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Dunkelfeldanalyse zur Diagnose ungeeignet

Unter dem Dunkelfeldmikroskop sehen rote Blutkörperchen wie leuchtende Ringe aus

Unter dem Dunkelfeldmikroskop sehen rote Blutkörperchen wie leuchtende Ringe aus

Etwas Blut – unter dem Dunkelfeldmikroskop betrachtet – soll Krebs und andere Gesundheitsprobleme erkennen lassen. Verlässliche Diagnosen sind so jedoch nicht möglich.

Frage:Lässt sich eine Krebserkrankung durch eine Dunkelfeldanalyse (Dunkelfeldmikroskopie) des Blutes erkennen?
Antwort:wahrscheinlich Nein
 
Frage:Kann eine Dunkelfeldanalyse andere Gesundheitsprobleme anzeigen?
Antwort:nicht (ausreichend) erforscht
Erklärung:Ob sich mit einer Dunkelfeldanalyse Krebs erkennen lässt, ist in einer kleinen Studie überprüft worden. Krebs ließ sich damit nicht zuverlässig diagnostizieren. Ob sich die Methode zur Diagnose anderer Gesundheitsprobleme eignet, ist bisher nicht in aussagekräftigen Studien untersucht worden.

Die leuchtenden Ringe vor dem schwarzen Hintergrund sehen faszinierend aus. Solche Bilder entstehen, wenn man einen Tropfen Blut unter dem Dunkelfeldmikroskop betrachtet. Bei den Ringen handelt es sich um den beleuchteten Rand roter Blutkörperchen.

Vor rund 100 Jahren war der Insektenforscher Günther Enderlein überzeugt, dass sich an diesen Bildern auch der Gesundheitszustand beurteilen lässt. Ihm zufolge kann die Dunkelmikroskop-Aufnahme eines Blutstropfens Hinweise darauf geben, ob jemand an Krebs oder anderen Leiden erkrankt ist. Enderleins Theorien dazu sind heute wissenschaftlich widerlegt.

Dennoch hält sich bei manchen auch heute die Überzeugung, dass die Dunkelfeldanalyse aufschlussreiche Diagnosen ermöglicht. Unter Namen wie „Vitalblutanalyse“ oder „Dunkelfeldmikroskopie nach Enderlein“ bewerben einzelne Apotheken und naturheilkundliche Institute die Methode. Sie soll demnach wertvolle Informationen über die eigene Gesundheit liefern können.

Keine Krebsdiagnose möglich

Belege für diese Behauptungen konnten wir keine finden – trotz umfangreicher Suche in mehreren Forschungsdatenbanken. Wir fanden allerdings Studien, die gegen die Zuverlässigkeit der Dunkelfeldanalyse sprechen [1,3].

In einer Studie sollte ein Heilpraktiker mithilfe der Dunkelfeldanalyse von Blutproben herausfinden, welche von insgesamt 110 Personen an Krebs erkrankt waren. Der Heilpraktiker hatte sechs Jahre Erfahrung mit Enderleins Methode der Dunkelfeldmikroskopie.

Obwohl zwölf aller Teilnehmenden Krebs hatten, lag der Heilpraktiker nur bei dreien richtig. Neun der zwölf Personen „diagnostizierte“ er demnach fälschlicherweise als gesund. Zudem erkannte er bei 30 weiteren Personen eine scheinbare Krebserkrankung, obwohl sie in Wirklichkeit gesund waren.

Auch wenn die geringe Anzahl der Teilnehmenden die Aussagekraft etwas einschränkt, zeigt die Studie: Eine Krebs-„Diagnose“ mithilfe der Dunkelfeldanalyse ist häufig falsch und würde zu großer Verunsicherung bei Betroffenen führen.

Kaum Studien

Fraglich ist, ob sich andere Gesundheitsprobleme mit der Methode erkennen lassen. Denn weitere aussagekräftige Studien, in denen die Dunkelfeldanalyse mit anerkannten Diagnoseverfahren verglichen wurde, konnten wir nicht entdecken.

