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Feldenkrais: Hilfe für Nacken und Rücken?

Eine falsche Haltung fördert Nackenschmerzen

Eine falsche Haltung fördert Nackenschmerzen

Feldenkrais soll Schmerzen in Nacken und Rücken lindern. Ob die Bewegungsübungen helfen, ist unzureichend erforscht.

Frage: Ist die Feldenkrais-Methode wirksam gegen Schmerzen und Verspannungen in Nacken, Schultern und Rücken?
Antwort:wissenschaftliche Belege fehlen
Erklärung:Bisher durchgeführte Studien sind zu wenig vertrauenswürdig, um diese Frage beantworten zu können.

Eine Fehlhaltung kann Ursache für Schmerzen in Nacken und Rücken sein. Gegen die Beschwerden sollte eine bessere Körperhaltung helfen.

Doch die eigene Haltung zu verändern ist leichter gesagt als getan. Denn wie wir sitzen, stehen oder gehen ist uns selten bewusst. Lassen sich die stark verinnerlichten sprichwörtlichen Haltungsmuster dennoch ändern?

Fehlhaltungen verlernen

Laut Feldenkrais-Methode ist das durchaus möglich – indem man die „falschen“ Haltungen verlernt und die „richtigen“ Haltungen einübt. Dafür gibt es zahlreiche eigens entwickelte Bewegungsübungen nach Feldenkrais.

Wir wollten wissen, ob diese Theorien auch in der Praxis helfen. Wird man Verspannungen und Schmerzen in Nacken, Schultern und Rücken los, wenn man mindestens einen Monat lang Feldenkrais betreibt?

Wirksamkeit beweisen

Wenn die Feldenkrais-Methode wirkt, dann ließe sich dies folgendermaßen belegen – mit einer großen Gruppe von Menschen, die an Nacken-, Schulter- oder Rückenschmerzen leiden: Per Los und damit zufällig bestimmt, würde eine Gruppe regelmäßig an Feldenkrais-Übungen teilnehmen. Die andere Gruppe wäre die Kontrollgruppe, die keine Behandlung bekommt oder eine Therapie mit gut belegtem Nutzen.

Sind die Schmerzen in der Feldenkrais-Gruppe am Ende weniger stark als in der Kontrollgruppe, wäre das der Beweis, dass die Feldenkrais-Methode geholfen hat.

Keine Beurteilung möglich

Nach unserer Suche in mehreren Forschungsdatenbanken konnten wir nur drei Studien [1-3] auswerten. Sie wurden ansatzweise nach den oben genannten Prinzipien durchgeführt.

Die Betroffenen hatten Nacken- und Schulterschmerzen [1,2] oder Kreuzschmerzen [3]. Klare Hinweise darauf, dass Feldenkrais die Beschwerden lindert, konnten die Studienautorinnen und -autoren keine finden. Allerdings sind die Untersuchungen sehr mangelhaft und damit nicht aussagekräftig.

Ob Feldenkrais eine wirksame Methode gegen Schmerzen ist, können wir daher zum jetzigen Zeitpunkt weder bestätigen noch ausschließen. Antworten können nur besser gemachte Studien geben.

Was ist Feldenkrais?

Trainerinnen und Trainer bieten Feldenkrais in Form von Gruppeneinheiten oder Einzelsitzungen an. In der Gruppe machen die Teilnehmenden nach Anleitung Bewegungsübungen im Liegen, Sitzen oder Stehen. Der Feldenkrais-Lehre zufolge geht es dabei vor allem ums Nachspüren und Bewusstmachen der Bewegungen.

In den Einzelsitzungen sind die Behandelten passiv und lassen Gliedmaßen und Kopf von Trainerin oder Trainer bewegen. Auch hier geht es ums Nachspüren. So soll der Körper befähigt werden, bisher verinnerlichte Haltungs- und Bewegungsmuster umzulernen.

Namensgebender Erfinder

Erfinder der Methode ist der 1984 verstorbene Physiker und Judo-Sportler Moshé Feldenkrais. Grundlage waren eigene Erfahrungen und Überzeugungen. Eine wissenschaftliche Bestätigung für die Wirksamkeit von Feldenkrais gibt es bisher nicht.

