druck von mehreren Tonnen stand. Dennoch nutzen sie sich ab – sie verlieren an Höhe und werden weniger elastisch. Abgenutzte Bandscheiben können für chronische Rückenschmerzen verantwortlich sein. Eine Injektion mit Hydrogel soll diese Schmerzen laut Herstellern bessern.

Fehlende Belege, wacklige Theorie

Für Medizinprodukte, wie es auch diese Hydrogele sind, verlangen Gesundheitsbehörden keinen Wirknachweis in Form von großen kontrollierten Behandlungsstudien. Hier existiert nur eine Reihe von nicht aussagekräftigen Beobachtungsstudien [1,3-5], bei denen die Beschwerden vor und nach der Behandlung verglichen wurden.

Allerdings fehlt bei all diesen Studien eine Vergleichsgruppe mit Teilnehmenden, die kein Hydrogel erhalten haben. Daher kann nicht gesagt werden, ob eine mögliche Verbesserung ein Ergebnis der Behandlung war, oder ob es den Teilnehmenden nicht auch ohne Behandlung wieder besser gegangen wäre. Denn chronische Rückenschmerzen können auch von alleine zurückgehen [6]. Und erst recht sind keine Vergleiche mit anderen Therapien möglich.

Mehrere dieser Studien beschreiben, dass es den Patientinnen und Patienten nach der Hydrogel-Therapie deutlich besser ging und berichten von Erfolgsraten von über 70 Prozent. Ohne Vergleichsgruppe sind solche Angaben allerdings nicht vertrauenswürdig. Dazu kommt, dass die meisten Studien nur mit sehr wenigen Personen durchgeführt wurden. Ebenso fehlen Langzeitergebnisse, da nie länger als zwölf Monate beobachtet wurde, wie sich die Beschwerden der Teilnehmenden nach dem Eingriff entwickelten.

Es sind weitere Studien zu Hydrogels angemeldet und angeblich in Arbeit, eine wurde jedoch von der französischen Gesundheitsbehörde gestoppt (leider wurde auf unsere Nachfrage nach den Gründen nicht geantwortet). Für eine Bewertung nach wissenschaftlichen Kriterien wäre jedenfalls eine Studie mit geeigneter Vergleichsgruppe und längerer Laufzeit notwendig.

Und so schön das Bild von der „gelverbesserten Bandscheibe“ sein mag, die Theorie ist relativ wacklig: Die Abnutzung der Bandscheibe muss nicht die Ursache für die Rückenschmerzen sein, auch nicht, wenn sie mit Röntgen, Computertomopgrafie (CT) oder Magnetresonanztomografie (MRT) nachgewiesen wurde. Und die Studien können auch nicht beweisen, dass Hydrogel die Höhe der Bandscheiben entscheidend verbessern kann.

Bringt Hydrogel die Bandscheibe in Form?

Bestimmte Gele haben die Fähigkeit, Wasser aufzusaugen und zu speichern. Nach einigen Materialtests und Tierversuchen haben Forschungsteams solche Gele in die Bandscheiben von Patientinnen und Patienten mit chronischen Rückenschmerzen eingebracht. Dort sollten sie den Bandscheiben helfen, wieder mehr Flüssigkeit ansaugen zu können und etwas von ihrer ursprünglichen Höhe zurückzugewinnen. Ziel ist es, bei Betroffenen mit chronischen Rückenschmerzen und nachgewiesener Bandscheibenschädigung die Schmerzen zu reduzieren und die Lebensqualität wieder herzustellen.

Dafür wird ein kleines Stück Gel mit einer Hohlnadel in die Bandscheibe gespritzt. Für den kleinen Eingriff ist keine Vollnarkose notwendig.

Nebenwirkungen und Schäden durch den Eingriff werden in den Studien keine genannt. Das bedeutet jedoch keinesfalls, dass der Eingriff risikolos ist. So ist beispielsweise ein Fall bekannt, bei dem Fragmente des Gels in den Wirbelsäulenkanal eingedrungen sind und operativ entfernt werden mussten [2].

Nicht bei Bandscheiben-Vorfall!

Gedacht ist der Eingriff für Patientinnen und Patienten, die chronische Schmerzen haben und eine nachgewiesene Abnutzung mindestens einer Bandscheibe. Solche Personen wurden auch in die Studien eingeschlossen. Auf keinen Fall in Frage kommt die Behandlung bei jenen, die bereits einen Bandscheibenvorfall hatten. Hier bestünde die Gefahr, dass das Gel austritt, auf die Nerven drückt und somit die Schmerzen verstärkt [5].

