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Fluoreszierende Hirntumore unter dem Messer

Fluoreszenzfarbstoffe

Fluoreszenzfarbstoffe

Bösartige Hirntumore, die vor der Operation mit einem speziellen Farbstoff angefärbt werden, können leichter herausoperiert werden und verbessern damit die Therapiechancen, so ein Artikel in der NÖN. Die Methode führt zwar zu einer kurzfristigen Lebensverlängerung, ob aber insgesamt mehr Tumor-Patienten überleben ist unklar.
 

 

Zeitungsartikel: Hirntumoren wird Kampf angesagt  (14. 11. 2011, NÖN)
Frage:Hilft das Anfärben von Hirntumoren mit dem Farbstoff Aminolevulinsäure vor der Operation, Patienten länger zu überleben?
Antwort:Die Operation von Hirntumoren, die mit Aminolevulinsäure angefärbt wurden, ist vollständiger als ohne Anfärbung. Auch wenn der Tumor in der ersten Zeit nach der Operation bei weniger Patienten zurückkehrte, ist unklar, ob auch die Langzeit-Überlebensrate größer ist.
Beweislage:
Ungenügende wissenschaftliche Beweislage

Operationen am Gehirn zählen zu den kompliziertesten und folgenreichsten chirurgischen Eingriffen. Soll etwa ein Hirntumor operiert werden, muss der Chirurg oder die Chirurgin besonders vorsichtig sein, um zwar möglichst den gesamten Tumor, nicht aber gesundes Hirngewebe herauszuschneiden. Schließlich kann die Entfernung von gesunden Teilen des Gehirns zu schweren und unwiederbringlichen Beeinträchtigungen der Wahrnehmung oder des Denkvermögens führen.

Ein Farbstoff, der vom Patienten einige Stunden vor der Operation getrunken wird und dann Tumorgewebe im Gehirn anfärbt, klingt wie eine willkommene Hilfe für operierende Ärzte. Tatsächlich lagert sich der Farbstoff namens Aminolevulinsäure nur in bösartigem Tumorgewebe an, das dann unter speziellem Licht rot fluoresziert, während gesunde Teile des Gehirns nicht angefärbt werden. Auf diese Art ist der Hirntumor besser von gesundem Gewebe zu unterscheiden, auch wenn eine Operation mit dieser Technik dennoch eine spezielle Schulung und viel Erfahrung braucht.

Manche Hirntumore mit schlechter Prognose

Hirntumore sind mit rund 5 unter 100 000 Betroffenen in Österreich relativ selten. Der überwiegende Teil davon entsteht aus entarteten Gliazellen, welche normalerweise die Nervenzellen des Gehirns in ihrer Funktion unterstützen. Ärzte bezeichnen diese Tumore daher als Gliome. Allerdings kann Aminolevulinsäure nur die aggressiveren Gliome mit ohnehin schlechten Heilungschancen anfärben, während Tumore mit besserer Prognose den Farbstoff nicht aufnehmen.

Ein Hauptproblem bei solch besonders aggressiven Gliomen ist, dass oft unentdeckt Krebszellen in umliegendes Hirngewebe eingewandert sind. Selbst wenn das sichtbare Tumorgewebe vollständig entfernt werden kann, was nicht immer gelingt, wächst der Tumor daher nach einiger Zeit oft wieder nach.

Standardmäßig setzen Ärzte daher nach einer möglichst vollständige operative Entfernung des entarteten Gewebes auf Chemotherapie sowie mehrfache radioaktive Bestrahlung der betroffenen Hirnregion. Dies soll die Chance erhöhen, auch unentdeckte Krebszellen abzutöten.

Teilerfolge, aber Erhöhung der Überlebensrate unklar

Zum Einsatz von Aminolevulinsäure speziell bei Hirntumoren wurde nur eine größere Studie durchgeführt [1]. Der Farbstoff ist schon länger – etwa zur Markierung von bösartigen Tumoren der Harnblase – in Anwendung. Wie eine systematische Übersichtsarbeit zeigt [2], kann eine Operation von Blasen-Tumoren nach Anfärbung mit Aminolevulinsäure oder einem verwandten Farbstoff die Wahrscheinlichkeit eines Nachwachsens des Tumors verringern.

