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Erenumab gegen Migräne: wirksam, aber noch Fragen offen

Die neue Therapie macht Hoffnung - es gibt aber keine Langzeitdaten.

Die neue Therapie macht Hoffnung – es gibt aber keine Langzeitdaten.

Der neue Wirkstoff Erenumab wird als „Migräne-Impfung“ angepriesen. Wie gut kann der Antikörper Schmerzattacken tatsächlich verhindern?

Frage:Verringert die Behandlung mit dem neuen Medikament Erenumab die Anzahl der Migräne-Tage im Monat?
Antwort:Ja
Erklärung:In fünf bisher vorliegenden und eher kürzeren Studien litten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit Erenumab seltener an Migräne als mit einem Scheinmedikament. Die Studien waren methodisch hochwertig. Bei episodischer Migräne „ersparten“ sich die Betroffenen etwa 1 bis 2 Migräne-Tage pro Monat . Bei chronischer Migräne hatten die Betroffenen um etwa 2,5 Tage pro Monat weniger Schmerzen. Die Daten zu Wirksamkeit und Sicherheit beziehen sich allerdings auf einen Zeitrahmen von maximal sechs Monaten; der Langzeitnutzen muss noch erforscht werden. Der Nutzen von Erenumab im Vergleich zu anderen etablierten vorbeugenden Migränemitteln ist ebenfalls noch nicht erforscht.

Für Migräne sind sehr starke Schmerzen typisch. Verständlicherweise sind Betroffene auf der Suche nach Mitteln und Wegen, um ihren Migräne-Anfällen vorzubeugen. Mitunter ist es ausreichend, Auslöser zu vermeiden oder für mehr Entspannung zu sorgen.

Gängige Medikamente: nicht immer hilfreich

Haben diese Strategien keinen Erfolg, dann ist der nächste Schritt oft: Einnahme von Medikamenten zwecks Vorbeugung. Sie sollen dafür sorgen, dass die quälenden Kopfschmerzen unterbleiben. Allerdings helfen die gängigen Medikamente nicht allen Betroffenen, und sie können auch einige Nebenwirkungen hervorrufen [7].

Eine „Impfung“ gegen Migräne?

Kein Wunder also, dass im Sommer 2018 ein neues Mittel zur Vorbeugung von Migräneanfällen in den Medien viel Aufmerksamkeit bekam: Erenumab. Der Wirkstoff wird als „Migräne-Impfung“ bezeichnet – auch wenn dies fachlich nicht korrekt ist.

Erenumab kann nicht als Tablette geschluckt werden, sondern wird einmal im Monat unter die Haut gespritzt. Zielgruppe sind Erwachsene, die an mindestens vier Tagen pro Monat Migräne haben.

Uns erreichte die Anfrage, wie dieses neue Medikament zu bewerten ist.

Weniger Tage mit Migräne

  • Bei unserer Literaturrecherche haben wir fünf gut gemachte Studien gefunden [1-5]. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer dieser großen Studien waren stark betroffen. Sie litten unter episodischer Migräne, d.h. sie hatten an bis zu 14 Tagen pro Monat Migräneanfälle. Oder sie hatten eine chronische Migräne, bei der Beschwerden häufiger als an 15 Tagen im Monat auftreten.

Die Ergebnisse der Tests sprechen für einen gewissen Nutzen von Erenumab im Vergleich zu einem Scheinmedikament:

  • Teilnehmende mit episodischer Migräne (auch: wiederkehrende Migräne) litten zu Beginn an durchschnittlich bis 9 Tagen pro Monat unter Migräne.
  • Nach drei bis sechs Monaten waren es mit Placebo 6 bis 9 Tage, mit Erenumab 5 bis 7 Tage.
  • Anders ausgedrückt: Im Vergleich zu einem Scheinmedikament blieben den Personen mit episodischer Migräne durch Erenumab pro Monat im Durchschnitt 1 bis 2 Migränetage erspart [1-4].
  • Teilnehmende mit chronischer Migräne litten zu Beginn an durchschnittlich18 Tagen pro Monat unter Migräne.
  • Nach drei Monaten waren es mit Placebo ungefähr 14 Tage, mit Erenumab etwas mehr als 11 Tage.
  • Anders ausgedrückt: Im Vergleich zu einem Scheinmedikament blieben den Menschen mit chronischer Migräne durch Erenumab monatlich im Durchschnitt etwa 2,5 Migränetage erspart [5].

