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Goji: Wundern über die „Wunderbeere“

Soll super gegen alle möglichen Erkrankungen sein: eine Beere namens Goji.

Soll super gegen alle möglichen Erkrankungen sein: eine Beere namens Goji.

Goji gilt als wahre „Wunderfrucht“ für die Gesundheit. Sind die vielen Behauptungen rund um die Beere sind tatsächlich belegt?


Frage: Hilft Goji bei ernsthaften Erkrankungen wie Krebs oder zur Vorbeugung eines Herzinfarkts?
Antwort:wissenschaftliche Belege fehlen
Erklärung: Es gibt zwar einige kleinere Studien mit unterschiedlichen Goji-Präparaten zu verschiedenen gesundheitlichen Fragestellungen wie Krebs, Diabetes, Stärkung des Immunsystems oder altersabhängiger Makuladegeneration. Allerdings lassen sich daraus keine verlässlichen Aussagen über spürbare Wirkungen der Gojibeere ableiten.

Was schon lange verwendet wird, muss doch gut sein und helfen – so werden viele pflanzliche Mittel angepriesen. Diesem Motto folgt auch die Werbung für Goji, ebenfalls bekannt unter dem Namen „Chinesische Wolfsbeere“.

Die Beere kommt seit vielen Jahrhunderten in der Traditionellen Chinesischen Medizin zum Einsatz. In den letzten Jahren hat die Gojibeere, meist getrocknet, als „Superfood“ die Regale von Supermärkten gestürmt. Die Beere wird auch in Form von Kapseln – mit oder ohne andere pflanzliche Zusätze – oder als gepresster Saft verkauft, zum Beispiel in vielen Internet-Shops.

Goji: Tatsächlich eine „Wunderfrucht“?

Wer sich im Web über den vermeintlichen gesundheitlichen Nutzen der Gojibeere informiert, kommt aus dem Staunen gar nicht mehr heraus. Die „Wunderfrucht“ soll bei vielerlei Beschwerden und sogar ernsthaften Krankheiten helfen: bei verschiedenen Krebserkrankungen, zur Linderung der Nebenwirkungen von Chemotherapie und Bestrahlung, zur Vorbeugung von Herzinfarkt und Schlaganfall, für gesunde Augen, zur „Entgiftung“, gegen chronische Entzündungen und vieles mehr.

Die Beere und ihre vielfältigen Inhaltsstoffe

Für die positiven Effekte der Gojibeere sollen verschiedene Vitamine und andere Substanzen verantwortlich sein, die auch als „Antioxidantien“ bezeichnet werden. Letztere sollen besonders reaktionsfreudige „freie Radikale“ unschädlich machen und so dafür sorgen, dass Zellen von „oxidativem Stress“ bewahrt werden können.

Hinzu kommen langkettige Zuckerarten namens „Polysaccharide“. Die Hypothese: Sie sollen Zellen des Immunsystems stimulieren und so die Immunabwehr ankurbeln.

Viele Studien mit Goji, aber wenige Belege

Aufgrund der vollmundigen Werbeversprechungen zur Gojibeere sind wir mit entsprechend hohen Erwartungen sind wir an die Literaturrecherche herangegangen. Und tatsächlich haben wir in einer großen Datenbank fast 1000 Treffer zum Thema Goji gefunden.

Beim genauen Hinsehen blieb von der großen Menge nicht mehr viel Substanz übrig: Die meisten Untersuchungen, auf die sich die abenteuerlichen Behauptungen stützen, sind Versuche mit Zellen im Reagenzglas. Wenn Gojibeeren beispielsweise Leukämie-Zellen im Labor am Wachstum hindern, heißt das aber noch lange nicht, dass auch Menschen mit Leukämie davon profitieren. Dafür braucht es solide klinische Studien.

Leere Versprechungen zur Wirksamkeit der Beere

Und genau da sieht es für Goji ziemlich mau aus. Wir haben zwar einige Studien gefunden, bei denen Menschen nach dem Zufallsprinzip entweder die Beere in verschiedenen Formen oder ein Scheinmedikament eingenommen haben. Die Untersuchungen hatten das Ziel, Aufschluss über den Nutzen für Herz und Kreislauf [1], bei Diabetes [1,2], zur Stärkung des Immunsystem [1] oder zur Vorbeugung einer altersbedingten Schädigung der Netzhaut des Auges (altersabhängige Makula-Degeneration, AMD) [3] zu geben.

Allerdings haben diese Studien allesamt keine aussagekräftigen Größen untersucht: So suchten wir etwa vergeblich nach Informationen, ob Goji beispielsweise einen Herzinfarkt oder einen Schlaganfall verhindert oder hilft, diabetesbedingte Schädigungen oder eine Verschlechterung des Sehens durch AMD zu vermeiden.

Wenig aussagekräftig

Für die Behandlung von Krebs sind wir auf eine einzige ältere Studie an Krebspatientinnen und -patienten gestoßen, die zusätzlich zu einer Krebsbehandlung Gojibeeren einnahmen [4]. Da die Untersuchung auf Chinesisch publiziert wurde, können wir die Aussagekraft der Studie nicht im Detail bewerten.

