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Schwangerschaftshormon hCG hilft nicht beim Abnehmen

Enttäuschend: hCG ist keine Hilfe bei der Diät

Enttäuschend: hCG ist keine Hilfe bei der Diät

Das Hormon hCG soll in Kombination mit einer strengen Diät den Abbau von Körperfett unterstützen. Ergebnisse bisheriger Studien widersprechen dieser Behauptung.


Frage:Hilft das Schwangerschaftshormon hCG beim Abnehmen?
Antwort:wahrscheinlich Nein
Erklärung:Bisher durchgeführte Studien zu dieser Frage widersprechen dieser Behauptung

In den USA erlebte vor ein paar Jahren eine seltsame Diät wahre Höhenflüge: Demnach soll eine Spritzenkur mit dem Hormon hCG („humanes Choriongonadotropin“) in Kombination mit einer strengen Diät beim Abnehmen helfen. Angeblich lassen sich damit sogar schwer zu bekämpfende Fettdepots an Bauch, Hüfte und Oberschenkeln reduzieren. Zudem soll die Behandlung mit hCG während der Diät Hungergefühle unterdrücken und das Wohlbefinden während dem Abnehmen verbessern.

Dieses Hormon wird den meisten Frauen bekannt sein, die schon einmal einen Schwangerschaftstest gemacht haben: Mehrere Tage nach der Befruchtung steigt die Hormonkonzentration bei jeder Schwangeren stark an. Der Teststreifen erkennt das hCG-Hormon im Urin und zeigt so an, ob man schwanger ist.

Doch kann das Hormon auch dabei helfen, Gewicht zu verlieren?

Abnehmen mit hCG ist Mythos

Dass das Schwangerschaftshormon beim Abnehmen wahrscheinlich nicht helfen kann, steht spätestens seit den frühen 1990er Jahren fest. Zu diesem Ergebnis kommt eine Zusammenfassung aller bis 1993 durchgeführten Studien [1]. Seitdem sind keine neueren Untersuchungen mehr erschienen.

Insgesamt zeigen die zusammengefassten Studien, dass hCG wahrscheinlich zu keinem größeren Gewichtsverlust führt als Injektionen mit einem wirkungslosen Scheinmedikament oder gar keinem Hormon. Zudem konnte die Hormonbehandlung in keiner der Studien den Abbau von Fett an bestimmten Körperstellen veranlassen. Auch Hungergefühle und Unwohlsein während der Diät scheint sie nicht unterdrücken zu können.

Warnung vor hCG-Diät

Injektionen mit dem Hormon hCG helfen zwar nicht, Übergewicht loszuwerden, in einem anderen Bereich haben sie dennoch einen medizinisch nachgewiesenen Nutzen, etwa bei der Behandlung von Unfruchtbarkeit bei Frauen.

Dabei können jedoch auch unerwünschte Nebenwirkungen auftreten. Bekannt sind etwa Kopfschmerzen, Unruhe, Erschöpfungszustände bis hin zu einer Depression. Wie häufig diese Nebenwirkungen auftreten, ist nicht bekannt. In seltenen Fällen kann es auch zu Blutgerinnsel kommen, die in der Folge Blutgefäße verstopfen können. Daher warnen manche Fachleute, hCG bei Personen mit einem erhöhten Risiko für Blutgerinnsel anzuwenden – etwa bei schwer übergewichtigen Personen [2].

Auch die US-amerikanische Gesundheitsbehörde FDA empfiehlt, auf hCG-Injektionen zum Abnehmen zu verzichten. Sie berichtet in diesem Zusammenhang von Einzelfällen, bei denen es zu gefährlichen Blutgerinnseln der Lunge, Störungen der Gehirndurchblutung, Herzinfarkten und sogar Todesfällen gekommen ist [3]. Wie viele derartige Fälle der FDA bekannt sind, erwähnt die Behörde allerdings nicht.

