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„Wundermittel“ Fischöl auch gegen Depression?

Fisch gegen Stimmungstiefs?

Fisch gegen Stimmungstiefs?

In einem Artikel in den Salzburger Nachrichten empfiehlt eine Ernährungsexpertin, Stimmungstiefs an trüben Herbsttagen mit Fisch zu bekämpfen. Die darin enthaltenen Omega-3-Fettsäuren sollen Depressionen lindern können. Wissenschaftlich belegen lässt sich diese Behauptung allerdings schwer.

Zeitungsartikel: Die Winterdepression mit Ernährung bekämpfen  (25. 10. 2011, Salzburger Nachrichten)
Frage:Können Omega-3-Fettsäuren Depressionen und depressive Stimmungen lindern?
Antwort:Es gibt Hinweise auf eine Depressions-lindernde Wirkung durch Omega-3-Fettsäuren, diese ist jedoch unsicher. Für eine Wirksamkeit gegen leichte Formen von depressiver Verstimmung gibt es jedoch keine Belege.
Beweislage:
Niedrige wissenschaftliche Beweislagefür die Wirksamkeit

Ständige Erschöpftheit, das Unvermögen, Freude zu empfinden für Tätigkeiten, die man früher gern hatte, Hoffnungslosigkeit – all das sind Anzeichen einer Depression. Diese ist häufiger als man annehmen möchte – etwa jeder zehnte Einwohner westlicher Länder leidet zumindest einmal im Leben darunter.

Besonders im Herbst und Winter, wenn die Tage kürzer werden, tritt die sogenannte Winterdepression auf. Während eine Depression gewöhnlicherweise mit Appetitlosigkeit und Schlafstörungen einhergeht, tritt bei einer Winterdepression verstärkter Heißhunger auf süße und stärkehaltige Speisen sowie ein erhöhtes Schlafbedürfnis auf. Die Angaben zur Verbreitung der Winterdepression schwanken je nach Land zwischen 0 und 10 von 100 Einwohnern, wobei sie in nördlicheren Ländern etwas häufiger ist.

In einem Artikel in den Salzburger Nachrichten vom 25. Oktober erklärt eine Ernährungswissenschaftlerin, dass sich Winterdepressionen mit der richtigen Ernährung bekämpfen ließen. Ihr Tipp, an trüben Wintertagen die Laune mit Süßem zu heben, dürfte Betroffenen aufgrund des üblicherweise als Begleiterscheinung auftretenden Heißhungers auf Süßes nicht schwer fallen. Interessant ist aber ihre Empfehlung, viel Fisch zu essen, da die darin enthaltenen Omega-3-Fettsäuren angeblich Depressionen lindern könnten.

Dieser Art von Fettsäuren, die in fetthaltigem Fisch, aber auch etwa in Leinsamen-, Raps- oder Sojaöl vorkommen, wurden in den letzten Jahren wahre Wunder nachgesagt. So boomt etwa auch das Geschäft mit Fischöl-Kapseln als Nahrungsergänzungsmittel. Die genaue Funktionsweise dieser speziellen Fettsäuren bei Erwachsenen ist allerdings noch kaum erforscht. Zumindest bei der Hirnentwicklung von Säuglingen scheinen Omega-3-Fettsäuren eine Rolle zu spielen. Wir haben uns angeschaut, ob Omega-3-Fettsäuren bei Erwachsenen tatsächlich Depressionen lindern können.

Tatsächlicher Effekt oder verfälschte Studienergebnisse?

Zwei systematische Übersichtsarbeiten aus den letzten Jahren [1, 2] untersuchten alle bisher verfügbaren wissenschaftlichen Untersuchungen zur Auswirkung von Omega-3-Fettsäuren auf Symptome einer Depression. Dabei kamen beide Arbeiten zu einem ähnlichen Ergebnis.

