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HIV-Test für zuhause: Abklärung durch Arzt nötig!

Positiver HIV-Schnelltest

Positiver HIV-Schnelltest

In den USA steht ein HIV-Schnelltest für die Anwendung zuhause vor der Zulassung. Der Selbsttest sei sicher und wirkungsvoll, berichten Kurier und Presse. Wahrscheinlich ist allerdings eine deutlich größere Ungenauigkeit im Vergleich zu herkömmlichen Labortests oder Schnelltests beim Arzt.

 

 

Zeitungsartikel: USA: HIV-Selbsttest steht vor Zulassung (16. 5. 2012, Die Presse)
HIV-Heimtest vor Zulassung in den USA (16. 5. 2012, Kurier)
Frage:Ist der in den USA vor der Zulassung stehende HIV-Speichel-Selbsttest genauso zuverlässig wie ein Labortest oder ein Schnelltest beim Arzt?
Antwort:Der erwähnte HIV-Selbsttest von Speichelproben ist deutlich ungenauer als ein Standard-Laborbluttest. Relativ wahrscheinlich ist er bei Selbstdurchführung auch ungenauer als ein Speichel- oder Blut-Schnelltest, der von einem Arzt durchgeführt wird.
Beweislage:
Mittlere wissenschaftliche Beweislagefür die geringere Zuverlässigkeit

Infektionen mit dem HI-Virus (HIV), die die Immunschwächekrankheit AIDS auslösen können, sind in Österreich in den letzten Jahren leicht im Steigen begriffen. Statistiken der Vereinten Nationen (UNAIDS) zufolge kommt es jedes Jahr in unserem Land zu etwa 500 Neuinfektionen, das entspricht etwa einem betroffenen Österreicher unter tausend. Mithilfe moderner Medikamente lässt sich das Virus zwar einigermaßen eindämmen, dennoch starben im Jahr 2011 in Österreich 32 Menschen an ihrer HIV-Infektion.

In den USA steht nun Zeitungsberichten zufolge ein einfach durchzuführender Schnelltest vor der Zulassung, mit dessen Hilfe sich zuhause überprüfen lässt, ob man HIV-infiziert ist. Für ein vertrauenswürdiges Testergebnis soll angeblich eine einfache Speichelprobe ausreichen.

Auch wenn der Test in Österreichs Apotheken nicht erhältlich sein wird – Schnelltests auf eine mögliche HIV-Infektion werden hierzulande nur beim Arzt durchgeführt – besteht theoretisch die Möglichkeit, den Test über das Internet zu bestellen.

Wie funktioniert der Test?

Wie bei jeder Infektion, bildet das Immunsystem des Körpers gegen den jeweiligen Krankheitserreger gerichtete Antikörper. Diese helfen gewöhnlicherweise bei der Bekämpfung der eingedrungenen Viren oder Bakterien, auch wenn das HI-Virus diese Bekämpfungsmaßnahmen mit einem Trick umgehen kann.

Die allermeisten HIV-Tests beruhen auf dem Nachweis dieser Antikörper. Diese finden sich vor allem im Blut wieder, sind aber auch im Speichel nachweisbar. (HIV-Antikörper sind im Gegensatz zum HI-Virus ungefährlich und nicht ansteckend. Eine Krankheit kann nur durch das Virus selbst ausgelöst werden.) Ein Nachteil dieser indirekten Entdeckung ist allerdings, dass der Nachweis innerhalb der ersten 3 bis 6 Wochen nach einer HIV-Infektion noch nicht gelingt, weil der Körper in dieser Zeit noch zu wenig Antikörper produziert hat.

Der erwähnte Speichel-Schnelltest besteht aus einem Messstab, der in eine spezielle, mit einer Speichelprobe versehene Lösung gesteckt wird und bereits nach etwa 20 Minuten anzeigt, ob sich HIV-Antikörper im Speichel befinden. Damit ist er wesentlich schneller als eine aufwändige Laboruntersuchung, die viele Stunden in Anspruch nehmen kann.

Ungenauer als beim Arzt

Der Speichel-Schnelltest ist zwar relativ zuverlässig, ist aber weniger genau als ein Schnelltest, der mit Blut durchgeführt wird. In klinischen Studien, die durch Ärzte durchgeführte Schnelltestungen von Speichel- und Blut-Proben miteinander verglichen, erwiesen sich durchschnittlich 20 von 1000 Speichel-Testergebnissen als fälschlicherweise HIV-negativ, obwohl eine Infektion mit dem HI-Virus vorlag [1]. Bei den Blut-Schnelltestungen hingegen war das nur bei 3 von 1000 tatsächlich Infizierten der Fall.