Bisher keine gravierenden Nebenwirkungen

Die Nebenwirkungen von Erenumab – soweit zumindest die bisherigen eher kürzeren Studien – scheinen nicht schwerwiegend zu sein: So klagten diejenigen, die Erenumab anwendeten, etwas häufiger als diejenigen mit dem Scheinmedikament über Reaktionen an der Injektionsstelle, Verstopfung, Muskelkrämpfen und Juckreiz [6].

Zu früh für Euphorie

Allerdings ist es für eine endgültige Bewertung des neuen Migränewirkstoffs zu früh. Denn es sind noch viele Fragen offen.

  • Die Anwendung in den Studien ist bisher nur über einen Zeitraum von drei bis sechs Monaten untersucht. So lassen sich keine verlässlichen Aussagen zum längerfristigen Nutzen treffen. Auch die Risiken gehören über längere Zeiträume untersucht, und es ist möglich, dass andere Nebenwirkungen als bisher bekannt auftreten.
  • Auch ist es unklar, wie gut Erenumab im Vergleich zu anderen vorbeugenden Mitteln wirkt, die bereits länger angewendet werden und deren Nutzen gut bekannt ist. Denn Erenumab wurde bisher nur mit Placebo verglichen.
  • Anders als bei anderen Medikamenten zur Migräne-Vorbeugung fehlen bisher Daten zu Sicherheit und Wirksamkeit bei Schwangeren.
  • Es ist auch wünschenswert, die Ergebnisse in unabhängigen Untersuchungen zu überprüfen. Bisher wurde Erenumab nur in herstellerfinanzierten Studien getestet.

Mehr als nur Kopfweh

Kopfschmerzen kennt wohl jeder. Bei einer Migräne sind die Schmerzen jedoch deutlich stärker. Sie treten oft nur auf einer Seite des Kopfs auf und verstärken sich bei Bewegung.

Meist kommen noch andere Beschwerden hinzu, wie etwa Übelkeit und Erbrechen. Betroffene können auch empfindlich auf Licht, Geräusche und andere Reize reagieren. Wer unter Migräne leidet, ist in seinem Alltag oft eingeschränkt [7,8].

Episodische und chronische Migräne

  • Episodische Migräne betrifft etwa 14 von 100 Frauen und 7 von 100 Männern. Bei dieser Migräneform kommen die Anfälle immer wieder, an bis zu 14 Tagen pro Monat. Sie wird auch „wiederkehrende Migräne“ genannt.
  • Deutlich seltener ist eine chronische Migräne: Davon sprechen Fachleute, wenn die Beschwerden häufiger als an 15 Tagen im Monat auftreten. Darunter leiden weniger als 2 von 100 Migränebetroffenen [7,9].

Wie eine Migräne genau entsteht, ist bisher noch nicht bekannt. Möglicherweise spielen Entzündungsvorgänge an den Blutgefäßen im Kopf eine Rolle oder die Verarbeitung von Schmerzsignalen im Gehirn [7,8].

Vorbeugen mit Verhalten und Medikamenten

Wenn eine Migräne nur selten auftritt, reicht es oft aus, im Akutfall Schmerz- bzw. spezielle Migränemittel einzunehmen. Viele Betroffene kennen auch typische Auslöser, wie etwa Stress oder einen unregelmäßigen Tagesablauf. Es kann helfen, diese Auslöser („Trigger“) möglichst zu vermeiden. Manche Menschen versuchen mit Entspannungstechniken vorzubeugen [7,10].

Wenn solche Maßnahmen nicht ausreichend helfen und trotzdem häufig schwere Migräneanfälle auftreten, können in manchen Fällen auch Medikamente zur Vorbeugung eingesetzt werden. Zur Migräneprophylaxe gehören etwa die Wirkstoffe Metoprolol, Topiramat, Amitryptylin oder eben jetzt neu Erenumab [7,10].

Warum Erenumab keine Impfung ist

Den neuen Wirkstoff Erenumab als „Migräne-Impfung“ zu bezeichnen, ist übrigens nicht korrekt. Bei einer Impfung werden Stoffe gespritzt, die den Körper dazu anregen, Antikörper zu bilden. Erenumab ist jedoch selbst ein Antikörper, der sich gegen den Eiweißstoff CGRP (Calcitonin Gene-Related Peptide) richtet. CGRP spielt vermutlich bei der Entstehung von Migräneanfällen eine Rolle.

