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Echinacea: Sonnenhut bei Erkältungen überschätzt

Wegen seines Aussehens wird Echinacea Purpura auch Roter Sonnenhut genannt

Wegen seines Aussehens wird Echinacea Purpura auch Roter Sonnenhut genannt

Echinacea ist beliebt bei Erkältungen. Dass der Extrakt dieser Pflanze wirklich hilft, ist jedoch unklar. Die Studienlage dazu ist widersprüchlich.

Frage:Helfen Mittel mit Echinacea bei einer Erkältung?
Antwort:widersprüchliche Studienlage
 
Frage:Kann Echinacea einer Erkältung vorbeugen?
Antwort:nicht (ausreichend) erforscht
Erklärung:Bisherige Studien über Echinacea zur Bekämpfung einer bereits eingetretenen Erkältung widersprechen einander. Studien zur Vorbeugung wurden mangelhaft durchgeführt und sind daher nicht aussagekräftig.

Der Himmel Grau in Grau, das Wetter nasskalt, und in der U-Bahn husten schon alle – Im Herbst und Winter ist Hochsaison für Erkältungen. Typisch dafür sind eine laufende oder verstopfte Nase, Halsweh und Husten. Manche Menschen fühlen sich auch matt und haben leichtes Fieber. Meist ist das Gröbste nach einer Woche überstanden. Der lästige Husten kann aber drei Wochen lang andauern [3].

Für jene, die nicht warten wollen, bis der Körper mit der Erkältung alleine fertig wird, gibt es ein breites Angebot an rezeptfreien Arzneien. Zu den Erkältungsmitteln, die am öftesten über den Ladentisch wandern, gehören Extrakte des Sonnenhuts, lateinisch Echinacea genannt. Vier der 50 beliebtesten Erkältungsmittel in Deutschland enthalten Extrakte aus diesen Pflanzen [4].

Wirkung von Echinacea unklar

Derzeit können wir nicht sagen, ob Produkte aus Echinacea wirklich helfen, wenn die Nase trieft und der Hals kratzt [1,2]. Der Grund ist, dass sich die Ergebnisse bisher veröffentlichter Studien dazu widersprechen.

Ähnlich unklar ist, ob Gesunde einer Erkältung vorbeugen können, wenn sie vorsorglich Präparate mit Echinacea einnehmen. Bisherige Studien dazu sind einfach zu wenig aussagekräftig [1,2].

Vielfalt verhindert den Vergleich

Problematisch für die Bewertung der Anti-Erkältungsmittel ist, dass die Studien Präparate aus unterschiedlichen Arten der Echinacea untersucht haben. Zudem bekamen manche Studienteilnehmer einen Extrakt aus den Blüten, andere einen Auszug aus den Blättern oder aus der Wurzel. Die Wirkstoffe unterschieden sich zwischen den verschiedenen Pflanzenarten und Pflanzenteilen jedoch erheblich [1]. Diese Vielfalt macht es schwer, die Ergebnisse zu vergleichen und zusammenzufassen.

Auch wenn es derzeit keine Belege dafür gibt, dass Echinacea sich zur Behandlung oder Vorbeugung von Erkältungen eignet – ausschließen lässt sich eine solche Wirkung ebenfalls nicht. Klären können dies nur zukünftige Studien mit strengeren Durchführungskriterien.

Nebenwirkungen möglich

Besser belegt sind unerwünschte Wirkungen. So können Erkältungsmittel aus Echinacea manchmal allergische Reaktionen auslösen. Ein Wissenschaftsteam berichtet in einer Studie von Hautausschlägen bei Kindern, nachdem diese Mittel aus Echinacea eingenommen haben. Ob noch andere Nebenwirkungen möglich sind, ist vor allem für Kinder und Schwangere zu wenig untersucht. Daher rät die Europäische Arzneimittelbehörde EMA diesen Frauen und Kindern bis zum Alter von zwölf Jahren, nicht zu Echinacea zu greifen [5, 6].

 

Die Studien im Detail

Ein Wissenschaftsteam der Cochrane-Vereinigung wollte wissen, ob Echinacea etwas gegen Erkältungen ausrichten kann. Bei ihrer Suche im Jahr 2013 nach Forschungsarbeiten fand das Team insgesamt 24 Studien mit 4631 Teilnehmenden. Dabei wurde die Wirkung von Echinacea mit einem wirkstofffreien Scheinmedikament (Placebo) verglichen [1].

Zehn dieser Studien waren nach streng wissenschaftlichen Kriterien durchgeführt und hätten sich eigentlich gut für weitere Analysen geeignet. Weil die Arbeiten aber unterschiedliche Echinacea-Arten und Pflanzenteile untersucht hatten, ließen sich die Ergebnisse weder vergleichen noch zusammenfassen. Nichtsdestotrotz vermuten die Autoren sehr vage, dass Blütenextrakte der violettblühenden Sonnenhutart Echinacea purpurea Erkältungssymptome am ehesten lindern könnten. Richtig gut belegt ist dies jedoch nicht.

