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Leoligin aus Edelweiß: Alpenblume mit heilender Wirkung?

Das Edelweiß wächst in hochgelegenen Gebirgsregionen

Das Edelweiß wächst in hochgelegenen Gebirgsregionen

Laborexperimente deuten darauf hin, dass Leoligin und andere Substanzen aus dem Edelweiß eine medizinische Wirkung haben. Beim Menschen ist das jedoch nicht erforscht.

Frage:Laborexperimente deuten darauf hin, dass Leoligin und andere Substanzen aus dem Edelweiß eine medizinische Wirkung haben. Beim Menschen ist das jedoch nicht erforscht.
Antwort:wissenschaftliche Belege fehlen
Erklärung:Bisher ist nicht erforscht, ob Verbindungen aus dem Edelweiß beim Menschen wirksam und sicher sind.

Wer in den Bergen ein Edelweiß findet, darf sich glücklich schätzen. Denn die Alpenblume ist selten und wächst nur in hohen Gebirgslagen.

Zahlreiche Mythen ranken sich um die symbolträchtige Pflanze. So werden dem Edelweiß mit den filzig-weißen Blättern verschiedene gesundheitliche Wirkungen nachgesagt.

Hilfe aus dem Alpen?

Die „Bauchwehblume“ Edelweiß soll früher gegen Bauchschmerzen und Durchfall verwendet worden sein. Auch bei Hautproblemen hilft das Edelweiß angeblich.

Einzelne Kosmetik-Hersteller fügen ihren Produkten deshalb Edelweiß-Extrakte bei. Da die Blumen unter Naturschutz stehen, werden sie für diese Zwecke eigens gezüchtet.

Leoligin für das Herz

Hat die „Heilpflanze des Jahres“ (2019) tatsächlich eine medizinische Wirkung? Welche Inhaltsstoffe könnten dafür verantwortlich sein? Das wollen auch Forscherinnen und Forscher wissen. Besonders interessieren sie sich für zwei Substanzen aus der Edelweiß-Wurzel: Leoligin und das verwandte 5-Methoxyleoligin.

Medienberichten zufolge sollen die beiden Leoligin-Verbindungen eine positive Wirkung auf Herz und Blutgefäße haben. Ihnen wird nachgesagt, den Cholesterinspiegel zu senken und vor „Gefäßverkalkung“ (Arteriosklerose) zu schützen. Es wird sogar darüber berichtet, dass eine „Spritze gegen Herzinfarkt“ mit Edelweiß-Substanzen in Entwicklung ist [4].

Die Forschung dazu befindet sich jedoch in einem frühen Stadium. Bisher wurden nur Versuche an Tieren oder mit im Labor gezüchteten Zellen und Gewebsproben durchgeführt.

Die cholesterinsenkende Wirkung etwa ist bisher nur an Mäusen erforscht, die an einer gentechnisch verursachten Fettstoffwechselstörung litten [1]. Bei Ratten zeigte sich, dass 5-Methoxyleoligin Schäden nach einem Herzinfarkt verringern könnte [2]. Dass Leoligin nach einer Bypass-Operation eine erneute Verdickung der Gefäßwände bremsen könnte, vermuten Forscherinnen und Forscher aufgrund von Laborexperimenten an Blutgefäßteilen [3].

Beim Menschen nicht erforscht

Diese Experimente weisen zwar auf eine medizinische Wirkung hin. Die Ergebnisse lassen sich jedoch nicht einfach auf den menschlichen Körper übertragen.

Ob Leoligin ein wirksames Medikament ist, können nur Studien mit Menschen beantworten. Solche Studien konnten wir trotz intensiver Suche keine finden.

Nicht nur die Wirksamkeit der Edelweiß-Inhaltsstoffe ist ungeklärt. Zukünftige Studien müssen auch untersuchen, ob die Substanzen giftig sind oder Nebenwirkungen auslösen.

Edelweiß aus dem Labor

Leoligin stammt ursprünglich aus der Wurzel des Edelweiß. Für die Erforschung der Substanz ist es jedoch nicht mehr notwendig, sie aufwändig aus den Pflanzen zu extrahieren. Mittlerweile lässt sich Leoligin auch künstlich im Chemielabor herstellen.

Langwieriger Weg zum Medikament

Versuche mit Zellen und Tieren sind der erste Schritt auf dem langen Weg zum zugelassenen Medikament. Sind die Ergebnisse daraus vielversprechend, wird die Verträglichkeit des Wirkstoffs in einer Phase-I-Studie mit einer kleinen Anzahl gesunder Personen getestet. Die anschließende Phase-II-Studie dient dazu, die Effekte aus den Tierversuchen beim Menschen zu wiederholen und eine geeignete Dosis zu finden.

In Phase-III-Studien gilt es zu beweisen, dass der Wirkstoff tatsächlich wirksam ist. Darin wird eine große Anzahl an Testpersonen per Los einer von zumindest zwei Gruppen zugeteilt. Eine Gruppe erhält den Wirkstoff, die andere ein Wirkstoff-freies Placebomittel oder ein Mittel mit bereits erwiesener Wirkung. Wenn der Vergleich beider Gruppen einen Vorteil für die Wirkstoff-Gruppe zeigt, ist der Wirknachweis geglückt und das Medikament darf zugelassen werden.

 

Die Studien im Detail

Trotz intensiver Suche in zwei Forschungsdatenbanken konnten wir keine aussagekräftigen Studien – also randomisiert-kontrollierte Studien mit menschlichen Testpersonen – finden.

(AutorIn: B. Kerschner, Review: J. Harlfinger, J. Meixner)

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Wissenschaftliche Quellen

[1] Scharinger u.a. (2016)
Scharinger B, Messner B, Türkcan A, et al. Leoligin, the major lignan from Edelweiss, inhibits 3-hydroxy-3-methyl-glutaryl-CoA reductase and reduces cholesterol levels in ApoE-/- mice. J Mol Cell Cardiol. 2016 Oct;99:35-46. (Tierstudie in voller Länge)

[2] Messner u.a. (2013)
Messner B, Kern J, Wiedemann D, et al. 5-Methoxyleoligin, a lignan from Edelweiss, stimulates CYP26B1-dependent angiogenesis in vitro and induces arteriogenesis in infarcted rat hearts in vivo. PLoS One. 2013;8(3):e58342. (Tierstudie in voller Länge)

[3] Reisinger u.a. (2009)
Reisinger U, Schwaiger S, Zeller I, et al. Leoligin, the major lignan from Edelweiss, inhibits intimal hyperplasia of venous bypass grafts. Cardiovasc Res. 2009 Jun 1;82(3):542-9. (Laborstudie in voller Länge)

Medienberichte

[4] Wiener Zeitung (2019)
Alpen-Edelweiß bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen. 24.1.2019. Abgerufen am 31.7.2019 unter www.wienerzeitung.at