Werden die Einzelergebnisse aller randomisiert-kontrollieren Studien, die in den Übersichtsarbeiten berücksichtigt wurden, zusammengerechnet (man spricht von einer Meta-Analyse), zeigen Omega-3-Fettsäuren tatsächlich eine gewisse Depressions-lindernde Wirkung. Dieser Effekt scheint zwar merkbar, aber nicht sehr groß zu sein.

Allerdings sind die Ergebnisse der knapp 30 in die beiden Meta-Analysen einbezogenen Studien sehr unterschiedlich. Auffällig ist vor allem, dass gerade Studien, die an besonders wenigen Teilnehmern durchgeführt wurden, eine große Wirksamkeit zeigen, während größere Studien zu einem meist neutraleren Ergebnis kommen. Dies kann darauf hindeuten, dass kleine Studien, die keine Wirksamkeit von Omega-3-Fettsäuren nachweisen konnten, gar nicht erst veröffentlicht worden sind.

Weiters kamen diejenigen Studien, die eher von minderer wissenschaftlicher Güte waren, eher zu einem positiven Ergebnis als wissenschaftlich stichfester durchgeführte Untersuchungen. Nachdem es sich bei Nahrungsergänzungsmitteln mit Omega-3-Fettsäuren wie Fischöl-Kapseln um eine gewinnträchtige Industrie handelt, wäre also eine gewisse Beeinflussung der Ergebnisse aufgrund kommerzieller Interessen nicht undenkbar.

In einem Punkt jedoch kommen beide systematische Übersichtsarbeiten zu einem klaren Ergebnis: Hinweise auf eine Wirksamkeit von Omega-3-Fettsäuren finden sich höchstens bei schwereren Formen einer Depression. Auf leichte depressive Verstimmungen scheint die Einnahme von Omega-3-Fettsäuren hingegen gar keinen Einfluss zu haben.

Abschließend ist noch zu bedenken, dass in sämtlichen berücksichtigten Untersuchungen nur die Einnahme von reinen Omega-3-Fettsäure-hältigen Ölen, nicht aber der Verzehr von Fisch untersucht wurde. Da verschiedene Fische unterschiedliche Konzentrationen verschiedener Omega-3-Fettsäuren enthalten, kann nicht unbedingt darauf geschlossen werden, dass regelmäßiger Fischkonsum eine ähnliche Wirkung hat. Zudem können viele Fische unterschiedlich stark mit gesundheitsschädlichen Schwermetallen wie etwa Quecksilber belastet sein, was in den Untersuchungen nicht berücksichtigt wurde.

(AutorIn: B. Kerschner, Review: M. Strobelberger, K. Thaler)

Information zu den wissenschaftlichen Studien

Martins (2009)
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse
Anzahl der eingeschlossenen Studien: 28 randomisiert-kontrollierte Studien
Teilnehmer insgesamt: 1953 (in 23 Studien unter 100, größte Studie mit 302 Teilnehmern)
Vergleich: Auswirkung der Einnahme von Omega-3-Fettsäure-hältigen Nahrungsergänzungsmitteln oder Placebo auf die Symptome einer Depression

Titel: „EPA but not DHA appears to be responsible for the efficacy of omega-3 long chain polyunsaturated fatty acid supplementation in depression: evidence from a meta-analysis of randomized controlled trials.“ J Am Coll Nutr 28(5): 525-542. (Studie im Volltext)

Appleton u. a. (2010)
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse
Anzahl der eingeschlossenen Studien: 29 randomisiert-kontrollierte Studien
Teilnehmer insgesamt: 2568 (davon 21 Studien unter 100 Teilnehmer)
Vergleich: Auswirkung der Einnahme von Omega-3-Fettsäure-hältigen Nahrungsergänzungsmitteln oder Placebo auf die Symptome einer Depression

Titel: „Updated systematic review and meta-analysis of the effects of n-3 long-chain polyunsaturated fatty acids on depressed mood.“ Am J Clin Nutr 91(3): 757-770.(Studie im Volltext)