Was tun bei Nacken- und Rückenschmerzen?

Für chronische (wiederkehrende oder anhaltende) Schmerzen in Nacken und Rücken kann es mehrere Ursachen geben: zum Beispiel ein Verschleiß der Wirbelsäule oder ein Bandscheibenvorfall.

Die Beschwerden können auch die Folge einer Überlastung sein – etwa durch langes Sitzen am Schreibtisch in ungünstiger Haltung. Oder psychische Belastungen und Stress können zugrunde liegen.

Schwache Muskeln stärken

Wenn eine schwache Muskulatur die Ursache ist, dann können Bewegungsübungen zur Stärkung der Rückenmuskeln helfen. Ob stärkende Bewegungsübungen bei Nackenschmerzen wirksam sind, ist nicht gut untersucht.

Weitere Informationen zu Rücken- und Nackenschmerzen finden Sie auf der unabhängigen Webseite Gesundheitsinformation.de:

Alexander-Technik

Einen ähnlichen Ansatz wie Feldenkrais hat übrigens die Alexander-Technik. Dazu haben wir bereits einen Beitrag veröffentlicht.

 

Die Studien im Detail

Um die Wirksamkeit der Feldenkrais-Methode bei Rücken- und Nackenschmerzen einschätzen zu können, haben wir drei Forschungsdatenbanken durchsucht. Finden wollten wir randomisiert-kontrollierte Studien. Das ist jener Studientyp mit der höchsten Aussagekraft.

Dabei werden die Teilnehmenden per Zufall (randomisiert) mehreren Gruppen zugeteilt. Die Interventionsgruppe nimmt regelmäßig an Feldenkrais-Übungen teil. Personen aus einer oder mehreren Kontrollgruppen erhalten zum Vergleich keine Behandlung oder eine Therapie mit gut belegtem Nutzen.

Trotz intensiver Suche konnten wir nur drei Studien ausfindig machen, die diesen Kriterien prinzipiell entsprachen. Dennoch hatten sie diverse schwere Mängel. Unsere Frage nach der Wirksamkeit der Feldenkrais-Methode konnten sie aufgrund der geringen Aussagekraft nicht beantworten.

Industriearbeiterinnen mit Nackenschmerzen

Eine Studie aus dem Jahr 1999 untersuchte 97 schwedische Industriearbeiterinnen [1]. Sie litten an Nacken- oder Schulterschmerzen und wurden drei Gruppen zugelost.

Eine Gruppe nahm 16 Mal an wöchentlichen Feldenkrais-Sitzungen teil. Eine zweite Gruppe bekam Physiotherapie-Stunden. Die dritte Gruppe erhielt keine Behandlung. Die Studienleitung hatte ihr jedoch versprochen, nach Abschluss der Studie ebenfalls an Feldenkrais-Einheiten teilnehmen zu können.

Trotz zufälliger Aufteilung gab es in der Feldenkrais-Gruppe zu Beginn deutlich mehr Teilnehmerinnen, bei denen die Schmerzen zu Studienbeginn besonders stark waren. Das schätzen wir als problematisch ein: Wenn es deutliche Unterschiede zwischen den Gruppen gibt, ist der Vergleich am Ende der Studienlaufzeit möglicherweise nicht fair.

Hinzu kommt, dass die Beschwerden der Probandinnen offenbar nicht alle zum selben Zeitpunkt erfasst worden sind. Das Studienleitungsteam gibt nur an, dass die Teilnehmerinnen im Durchschnitt eineinhalb Monate nach Behandlungsende befragt worden sind. Auf diese Art lassen sich Unterschiede in den Beschwerden zu Studienende nicht objektiv beurteilen.

Ein weiterer großer Mangel ist, dass nur 58 der 97 Arbeiterinnen bis zum Ende der Studie teilgenommen haben, also 40 Prozent der Daten in der Endauswertung fehlten. Die Datenlücke hat die Ergebnisse vielleicht verzerrt. Zudem ist die Anzahl der Testpersonen viel zu klein für aussagekräftige Ergebnisse.

