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Diabetes und Übergewicht: Magenoperation als Ausweg?

Überwicht führt oft zu Typ2-Diabetes

Überwicht führt oft zu Typ2-Diabetes

Diabetes vom Typ 2 geht meist mit Übergewicht Hand in Hand. Laut „Standard“ und „Salzburger Nachrichten“ bewirken Magenoperationen eine deutliche Besserung dieser chronischen Erkrankung. Auf die Gefahren solcher Operationen sowie risikoärmere Methoden zur Besserung der Diabetes-Symptome wie Gewichtsabnahme oder Bewegung wird allerdings kaum eingegangen. (aktualisiert 12.5.2014)

Zeitungsartikel: Metabolische Chirurgie – Vielversprechende Option für Typ 2 – Diabetiker (Der Standard, 5. 8. 2011), Magenoperation gegen Diabetes (Salzburger Nachrichten, 11. 8. 2011)
Frage:Verbessern Magen-Darm-Operationen (bariatrische Operationen) die Symptome von Typ 2 – Diabetes?
Antwort:Magen-Darm-Operationen bewirken bei der Mehrzahl übergewichtiger Patienten mit Diabetes vom Typ 2 eine deutliche Verbesserung der Diabetes-Symptome. Diese Operationen sind allerdings mit Risiken verbunden. Andere Methoden (wie Bewegungsprogramme oder Gewichtsreduktion ohne Eingriffe) sind in kleinerem Ausmaß effektiv, aber weit risikoärmer.
Beweislage:
Hohe wissenschaftliche Beweislagefür die Wirksamkeit

Früher noch als „Altersdiabetes“ bezeichnet, betrifft Diabetes vom Typ 2 mittlerweile auch viele Junge. So sind bereits mehr als 2 von 100 Österreichern unter 60 Jahren betroffen. Insgesamt leiden mehr als 5 von 100 Österreichern an dieser Form der Zuckerkrankheit.

In den meisten Fällen geht diese chronische Erkrankung mit Übergewicht einher, welches mit einem Bodymass-Index (BMI) von über 25 definiert wird. (Der BMI berechnet sich aus dem Gewicht in Kilogramm dividiert durch die mit sich selbst multiplizierte Körpergröße in Metern – also kg/m²). Jeder Zweite mit einem BMI ab 30 (das entspricht 97 kg oder mehr für eine 1,80m große Person) entwickelt irgendwann in seinem Leben Typ 2 – Diabetes. Unter Personen mit BMI-Werten ab 40 (mehr als 130 kg für eine 1,80m große Person) sind es bereits 9 von 10.

Der „Standard“ (Online-Ausgabe vom 5. 8. 2011) berichtet über die „bariatrische Chirurgie“ – ein Fachvokabel für Magen/Darm-Operationen zur Gewichtsreduktion – als effektive Maßnahme zur Verbesserung von Diabetes-Symptomen. Dabei handelt es sich um Operationen, die meist durch eine Magenverkleinerung, ein früher auftretendes Völlegefühl hervorrufen. Zusätzlich kann durch eine Verkürzung der Verdauungswege die Menge der über die Darmwand aufgenommenen Nährstoffe verringert werden.

Die Risiken solcher Operationen oder andere Möglichkeiten zur Therapie von Typ 2 – Diabetes erwähnen „Standard“ und „Salzburger Nachrichten“ allerdings nicht. Dabei lässt sich neben Operationen oder der Behandlung mit Medikamenten auch relativ risikolos durch Gewichtsabnahme und Bewegung eine Verbesserung des diabetischen Zustands erreichen. Zwei systematische Übersichtsarbeiten der Cochrane Collaboration [1, 2] bestätigen dies, doch sie zeigen auch, dass eine langfristige und deutliche Gewichtsabnahme bei Typ 2 – Diabetikern oft schwierig ist.

Sind Magen-Darm-Operationen also tatsächlich eine effektive Maßnahme zur Behandlung von Typ 2 – Diabetes?

Ergebnis: Magen-OPs helfen bei Typ2-Diabetes

Drei systematische Übersichtsarbeiten und Meta-Analysen [3] [4] [6] zeigen deutlich, dass Magen-Operationen zur Gewichtsreduktion die Symptome von Diabetes verringern oder sogar beheben können.

Einer der Übersichtsarbeiten zufolge [3] bewirkten solche Operationen bei 62 von 100 Patienten ein vollständiges Zurückgehen der Diabetessymptome über einen Zeitraum von 2 Jahren hinaus. Bei 14 von 100 Patienten hatte die Operation allerdings keine nennenswerte Auswirkung auf den Diabetes-Zustand. Bei den restlichen Patienten kam es zumindest zu einer vorübergehenden oder dauerhaften Verbesserung ohne vollständige Heilung. Durchschnittlich gesehen verloren die Patienten nach der Operation etwas mehr als die Hälfte ihres überschüssigen Gewichts – im Durchschnitt verringerte sich ihr BMI von 48 um rund 14 Punkte. Zu den Risiken und Komplikationen machte die Übersichtsarbeit keine Angaben.

