Rheuma: Helfen Mittel mit Grünlippmuschel?

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Jana Meixner, Bernd Kerschner

zuletzt aktualisiert: 13. Juni 2022
Ihren Namen verdankt die Grünlippmuschel ihrer hübschen Färbung.
Inhaltsstoffe aus der Grünlippmuschel sollen angeblich gegen Entzündungen helfen. Bei rheumatoider Arthritis ist die behauptete Wirkung jedoch nicht belegt.
Frage:
Verbessern Präparate aus Grünlippmuschel die Beschwerden bei rheumatoider Arthritis?
wissenschafliche Beweise fehlen
Antwort:
Antwort:
Erklärung:
Fünf kleine Studien liefern insgesamt keine Hinweise auf einen Nutzen der Grünlippmuschel bei Rheuma. Die Rheuma-Behandlung der Teilnehmenden entspricht jedoch nicht den heutigen Standards und die Studien waren sehr mangelhaft durchgeführt. Deshalb können wir aus diesen Studien keine verlässlichen Schlüsse ziehen.

Wie gehen wir vor?

Wirksamkeitsstudie(n)
Beobachtungsstudie(n)
Labor/Tier-Studien(n)

Steife, schmerzende Gelenke – damit haben Menschen zu kämpfen, die an rheumatoider Arthritis, kurz „Rheuma“ erkrankt sind. In Deutschland und Österreich betrifft die Krankheit etwa ein Prozent der Bevölkerung [6].

Dementsprechend groß ist die Zahl an Nahrungsergänzungsmittel, die gegen Gelenkbeschwerden angepriesen werden. Dazu gehören etwa die Dreiflügelfrucht, Katzenkralle, Hagebuttenpulver, Braunhirse oder Kurkuma.

Auch Nahrungsergänzungsmittel mit der Grünlippmuschel gehören zu den angeblichen Heilmitteln. Ein Leser wollte von uns wissen, was diese Produkte bei rheumatoider Arthritis ausrichten können.

Rheuma-Hilfe aus dem Meer?

Die Theorie hinter der beworbenen Anti-Rheuma-Wirkung: Die ursprünglich aus Neuseeland stammende Miesmuschelart enthält eine ganze Reihe von Substanzen, denen günstige Wirkungen auf die Gelenke nachgesagt werden. Dazu zählen etwa Omega-3-Fettsäuren, Antioxidantien und Chondroitin. Es gibt die Grünlippmuschel in Form von gefriergetrocknetem Muschelfleisch, in Kapseln, Tabletten oder als Pulver [10].

Eine Theorie ist natürlich noch kein Beleg. Deshalb haben wir uns auf die Suche nach Studien gemacht [1-5], die den Nutzen von Grünlippmuschel bei Rheuma untersucht haben.

Mangelhafte Studien lassen keine Schlüsse zu

Gefunden haben wir fünf. Das Ergebnis ist allerdings enttäuschend: In der Mehrzahl der Studien hatten die Mittel keinen größeren Nutzen als ein Scheinpräparat (Placebo). Nur in einer Untersuchung [2] berichtet das Studienteam von einer positiven Wirkung der Grünlippmuschel. Wie das Team zu dieser Schlussfolgerung gekommen ist, lässt sich aus der verworrenen Auswertung seiner Daten allerdings nicht nachvollziehen. Für uns ist diese Behauptung deshalb wenig glaubwürdig. Allerdings haben auch jene vier Studien, die keinen Effekt der Muschel fanden, große Mängel. Ob Grünlippmuschel bei Rheuma hilft oder nicht, lässt sich daher im Moment nicht sicher sagen.

Werbung für „gesunde Gelenke“ nicht erlaubt

Übrigens: Auch für eine schützende Wirkung der Grünlippmuschel auf gesunde Gelenke gibt es keine Belege. Zu diesem Ergebnis ist bereits 2009 die europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit EFSA gelangt. Behauptungen wie „für gesunde Gelenke“ oder „hilft, die Gelenke gesund zu halten“ auf Nahrungsergänzungsmitteln sind deshalb nicht erlaubt [7]. Im Internet scheint das allerdings noch nicht überall angekommen zu sein.

Rheuma: Entzündung außer Kontrolle

Wenn umgangssprachlich von „Rheuma“ die Rede ist, ist meistens die rheumatoide Arthritis gemeint. Bei dieser Gelenkserkrankung zerstören Entzündungsprozesse nach und nach die betroffenen Gelenke. Ausgelöst wird die Entzündung durch das eigene Immunsystem, wenn sich Abwehrzellen gegen das Knorpelgewebe in den Gelenken richten. Für die Betroffenen bedeutet das in der Regel Schmerzen, und je nach Ausmaß der Erkrankung auch Einschränkungen der Beweglichkeit [8].

