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Stuhltransplantation: fremder Kot gegen Darmbakterium

Das Bakterium Clostridium difficile kann schweren Durchfall verursachen

Das Bakterium Clostridium difficile kann schweren Durchfall verursachen

Man muss schon ziemlich krank sein, um sich eine Kotspende zu wünschen. Wer am Darmbakterium Clostridium difficile leidet, ist so weit.

Frage:Kann eine Fremdkot-Verabreichung, auch Stuhltransplantation genannt, eine immer wiederkehrende Infektion mit Clostridium difficile bessern?
Antwort:möglicherweise Ja
Erklärung:Bisher wurden nur wenige klinische Studien durchgeführt. Trotz einiger Mängel in der Durchführung geben sie Hinweise darauf, dass eine Stuhltransplantation eine wirksame Behandlung ist.

Das Darmbakterium Clostridium difficile löst Durchfall und gelegentlich schwere Darmentzündungen aus, die mitunter auch tödlich enden können. Durch diesen Erreger verursachte Erkrankungen treten oft nach einer Behandlung mit Breitbandantibiotika auf, wenn die Darmflora durch die Medikamente geschwächt ist.

Solche Darmentzündungen breiten sich aus und die Rückfallquote wird höher, außerdem wird das Bakterium zunehmend resistent gegen das standardmäßig zur Behandlung verwendete Antibiotikum [10].

Hoffnung verspricht eine alternative Behandlung: die Stuhltransplantation, auch Fremdkottherapie genannt. Dabei wird Kot von einem gesunden Menschen in den Darm des Patienten bzw. der Patientin eingebracht – entweder über eine Nasensonde durch den Magen in den Dünndarm, oder aber über den Darmausgang direkt in den unteren Teil des Verdauungstrakts.

Der Spenderkot soll dabei helfen, die angegriffene Darmflora der betroffenen Person zu regenerieren. Das soll krankmachende Bakterien wie Clostridien daran hindern, sich auszubreiten und weiter Schaden anzurichten. Doch funktioniert diese eklig klingende Therapie tatsächlich?

Stuhltransplantation könnte helfen

Bisher finden sich lediglich drei Studien, welche die Wirkung einer Stuhltransplantation bei solch hartnäckigen Darminfektionen untersucht haben [1-3]. Während eine davon große Mängel hat [3], sind die anderen zwei einigermaßen gut durchgeführt. Die Ergebnisse dieser beiden Studien weisen in die gleiche Richtung: Patienten die ihren Ekel überwinden und sich einer Stuhltransplantation unterziehen könnten möglicherweise gute Chancen haben, ihren durch Clostridien verursachten Durchfall loszuwerden. Den Daten zufolge könnte eine Kotverpflanzung somit einiges besser wirken als ein üblicherweise bei dieser Erkrankung eingesetztes Antibiotikum.

Der Haken an diesen Ergebnissen ist allerdings, dass in den beiden Studien insgesamt nur 80 Patienten untersucht wurden – zu wenige, um klare Rückschlüsse ziehen zu können. Mehr Sicherheit können nur zukünftige Untersuchungen mit deutlich mehr Teilnehmern geben.

Nebenwirkungen und Unklarheiten

Patienten die sich für eine Stuhltransplantation entscheiden, müssen damit rechnen, dass dabei auch Nebenwirkungen auftreten können. In den bisherigen Studien waren das etwa Durchfälle, Krämpfe oder Blutungen. Diese scheinen allerdings vorübergehender Natur zu sein und nach spätestens zwölf Stunden wieder abzuklingen [1,2] [4].

Trotz der vielversprechenden Hinweise aus den bisherigen Studien sind noch viele Fragen offen:

  • Auf welchem Weg soll der Kot zugeführt werden? Ist es erfolgversprechender, den Stuhl über eine Nasensonde in den Dünndarm zuzuführen? Oder ist das Ergebnis besser, wenn er mit Hilfe einer Darmspiegelung (Koloskopie) oder per Einlauf direkt in den Dickdarm gebracht wird?
  • Kann die gleiche Wirkung mit etwas weniger unappetitlich anmutenden Präparaten – etwa in Form von Kapseln – erzielt werden?
  • Wirkt eine tiefgefrorene Stuhlspende genauso gut wie eine frische?
  • In welcher Dosis bzw. in welcher Zubereitungsart wirkt die Stuhltransplantation am besten?
  • Wie kann der Darm optimal auf eine bevorstehende Stuhltransplantation vorbereitet werden?

 

Die Studien im Detail

Im Zuge unserer umfangreichen Suche in medizinischen Forschungsdatenbanken fanden wir viele Fallberichte, die eine Wirksamkeit der Kottherapie bei wiederkehrender Clostridien-Infektion andeuten [5-9]. Die Aussagekraft solcher Einzelfälle ist jedoch sehr gering, weil ein Vergleich mit nicht behandelten Betroffenen fehlt. Es bleibt dabei unklar, ob eine Besserung nun durch die Stuhltransplantation verursacht wurde, oder ob die Darmentzündung aus anderen Gründen oder gar von selbst wieder zurückgegangen ist.