Als die Studienleitung zu Studienende die Beschwerden der drei Gruppen verglich, fand sie keine Unterschiede zwischen den drei Gruppen. Aufgrund der vielen Probleme mit der Durchführung ist dieses Ergebnis aber nicht vertrauenswürdig.

Studie mit Sehbehinderten

Eine 2014 veröffentlichte Studie untersuchte 61 Schwedinnen und Schweden mit einer Sehbehinderung. Sie alle litten an Nacken- oder Schulterschmerzen [2].

Die Hälfte wurde der Interventionsgruppe zugelost; sie absolvierten 12 Wochen lang jeweils eine Feldenkrais-Sitzung. Die andere Hälfte erhielt keine Behandlung, aber das Versprechen, nach Studienende ebenfalls an Feldenkrais-Sitzungen teilnehmen zu können.

Von 61 Testpersonen blieben 14 nicht bis zum Ende der Studie. Das Fehlen dieser Daten hat vielleicht das Endergebnis verzerrt. Auch die Anzahl der Testpersonen war zu gering für aussagekräftige Ergebnisse.

Zu Beginn und Ende der Studie wurde durch Fragebögen und Interviews erfasst, welche Beschwerden die Teilnehmenden hatten, zum Beispiel Schmerzen bei Berührungen. Doch hier gab es diverse Fehlerquellen.

Auch wurden viele verschiedene Messgrößen erhoben. Allerdings: Je mehr Erhebungen, umso eher findet sich zufallsbedingt ein Bereich mit einem vermeintlichen „Unterschied“. Insgesamt ist die Studie nicht aussagekräftig – auch wenn die Studienautoren ihre Ergebnisse nicht zugunsten von Feldenkrais interpretiert haben.

Dissertation zu Rückenschmerzen

Im Rahmen einer Dissertation wurden 30 Personen mit chronischen Kreuzschmerzen untersucht [3]. Eine Gruppe nahm 8 Wochen lang an Feldenkrais-Übungen teil, kombiniert mit einem Virtual-Reality-Programm. Die Kontrollgruppe absolvierte ein Programm mit Bewegungsübungen. Für Bewegungsübungen ist gut belegt, dass sie bei Rückenschmerzen helfen [5].

Auch diese Studie hat mehrere Mängel. Nur 21 der 30 Teilnehmenden haben die Studie abgeschlossen – das Fehlen von einem knappen Drittel der Daten hat die Ergebnisse vielleicht verzerrt. Zudem unterschieden sich die beiden Gruppen schon zu Studienbeginn im Ausmaß der Beschwerden, was einen fairen Vergleich erschwert.

Zu Studienende zeigte sich kein deutlicher Unterschied zwischen den beiden Gruppen. Aufgrund der Mängel und der geringen Anzahl an Testpersonen lässt sich daraus aber nicht schließen, dass die Kombination aus Feldenkrais und Virtual-Reality-Programm ähnlich gut wirkt wie Bewegungsübungen.

Nicht-berücksichtigte Studien

Bei unserer Recherche sind wir auf zwei weitere Studien gestoßen. Weil sie nicht geeignet sind, die Wirksamkeit der Feldenkrais-Methode zu beurteilen, haben wir sie nicht in unserer Auswertung berücksichtigt.

Eine Studie [4] hat die Feldenkrais-Methode mit einer klassischen Rückenschule verglichen. Die Autorenteams wollen darin festgestellt haben, dass beide Methoden zu einer vergleichbaren Schmerzlinderung führen. Für Rückenschulen ist der Nutzen jedoch nicht belegt [5-7], daher ist es unmöglich, aus der Studie auf den Effekt der Feldenkrais-Behandlung zu schließen.

Die zweite Studie [8] hat untersucht, ob Rückenschmerzen im Anschluss an eine einzige Feldenkrais-Einheit geringer waren. Wir wollten jedoch wissen, ob sich die Beschwerden längerfristig bessern.