Um die Abwehrreaktion und Entzündung zu stoppen, gibt es inzwischen eine ganze Reihe von Medikamenten. Wie gut sie wirken, kann jedoch von Mensch zu Mensch sehr unterschiedlich sein [9].

Ausführliche und wissenschaftlich fundierte Informationen zu rheumatoider Arthritis und wie sie sich behandelt lässt, gibt es auf www.gesundheitsinformation.de.

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Die Studien im Detail

Welche Studien haben wir berücksichtigt?

Für Untersuchungen zum therapeutischen Nutzen eines Mittels sind randomisierte kontrollierte Studien am aussagekräftigsten. Um diese zu finden, haben wir drei Forschungsdatenbanken durchsucht. Dabei fanden wir fünf solcher Studien [1-5], die den Nutzen von Präparaten mit Grünlippmuscheln bei Menschen mit rheumatoider Arthritis untersucht haben.

Die meisten der Teilnehmenden waren Frauen, bei denen diese Gelenkerkrankung deutlich häufiger vorkommt als bei Männern. Sie erhielten nach dem Zufallsprinzip entweder ein Präparat mit Grünlippmuschel oder ein Placebo. In zwei Studien [1,3] bekamen die Teilnehmenden zunächst das eine, dann das andere Mittel. Die Studien dauerten jeweils zwischen 2 und 6 Monaten.

In allen Untersuchungen wurde das gleiche neuseeländische Produkt eingesetzt, allerdings teilweise in unterschiedlichen Dosierungen. Ob sich die Ergebnisse auf andere Produkte oder andere Dosierungen übertragen lassen, ist unklar.

Wie aussagekräftig sind die Studien?

Aus den gefundenen Studien lassen sich keine verlässlichen Schlüsse ziehen. Dafür gibt es eine Reihe von Gründen:

  • Die Studien waren mit jeweils 6 bis 47 Teilnehmenden relativ klein.
  • Die Studien sind allesamt nach heutigem Standard schlecht gemacht: So ist es unklar, wie verlässlich die Messungen des Behandlungserfolgs sind. Bei allen Untersuchungen fehlen in der Auswertung die Daten von einigen Teilnehmenden. In den Publikationen berichten die Forschungsteams oft nicht über alle Details der Studiendurchführung, die für unsere Bewertung aber wichtig wären.
  • Außerdem stammen die Studien aus einer Zeit, in der rheumatoide Arthritis noch ganz anders behandelt wurde. Heutzutage erhalten Betroffene relativ zeitnah nach der Diagnose Medikamente, die den Krankheitsverlauf verlangsamen [9]. Ob Rheuma-Patientinnen und -Patienten dann noch von Grünlippmuschel-Präparaten profitieren würden, bleibt unklar.

Wissenschaftliche Quellen


[1] Highton (1975)
Highton TC u.a. Pilot study on the effect of New Zealand green mussel on rheumatoid arthritis. N Z Med J 1975; 81:261–262 (Zusammenfassung der Studie)

[2] Gibson (1980)
Gibson RG u.a. Perna canaliculus in the treatment of arthritis. Practitioner 1980; 224:955-60 (Zusammenfassung der Studie)

[3] Huskisson (1981)
Huskisson E u.a. Seatone is ineffective in rheumatoid arthritis. BMJ 1981; 283:1358-9. (Zusammenfassung der Studie)

[4] Caughey (1983)
Caughey DE u.a. Perna canaliculus in the treatment of rheumatoid arthritis. Eur J Rheumatol Inflamm 1983; 6:197-200 (Zusammenfassung der Studie)

[5] Larkin (1985)
Larkin JG u.a. Seatone in rheumatoid arthritis: a six-month placebo-controlled study. Ann Rheum Dis 1985;44:199-201 (Studie in voller Länge)

[6] IQWiG (2020)
Rheumatoide Arthritis. Abgerufen am 31.05.2022 unter www.gesundheitsinformation.de

[7] EFSA (2009)
Scientific Opinion on the substantiation of health claims related to green lipped mussel extract and maintenance of joints, bone and muscles (ID 1571, 1813) pursuant to Article 13(1) of Regulation (EC) No 1924/2006. EFSA Journal 2009; 7(9):1265

Abgerufen am 31.05.2022 unter www.efsa.onlinelibrary.wiley.com

[8] UpToDate (2022)
Pathogenesis of rheumatoid arthritis. Abgerufen am 31.05.2022 unter www.uptodate.com (Kostenpflichtig)

[9] UpToDate (2022)
General principles and overview of management of rheumatoid arthritis in adults. Abgerufen am 31.05.2022 unter www.uptodate.com (Kostenpflichtig)

[10] Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen (2021)

Abgerufen am 08.06.2022 unter www.verbraucherzentrale.de