 

Die Studien im Detail

Der neue Wirkstoff zur Migräne-Vorbeugung ist relativ gut untersucht: Wir haben fünf große, methodisch ordentlich gemachte Studien [1-5] zu Erenumab identifizieren können. Vier der fünf Studien flossen auch in die Entscheidung der Europäischen Arzneimittelagentur EMA über die Zulassung von Erenumab ein [6].

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer erhielten nach dem Zufallsprinzip entweder Erenumab oder ein Scheinmedikament. Dabei wussten niemand der an den Studien Beteiligten (Testpersonen, medizinisches Personal), wer welches Mittel bekam.

Mehr als ein bisschen Kopfweh

Vier Studien [1-4] schlossen insgesamt über 2000 Menschen mit episodischer Migräne ein. Das heißt, sie hatten maximal 14 bis 15 Migränetage pro Monat.

Eine Studie [5] hatte rund 660 Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit chronischer Migräne. Laut Definition hatten sie pro Monat an mindestens 15 Tagen Kopfschmerzen, darunter mindestens 8 Tage mit Migräne.

Es handelte sich also um Menschen, die sehr stark von Migräne betroffen waren. Wie viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer vor der Studie bereits Medikamente zur vorbeugenden Behandlung eingenommen hatten, war von Studie zu Studie sehr unterschiedlich.

Wie es dem Krankheitsbild Migräne entspricht, waren die meisten der Studienteilnehmenden weiblich. Das mittlere Alter lag bei ungefähr 40 Jahren.

Studien liefen maximal 24 Wochen

Die Dosierung von Erenumab lag in den meisten Untersuchungen bei mindestens 70 Milligramm (mg), die einmal monatlich gespritzt wurden. Es gab auch Tests zu höherer Dosierung [1,4,5] oder niedrigerer Dosierung [3]. Wir haben uns auf die Auswertung der Ergebnisse zu mindestens 70 mg und darüber beschränkt, weil niedrigere Dosierungen nicht zugelassen sind. In zwei Studien [1,2] durften die Testpersonen weitere Medikamente zur Vorbeugung einnehmen.

Die meisten Studien [2-5] dauerten zwölf Wochen, eine Studie [1] lief über einen Zeitraum von 24 Wochen.

Was bringt’s?

Die Studien haben verschiedene Auswirkungen von Erenumab untersucht, etwa ob der Wirkstoff die Anzahl der Migränetage pro Monat senken kann. Weil dieser Aspekt in allen Studien vorkam und auch für Patientinnen und Patienten eine wichtige Rolle spielt, haben wir unsere Bewertung auf diesen Effekt beschränkt:

  • Bei episodischer Migräne litten die Studienteilnehmenden zu Beginn an etwa 8 bis 9 Tagen im Monat unter Migräne. Nach drei bis sechs Monaten waren es mit Placebo 6 bis 9 Tage, mit Erenumab 5 bis 7 Tage. Anders ausgedrückt: Im Vergleich zu einem Scheinmedikament blieben denjenigen mit episodischer Migräne, die Erenumab angewendet hatten, pro Monat im Durchschnitt 1 bis 2 Migränetage erspart [1-4].
  • Bei chronischer Migräne litten die teilnehmenden Personenzu Beginn an etwa 18 Tagen monatlich unter Migräne. Nach drei Monaten waren es mit Placebo ungefähr 14 Tage, mit Erenumab etwas mehr als 11 Tage. Anders ausgedrückt: Im Vergleich zu einem Scheinmedikament blieben den Menschen mit chronischer Migräne durch Anwendung von Erenumab monatlich im Durchschnitt etwa 2,5 Migränetage erspart [5].

Wie steht es um die Sicherheit?

Die Studien haben auch mögliche Nebenwirkungen von Erenumab erfasst. In der Zusammenfassung der Studien im europäischen Beurteilungsbericht werden als häufigste unerwünschte Wirkungen Reaktionen an der Injektionsstelle, Verstopfung, Muskelkrämpfe und Juckreiz genannt. Sie treten mit Erenumab etwas häufiger auf als mit Placebo [6].

Keine Langzeitdaten

Die Ergebnisse zu Wirksamkeit und Sicherheit hören sich erst einmal so an, als ob Menschen mit vergleichbarem Krankheitsbild wie in den Studien tatsächlich von Erenumab profitieren könnten. Allerdings handelt es sich hier nur um eine erste vorläufige Einschätzung, denn es sind auch noch viele Fragen offen, die bisher noch nicht ausreichend geklärt sind.