(AutorIn: B. Kerschner, Review: J. Harlfinger, J. Meixner)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Lundblad u.a. (1999)
Studienart: randomisiert-kontrollierte Studie
Teilnehmende: 97 Industriearbeiterinnen mit Nacken-Schulter-Beschwerden, davon nur 58 ausgewertet
Studiendauer: 16 Wochen Behandlung, Erhebung der Schmerzen durchschnittlich 5 Monate vor Behandlungsbeginn und durchschnittlich 1,5 Monate nach Behandlungsende
Fragestellung: Lindert Feldenkrais Nacken- und Schulterschmerzen?
Interessenskonflikte: unklar

Lundblad, I., Elert, J., & Gerdle, B. (1999). Randomized controlled trial of physiotherapy and Feldenkrais interventions in female workers with neck-shoulder complaints. Journal of Occupational Rehabilitation, 9(3), 179-194. (Zusammenfassung der Studie)

[2] Lundqvist u.a. (2014)
Studienart: randomisiert-kontrollierte Studie
Teilnehmende: 61 Personen mit Seheinschränkung und Nacken- bzw. Schulterschmerzen, davon nur 47 ausgewertet
Studiendauer: 12 Wochen Behandlung, Erhebung der Schmerzen nach Behandlungsende sowie 1 Jahr nach Behandlungsbeginn
Fragestellung: Lindert Feldenkrais Nacken- und Schulterschmerzen?
Interessenskonflikte: keine laut Forschungsgruppe

Lundqvist LO, Zetterlund C, Richter HO. Effects of Feldenkrais method on chronic neck/scapular pain in people with visual impairment: a randomized controlled trial with one-year follow-up. Arch Phys Med Rehabil. 2014 Sep;95(9):1656-61. (Zusammenfassung der Studie)

[3] Sobie (2016)
Studienart: randomisiert-kontrollierte Studie (Dissertation)
Teilnehmende: 30 Personen mit chronischen Kreuzschmerzen
Studiendauer: 8 Wochen
Fragestellung: Lindert eine Kombination aus Feldenkrais mit einem Virtual-Reality-Programm chronische Kreuzschmerzen besser als Bewegungsübungen?
Interessenskonflikte: Angaben fehlen

Sobie, T. J. (2016). Body schema acuity training and Feldenkrais® movements compared to core stabilization biofeedback and motor control exercises: Comparative effects on chronic non-specific low back pain in an outpatient clinical setting: A randomized controlled comparative efficacy study (Doctoral dissertation, Saybrook University). (Arbeit in voller Länge)

Weitere Quellen

[4] Paolucci u.a. (2017)
Paolucci T, Zangrando F, Iosa M, De Angelis S, Marzoli C, Piccinini G,
Saraceni VM. Improved interoceptive awareness in chronic low back pain: a comparison of Back school versus Feldenkrais method. Disabil Rehabil. 2017 May;39(10):994-1001. (Zusammenfassung der Studie)

[5] UpToDate (2019)
Chou R. Subacute and chronic low back pain: Nonpharmacologic and pharmacologic treatment. In Kunins L (ed.) UpToDate. Abgerufen am 15. 7. 2019 unter www.uptodate.com

[6] Parreira u.a. (2017)
Parreira P, Heymans MW, van Tulder MW, Esmail R, Koes BW, Poquet N, Lin CC,Maher CG. Back Schools for chronic non-specific low back pain. Cochrane Database Syst Rev. 2017 Aug 3;8:CD011674. (Übersichtsarbeit in voller Länge)

[7] Poquet u.a. (2016)
Poquet N, Lin CW, Heymans MW, van Tulder MW, Esmail R, Koes BW, Maher CG. Back schools for acute and subacute non-specific low-back pain. Cochrane Database Syst Rev. 2016 Apr 26;4:CD008325. (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

[8] Smith u.a. (2001)
Smith, A. L., Kolt, G. S., & McConville, J. C. (2001). The effect of the Feldenkrais method on pain and anxiety in people experiencing chronic low back pain. New Zealand Journal of Physiotherapy. (Zusammenfassung der Studie)