Aussagekräftiger sind demnach randomisiert-kontrollierte Studien. Bei unserer Suche fanden wir drei solche Studien, welche die Stuhltransplantation mit dem in diesen Fällen üblicherweise verwendeten Antibiotikum Vancomycin verglichen haben.

Wegen vorzeitigem Erfolg abgebrochen

In einer dieser randomisiert-kontrollierten Studien aus dem Jahr 2013 untersuchte ein Team von Wissenschaftlern, ob eine Stuhltransplantation wiederkehrende Infektionen mit dem Bakterium Clostridium difficile stoppen kann [2]. Dabei wurden insgesamt 42 Patienten, die unter wiederkehrenden, hartnäckigen Durchfällen aufgrund einer Clostridien-Infektionen, litten, per Los einer von drei Gruppen zugeteilt. 16 Patienten bekamen Spenderkot, der zuvor untersucht und mit Kochsalzlösung verdünnt worden war, über eine Nasensonde direkt in den Dünndarm injiziert. Die Personen der beiden Vergleichsgruppen erhielten entweder das Antibiotikum Vancomycin oder Vancomycin in Kombination mit einer Darmreinigung.

Die ersten Ergebnisse waren vielversprechend, daher beschlossen die Wissenschaftler eine Zwischenanalyse: Von 16 Erkrankten, die eine Fremdkotspende erhalten hatten, wurden 13 schon nach der ersten Stuhltransplantation gesund. Zwei weitere Personen wurden nach einer abermaligen Behandlung mit dem Stuhl einer anderen, gesunden Person ihren Durchfall ebenfalls los.

In den Vergleichsgruppen waren es zum selben Zeitpunkt nur sieben von 26 [2]. Aufgrund dieses deutlichen Unterschieds im Behandlungserfolg brachen die Forscher die Studie vorzeitig ab, um so auch den Patientinnen und Patienten in den Kontrollgruppen eine Behandlung mit Fremdkot zu ermöglichen.

Mit lediglich 42 Teilnehmern war die Anzahl der Personen in der Studie jedoch zu klein, um wirklich aussagekräftig zu sein. So lässt sich nicht ausschließen, dass die Ergebnisse nur zufällig so positiv ausgefallen sind. Zudem könnte auch die Erwartung, eine möglicherweise gut wirksame Behandlung zu bekommen, die Heilung beschleunigt haben, denn sowohl Studienteilnehmer als auch behandelnde Ärzte wussten, wer welcher Gruppe zugelost worden war.

Ähnliche Ergebnisse

Zwei Jahre später wollte auch ein Forschungsteam aus Italien die Wirksamkeit einer Stuhltransplantation überprüfen [1]. Zu diesem Zweck teilten sie 39 Betroffene per Zufall einer von zwei Gruppen zu. Die 20 Patienten der Versuchsgruppe erhielten drei Tage lang Vancomycin, um den Darm auf eine Stuhltransplantation vorzubereiten. Anschließend bekamen sie mit Hilfe einer Darmspiegelung eine Kotspende verabreicht.

Die 19 Personen der Vergleichsgruppe wurden mindestens drei Wochen lang nur mit Vancomycin behandelt. Am Ende konnten sich 13 Patienten aus der Kottransfer- Gruppe über eine Heilung freuen. Von den verbleibenden sieben Durchfall-Patienten konnten fünf weitere mit Hilfe anderer Stuhlspenden geheilt werden. Zwei verstarben hingegen an den Folgen ihrer schweren Infektion. Von den 19 Patienten der Vancomycin-Gruppe wurden nur fünf geheilt, zwei verstarben.

Auch in dieser randomisiert kontrollierten Studie war die Teilnehmerzahl, mit nur 39 Patienten, sehr klein und damit für eine solide Beurteilung nicht optimal. Mögliche Erwartungshaltungen lassen sich in dieser Untersuchung ebenfalls nicht ausschließen.

Nicht ganz klar ist, ob die Ausgangslage der beiden Studiengruppen tatsächlich vergleichbar war. So litten in der Gruppe der Stuhltransplantation ungefähr 35 Prozent der Patienten an einer sogenannten pseudomembranösen Kolitis. Dabei handelt es sich um einen schweren Verlauf einer Clostridium difficile – Infektion, bei der es häufig zu Komplikationen kommt. Aus den Aufzeichnungen geht nicht hervor, wie viele Patienten aus der Antibiotikagruppe an dieser Form litten. So wäre denkbar, dass in der Antibiotikagruppe deshalb weniger Teilnehmer wieder gesund wurden, weil die Personen von vornherein schwerer erkrankt waren.