Wir fanden lediglich eine kleine Vergleichsstudie von geringer Qualität [2]. Sie untersuchte, ob sich ein Mangel an Eisen oder Vitamin B12 mit einer Dunkelfeldanalyse ähnlich verlässlich feststellen lässt wie mit einer herkömmlichen Blutuntersuchung im Labor. Die Dunkelfeldanalyse schien dabei schlechter abzuschneiden. Wie groß der Unterschied zu den herkömmlichen Labortests ist, lässt sich aufgrund zahlreicher Probleme bei der Studiendurchführung jedoch nicht verlässlich sagen. Die Studie wurde von einem Unternehmen finanziert, das Geräte zur Dunkelfeldanalyse herstellt.

Grundsätzliches Problem

Die Dunkelfeldanalyse scheitert offenbar an einer Grundvoraussetzung für Diagnoseverfahren. In einer kleinen Studie mit eingeschränkter Aussagekraft führte die Methode nämlich häufig zu unterschiedlichen Ergebnissen, wenn Blutproben derselben Person zweimal hintereinander untersucht wurden [3]. Das macht eine verlässliche Diagnose unmöglich.

Widerlegte Theorie

Im Dunkelfeldmikroskop lassen sich Konturen von Zellen und anderen Objekten besonders gut erkennen. Im Gegensatz zum Durchlichtmikroskop werden die Objekte dabei seitlich beleuchtet und erscheinen hell. Der Hintergrund bleibt dunkel – daher der Name Dunkelfeldmikroskopie.

Mithilfe dieser Untersuchungsmethode entwickelte Enderlein seine heute widerlegte Theorie zur Entstehung von Krankheiten. Er glaubte, dass in menschlichem Blut und Gewebe Keimvorstufen existieren, die sich bei ungesunder Lebensweise zu krankmachenden Bakterien und Schimmelpilzen weiterentwickeln. Diese Krankheitserreger sollen auch Krebs verursachen können.

Heute ist in der Wissenschaft unumstritten, dass Bakterien und Pilze unterschiedliche Lebensformen sind, die sich nicht ineinander verwandeln können. Ein kleiner Anteil an Krebserkrankungen wird tatsächlich durch Keime verursacht. Dabei handelt es sich jedoch nicht um Bakterien oder Pilze, sondern um Viren. Ein Beispiel ist Gebärmutterhalskrebs, der durch das Humane Papilloma-Virus (HPV) verursacht wird.

 

Die Studien im Detail

Auf der Suche nach Belegen für die Verlässlichkeit der Dunkelfeldanalyse durchsuchten wir drei Forschungsdatenbanken. Insgesamt konnten wir nur zwei Studien [1,2] finden, in denen die Dunkelfeldanalyse mit anerkannten Diagnose-Methoden verglichen wurde.

Krebstest

Ein deutsches Forschungsteam bat einen Heilpraktiker, Blutproben von 110 Personen mittels Dunkelfeldanalyse auf eine Krebserkrankung zu untersuchen [1]. Der Heilpraktiker hatte mehr als sechs Jahre Erfahrung mit der Methode und kannte das Ziel der Studie nicht.

Von 95 Personen waren die Blutproben auswertbar. Zum Zeitpunkt der Blutabnahme hatten 12 von ihnen eine Krebserkrankung, die durch Gewebsproben gesichert waren. Von den 83 gesunden Personen hatten mehr als die Hälfte (46) in der Vergangenheit Krebs gehabt, der erfolgreich behandelt worden war und sich im Labor nicht mehr nachweisen ließ.

Lediglich bei 3 der 12 Betroffenen tippte der Heilpraktiker korrekterweise auf Krebs. Hingegen stellte er bei 30 der 83 gesunden Personen fälschlicherweise eine Krebserkrankung fest.

Die Anzahl der Teilnehmenden in dieser Studie ist mit 110 gering, daher sind die Ergebnisse in der Aussagekraft etwas eingeschränkt.

Mangel an Eisen und Vitamin B12

Ein australisches Forschungsteam führte eine Dunkelfeldanalyse mit Blutproben von 30 Personen durch, die wahrscheinlich einen Mangel an Eisen und Vitamin B12 hatten. Es handelte sich um Frauen mit starker Regelblutung sowie Männer und Frauen, die sich vegetarisch oder vegan ernährten oder älter als 65 Jahre waren.