(AutorIn: I. Hinneburg, Review: J. Harlfinger, B. Kerschner, C. Christof)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Goadsby (2017)
Studientyp: randomisierte kontrollierte Studie
Teilnehmer: 955 Patientinnen und Patienten mit episodischer Migräne
Fragestellung: Wie stark verringert Erenumab im Vergleich zu Placebo die Anzahl der Kopfschmerztage pro Monat?
Interessenkonflikte: Die Studie wurde durch Erenumab-Hersteller finanziert. Die meisten Studienautoren haben finanzielle Verbindungen zu den beiden Herstellern.

Goadsby u.a. A Controlled Trial of Erenumab for Episodic Migraine. N Engl J Med. 2017;377:2123-2132
(Zusammenfassung)
(Freier Volltext)

[2] Dodick (2018)
Studientyp: randomisierte kontrollierte Studie
Teilnehmer: 577 Teilnehmer mit episodischer Migräne
Fragestellung: Verringert Erenumab die Anzahl der monatlichen Migräne-Tage stärker als Placebo?
Interessenkonflikte: Die Studie wurde durch einen der Erenumab-Hersteller finanziert. Die Autoren haben zahlreiche finanzielle Verbindungen zu den Herstellern. Einige Autoren sind Angestellte bzw. Anteilseigner eines Herstellers.

Dodick DW u.a. ARISE: A Phase 3 randomized trial of erenumab for episodic migraine. Cephalalgia. 2018; 38:1026-1037
(Zusammenfassung)

[3] Sun (2016)
Studientyp: randomisierte kontrollierte Studie
Teilnehmer: 483 Patienten mit episodischer Migräne
Fragestellung: Verringert Erenumab im Vergleich zu Placebo die Anzahl der Migränetage pro Monat?
Interessenkonflikte: Die Studie wurde durch einen Erenumab-Hersteller finanziert. Die Autoren haben zahlreiche finanzielle Verbindungen zu den Herstellern. Einige der Autoren sind Angestellte bzw. Anteilseigner eines Herstellers.

Sun H u.a. Safety and efficacy of AMG 334 for prevention of episodic migraine: a randomised, double-blind, placebo-controlled, phase 2 trial. Lancet Neurol. 2016 Apr;15(4):382-90
(Zusammenfassung)

[4] Reuter (2018)
Studientyp: randomisierte kontrollierte Studie
Teilnehmer: 246 Patientinnen und Patienten mit episodischer Migräne, bei denen mindestens zwei andere vorbeugende Therapien nicht helfen
Fragestellung: Erreichen mit Erenumab mehr Teilnehmer als mit Placebo einen mindestens 50-prozentige Verringerung der Migränetage pro Monat?
Interessenkonflikte: Die Studie wurde durch einen Erenumab-Hersteller finanziert. Die Autoren haben zahlreiche finanzielle Verbindungen zu den Herstellern. Einige Autoren sind Angestellte bzw. Anteilseigner eines Herstellers.

Reuter U u.a. Efficacy and tolerability of erenumab in patients with episodic migraine in whom two-to-four previous preventive treatments were unsuccessful: a randomised, double-blind, placebo-controlled, phase 3b study. Lancet. 2018; 392:2280-2287
(Zusammenfassung)

[5] Tepper (2017)
Studientyp: randomisierte kontrollierte Studie
Teilnehmer: 667 Patienten mit chronischer Migräne
Fragestellung: Verringert die Behandlung mit Erenumab die Anzahl der Migräne-Tage?
Interessenkonflikte: Die Studie wurde durch einen Erenumab-Hersteller finanziert. Die Autoren haben zahlreiche finanzielle Verbindungen zu den Herstellern. Einige Autoren sind Angestellte bzw. Anteilseigner eines Herstellers.

Tepper S u.a. Safety and efficacy of erenumab for preventive treatment of chronic migraine: a randomised, double-blind, placebo-controlled phase 2 trial. Lancet Neurol. 2017;16:425-434
(Zusammenfassung)

Weitere wissenschaftliche Quellen

[6] European Medicines Agency. Aimovig. Zugriff am 26.02.2019

[7] IQWiG (2018) Migräne. Zugriff am 27.02.2019

[8] UpToDate (2018) Pathophysiology, clinical manifestations, and diagnosis of migraine in adults. Zugriff am 18.02.2019

[9] UpToDate (2018) Chronic migraine. Zugriff am 18.02.2019

[10] UpToDate (2018) Preventive treatment of migraine in adults. Zugriff am 18.02.2019