Sichtbare Abnutzung

Rücken- oder Kreuzschmerzen treten oft plötzlich auf, meistens sind sie unbedenklich. Sie verschwinden in der Regel innerhalb von ein paar Tagen oder Wochen wieder von alleine. Manchmal bleiben sie jedoch über Monate oder länger bestehen. Dann ist von chronischen Kreuz- oder Rückenschmerzen die Rede – und die sind teilweise sehr schwierig zu behandeln und können in einer Abwärtsspirale aus Bewegungsmangel zu immer stärkeren Beschwerden führen.

Bandscheiben werden nicht aktiv mit Nährstoffen versorgt, sondern funktionieren ähnlich wie ein Schwamm: Werden sie bei Bewegung zusammengedrückt, werden Flüssigkeit und Stoffwechsel-Abfallprodukte raus gequetscht, lässt der Druck nach, saugen die Bandscheiben Nährstoffe und Flüssigkeit auf. Daher ist Bewegung für die Wirbelsäule so wichtig, der Wechsel aus Druck und Entlastung versorgt die Bandscheiben.

Mehr Information

Welche Möglichkeiten es gibt, mit chronischen Rückenschmerzen umzugehen, finden Sie auf der unabhängigen, wissenschaftlich geprüften Seite Gesundheitsinformation.de des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen in Deutschland.

Fanden Sie den Beitrag hilfreich?

Die Studien im Detail

Vier Studien beobachteten jeweils zwischen 23 und 79 Patienten, die sich Hydrogel in die Bandscheibe spritzen ließen. Die Beobachtungsdauer war zwischen sechs und zwölf Monate [1,3-5]. Die Schmerzen wurden anhand einer einfachen Skala von 0 (kein Schmerzen) bis 10 (extreme Schmerzen) erhoben. In manchen Studien wurde auch mit standardisierten Fragebögen erfasst, ob sich die Lebensqualität gebessert hatte.

In drei der Studien zeigte sich im Vergleich zum Studienbeginn eine deutliche Schmerzreduktion bei der Mehrheit der Behandelten. Ob sich die Schmerzen auch ohne Hydrogel gebessert hätten, können die Studien jedoch nicht beantworten – denn keine hatte eine Kontrollgruppe.

Die Patientinnen und Patienten wurden auch nach ihrer Zufriedenheit mit der Behandlung gefragt. Während bei drei Studien hohe Zufriedenheitsraten angegeben wurden, waren in einer Studie [3] 16 von 25 Teilnehmenden nicht zufrieden.

Diese Studie versuchte festzustellen, welche Faktoren für einen Erfolg der Behandlung Voraussetzung sein könnten: Den Studiendaten zufolge schien die Injektion von Hydrogel in jene Bandscheiben erfolglos zu sein, deren Abnutzung mit einer Verfettung des Gewebes einherging. Mit 25 Teilnehmenden und ohne anders behandelte Kontrollgruppe ist eine solche Aussage allerdings nicht haltbar. Schließlich ist der Erfolg bei den anderen Studienteilnehmenden mangels Vergleichs ebenfalls nicht gesichert.

Wissenschaftliche Quellen


[1] de Seze u.a. (2013)
de Sèze M, Saliba L, Mazaux JM. Percutaneous treatment of sciatica caused by a herniated disc: an exploratory study on the use of gaseous discography and Discogel(®) in 79 patients. Ann Phys Rehabil Med. 2013;56(2):143–154. (Studie in voller Länge)

[2] Durdag u.a. (2014)
Durdag E, Ayden O, Albayrak S, Atci IB, Armagan E. Fragmentation to epidural space: first documented complication of Gelstix(TM.). Turk Neurosurg. 2014;24(4):602–605. (Studie in voller Länge)

[3] Léglise u.a. (2015)
Léglise A, Lombard J, Moufid A. DiscoGel® in patients with discal lumbosciatica. Retrospective results in 25 consecutive patients. Orthop Traumatol Surg Res. 2015;101(5):623–626. (Studie in voller Länge)

[4] Mazza u.a. (2018)
Mazza, E. et al. An open label study to evaluate safety and efficacy of a novel hydrogel (hyalodisc) in patients with degenerative disc disease Osteoarthritis and Cartilage, Volume 26, S424 – S425 (Zusammenfassung der Studie)

[5] Ceylan u.a (2019)
Ceylan A, Aşik I, Özgencil GE, Erken B. Clinical results of intradiscal hydrogel administration (GelStix) in lumbar degenerative disc disease. Turk J Med Sci. 2019;49(6):1634–1639. Published 2019 Dec 16. (Studie in voller Länge)

[6] IQWIG (2015)
Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen. Rücken- und Kreuzschmerzen. Gesundheitsinformation.de Abgerufen am 26.11.2018 unter www.gesundheitsinformation.de