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Diabetikerwarnhunde: Sind sie verlässliche Helfer?

Liegt etwa eine gefährliche Unterzuckerung in der Luft?

Liegt etwa eine gefährliche Unterzuckerung in der Luft?

Für Menschen mit Diabetes kann eine Unterzuckerung gefährlich werden. Diabetikerwarnhunde sollen diese Hypoglykämien erkennen. Wie verlässlich sind die Vierbeiner?

Frage:Warnen speziell trainierte Hunde verlässlich vor einer gefährlichen Unterzuckerung?
Antwort:wissenschaftliche Belege fehlen
Erklärung:Es gibt einige positive Berichte und Pilotstudien. Es fehlen jedoch größere, gut gemachte Studien. Es ist daher nicht belegt, ob bzw. welche Hunde bedrohlich niedrige Blutzuckerwerte verlässlich erkennen und melden. Ebenfalls unklar: wie oft geben Diabetikerwarnhunde falschen Alarm?

Wenn die Besitzerin des Golden Retrievers „Natt“ gefährlich niedrige Blutzuckerwerte („Hypoglykämie“) hatte, war es vorbei mit der Ruhe. Ihr Hund lief dann auf und ab oder legte seinen Kopf auf das Knie der Diabetikerin.

Fiel nachts ihr Blutzucker bedenklich tief, bellte Natt oder scharrte an der Schlafzimmertür. Erst wenn die Blutzuckerwerte der Hundehalterin sich wieder normalisiert hatten, war Natt entspannt [1]. Konnte der Hund etwa die Unterzuckerung seiner Halterin erkennen?

Anekdoten, Trainings, Wissenschaft

Berichte über Hunde, die Diabetikerinnen und Diabetiker bei drohenden Notfallsituationen warnen, gibt es etliche. Demnach bellen, winseln, heulen, starren oder springen Hunde, auch ohne Training, und warnen so ihre Halterinnen und Halter bei einem drohenden Zuckertief.

Da dieses Verhalten nicht zufällig zu sein scheint, haben Institutionen in den USA und Europa damit begonnen, Diabetikerwarnhunde auszubilden. Einheitliche Standards zur Ausbildung oder Qualitätskontrollen bei den Hundeanbietern gibt es nicht.

Den Anbietern zufolge können Diabetikerwarnhunde das regelmäßige Messen und Regulieren des Blutzuckers nicht ersetzen. Aber die Tiere sollen als zusätzliche Kontrollinstanzen fungieren und starke Blutzuckerveränderungen erkennen und melden. Manche Hunde apportieren auch das Blutzuckermessgerät oder können einen Notfallknopf betätigen [1,3,4,5,14].

Erste Untersuchungen

Schlagen diese aufwändig trainierten Diabetikerwarnhunde wirklich verlässlich und rechtzeitig Alarm? Bei der Beantwortung dieser Frage steht die Wissenschaft leider erst ganz am Anfang. Ja, es gibt beispielsweise Fallberichte sowie Umfragen und Interviews mit Betroffenen [zum Beispiel: 1,3,4,5], die hoffnungsvoll stimmen mögen.

Allerdings besteht hier die Gefahr, dass die Betroffenen das Verhalten ihrer vierbeinigen Gefährten nicht unvoreingenommen bewerten bzw. sich bei Befragungen im Nachhinein nicht mehr an alle Details erinnern können.

Einige Pilotstudien [ zum Beispiel: 2,8-13] haben getestet, ob bzw. wie häufig die Diabetikerwarnhunde übehaupt richtig liegen – aber diese Untersuchungen sind sehr klein und sie haben auch noch andere methodische Einschränkungen wie etwa den fehlenden Vergleich mit den bereits etablierten und besten verfügbaren Methoden.

Daher können wir aus diesen Veröffentlichungen viele entscheidende Fakten nicht ableiten: Zum Beispiel, wie oft Diabetikerwarnhunde unter realen Alltagsbedingungen einen „Hypo“ richtig erkennen oder verpassen, ab welchen Werten sie reagieren oder wann sie Fehlalarm schlagen. Wir wissen auch nicht, wie viele Notfälle so vermieden werden.

Ebenso bleibt offen, für welche Personen ein Warnhund möglicherweise besser geeignet wäre und welche Hunde(rassen) eher zum Warnhund taugen. Es ist auch unklar, woran genau Diabetikerwarnhunde die Unterzuckerung erkennen sollen: Ist es ein typischer Geruch, verräterische Verhaltensweisen und Bewegungen?

Gefährlich wenig Zucker

Bei einer Hypoglykämie ist zu wenig Zucker im Blut vorhanden. Diese Unterzuckerung kommt häufig vor bei Diabetikerinnen und Diabetikern, die mit Insulin oder anderen Medikamente behandelt werden.

Auslöser einer Hypoglykämie können sein: zu lange Abstände zwischen den Mahlzeiten, zu kleine Mahlzeiten, zu hohe Insulindosis, starke körperliche Anstrengung oder übermäßiger Alkoholkonsum.

Typische Anzeichen – aber nicht immer

Mögliche Anzeichen einer Hypoglykämie sind Schwitzen, Blässe, Zittern, starkes Hungergefühl oder Ängstlichkeit. Die Beschwerden können sich verschlimmern zu Schwierigkeiten beim Gehen, Schwächegefühl, Sehstörungen bis hin zu Verwirrtheit, Krampfanfällen und Bewusstlosigkeit.

Die frühen und leichteren Warnzeichen können auch wegfallen oder unbemerkt bleiben, zum Beispiel nachts. Im schlimmsten Fall kann eine Hypoglykämie tödlich verlaufen. Es ist daher leicht nachvollziehbar, dass die Angst vor einem „Hypo“ belastend sein und zu Einschränkungen im Alltag führen kann.

