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Granatapfel gegen hohen Blutdruck: Wirkung unbelegt

Granatapfel: nicht nur Geschmacksexplosion, sondern auch medizinischer Nutzen?

Granatapfel: nicht nur Geschmacksexplosion, sondern auch medizinischer Nutzen?

Granatäpfel schmecken nicht nur gut, sie sollen auch erhöhten Blutdruck senken können. Für eine solche Wirkung gibt es jedoch keine wissenschaftlichen Belege.

Frage:Können Inhaltsstoffe aus dem Granatapfel einen erhöhten Blutdruck senken oder das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen verringern?
Antwort:wissenschaftliche Belege fehlen
Erklärung:Bisherige Studien sind mangelhaft und nicht aussagekräftig, um diese Frage zu beantworten.

Die saftig-fruchtigen Kerne des Granatapfels sind nicht nur pur ein Genuss. Sie schmecken auch im Salat, als Beilage oder zu Saft gepresst. Im Mittleren Osten verleiht Granatapfelsauce vielen pikanten Gerichten eine herb-süße Note.

Die rote Südfrucht mit der holzigen Schale wird jedoch nicht nur wegen ihres Geschmacks beworben. Ihre Inhaltsstoffe sollen auch die Gesundheit fördern. Verbreitet ist etwa die Behauptung, Fruchtfleisch und Saft des Granatapfels könnten erhöhten Blutdruck senken und so vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Herzinfarkt und Schlaganfall schützen.

Auch Kapseln mit Granatapfel-Extrakt werden im Internet mit einer solchen Wirkung beworben. Alles angeblich durch wissenschaftliche Studien belegt. Wir haben recherchiert, ob es solche Studien gibt und wie aussagekräftig diese sind.

Zufallseffekt oder echte Wirkung?

Tatsächlich haben einige Studien die Wirkung von Granatapfel als Frucht oder in Form von Nahrungsergänzungsmitteln auf den Blutdruck erforscht [1]. Einige verglichen die Effekte von Granatapfelsaft und Wasser. Andere untersuchten, ob Kapseln mit Granatapfel-Extrakt den Blutdruck stärker senken als Kapseln ohne Fruchtextrakt.

Die Ergebnisse sind widersprüchlich. In manchen Studien war der Blutdruck nach der Einnahme von Granatapfel-Mitteln niedriger als in der Vergleichsgruppe. In anderen Studien zeigte sich kein Unterschied [1].

Die Aussagekraft dieser Studien ist jedoch sehr schwach. Den Arbeiten mangelte es an Sorgfalt bei der Durchführung, bei ihnen fehlen wesentliche Standards für vertrauenswürdige wissenschaftliche Untersuchungen. So lässt sich nicht ausschließen, dass in den Studien berichtete Unterschiede nur auf Zufall beruhen oder in Wirklichkeit ganz andere Gründe für die Blutdrucksenkung verantwortlich sind. Belege für eine blutdrucksenkende Wirkung von Granatapfel gibt es derzeit also nicht.

Vieles unklar

Ob der regelmäßige Verzehr von Granatäpfeln in Form von Kernen, Fruchtfleisch, Säften oder die Einnahme von entsprechenden Nahrungsergänzungsmitteln tatsächlich einen erhöhten Blutdruck senkt, lässt sich derzeit weder belegen noch ausschließen. Eine Antwort darauf können nur zukünftige, sorgfältiger durchgeführte Studien geben.
Falls es tatsächlich einen Effekt gibt, müssten auch folgende Punkte geklärt werden:

  • Gibt es einen Unterschied in der Wirkung zwischen Fruchtfleisch, Saft oder Granatapfel-Extrakt als Nahrungsergänzung in Kapselform?
  • Reicht es beispielsweise, einmal in der Woche einen Granatapfel zu verspeisen, oder könnte es nötig sein, deutlich häufiger und in größeren Mengen Fruchtfleisch, Saft oder Extrakt zu verzehren?
  • Wie lange müsste eine solche „Granatapfel-Kur“ mindestens dauern, um einen merklichen Effekt auszulösen?
  • Sind Granatäpfel oder Granatapfel-Produkte unbedenklich, wenn sie in großen Mengen regelmäßig verzehrt werden?

Wechselwirkungen mit Medikamenten?

Die Frage zur Unbedenklichkeit ist noch nicht abschließend geklärt. Laborstudien im Reagenzglas ließen den Verdacht aufkommen, dass Inhaltsstoffe des Granatapfels die Wirkung anderer Medikamente verstärken oder abschwächen. Dies kann unter Umständen eine erhöhte Konzentration dieser Medikamente im Blut verursachen und gesundheitsgefährdend sein [2]. Für Grapefruitsaft beispielsweise ist ein solcher Effekt nachgewiesen, wie wir bereits berichtet haben.

Studien, in denen dieses Phänomen im menschlichen Körper statt im Reagenzglas untersucht wurde, konnten diesen Verdacht für Granatapfelsaft oder andere Fruchtbestanteile bisher nicht bestätigen [2]. Dennoch lässt sich nicht völlig ausschließen, dass große Mengen von Granatäpfeln die Wirkung von einzelnen Medikamenten beeinflussen.

