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„Viruprotect“: Ein Erkältungsspray gegen Viren?

Kann ein Erkältungsspray für den Rachen Schnupfenviren den Garaus machen?

Kann ein Erkältungsspray für den Rachen Schnupfenviren den Garaus machen?

Gegen lästige Erkältungsviren soll ein Spray mit dem Verdauungsenzym Trypsin helfen. Wir haben recherchiert, ob es für „Viruprotect“ gute Wirkungsnachweise gibt.

Frage:Schützt ein Erkältungsspray mit Trypsin vor Erkältungen oder verringert der Spray Erkältungsbeschwerden und -dauer?
Antwort:wissenschaftliche Belege fehlen
Erklärung:Die Frage wurde in einer sehr kleinen Studie mit schweren methodischen Problemen untersucht. Sie liefert keine zuverlässigen Belege, dass der Erkältungsspray mit Trypsin das Risiko für eine Infektion senkt oder bei einer bestehenden Erkältung die Beschwerden lindert oder die Erkrankungsdauer verkürzt.

Das wär’s! Endlich ein zuverlässig wirksames Mittel, das vor lästigen Erkältungen schützt oder zumindest die Zeit des Leidens verkürzt. Bisher war entsprechenden Forschungen nur wenig Erfolg beschieden, und wirksame Anti-Erkältungsmittel erschienen wie ferne Zukunftsmusik.

Aber die Wissenschaft gibt natürlich nicht auf. Und so ist inzwischen ein weiteres Mittel auf dem Markt, das uns vor Erkältungen samt Husten, Schnupfen und Heiserkeit bewahren soll: Ein Erkältungsspray mit Trypsin, der in Österreich und Deutschland unter dem Namen „Viruprotect“ und international als „Coldzyme“ vertrieben wird.

Viren einfach wegverdauen

Die Idee dahinter: Trypsin ist ein Verdauungsenzym, das Proteine spalten kann. Es „ruiniert“ auch jene Proteine, auf die Erkältungsviren unbedingt angewiesen sind, wenn sie sich im menschlichen Körper festsetzen wollen. Der Plan ist also: dank Trypsin kein Protein, ohne Protein keine Infektion.

Laut Hersteller muss der Spray bis zu sechs Mal täglich in Mund und Rachen gesprüht werde. So entsteht angeblich ein Schutzfilm auf den Schleimhäuten, was wiederum eine Erkältung komplett verhindern oder zumindest die Dauer der Erkältung verkürzen soll.

Das klingt eigentlich plausibel und vielversprechend. Aber gibt es auch gute Belege, dass der Anti-Viren-Spray mit Trypsin tatsächlich funktioniert? Ist das Mittel sicher für die Anwenderinnen und Anwender?

Auf den zweiten Blick enttäuschend

Mit diesen Fragen haben wir uns auf die Suche nach entsprechenden Studien gemacht. Allerdings konnten wir nur eine einzige Untersuchung [1] identifizieren, die auf den ersten Blick unseren Anforderungen entsprach.

Nach detaillierter Begutachtung war diese „Pilotstudie“ aber ziemlich enttäuschend: Sie umfasste mit 46 gesunden Freiwilligen nur ziemlich wenige Testpersonen und warf viele Fragen zu Durchführung und Auswertung auf. Auf dieser Basis können wir die positive Anti-Erkältungs-Wirkung, von denen das Autorenteam berichtet, nicht nachvollziehen. Wir haben kein Vertrauen darin, dass sich die Erkrankungsdauer mit Hilfe des Trypsin-Erkältungssprays um dreieinhalb Tage verkürzen lässt, wie das Autorenteam nahelegt.

Einer unserer Kritikpunkte: Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer wurden unter Laborbedingungen nur mit einer einzigen Erkältungsvirus-Art namens Rhinovirus 16 infiziert. Im Alltag gibt es aber viel mehr Erreger, die Erkältungen auslösen können. Ob die Ergebnisse der Studie auf echte die üblichen Lebensumstände übertragbar sind, ist also fraglich.

Wirklich frei von Nebenwirkungen?

Etwas Skepsis gilt auch Aussagen zur Sicherheit des Produkts: In der Studie wurden zwar keine Nebenwirkungen beobachtet, die mit dem Rachenspray im Zusammenhang stehen. Das ist prinzipiell eine gute Nachricht. Allerdings fehlen ausführliche Angaben dazu, wie unerwünschte Wirkungen erfasst und bewertet wurden.