Die zweite Übersichtsarbeit [4] analysierte nur Studien an Typ2-Diabetes-Patienten mit einem BMI unter 35. Durch die Operationen fielen adipöse Patienten (BMI zwischen 30 und 35) in die Gruppe der Übergewichtigen (BMI zwischen 25 und 30). Die übergewichtige Gruppe erreichte nach der Operation Normalgewicht (BMI zwischen 20 und 25). Insgesamt benötigten nach dem Eingriff rund 85 von 100 Patienten keine Diabetes-Medikamente mehr. Bei rund 4 von 100 Patienten gab es Komplikationen, bei einer der 343 Personen mit Todesfolge.

[Aktualisierung 12. 5. 2014:] Auch die dritte systematische Übersichtsarbeit [6] bestätigt den teilweisen Rückgang der Diabetessymptome und des BMI bei einigen Patienten. Unerwünschte Nebenwirkungen werden allerdings nicht erwähnt.

Wirkungsvollste Methode mit höchstem Komplikationsrisiko

Die Übersichtsarbeiten kommen zu dem Schluss, dass diejenigen Operationsmethoden am effektivsten zur Behandlung der Typ 2 – Diabetes geeignet sind, welche auch das höchste Risiko für Komplikationen bergen.

Der verhältnismäßig unkomplizierteste chirurgische Eingriff dabei ist das Anlegen eines sogenannten Magenbandes. Dieses schnürt den oberen Teil des Magens teilweise ab, und bewirkt so ein frühes Völlegefühl und eine verringerte Nahrungsaufnahme. Auch wenn das Band verrutschen oder Entzündungen auslösen kann, ist diese rückgängig zu machende Methode mit der geringsten Todesrate infolge des Eingriffs verbunden. So kommt es bei weniger als 1 unter 1000 Patienten zu Komplikationen mit tödlichem Ausgang [5]. Nach Einsetzen eines Magenbandes erreichen rund 57 von 100 Patienten ein vorübergehendes oder dauerndes Verschwinden der Diabetes-Symptome [3].

Normalerweise gelangt die Nahrung aus dem Magen durch den sogenannten Pförtner (ein Schließmuskel) in den Zwölffingerdarm. Dort wird der vorverdauten Nahrung Verdauungssäfte beigesetzt und schließlich in den langen Dünndarm weitertransportiert, wo die Nährstoffe über die Dünndarmwand vom Körper aufgenommen werden.

Der sogenannte Magen-Bypass ist eine kompliziertere Operation, bei der eine kleine Magentasche gebildet wird, die dann direkt mit dem Dünndarm verbunden wird. Unter Umgehung („Bypass“) des restlichen, großen Magenteils gelangt die Nahrung so direkt in den Dünndarm. Da der Pförtnermuskel ebenfalls umgangen wird, gelangt bei der Aufnahme von süßen Speisen Zucker rasch und unkontrolliert in den Dünndarm, was Übelkeit und Unwohlsein (das sogenannte „Dumping-Syndrom“) auslöst. Auch mit modernen Operationsmethoden kommt es, neben sonstigen Komplikationen, beim Setzen eines Magen-Bypasses zu 2 bis 3 operationsbedingten Todesfällen pro 1000 Patienten [5].
Zur Behandlung von Typ 2 – Diabetes ist die Methode effektiver als das Magenband. Nach einem Magen-Bypass verschwinden Symptome der Diabetes bei 80 von 100 Patienten vorübergehend oder dauerhaft [3].

Die Biliopankreatische Diversion mit Duodenalswitch (BPD/DS, Umleitung der Verdauungssäfte mit Umstellung des Zwölffingerdarms) ist der Magen-Bypass-Methode ähnlich. Allerdings bleibt bei BPD/DS der Pförtnermuskel als Ausgang des verkleinerten Magens erhalten, dadurch kann es zu keinem Dumping-Syndrom kommen. Die Verdauungssäfte aus dem abgetrennten Zwölffingerdarm werden weiter unten in den Dünndarm eingeleitet. BPD/DS ist die risikoreichste der drei Operationsmethoden, allein in den ersten 30 Tagen nach der Operation kommt es bei durchschnittlich 11 von 1000 Patienten zu tödlichen Komplikationen [5]. Mit 95 von 100 Patienten, deren Diabetes-Symptome sich vorübergehend oder dauerhaft rückbildeten, ist diese Methode auch die effektivste.