Auch was die vorbeugende Wirkung von Echinacea angeht, waren die Daten nicht sonderlich aussagekräftig. Sie geben einen vorsichtigen Hinweis darauf, dass die regelmäßige Einnahme von Echinacea-Produkten das Auftreten einer Erkältung verhindern könnte. Dieser Effekt – sollte er tatsächlich existieren – wäre aber vermutlich eher gering [1] und würde so aussehen:

  • Wenn 1000 Personen ein wirkstofffreies Scheinpräparat einnehmen, bekommen rund 500 von ihnen eine Erkältung.
  • Von 1000 Menschen, die regelmäßig Erkältungsmittel mit Echinacea schlucken, bekommen in etwa 425 eine Erkältung.
  • Das heißt: Unter 1000 Menschen, die alle Echinacea konsumiere, wären gerade einmal 75 geschützt.

Um zu erfahren, ob wirklich etwas dran ist am Vorbeuge-Effekt und welchen Nutzen sich Konsumenten tatsächlich erwarten dürfen, wären strenger durchgeführte Studien nötig.

Ein weiteres Forschungsteam suchte im Jahr 2015 alle Studien, welche die Wirkung von Echinacea bei Kindern überprüft haben [2]. Insgesamt fand es 11 Studien mit aussagekräftigem Design, an denen 2181 Kinder teilgenommen haben. In ihrer Übersichtsarbeit kommen die Wissenschaftler zum selben Schluss wie das Cochrane-Team: die Wirkung von Echinacea ist ungeklärt.

(AutorIn: B. Kerschner, Review: J. Harlfinger, C. Christof)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Karsch-Völk u.a. (2014)
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit
Anzahl der inkludierten Studien: 24 randomisiert-kontrollierte Studien
Teilnehmer insgesamt: 4631 Kinder und Erwachsene
Fragestellung: Helfen Extrakte unterschiedlicher Echinacea-Arten zur Vorbeugung und Behandlung von Erkältungen besser als Placebo?
Interessenskonflikte: keine laut Autoren

Karsch-Völk M, Barrett B, Kiefer D, Bauer R, Ardjomand-Woelkart K, Linde K. Echinacea for preventing and treating the common cold. Cochrane Database of Systematic Reviews 2014, Issue 2. Art. No.: CD000530. (Übersichtsarbeit in voller Länge)

[2] Anheyer u.a. (2017)
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit
Anzahl der inkludierten Studien: 11 randomisiert-kontrollierte Studien
Teilnehmer insgesamt: 2181 Kinder
Fragestellung: Helfen Extrakte unterschiedlicher Echinacea-Arten zur Vorbeugung und Behandlung von Erkältungen besser als Placebo?
Interessenskonflikte: Finanzierung durch die Karl und Veronica Carstens-Stiftung, welche Naturheilkunde und Homöopathie fördert

Anheyer D, Cramer H, Lauche R, Saha FJ, Dobos G. Herbal Medicine in Children With Respiratory Tract Infection: Systematic Review and Meta-Analysis. Acad Pediatr. 2017 Jun 10. (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

Weitere wissenschaftliche Quellen

[3] IQWIG (2017)
Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen. Erkältung. Zugriff am 20. 11. 2017 unter www.gesundheitsinformation.de/erkaeltung.2642.de.html

[4] VuMA (2016)
VuMA (Arbeitsgemeinschaft Verbrauchs- und Medienanalyse). (n.d.). Ranking der beliebtesten Marken von Schnupfen- und Erkältungsmittel (Verwendung in den letzten 12 Monaten) in Deutschland in den Jahren 2014 bis 2016. In Statista – Das Statistik-Portal. Zugriff am 20. 11. 2017 unter https://de.statista.com/statistik/daten/studie/171569/umfrage/verwendete-schnupfen–und-erkaeltungsmittelmarken-in-den-letzten-12-monaten/

[5] EMA (2017)
Herbal medicine: summary for the public , Purple coneflower root
Echinacea purpurea (L.) Moench, radix; Abgerufen am: 04.09.2017 unter: www.ema.europa.eu/docs/en_GB/document_library/Herbal_-_Summary_of_assessment_report_for_the_public/2017/08/WC500233661.pdf

[6] EMA [2014]
Committee on Herbal Medicinal Products (HMPC) , Assessment report on Echinacea purpurea (L.) Moench., herba recens; Abgerufen am: 04.09.2017 unter: www.ema.europa.eu/docs/en_GB/document_library/Herbal_-_HMPC_assessment_report/2015/04/WC500185435.pdf