Dieses Eregbnis ist in etwa vergleichbar mit der Genauigkeit von Standard-Labor-Blutuntersuchungen. Hierbei liegt die Zahl der nicht erkannten HIV-Infektionen idealerweise zwischen 3 und 7 von 1000 [3]. Ob Blut-Schnelltests allerdings tatsächlich genauso zuverlässig sind wie aufwändige Labortests, ist unklar, denn dazu gibt es bisher keine direkten Vergleichsstudien. Hersteller von HIV-Schnelltests empfehlen jedenfalls eine Abklärung der Testergebnisse durch Labortests.

Die Anwendung des Schnelltests ist zwar verhältnismäßig einfach, dennoch sind mehrere Dinge bei der Durchführung zu beachten, um ein korrektes Ergebnis zu erhalten. So können etwa Mundpflegeprodukte, Speisen und Getränke, eine zu niedrige oder zu hohe Umgebungstemperatur oder das unabsichtliche Berühren des Teststabs an der falschen Stelle das Testresultat beeinträchtigen.

Eine Studie an über 5600 Personen, die den Selbsttest ohne ärztliche Aufsicht bei sich zuhause durchführten, ergab, dass bei rund 70 von 1000 tatsächlich HIV-Infizierten der Test keine Infektion feststellen konnte [2]. Das Ergebnis des Selbsttests ist also durchaus mit einer nicht zu unterschätzenden Unsicherheit behaftet. In einem einzigen Fall zeigte der Test fälschlicherweise das Vorliegen einer HIV-Infektion an, obwohl ein späterer Labortest keinen Hinweis darauf finden konnte.

Diskret und nützlich, aber möglicherweise ungenau

Sicherlich ist es einfacher und diskreter, zuhause in den eigenen vier Wänden zu einem HIV-Testergebnis zu kommen, als dafür einen offiziellen Arzttermin vereinbaren zu müssen. Dennoch ist die Gefahr für ein falsches Testergebnis größer als bei einem in der Arztpraxis durchgeführten Test. Zudem kann ein Arzt kompetente Beratung zum Testergebnis anbieten und so Ängsten bezüglich einer Infektion begegnen. Solche Ängste und Unsicherheiten können auch auftreten, falls das Testergebnis nicht eindeutig ist, wie dies in immerhin bis zu 13 von 1000 Fällen mit dem Speichel-Selbsttest in der zuvor erwähnten Studie eingetreten war [2].

(AutorIn: B. Kerschner, Review: M. Strobelberger, K. Thaler)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

Pai u.a. (2001)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse
Eingeschlossene Studien: 32 randomisiert-kontrollierte Studien
Fragestellung: Vergleich der Genauigkeit des OraQuick(R)-HIV-Schnelltests mit Speichel beziehungsweise Blut

Titel: Head-to-head comparison of accuracy of a rapid point-of-care HIV test with oral versus whole-blood specimens: a systematic review and meta-analysis. Lancet Infect Dis. 2012 May;12(5):373-80. Epub 2012 Jan 24. (Zusammenfassung der Studie)

[2] FDA (2012)
Studientyp: Kohortenstudie
Teilnehmer: 5662 Personen mit teilweise unbekanntem HIV-Status
Finanzierung: Orasure Technologies (Hersteller des Selbsttests)
Fragestellung: Wie zuverlässig ist der HIV-Speicheltest bei Selbsttestung im Vergleich zu einer Standard-Labor-Blutuntersuchung.

Titel: OraQuick(R) In-Home HIV Test. Final Advisory Committee Briefing Materials. FDA; 15. Mai 2012. Erhältlich online auf http://www.fda.gov/downloads/AdvisoryCommittees/CommitteesMeetingMaterials/BloodVaccinesandOtherBiologics/BloodProductsAdvisoryCommittee/UCM303652.pdf

Weitere wissenschaftliche Quellen

[3] Bartlett J G (2012). Diagnostic assays for HIV infection. In McGovern B H (ed.). UpToDate. Abgerufen unter http://www.uptodate.com am 30. 5. 2012