Irreführende Werbung

Trotz fehlender Belege hat eine US-amerikanische Firma mit Gesundheitsvorteilen ihrer Granatapfel-Produkte geworben. Das Unternehmen hat behauptet, Inhaltsstoffe aus Granatäpfeln könnten vor Herz-Kreislauferkrankungen schützen oder das Risiko dafür verringern. Dafür wurde es von der US-Handelsbehörde FTC wegen irreführender Werbung gerichtlich in die Schranken gewiesen [3].

 

Die Studien im Detail

Um Belege für eine möglicherweise blutdrucksenkende Wirkung von Granatäpfeln zu finden, führte eine britische Forschungsgruppe eine systematische Übersichtsarbeit durch [1]. Dazu durchsuchte sie im Oktober 2016 mehrere wissenschaftliche Datenbanken nach randomisiert-kontrollierten Studien – die aussagekräftigste Studienart für solche Fragestellungen.

In einer idealen randomisiert-kontrollierten Studie werden die Testpersonen nach dem Zufallsprinzip („randomisiert“) einer von zwei Gruppen zugelost. Ist die Anzahl der Testpersonen groß genug und erfolgt die Aufteilung streng zufällig, dann unterscheiden sich Blutdruck und andere Merkmale der beiden Gruppen zu Beginn nicht voneinander.

Die Interventionsgruppe würde dann regelmäßig Granatapfelsaft oder Kapseln mit einem Extrakt bekommen – die Kontrollgruppe zum Vergleich ein möglichst nicht unterscheidbares Placebo-Produkt ohne Granatapfel-Bestandteile. Liegen nach Ablauf der Studiendauer die Blutdruckwerte der Granatapfel-Gruppe deutlich niedriger als jene der Kontrollgruppe, deutet der Unterschied auf eine nicht-zufällige blutdrucksenkende Wirkung von Granatapfel hin.

Keine aussagekräftigen Studien

Die britische Forschungsgruppe fand für ihre systematische Übersichtsarbeit acht randomisiert-kontrollierte Studien mit insgesamt 619 Teilnehmenden. Die Studien lieferten jedoch ein insgesamt unklares Bild, denn die einzelnen Ergebnisse widersprechen einander.

Aussagekräftige Studien waren nicht darunter. Sieben der Studien mangelte es an Sorgfalt bei der Durchführung, ihre Autorinnen und Autoren haben wesentliche Standards für vertrauenswürdige wissenschaftliche Untersuchungen missachtet.

Die Anzahl der Teilnehmenden war mit 21 bis 101 Personen pro Studie so gering, dass so mancher Unterschied, der sich in den Rechnungen gezeigt hat, möglicherweise nur ein trügerischer Zufallseffekt ist. Das gilt auch für die einzige sonst sorgfältig durchgeführte Studie, an der lediglich 45 Personen teilgenommen haben. Zudem lässt sich für mehrere der Arbeiten nicht ausschließen, dass sich die Blutdruckwerte der beiden Gruppen bereits zu Beginn voneinander unterschieden.

Bei etlichen Studien war den teilnehmenden Personen bewusst, ob sie der Gruppe mit dem möglicherweise wirksamen Granatapfelprodukt zugeteilt waren oder nicht. Die damit eventuell verbundene Erwartungshaltung der Teilnehmenden kann das Ergebnis beeinflusst haben.

In vielen Untersuchungen blieb zudem unklar, ob die teilnehmenden Personen zu Beginn tatsächlich einen behandlungsbedürftig erhöhten Blutdruck hatten. Somit lassen sich die Ergebnisse auch nicht auf Menschen mit Bluthochdruck übertragen.

Aktuellere Studien an Personen mit Bluthochdruck konnten wir in einer eigenen Datenbanksuche nicht finden.

(AutorIn: B. Kerschner, Review: J. Harlfinger, C. Christof)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Gbinigie u.a. (2017)
Studienart: Systematische Übersichtsarbeit
Analysierte Studien: 8 randomisiert-kontrollierte Studien
Teilnehmende insgesamt: 619 (zwischen 21 und 101 pro Studie)
Studiendauer: zwischen 2 und 72 Wochen
Interessenskonflikte: keine laut Autorinnen und Autor

Gbinigie OA, Onakpoya IJ, Spencer EA. Evidence for the effectiveness of
pomegranate supplementation for blood pressure management is weak: A systematic review of randomized clinical trials. Nutr Res. 2017 Oct;46:38-48. (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

Weitere Quellen

[2] Chen u.a. (2018)
Chen M, Zhou SY, Fabriaga E, Zhang PH, Zhou Q. Food-drug interactions
precipitated by fruit juices other than grapefruit juice: An update review. J Food Drug Anal. 2018 Apr;26(2S):S61-S71. (Übersichtsarbeit in voller Länge)

[3] Federal Trade Commission (2016)
Statement of FTC Chairwoman Edith Ramirez Regarding Supreme Court’s Decision Not to Review POM Wonderful Case. May 2, 2016. Abgerufen am 7.5.2019 unter www.ftc.gov