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Disulfiram: Sinnvoller Zusatz zur Chemotherapie?

Disulfiram: Macht es die Chemotherapie wirksamer und verträglicher?

Disulfiram: Macht es die Chemotherapie wirksamer und verträglicher?

Eine Chemotherapie bei Krebs ist nicht immer erfolgreich. Ob die zusätzliche Einnahme von Disulfiram die Behandlung verbessert, ist bisher unzureichend untersucht.

Frage:Verbessert Disulfiram die Wirksamkeit einer Chemotherapie bei Krebs?
Antwort:wissenschaftliche Belege fehlen
Erklärung: Die Fragestellung wurde nur in zwei älteren und kleinen Studien bei Menschen mit weit fortgeschrittenen Krebserkrankungen untersucht. Die Studien haben schwere methodische Mängel und kommen zu widersprüchlichen Ergebnissen.

Trotz großer Fortschritte in der Medizin während der vergangenen Jahre und Jahrzehnte ist eine Heilung bei Krebs nicht immer möglich. So verstarben in Österreich 2018 mehr als 20.000 Menschen an einer Tumorerkrankung [4].

In fortgeschrittenen Stadien soll die Behandlung dann zumindest die Lebenszeit verlängern und die Lebensqualität verbessern. Zum Beispiel mit einer Chemotherapie.

Allerdings sind die Therapieversuche nicht immer erfolgreich, und eine Chemotherapie bringt in der Regel erhebliche Nebenwirkungen mit sich.

In den Medien kursieren immer wieder Berichte darüber, dass Disulfiram gegen Krebs helfen und eine Chemotherapie verträglicher machen kann. Uns erreichte eine Anfrage, wie gut diese Behauptung untersucht ist.

Theoretisch plausibel

Die Idee stammt hauptsächlich aus Labor- und Tierversuchen. Sie weisen darauf hin, dass Disulfiram möglicherweise das Wachstum von Blutgefäßen hemmt, sodass die Versorgung des Tumors gebremst wird.

Eine weitere These: Disulfiram soll dafür sorgen, dass Krebszellen absterben, die das Tumorwachstum in Gang halten. Auch soll der Wirkstoff mögliche schädliche Effekte einer Chemotherapie auf die gesunden Körperzellen abmildern – sie also verträglicher machen [1,2].

Praktisch schlecht belegt

Ob Disulfiram tatsächlich die Wirksamkeit oder die Verträglichkeit einer Chemotherapie verbessert, ist derzeit jedoch unklar. Wir konnten nur zwei Studien [1,2] in unsere Auswertung einbeziehen:

  • Eine der Studien [1] konnte weder für Wirksamkeit noch Verträglichkeit positive Effekte von Disulfiram verzeichnen.
  • In der zweiten Studie [2] lebten die Patientinnen und Patienten, die zusätzlich zu einer Chemotherapie mit Disulfiram behandelt wurden, knapp drei Monate länger. Ob Disulfiram die Verträglichkeit verbesserte, wird nicht angegeben.

Wegen der niedrigen Teilnehmerzahlen und aufgrund methodischer Probleme, etwa bei der Datenauswertung, sind die Ergebnisse jedoch mit Vorsicht zu betrachten.

Noch zeitgemäß?

Eingeschränkt wird die Aussagekraft der Studien auch dadurch, dass sie bereits vor vielen Jahren bzw. Jahrzehnten durchgeführt wurden. Inzwischen hat sich die Krebsbehandlung in vielen Bereichen deutlich verändert.

Ob Disulfiram in Kombination mit moderneren Behandlungsmethoden ähnliche Effekte hätte, ist zum jetzigen Zeitpunkt unklar. Diese Fragestellung wird derzeit aber in mehreren Studien getestet.

Disulfiram bei Alkoholabhängigkeit

Der Wirkstoff Disulfiram wird seit mehreren Jahrzehnten für die Behandlung von Alkoholabhängigkeit eingesetzt. Das Mittel soll die Abstinenz fördern, denn es hemmt ein Enzym, das am Abbau von Alkohol beteiligt ist.

Trinken die Patientinnen und Patienten bei Einnahme von Disulfiram Alkohol, entsteht im Körper gezielt eine Unverträglichkeitsreaktion. Diese kann sich als Hitzegefühl, Herzklopfen, Kopfschmerzen, Schwindel und Übelkeit äußern [3].

Mehr Information zu Krebs und Chemotherapie

Weitere Information zum Themengebiet Krebs und zur Chemotherapie finden Sie auf den Seiten von www.gesundheitsinformation.de.

 

Die Studien im Detail


Bei unserer Suche haben wir uns auf Studien beschränkt, bei denen Patientinnen und Patienten mit einer Krebserkrankung Disulfiram als Teil ihrer Behandlung erhalten haben.

Die Disulfiram-Therapie wurde mit anderen Behandlungsoptionen oder einer Scheinbehandlung verglichen. Die Behandlungen wurden nach dem Zufallsprinzip zugeteilt (randomisierte kontrollierte Studien).