Unterzuckerung vermeiden

Um eine Unterzuckerung zu vermeiden, messen Diabetikerinnen und Diabetiker ihren Blutzucker regelmäßig und können so im Fall des Falles rasch gegensteuern (z. B. mit Traubenzucker, gezuckerter Limonade). Es gibt auch Möglichkeiten, um zu trainieren, einen niedrigen Spiegel früh genug zu erkennen. Ist die Unterzuckerung bereits gefährlich niedrig, so schafft das Notfall-Medikament Glukagon Abhilfe [7,8].

Gute Informationen zum Weiterlesen

Laut Diabetesbericht [6] haben in Österreich etwa 368.000 bis 515.000 Menschen die Diagnose Diabetes erhalten; rund 147.000 bis 294.000 Personen dürften betroffen sein, ohne dies zu wissen.

Mehr Information zu Typ-1-Diabetes und Typ-2-Diabetes finden Sie unter www.gesundheitsinformation.de

[Frühere Versionen des Artikels sind 2015 und 2016 erschienen. Ein Update von Recherche und Text erfolgte im Juni 2019. Wir haben den Text stark verändert; die Conclusio blieb dieselbe.]

 

Die Studien im Detail

Wir haben keine Studien gefunden, auf deren Basis sich solide Aussagen dazu treffen lassen, wie verlässlich Diabetikerwarnhunde im Vergleich mit etablierten Methoden bei einer Unterzuckerung warnen, ab welchem Blutzucker-Tief sie anschlagen und wie viele Notfälle sich verhindern lassen. Wir wissen auch nicht, wie häufig die Hunde falschen Alarm schlagen. Ebenso ist beispielsweise unklar, welche Hundetrainings erfolgreicher sind und welche Hunde(rassen) besonders geeignet sind.

(AutorIn: J. Harlfinger, Review: B. Kerschner, C. Christof)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

keine

Weitere Quellen

[1] Chen u. a. (2000)
Chen M, Daly M, Williams N, Williams S, Williams C, Williams G. Non-invasive detection of hypoglycaemia using a novel, fully biocompatible and patient friendly alarm system. BMJ : British Medical Journal. 2000;321(7276):1565-1566.

[2] Dehlinger u. a. (2013)
Dehlinger K, Tarnowski K, House JL, et al. Can Trained Dogs Detect a Hypoglycemic Scent in Patients With Type 1 Diabetes? Diabetes Care. 2013;36(7):e98-e99.

[3] Gonder-Frederick u. a. (2013)
Gonder-Frederick L, Rice P, Warren D, Vajda K, Shepard J. Diabetic Alert Dogs: A Preliminary Survey of Current Users. Diabetes Care. 2013;36(4):e47.

[4] Rooney u. a. (2013)
Rooney NJ, Morant S, Guest C. Investigation into the value of trained glycaemia alert dogs to clients with type I diabetes. PLoS One. 2013 Aug 7;8(8):e69921.

[5] Wells u. a. (2008)
Wells DL, Lawson SW, Siriwardena AN. Canine responses to hypoglycemia in patients with type 1 diabetes. J Altern Complement Med. 2008 Dec;14(10):1235-41

[6] Österreichischer Diabetesbericht (2017)
Schmutterer I., Delcour J., Griebler R. (Hrsg.). Österreichischer Diabetesbericht 2017. Wien: Bundesministerium für Gesundheit und Frauen, 2017.
Abgerufen am 28.06.2018

[7] IQWIG (2017)
Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWIG). Diabetes Typ 1.
Abgerufen am 28.06.2018

[8] Uptodate (2019)
Patient education: Hypoglycemia (low blood sugar) in diabetes mellitus (Beyond the Basics)
Abgerufen am 28.06.2018

[9] Wilson C, Morant S, Kane S, Pesterfield C, Guest C, Rooney NJ. (2019)
An Owner-Independent Investigation of Diabetes Alert Dog Performance. Front Vet Sci. 2019 Mar 27;6:91.

[10] Rooney NJ, Guest CM, Swanson LCM, Morant SV. (2019)
How effective are trained dogs at alerting their owners to changes in blood glycaemic levels?: Variations in
performance of glycaemia alert dogs. PLoS One. 2019 Jan 15;14(1):e0210092.

[11] Gonder-Frederick LA, Grabman JH, Shepard JA. (2017)
Diabetes Alert Dogs (DADs): An assessment of accuracy and implications. Diabetes Res Clin Pract. 2017 Dec;134:121-130.

[12] Gonder-Frederick LA, Grabman JH, Shepard JA, Tripathi AV, Ducar DM, McElgunn ZR. (2017)
Variability of Diabetes Alert Dog Accuracy in a Real-World Setting. J Diabetes Sci Technol. 2017 Jul;11(4):714-719.

[13] Siegel AP, Daneshkhah A, Hardin DS, Shrestha S, Varahramyan K, Agarwal M. (2017)
Analyzing breath samples of hypoglycemic events in type 1 diabetes patients: towards developing an alternative to diabetes alert dogs. J Breath Res. 2017 Jun 1;11(2):026007.

[14] Los EA, Ramsey KL, Guttmann-Bauman I, Ahmann AJ. (2017)
Reliability of Trained Dogs to Alert to Hypoglycemia in Patients With Type 1 Diabetes. J Diabetes Sci Technol. 2017 May;11(3):506-512.

[15] Lippi G, Plebani M. (2019)
Diabetes alert dogs: a narrative critical overview. Clin Chem Lab Med. 2019 Mar 26;57(4):452-458.