Schlussfolgerung

Magen-Darm-Operationen, die gewöhnlich zur Gewichtsreduktion vorgenommen werden, können auch effektiv die Symptome von Typ 2 – Diabetes lindern oder aufheben. Wie bei allen chirurgischen Eingriffen sind aber auch die genannten Methoden nicht ohne Risiko für Komplikationen. Außerdem muss berücksichtigt werden, dass nach derartigen Operationen lebenslang zusätzliche Vitamine, Spurenelemente und Eiweiß eingenommen werden müssen, da der Körper nun nicht mehr fähig ist, diese in ausreichender Menge aus der Nahrung zu beziehen. Bis auf das Magenband sind diese Operationen auch nicht mehr rückgängig zu machen.

Nicht in den Übersichtsarbeiten erwähnt ist die Eignung des Magenballons zur Behandlung von Diabetes. Dabei handelt es sich um einen mit Luft oder Wasser füllbaren Ballon, der ohne Operation durch die Speiseröhre in den Magen eingeführt wird und ebenfalls für ein schnelleres Völlegefühl sorgt. Der Ballon muss allerdings nach 6 Monaten entnommen oder ausgetauscht werden, ist aber auch zur Gewichtsabnahme geeignet.

Risikolosere Optionen als operative Eingriffe stellen Bewegungs- und Diät-Maßnahmen dar. Diese können Diabetes-Symptome ebenfalls lindern, allerdings weniger effektiv als Operationen [6].

(AutorIn: B. Kerschner, Review: M. Strobelberger, C. Christof)

Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Norris u. a. (2005)
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse der Cochrane Collaboration
Anzahl der eingeschlossenen Studien: 22
Anzahl der Teilnehmerinnen insgesamt: 4659 Patienten mit Typ 2 – Diabetes
Vergleich: Auswirkung von Gewichtsreduktions-Maßnahmen ohne Medikamente auf Typ 2 – Diabetes im Vergleich zu keiner Maßnahme.

Titel: Long-term non-pharmacological weight loss interventions for adults with type 2 diabetes mellitus. Cochrane Database of Systematic Reviews. (Zusammenfassung der Studie)

[2] Thomas u. a. (2006)
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse der Cochrane Collaboration.
Anzahl der eingeschlossenen Studien: 14 randomisiert-kontrollierte Studien
Anzahl der Teilnehmerinnen insgesamt: 377 Patienten mit Typ 2 – Diabetes
Vergleich: Auswirkung von Bewegungsprogrammen über 8 Monate bis 1 Jahr auf Typ 2 Diabetes im Vergleich zu keiner Maßnahme

Titel: Exercise for type 2 diabetes mellitus. Cochrane Database of Systematic Reviews. (Zusammenfassung der Studie)

[3] Buchwald u a. (2009)
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse
Anzahl der eingeschlossenen Studien: 621 (davon 29 randomisiert-kontrollierte Studien)
Anzahl der Teilnehmerinnen insgesamt: 135 246
Fragestellung: Auswirkung bariatrischer Operationen auf Typ 2 Diabetes

Titel: Weight and type 2 diabetes after bariatric surgery: systematic review and meta-analysis. American Journal of Medicine; 122(3):248-256. (Zusammenfassung der Studie)

[4] Fried u. a. (2010)
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse
Anzahl der eingeschlossenen Studien: 16
Anzahl der Teilnehmerinnen insgesamt: 343 Diabetes Typ 2 – Patienten mit einem BMI unter 35
Fragestellung: Auswirkung bariatrischer Operationen auf Typ 2 Diabetes bei Patienten mit einem BMI unter 35

Titel: Metabolic surgery for the treatment of type 2 diabetes in patients with BMI <35kg/m²: an integrative review of early studies. Obesity Surgery; 20(6):776-790 (Zusammenfassung der Studie)

[5] Buchwald u. a. (2007)
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse
Anzahl der eingeschlossenen Studien: 361
Anzahl der Teilnehmerinnen insgesamt: 85 048 Patienten mit bariatrischen Operationen
Fragestellung: Rate der Komplikationen mit Todesfolge nach bariatrischen Operationen

Titel: Trends in mortality in bariatric surgery: A systematic review and meta-analysis. Surgery; 142(4):621-632. (Zusammenfassung der Studie)

[6] Ribaric u.a. (2014)
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse
Anzahl der eingeschlossenen Studien: 5 randomisiert-kontrollierte Studien, 11 Beobachtungsstudien
Anzahl der Teilnehmerinnen insgesamt: 3076
Fragestellung: Vergleich bariatrische Operationen mit konventioneller Therapie
Interessenskonflikte: Studie finanziert durch Ethicon Endo-Surgery Europe, GmbH

Ribaric G, Buchwald JN, McGlennon TW. Diabetes and weight in comparative studies of bariatric surgery vs conventional medical therapy: a systematic review and meta-analysis. Obes Surg. 2014 Mar;24(3):437-55. (Übersichtsarbeit in voller Länge)