Grobe Mängel in dritter Studie

Auch eine dritte randomisiert kontrollierte Studie ging der Frage nach ob ein Kot-Einlauf mehr Erfolg bringt als eine sechswöchige Therapie mit Vancomycin [3]. Die Autoren fanden keinen signifikanten Unterschied zwischen den beiden Gruppen. Abgesehen von der geringen Teilnehmerzahl weist diese Studie allerdings gravierende methodische Mängel auf, Viele Fragen zur Studiendurchführung sind unklar, daher lassen sich aus dem Ergebnis keine soliden Rückschlüsse ziehen.

(AutorIn: J. Wipplinger, C. Christof, Review: B. Kerschner)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Cammarota u.a.(2015)
Studientyp: randomisiert kontrollierte Studie
Teilnehmer: 39 Patienten mit wiederholter Clostridium difficile- Infektion
Fragestellung: Wie effektiv ist Fremdkottherapie im Vergleich zur Behandlung mit einem spezifischen Antibiotikum?
Interessenkonflikte: keine bekannt

Cammarota, G., et al. (2015). Randomised clinical trial: faecal microbiota transplantation by colonoscopy vs. vancomycin for the treatment of recurrent Clostridium difficile infection. Aliment Pharmacol Ther 41(9): 835-843. (Zusammenfassung der Studie)

[2] van Nood (2013)
Studientyp: randomisiert kontrollierte Studie
Teilnehmer: 16 Personen erhielten eine Fremdkottherapie, 26 weitere wurden auf zwei Kontrollgruppen aufgeteilt
Fragestellung: Wie effektiv ist Fremdkottherapie im Vergleich zur Behandlung mit einem spezifischen Antibiotikum?
Interessenkonflikte: Die Autoren erhalten Vortrags- und Beratungsgelder von Astellas bzw. Microbex.

van Nood E, Vrieze A, Nieuwdorp M, Fuentes S, Zoetendal EG, de Vos WM, Visser CE, Kuijper EJ, Bartelsman JF, Tijssen JG, Speelman P, Dijkgraaf MG, Keller JJ: Duodenal Infusion of Donor Feces for Recurrent Clostridium difficile. N Engl J Med. 2013 Jan 16 (Studie in voller Länge)

[3] Hota u.a. (2017)
Studientyp: randomisiert kontrollierte Studie
Teilnehmer: 30 Patienten mit wiederholter Clostridium difficile-Infektion
Fragestellung: Wie effektiv ist Fremdkottherapie im Vergleich zur Behandlung mit einem spezifischen Antibiotikum?
Interessenkonflikte: Einige Autoren erhalten Honorare von Pharmafirmen

Hota, S. S., et al. (2017). Oral Vancomycin Followed by Fecal Transplantation Versus Tapering Oral Vancomycin Treatment for Recurrent Clostridium difficile Infection: An Open-Label, Randomized Controlled Trial. Clin Infect Dis 64(3): 265-271 (Zusammenfassung der Studie)

Weitere wissenschaftliche Quellen

[4] Health Quality Ontario (2016)
Fecal Microbiota Therapy for Clostridium difficile Infection: A Health Technology Assessment. Ont Health Technol Assess Ser. 2016 Jul 1;16(17):1-69. (Übersichtsarbeit in voller Länge)

[5] Li u.a. (2016)
Li, Y. T., et al. (2016). Systematic review with meta-analysis: long-term outcomes of faecal microbiota transplantation for Clostridium difficile infection. Aliment Pharmacol Ther 43(4): 445-457. (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

[6] Rossen u.a. (2015)
Rossen, N. G., et al. (2015). Fecal microbiota transplantation as novel therapy in gastroenterology: A systematic review. World J Gastroenterol 21(17): 5359-5371. (Übersichtsarbeit in voller Länge)

[7] O’Horo, J. C., et al. (2014)
O’Horo, J. C., et al. (2014). Treatment of recurrent Clostridium difficile infection: a systematic review. Infection 42(1): 43-59. (Übersichtsarbeit in voller Länge)

[8] Guo u.a. (2012)
Guo B, Harstall C, Louie T, Veldhuyzen van Zanten S, Dieleman LA. Systematic review: faecal transplantation for the treatment of Clostridium difficile-associated disease. Aliment Pharmacol Ther. 2012 Apr;35(8):865-75 (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit) https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/22360412

[9] Kassam u.a. (2013)
Kassam, Z., et al. (2013). Fecal microbiota transplantation for Clostridium difficile infection: systematic review and meta-analysis. Am J Gastroenterol 108(4): 500-508. (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

[10] UpToDate (2017)
Ciarán P Kelly, Clostridium difficile in adults: Treatment. Abgerufen am 08.10.2017 unter www.uptodate.com/contents/clostridium-difficile-in-adults-treatment