Bereits die Zusammenfassung weckt aber einige Zweifel: So ist diese Studie zu Goji relativ klein und umfasst Menschen mit sehr verschiedenen fortgeschrittenen Krebserkrankungen. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer erhielten keine heute übliche Krebsbehandlung, die sich an der Art des Tumors orientiert, sondern eine einheitliche Therapie.

Als Zielgröße wurde nicht längeres Überleben oder bessere Lebensqualität untersucht, sondern eine in der Zusammenfassung nicht näher definierte „Ansprechrate“ auf die Behandlung. Die Formulierung legt außerdem nahe, dass nicht alle Daten ausgewertet wurden und nicht alle Teilnehmenden tatsächlich auf die Behandlung angesprochen haben.

Ob Goji also bei Krebs eine echte Unterstützung bieten kann, halten wir aufgrund dieser einen klinischen Studie für durchaus zweifelhaft.

Warnung vor Schäden durch Goji

Ist Goji denn wenigstens harmlos? Auch das ist nicht belegt. Vielmehr gibt es sogar Anhaltspunkte für Risiken: So können die Beeren Menschen gefährlich werden, die bestimmte Arten von Blutverdünnern einnehmen. Denn Goji verstärkt die Wirksamkeit dieser Mittel. Die Folge können schwere Blutungen sein.

Auch wurde in der Vergangenheit immer wieder vor hohen Pestizid-Gehalten von konventionell angebauten Goji-Beeren gewarnt [7]. Und schließlich finden sich auch Berichte, dass Nahrungsergänzungsmittel mit Goji, die als potenzsteigernd verkauft wurden, illegal mit dem verschreibungspflichtigen Arzneistoff Sildenafil (zum Beispiel in Viagra enthalten) gepanscht waren [8,9].

Keine gesundheitsbezogene Werbung

Dass Goji eine „Wunderfrucht“ ist, lässt sich also nicht mit soliden Daten zeigen. Die europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit hat übrigens verboten, dass Nahrungsergänzungsmittel mit Goji als schützend vor „oxidativem Stress“ beworben werden. Denn – wen wundert es – eine entsprechende Wirksamkeit ist nicht ausreichend belegt [5].

Andere gesundheitsbezogene Aussagen zur Beere haben Hersteller gar nicht erst beantragt, wie das europäische Register zu gesundheitsbezogenen Aussagen verrät [6]. Auch das überrascht aufgrund der schlechten Studienlage nicht wirklich.

 

Die Studien im Detail

Wir könnten keine aussagekräftigen klinischen Studien finden (Stand: September 2018).

(AutorIn: I. Hinneburg, Review: J. Harlfinger, C. Christof)

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Wissenschaftliche Quellen

[1] Guo u.a. (2017)
The effects of Lycium barbarum L. (L. barbarum) on cardiometabolic risk factors: a meta-analysis of randomized controlled trials. Food Funct. 2017; 8:1741-1748
Zusammenfassung

[2] Cai u.a. (2015)
Practical Application of Antidiabetic Efficacy of Lycium barbarum Polysaccharide in Patients with Type 2 Diabetes. Med Chem. 2015;11(4):383-390
Zusammenfassung

[3] Bucheli u.a. (2011)
Goji berry effects on macular characteristics and plasma antioxidant levels. Optom Vis Sci. 2011; 88:257-262
Zusammenfassung

[4] Cao u.a. (1994)
Observation of the effects of LAK/IL-2 therapy combining with Lycium barbarum polysaccharides in the treatment of 75 cancer patients. Zhonghua Zhong Liu Za Zhi. 1994; 16:428-431.
Zusammenfassung

[5] EFSA Panel on Dietetic Products, Nutrition and Allergies (NDA) (2010)
Scientific Opinion on the substantiation of health claims related to various food(s)/food constituent(s) and protection of cells from premature aging, antioxidant activity, antioxidant content and antioxidant properties, and protection of DNA, proteins and lipids from oxidative damage pursuant to Article 13(1) of Regulation (EC) No 1924/2006. EFSA Journal 2010; 8(2):1489 (Zugriff 05.09.2018)

[6] European Commission
EU Register on nutrition and health claims (Zugriff 05.09.2018)

[7] Arznei-Telegramm (2013)
Goji-Beeren: Blutungen bei stabiler Antikoagulation mit Cumarinen. arznei-telegramm 2013; 44: 47 (Zugriff 05.09.2018)

[8] Gute Pillen, schlechte Pillen (2013)
Gepanschtes: Sabotage oder kriminelle Energie. GPSP 3/2013, S. 27 (Zugriff 05.09.2018)

[9] Gute Pillen, Schlechte Pillen (2013)
Gepanschtes: Wundersames aus deutschen Apotheken. GPSP 6/2013, S. 27 (Zugriff 05.09.2018)