Unter dem Dunkelfeldmikroskop untersuchten sie mindestens acht Merkmale, die Enderlein für seine Theorie definiert hatte. Diese Merkmale verglichen sie mit vier anerkannten Blutwerten für Eisenmangel und drei anerkannten Blutwerten für einen Mangel an Vitamin B12.

Bei einem Vergleich von derart vielen Werten steigt die Wahrscheinlichkeit für einen scheinbaren Zusammenhang einzelner Werte, die in Wirklichkeit wenig oder nichts miteinander zu tun haben. So gibt das Forschungsteam an, dass zwei Merkmale aus der Dunkelfeldanalyse in rund 70 Prozent der Fälle einen Eisenmangel vorhersagen können. Nicht erwähnt ist jedoch, welchen der vier gemessenen Bluteisenwerte sie damit meinten.

Anhand von vier Dunkelfeldanalyse-Werten scheint das Forschungsteam einen vorhandenen Vitamin B12-Mangel in 60 bis 80 Prozent der Fälle erkennen zu können. Auch hier ist jedoch nicht klar, welche der drei gemessenen Blutwerte sie mit den Ergebnissen der Dunkelfeldanalyse verglichen haben.

Aufgrund der großen Mängel und der geringen Anzahl an getesteten Personen sind die Ergebnisse dieser Studie nicht aussagekräftig. Doch selbst wenn sie stimmen, deuten sie auf eine hohe Unzuverlässigkeit der Methode hin.

Nicht wiederholbar

Eine deutsche Forschungsgruppe untersuchte in einer Studie, ob sich Ergebnisse der Dunkelfeldanalyse durch eine wiederholte Analyse bestätigen lassen. Dazu ließen sie zwei Fachleute in Dunkelfeldanalyse Blutproben von 24 Personen mit Diabetes untersuchen. Jede Person stellte zwei Blutproben zur Verfügung.

Unter dem Dunkelfeldmikroskop beurteilten die beiden Fachleute insgesamt 34 Merkmale nach Enderleins Theorien. Dabei wussten sie nicht, welche Blutprobe von welcher Person stammte.

Bei keinem der 34 Merkmale war die Übereinstimmung zufriedenstellend – sowohl zwischen den beiden Blutproben derselben Person als auch zwischen den beiden Fachleuten.

(AutorIn: B. Kerschner, Review: C. Christof)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] El-Safadi u.a. (2005)
Studienart: diagnostische Testvergleichs-Studie, Querschnittstudie
Teilnehmende: 110 Erwachsene
Fragestellung: Lassen sich akute Krebserkrankungen mit Hilfe der Dunkelfeldmikroskopie nach Enderlein zuverlässig erkennen?
Interessenskonflikte: Angaben fehlen

El-Safadi, S., Tinneberg, H. R., Brück, F., von Georgi, R., & Münstedt, K. (2005). Erlaubt die Dunkelfeldmikroskopie nach Enderlein die Diagnose von Krebs? Eine prospektive Studie. Complementary Medicine Research, 12(3), 148-151. (Studie in voller Länge)

[2] Keegan u.a. (2016)
Studienart: diagnostische Testvergleichs-Studie, Querschnittstudie
Teilnehmende: 30 Erwachsene mit hoher Wahrscheinlichkeit für einen Mangel an Eisen und Vitamin B12
Fragestellung: Lässt sich ein Mangel an Eisen und Vitamin B12 mithilfe der Dunkelfeldmikroskopie nach Enderlein ähnlich zuverlässig diagnostizieren wie mit Bluttests?
Interessenskonflikte: Finanzierung der Studie durch ein Unternehmen, welches Geräte zur Dunkelfeldanalyse herstellt

Keegan, S., Arellano, J., & Gruner, T. (2016). Fresh capillary blood analysis using darkfield microscopy as a tool for screening nutritional deficiencies of iron and cobalamin (vitamin B12): A validity study. Advances in Integrative Medicine, 3(1), 15-21. (Zusammenfassung der Studie)

Weitere wissenschaftliche Quellen

[3] Teut & Lüdtke (2006)
Teut M, Lüdtke R, Warning A. Reliability of Enderlein’s darkfield analysis of live blood. Altern Ther Health Med. 2006 Jul-Aug;12(4):36-41. (Zusammenfassung der Studie)