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Falsche Partner-Wahl durch die Pille?

Anti-Baby-Pille

Anti-Baby-Pille

Die Anti-Baby-Pille führt Frauen laut Kronenzeitung zur Wahl eines falschen Partners und kann Beziehungen gefährden. Starke Worte, für die es so keine wissenschaftlichen Belege gibt, auch wenn einzelne Studien einen leichten Zusammenhang zwischen Pille und Auswahl eines Partners finden.
 

 

Zeitungsartikel: Anti-Baby-Pille bringt Frauen zum falschen Partner (Krone, 13. 8. 2008)
Frage:Wirkt sich die Einnahme der Anti-Baby-Pille nachteilig auf die Partnerwahl aus? (Leser-Anfrage)
Antwort:Auch wenn einzelne Studien einen leichten Zusammenhang zwischen Einnahme der Pille und Wahl eines Partners finden, gibt es keinen Hinweis darauf, dass sie die Partnerwahl negativ beeinflusst.
Beweislage:
Ungenügende wissenschaftliche Beweislage

Die Anti-Baby-Pille gehört in vielen europäischen Ländern zu den beliebtesten Verhütungsmitteln. In Österreich greifen rund 30 von 100 Frauen, die in einer Partnerschaft leben, auf sie zurück. Da weckt die Meldung der Kronenzeitung (vom 13. 8. 2008), dass diese Methode der Verhütung Frauen zur Wahl ungeeigneter Partner verleiten soll, einiges an Aufmerksamkeit. So wird von einer „Störung der instinktiven Partnerwahl“ berichtet, die mitunter sogar zum Auseinanderbrechen von Beziehungen führen könne.

Körpergeruch, sexuelle Anziehung und Zyklus

Grundlage für diese Behauptungen ist die in der Wissenschaft nach wie vor nicht vollständig geklärte Theorie, dass bestimmte Gene, die eine wichtige Rolle für das Immunsystem spielen, die Partnerwahl beeinflussen können. Manche Wissenschafter nehmen an, dass diese speziellen Immunsystem-Gene (sogenannte MHC-Gene) für den jeweils typischen Körpergeruch einer Person verantwortlich sind, auch wenn der Mechanismus dafür noch unklar ist.

Heterosexuelle Menschen finden dieser Theorie zufolge den Körpergeruch eines Vertreters des anderen Geschlechts besonders dann attraktiv, wenn dessen MHC-Gene sich am meisten von den eigenen unterscheiden. Evolutionsbiologen glauben, dass so eine möglichst große Auswahl an unterschiedlichen Immunsystem-Genen für den Nachwuchs sichergestellt werden könnte, was die Widerstandsfähigkeit gegenüber Krankheitserregern verbessern soll. Auch wenn einige Untersuchungen an Labortieren diese Theorien teilweise stützen, sind die Ergebnisse von menschlichen Studien hier nicht eindeutig.

Die Anti-Baby-Pille ahmt gewissermaßen den Hormon-Zustand während einer Schwangerschaft nach und wirkt so durch die Verhinderung eines Eisprungs empfängnisverhütend.

Einige Untersuchungen liefern Hinweise darauf, dass Frauen während der fruchtbaren Phase in der Mitte des Zyklus bestimmte Merkmale bei Männern attraktiver finden als sonst. Da der Eisprung durch die Einnahme der Pille ausbleibt und mit ihm entsprechende hormonelle Schwankungen, vermuten manche Forscher, dass dies auch eine Auswirkung auf das Attraktivitätsempfinden von Frauen hat, die die Pille nehmen.

Zusammenhang zwischen Pille, Körpergeruch und Partnerwahl

Die erste Studie, die sich dem vermuteten Zusammenhang zwischen MHC-Unterschiedlichkeit und als attraktiv empfundenem Körpergeruch widmete, wurde bereits 1995 in der Schweiz von Claus Wedekind durchgeführt [1]. Dabei hatten rund 50 Frauen in der Mitte ihres Zyklus die Aufgabe, die Attraktivität des Geruchs von T-Shirts zu beurteilen, die zwei Nächte lang von Männern getragen wurden. In der Folge zeigte sich tatsächlich, dass Frauen in der fruchtbaren Phase ihres Zyklus den Körpergeruch von Männern eher attraktiv fanden, wenn sie ihnen genetisch unähnlicher waren. Frauen, die die Pille nahmen, bevorzugten offenbar eher Männer, deren MHC-Gene ähnlicher zu den ihren waren.

Als Wedekind zwei Jahre später sein Experiment wiederholte [2], konnte er die Vorliebe für Männer mit unähnlichem MHC-Profil bei Frauen, die keine Pille nahmen, nur mehr abgeschwächt nachweisen. Für Pillennutzerinnen konnte er diesmal kein verändertes Attraktivitäts-Empfinden mehr finden.

Die Gruppe um Craig Roberts wiederholte Wedekinds Experiment leicht abgewandelt im Jahr 2008 [3]. Bei ihren Teilnehmerinnen fanden die Forscher zwar eine Bevorzugung von Männern mit ähnlicheren MHC-Genen nach Einnahme der Pille, aber – im Gegensatz zu Wedekinds erster Studie – keine spezielle Vorliebe bei Nicht-Pillennutzerinnen.

Die wissenschaftliche Beweislage ist also alles andere als hoch, auch wenn die bisherigen Ergebnisse zeigen, dass ein derartiger Zusammenhang möglich ist. Keineswegs dürfte die immun-genetische (Un-)ähnlichkeit zwischen Mann und Frau jedoch das alleinige Kriterium für die Wahl eines Partners sein. Behauptungen, dass die Einnahme der Pille zu einer falschen Partnerwahl oder das Absetzen der Pille zum Auseinanderbrechen einer Beziehung führt, sind übertriebene Spekulationen und wissenschaftlich nicht belegt.

(AutorIn: B. Kerschner, Review: M. Strobelberger, K. Thaler)

Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Wedekind u.a. (1995)
Studientyp: Kontrollierte klinische Studie
Teilnehmerinnen: 49 (31 nahmen die Pille, 18 nicht)
Vergleich: Auswirkung der Anti-Baby-Pille auf die Präferenz von Körpergerüchen MHC-ähnlicher und MHC-unähnlicher Männer.

Titel: MHC-dependent mate preferences in humans. Proc Biol Sci. 1995 Jun 22;260(1359):245-9. (Zusammenfassung der Studie)

[2] Wedekind & Füri (1997)
Studientyp: Kontrollierte klinische Studie
Teilnehmerinnen: 58 (32 nahmen die Pille, 26 nicht)
Vergleich: Auswirkung der Anti-Baby-Pille auf die Präferenz von Körpergerüchen MHC-ähnlicher und MHC-unähnlicher Männer.

Titel: Body odour preferences in men and women: do they aim for specific MHC combinations or simply heterozygosity? Proc Biol Sci. 1997 Oct 22;264(1387):1471-9. (Studie im Volltext)

[3] Roberts u.a. (2008)
Studientyp: Kontrollierte klinische Studie
Teilnehmerinnen: 100 (60 nahmen die Pille, 40 nicht)
Vergleich: Auswirkung der Anti-Baby-Pille auf die Präferenz von Körpergerüchen MHC-ähnlicher und MHC-unähnlicher Männer.

Titel: MHC-correlated odour preferences in humans and the use of oral contraceptives. Proc Biol Sci. 2008 Dec
7;275(1652):2715-22. (Studie im Volltext)