HCG zum Abnehmen? Ziemlich alte Idee

Die Idee, mit dem Schwangerschaftshormon hCG abzunehmen, geht auf den britischen Arzt Albert Simeons und das Jahr 1954 zurück. Simeons glaubte, dass eine tägliche Injektion des Hormons während einer drei- bis sechswöchigen Radikaldiät von höchstens 500 kcal pro Tag zu einer signifikanten Gewichtsreduktion führt.

Ihm zufolge soll das Hormon angeblich auch die Hunger- und Erschöpfungsgefühle durch die strenge Diät unterdrücken und gezielt Fett an Stellen abbauen, die ansonsten relativ resistent gegenüber Diäten sind.

Simeons begründete seine Behauptungen mit der Theorie, dass hCG während einer Hungerperiode die Energieversorgung für das heranwachsende Kind sicherstelle, indem es angeblich auf die sonst schwer abbaubaren Fettdepots zurückgreifen soll.

Wer die strengen Empfehlungen von Simeons einhält, wird tatsächlich abnehmen. Das liegt aber mit großer Wahrscheinlichkeit nicht an der täglichen Spritzenkur mit hCG, sondern an der Beschränkung, täglich nicht mehr als 500 kcal zu sich nehmen zu dürfen.

 

Die Studien im Detail

Die einzige Übersichtsarbeit, die sich mit dem humanen Choriongonadotropin (hCG) als Diäthilfe beschäftigt hat, ist bereits 1995 erschienen [1]. Dennoch ist sie die aktuellste Arbeit, denn neuere Studien konnten wir trotz umfangreicher Datenbank-Recherche nach medizinischer Fachliteratur nicht finden.

In der Übersichtsarbeit analysierten die Autorinnen und Autoren alle Studien, die bisher zu dieser Diätbehandlung veröffentlicht worden waren. Insgesamt fanden sie 14 Einzelstudien, bei denen die Behandlung mit hCG mit einer Gruppe verglichen wurde, die kein hCG erhalten hatte.

Lediglich zwei dieser Einzelarbeiten berichteten über einen signifikanten Gewichtsverlust durch die Simeons-Therapie, darunter eine Studie von sehr niedriger Qualität und Aussagekraft. In allen acht Studien, die dies untersuchten, unterschied sich die Fettverteilung nach der hCG-Behandlung nicht von jener der Vergleichsgruppe. Zehn Studien untersuchten, ob hCG das Hungergefühl unterdrücken kann, acht erfassten, ob das Hormon das durch die strenge Diät gedrückte Wohlbefinden steigert kann. Alle bis auf eine einzige Studie fanden negative Ergebnisse.

[Die Erstfassung dieses Artikels vom 29.4.2011 wurde am 17.3.2014 aktualisiert. Eine neuerliche Suche nach weiteren Studien bringt keine inhaltlichen Änderungen.]

(AutorIn: B. Kerschner, V. Ahne, Review: C. Christof)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Lijesen u.a. (1995)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit
Analysierte Studien: 14 randomisiert kontrollierte klinische Studien und 10 nicht kontrollierte Studien
Teilnehmende: 605 übergewichtige Personen in den 14 randomisiert-kontrollierten Studien
Behandlungsdauer: zwischen 3 und 8 Wochen
Fragestellung: Unterstützt hCG Gewichtsverlust bei Übergewicht?
Interessenskonflikte: keine Angaben

Lijesen GK, Theeuwen I, Assendelft WJ, Van Der Wal G. The effect of human chorionic gonadotropin (HCG) in the treatment of obesity by means of the Simeons therapy: a criteria-based meta-analysis. Br J Clin Pharmacol. 1995 Sep;40(3):237-43. (Studie in voller Länge)

Weitere wissenschaftliche Quellen

[2] UpToDate (2017)
Human chorionic gonadotropin: Drug information. Abgerufen am 27. 7. 2017 unter www.uptodate.com/contents/human-chorionic-gonadotropin-drug-information

[3] FDA (2016)
US Food and Drug Administration. Questions and Answers on HCG Products for Weight Loss. Abgerufen am 27. 7. 2017 unter www.fda.gov/Drugs/ResourcesForYou/Consumers/BuyingUsingMedicineSafely/MedicationHealthFraud/ucm281834.htm