Diese Ergebnisse lassen sich aber nicht einfach so auf Hirntumore übertragen. In einer Studie [1] an 322 Patienten mit bösartigen Gliomen wurde etwa die Hälfte auf herkömmliche Art operiert, während die andere Hälfte zuvor den Farbstoff Aminolevulinsäure zu sich nahm. Dabei zeigte sich zwar, dass die vollständige Entfernung des Tumorgewebes bei mehr Patienten mit angefärbtem Tumor gelang, nach 15 Monaten war der Tumor jedoch in beiden Gruppen in den meisten Fällen zurückgekehrt (in 94 von 100 Fällen bei der Farbstoff-Gruppe und in 96 von 100 Fällen in der Gruppe, die gewöhnlich operiert wurde).

Immerhin zeigte sich, dass die Färbemethode die Zeit, bis der Tumor zurückgekehrt war, ein wenig verlängerte. Während die Patienten, die sich einer Aminolevulin-unterstützter Operation unterzogen hatten, durchschnittlich 5,1 Monate tumorfrei blieben, waren es in der normal operierten Gruppe nur 3,6 Monate.

Das wichtigste Kriterium aber – die Anzahl der Patienten, die auch nach längerer Zeit noch überlebte – konnte in der Studie nicht verglichen werden, da dafür zu wenig Patienten untersucht wurden. Ob die Operation mit Hilfe von Aminolevulinsäure daher zu einer größeren Anzahl an langfristig geheilten Patienten führt, ist unklar.

Nebenwirkungen nicht bei allen Patientengruppen getestet

In den Informationsunterlagen [3] der Europäischen Arzneimittelbehörde EMA wird ausdrücklich darauf hingewiesen, dass das für Hirntumore zugelassene Aminolevulinsäure-hältige Präparat nicht an allen Patientengruppen getestet wurde. So gibt es beispielsweise keine Daten zu Patienten mit Leber- oder Nierenschäden sowie zu den Auswirkungen auf Ungeborene, gestillte Säuglinge oder andere Kinder.

An Nebenwirkungen kommt es sehr häufig (mehr als 1 von 10 Fällen) zu Störungen des Blutbilds. In mehr als 1 von 100 Fällen treten Übelkeit und Erbrechen auf, und es kann zur Bildung von Blutgerinnseln kommen. Generell wird nach Einnahme der Farbstofflösung eine stark erhöhte Lichtempfindlichkeit beobachtet.

(AutorIn: B. Kerschner, Review: M. Strobelberger, K. Thaler)

Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Stummer (2006)
Studientyp: Randomisiert-kontrollierte klinische Studie
Teilnehmer: 322 Patienten mit bösartigen Hirntumoren (Gliome)
Dauer: im Durchschnitt 35 Monate
Vergleich: Zeit bis zur Rückkehr des Tumors sowie insgesamte Überlebensrate bei Patienten, die nach Aminolevulinsäure-Einnahme operiert wurden und solchen mit gewöhnlich durchgeführten Operationen.

Titel: „Fluorescence-guided surgery with 5-aminolevulinic acid for resection of malignant glioma: a randomised controlled multicentre phase III trial.“ Lancet Oncol 7(5): 392-401. (Zusammenfassung der Studie)

[2] Kausch u.a. (2010)
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse
Anzahl der inkludierten Studien: 17 randomisiert-kontrollierte Studien
Teilnehmerinnen insgesamt: > 2000 Patienten mit bösartigen Blasentumoren
Vergleich: u.a. Wahrscheinlichkeit des Wiederauftretens des Tumors bei Patienten, die mit Hilfe von Aminolevulinsäure oder dem verwandten Farbstoff Hexylaminolaevulinsäure operiert wurden und solchen mit herkömmlichen Operationen.

Titel: „Photodynamic diagnosis in non-muscle-invasive bladder cancer: a systematic review and cumulative analysis of prospective studies“. Eur Urol. 2010 Apr;57(4):595-606. (Zusammenfassung der Studie)

Andere wissenschaftliche Quellen

[3] Informationen der Europäischen Arzneimittelbehörde EMA über das für Gliom-Operationen zugelassene Aminolevulinsäure-Präparat. (Link)