Bessere Daten in Zukunft?

Bisher ist also aus unserer Sicht nicht erwiesen, dass der Rachenspray mit Trypsin gegen Erkältungen hilft. Der Hersteller hat eine weitere Studie [4] durchgeführt, die zum Zeitpunkt unserer Recherche noch nicht veröffentlicht war (Stand: Dezember 2018). Möglicherweise kann sich unsere Einschätzung dadurch zukünftig noch ändern.

Zeitschrift mit zweifelhaftem Ruf

Die Online-Zeitschrift namens „Open Journal of Respiratory Diseases“, in der die Studie erschienen ist, steht übrigens auf einer Liste verdächtiger wissenschaftlicher Zeitschriften („predatory journals“) [6]: Bei ihnen bestehen berechtigte Zweifel, inwiefern die Redaktionen auf ausreichende Qualität der Studien achten.

Dazu gehört es, die eingereichten Manuskripte einem ordentlichen Begutachtungsprozess unterziehen, also anderen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern zur Prüfung vorlegen. Dieser „peer review“ ist zwar keine Garantie für wissenschaftliche Integrität. Aber er stellt zumindest eine wichtige Qualitätssicherungsmaßnahme dar.

Ungewöhnlich schnell

Im vorliegenden Fall sind zwischen Einreichung der Arbeit (12.9.2017) und der Veröffentlichung (16.10.2017) weniger als fünf Wochen vergangen. Für einen ordentlichen Begutachtungsprozess ist dieser Zeitraum nach unseren Erfahrungen deutlich zu kurz.

Alle Jahre wieder

Auch wenn wir es uns anders wünschen: Einer Erkältung bzw. Verkühlung können wir besonders in der kalten Jahreszeit nur schlecht entkommen. Auslöser sind verschiedene Viren, in etwa 30-50 Prozent der Fälle Rhinoviren.

Bei Erwachsenen schlagen Erkältungs-Viren im Durchschnitt etwa zwei- bis viermal pro Jahr zu, bei Kindern noch häufiger. Die wichtigsten und aussichtsreichsten Schutzmaßnahmen: Abstand zu erkrankten Personen halten und häufiges Händewaschen [2,3].

Fragen nach schützenden oder lindernden Mitteln erreichen uns regelmäßig – und regelmäßig kommen wir leider zu dem Ergebnis, dass die bisher getesteten Präparate allesamt keine Wundermittel sind. Das gilt etwa für Echinacea, Vitamin C, Zink, Vitamin D oder Erkältungssprays auf der Basis von Rotalgen

 

Die Studien im Detail

Bei unserer Literaturrecherche haben wir zwei große medizinische Datenbanken durchforstet. Dabei konnten wir keine Studien zu einem Erkältungsspray mit Trypsin finden.

Erst auf einer Webseite des Herstellers von Viruprotect bzw. Coldzyme [5] sind wir auf eine Untersuchung aus Schweden [1] gestoßen, die zumindest unseren formalen Anforderungen entspricht: Hier wurden die Testpersonen (20-46 Jahre alt) per Zufall auf zwei gleich große Gruppen aufgeteilt. Alle waren zu Studienbeginn gesund und wurden Erkältungsviren aus dem Labor ausgesetzt.

Zwecks Vergleich erhielt eine Gruppe den untersuchten Erkältungsspray, die andere Gruppe ein Scheinmedikament (Placebo). Die Sprays sollten sechs Mal pro Tag eingesetzt werden. In beiden Gruppen schmeckten die Sprays nach Menthol, und die Teilnehmerinnen und Teilnehmer wussten nicht, ob sie mit dem Trypsin-Spray oder mit dem Placebo-Spray sprühten.

Nach der Auswertung der 10-tägigen Beobachtung berichtete das Autorenteam von einer deutlichen Verkürzung der Krankheitsdauer in der Gruppe mit dem Trypsin-Spray.

Zweifel an der Aussagekraft

Allerdings hat diese Studie beim genauen Hinsehen etliche methodische Probleme: So wurden für die Untersuchung die 46 gesunden Freiwilligen künstlich mit einem Erkältungsvirus (Rhinovirus 16) infiziert. Dazu bekamen sie einen Virus-haltigen Nasenspray. Im richtigen Leben gibt es aber eine ganze Reihe von Viren, die Erkältungen auslösen können. Daher ist fraglich, inwiefern sich die Ergebnisse auf den Alltag übertragen lassen.