Nicht berücksichtigt: Studien mit Ditiocarb

Von dieser Art Untersuchungen haben wir nur zwei [1,2] identifizieren können. Drei weitere Studien konnten wir mit der Substanz Diethyldithiocarbamat, auch kurz Ditiocarb genannt, finden. Dieser Stoff entsteht im Körper durch Abbauprozesse aus Disulfiram.

In der Anfrage ging es aber konkret um Disulfiram, und die Studien mit Ditiocarb kommen im Wesentlichen zum gleichen Ergebnis. Daher haben wir uns dafür entschieden, hier nur die Studien mit Disulfiram selbst zu analysieren.

Große Unterschiede bei Teilnehmenden

An beiden Untersuchungen waren rund 100 Patientinnen und Patienten mit weit fortgeschrittenen Krebserkrankungen beteiligt. Es hatten sich bereits Metastasen, also Absiedlungen des eigentlichen Tumors, gebildet.

Eine der Studien [2] beschränkte sich auf Menschen mit neu diagnostiziertem nicht-kleinzelligen Lungenkarzinom. An der anderen Studie [1] waren Menschen mit insgesamt 17 verschiedenen Krebserkrankungen beteiligt.

In beiden Fällen erhielten die Teilnehmenden entweder Disulfiram in Form von Tabletten oder ein Scheinmedikament bzw. kein anderes Mittel begleitend zu einer Chemotherapie.

In einer der Studien [1] wurden die Teilnehmenden etwa zwei Monate behandelt und dann noch über längstens ein halbes Jahr beobachtet. In der anderen Studie [2] dauerte die Behandlung etwa sechs Monate, die weitere Beobachtung bis rund drei Jahre nach Therapiebeginn.

Disulfiram wurde in den beiden Untersuchungen in sehr unterschiedlichen Dosierungen eingesetzt, sodass sich die Ergebnisse nur schlecht vergleichen lassen.

Vermutlich nicht mehr aktuell

Beide Studien mit Disulfiram [1,2] sind schon etwas älter: Eine Studie wurde 1990 publiziert. Die zweite wurde zwar erst 2015 veröffentlicht, laut Studienregister war sie aber schon 2009 abgeschlossen.

Wichtig daher vorab: Die Therapien für viele Krebserkrankungen haben sich in den letzten Jahren verändert und deutlich verbessert. Deshalb ist es fraglich, ob sich die Ergebnisse überhaupt auf die heute üblichen Therapien übertragen lassen.

Methodische Mängel und Unklarheiten

In beiden Studien wurden mit jeweils 53 Teilnehmerinnen und Teilnehmern nur relativ wenige Menschen untersucht. Das erhöht die Unsicherheit, und es könnte gut sein, dass, die Ergebnisse zufallsbedingt sind.

Auch weisen beide Untersuchungen erhebliche methodische Mängel auf: Beispielsweise haben die Forschungsteams nicht alle Teilnehmenden in der Datenauswertung berücksichtigt. Für viele Aspekte, die für unsere Bewertung wichtig gewesen wären, fehlten in den Veröffentlichungen detaillierte Angaben.

(AutorIn: I. Hinneburg, Review: J. Harlfinger, C. Christof)

 

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Verma (1990)
Studientyp: randomisierte kontrollierte Studie
Teilnehmende insgesamt: 53 Patientinnen und Patienten mit metastasierten Krebserkrankungen
Fragestellung: Verbessert die zusätzliche Gabe von Disulfiram zusätzlich zu einer Chemotherapie mit Cisplatin bei Krebserkrankungen im fortgeschrittenen Stadium das Überleben, das Ansprechen auf die Therapie oder die Verträglichkeit?
Interessenskonflikte: keine Angaben

Verma S u.a. A randomized phase II study of cisplatin alone versus cisplatin plus disulfiram. Am J Clin Oncol. 1990; 13:119-24.
Zusammenfassung

[2] Nechushtan u.a. (2015)
Studientyp: randomisierte kontrollierte Studie
Teilnehmende insgesamt: 53 Patientinnen und Patienten mit nicht-kleinzelligem Lungenkarzinom im fortgeschrittenen Stadium
Fragestellung: Verbessert die Gabe von Disulfiram zusätzlich zu einer Chemotherapie das Überleben oder das Therapieansprechen bei nicht-kleinzelligem Lungenkarzinom im fortgeschrittenen Stadium?
Interessenskonflikte: Die Studie wurde durch den Hersteller eines Disulfiram-Präparats finanziert.

Nechusthan H u.a. A phase IIb trial assessing the addition of disulfiram to chemotherapy for the treatment of metastatic non-small cell lung cancer. Oncologist. 2015 Apr;20(4):366-7
Zusammenfassung
Freier Volltext

Weitere Quellen

[3] UpToDate (2019)
Disulfiram: Drug information (kostenpflichtig; Abruf 24.06.2019)

[4] Statistik Austria
Todesursachen im Überblick (Stand 26.06.2019) Abruf 15.08.2019