Hinzu kommt: Mit 46 Testpersonen lässt sich nur eine begrenzte Aussage treffen, denn die Studie hat keine wirkliche „statistische Power“. Ebenfalls kritisch zu sehen ist, dass die Studie vom Hersteller finanziert wurde und ein Studienautor gleichzeitig Mitarbeiter des Herstellers ist.

Wie der Zufall so spielt?

Außerdem lässt sich anhand der Angaben in der Publikation nicht genau nachvollziehen, ob die zufällige Zuteilung der Testpersonen auf die Gruppen („Randomisierung“) wirklich so durchgeführt wurde, dass sich das Verzerrungsrisiko minimiert hat. Läuft eine Randomisierung nicht korrekt ab, so sind die Ausgangsbedingungen in den Gruppen möglicherweise nicht ausreichend ähnlich. Folglich könnte eine Studie keinen fairen Vergleich darstellen.

Außerdem fehlt rund ein Viertel der Probandinnen und Probanden im Datensatz für die Auswertung. Die daraus resultierenden Erkenntnisse können die tatsächliche Sachlage eventuell nur verzerrt wiedergeben.

Virenzahl statt Krankheitsgefühl

Das Forschungsteam hat sich entschieden, als wichtigste Größe die Anzahl der Viren in der Nase zu messen. Aus Sicht der Betroffenen hat dies allerdings nicht höchste Priorität, denn die so genannte „Viruslast“ ist für erkältete Menschen nicht besonders relevant. Vielmehr zählt, welche Symptome sie wie lange und wie stark plagen – und nicht, wie viele Viren sich auf den Schleimhäuten in Nase, Mund und Hals tummeln.

Liebes Tagebuch!

Deshalb konzentrierten wir uns bei der Bewertung auf die Erkältungsbeschwerden, die vom Forschungsteam allerdings nur nachrangig untersucht worden sind. Für die Erhebung der Beschwerden mussten die Testpersonen über zehn Tage ein Tagebuch führen. Darin wurden die Symptome protokolliert und bewertet. Dazu gehörten Niesen, laufende Nase, Husten, Kopfschmerzen, Heiserkeit, Halsschmerzen und Schüttelfrost.

Das Forschungsteam thematisiert in der Publikation aber nicht, ob diese Tagebuchmethode tatsächlich zuverlässig ist. Wichtig wäre dafür zum Beispiel, dass vergleichbare Beschwerden bei verschiedenen Menschen auch vergleichbare Ergebnisse liefern.

Mit Viren, ohne Symptome – und umgekehrt

Und es gibt weitere Punkte, die die Aussagekraft der Studien schwächen: Es fängt damit an, dass sich nach der künstlichen Infektion via Nasenspray nicht bei allen Testpersonen nachweisen ließen – also nur bei 35 von 46 der künstlich Infizierten.

Genauer gesagt, es waren Viren nachweisbar bei 16 von 23 Menschen aus der Placebo-Gruppen und bei 19 von 23 aus der Trypsin-Spray-Gruppe. Unsere Überlegungen dazu: Hatten die Menschen in der Placebo-Gruppe möglicherweise ein stärkeres Immunsystem, das die Viren gleich bekämpft hat? Ist die Infektionsmethode vielleicht nicht zuverlässig? Wie dem auch sei – unser Vertrauen in diese Studie stärkt das nicht.

Das gilt gerade auch für die Auswertung der Erkältungssymptome. So berichteten nur 37 der 46 künstlich infizierten Testpersonen überhaupt über die Beschwerden, die Menschen bei einer Erkältung typischerweise haben. Nur 16 von 23 Menschen aus der Placebo-Gruppe und 21 von 23 aus der Gruppe mit dem Erkältungsspray gaben an, dass sie im Laufe der Studien überhaupt Symptome bemerkt hatten. Interessanterweise sind die Menschen ohne Beschwerden nicht genau jene, bei denen sich kein Virus nachweisen ließ.

Schöne Ergebnisse durch unschöne Methode?

Das Forschungsteam hat in seiner Auswertung viele Testpersonen ausgeschlossen und nur die Fälle mit nachweisbarer Virenlast und mit Symptomberichten analysiert. Dies entspricht nicht wissenschaftlich anerkannten Standards. So flossen bei der Analyse der Erkältungssymptome statt der 46 Personen, die in die Studie gestartet waren, nur 37 ein.

Damit kam das Forschungsteam zu einem eindeutig erscheinenden Ergebnis: Mit dem Erkältungsspray dauerte die Erkältung im Mittel 3 Tage, mit dem Scheinmedikament dagegen 6,5 Tage.

Wir haben selbst gerechnet

Die Vorgehensweise bei der Auswertung ist aus unserer Sicht nicht im Sinne der zahlenden Anwenderinnen und Anwender, für die es um die Alltagstauglichkeit des Sprays geht. Wir haben deshalb nachgerechnet und dabei alle Menschen berücksichtigt, die ursprünglich in die Studie aufgenommen wurden – der von uns gewählte Analyseweg neigt weniger dazu, die Wirksamkeit zu überschätzen. Und siehe da: Der vermeintliche Vorteil durch den Trypsin-Spray schmilzt dann auf 1,5 Tage zusammen, und es ist möglich, dass die errechnete Verkürzung ein reiner Zufallsbefund ist. Damit lässt also nicht sicher nachweisen, dass der Erkältungsspray die Dauer einer Erkältung verkürzt.

Und wir haben noch eine weitere Auswertung gerechnet, die in der Studie nicht auftaucht, aber in der Werbung und Packungsbeilage propagiert wird: Dass der Erkältungsspray auch das Erkrankungsrisiko senkt, also vorbeugend wirkt. Schaut man sich die Zahl der Menschen an, die nach künstlicher Infektion überhaupt von Erkältungsbeschwerden berichten (21 von 23 in der Spraygruppe, 16 von 23 in der Placebogruppe), lässt sich kein eindeutiger Unterschied zeigen, der für einen vorbeugenden Effekt des Erkältungssprays spricht.

Enttäuschende Mängelliste

Für alle, die nach wirksamen Mitteln gegen Erkältungen suchen, ist die Studie wohl eine weitere Enttäuschung. Sie ist jedoch ein Musterbeispiel dafür, dass sich bei medizinischen Studien aus dem „Rohmaterial“, also den Daten, je nach Auswertungsmethode und Interessenslage mal „schönere“ und mal weniger gewünschte Ergebnisse produzieren lassen. Deshalb ist es wichtig, genau hinzuschauen und im Zweifelsfall nachzurechnen

(AutorIn: I. Hinneburg, Review: J. Harlfinger, B. Kerschner, C. Christof)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Clarsund (2017)

Studientyp: randomisierte kontrollierte Studie
Teilnehmer: 46 Testpersonen, die unter Laborbedingungen mit einem Erkältungsvirus infiziert werden
Fragestellung: Verringert die Behandlung mit dem Trypsin-Spray die Virus-Konzentration auf der Nasenschleimhaut und die Erkältungsbeschwerden im Vergleich zu einem Scheinmedikament?
Interessenkonflikte: Der Erstautor ist Angestellter des Herstellers; der Hersteller hat die Studie finanziert.

Clarsund M et al. A Randomized, Double-Blind, Placebo-Controlled Pilot Clinical Study on ColdZyme ® Mouth Spray against Rhinovirus-Induced Common Cold. Open Journal of Respiratory Diseases, 2017, 7, 125-135

(Freier Volltext)

Weitere wissenschaftliche Quellen

[2] IQWiG (2017)
Erkältung. https://www.gesundheitsinformation.de/erkaeltung.2642.de.html (Zugriff am 04.12.2018)

[3] UpToDate (2018)
The common cold in adults: Treatment and prevention https://www.uptodate.com/contents/the-common-cold-in-adults-treatment-and-prevention (Zugriff am 04.12.2018)

Andere Quellen

[4]
Evaluation of ColdZyme® on Experimentally Induced Common Cold. (COLDPREVII) https://clinicaltrials.gov/ct2/show/NCT02479750. Stand der Information: September 2016, Zugriff am 04.12.2018

[5]
Enzymatica: Coldzyme studies http://enzymatica.com/research-development/clinical-studies (Zugriff am 04.12.2018)

[6]
Beall’s list of predatory journals and publishers https://beallslist.weebly.com/ (Zugriff am 04.12.2018)