Diabetes Typ 2: Helfen Probiotika?

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Bernd Kerschner, Jana Meixner

zuletzt aktualisiert: 9. August 2022
Menschen mit Diabetes können selbst viel für ihre Gesundheit tun.
Probiotika könnten den Blutzucker bei Diabetes etwas senken – jedoch nur als Kapseln oder Tabletten eingenommen. Gut belegt ist die Wirksamkeit allerdings nicht.
Frage:
Können Probiotika den Blutzucker bei Typ-2-Diabetes senken?
möglicherweise ein bisschen
Antwort:
Antwort:
Erklärung:
Die zusammengefassten Ergebnisse bisheriger Studien deuten an, dass Probiotika in Kapsel- oder Tablettenform den Blutzucker etwas senken könnten. Zumindest, wenn sie über einen Zeitraum von zwei bis drei Monaten eingenommen werden. Gut abgesichert ist der Effekt allerdings nicht. Probiotische Milchprodukte und Probiotika-Pulver zum Auflösen scheinen keine nachweisbare Wirkung zu haben.

Wie gehen wir vor?

Wirksamkeitsstudie(n)
Beobachtungsstudie(n)
Labor/Tier-Studien(n)

Typ-2-Diabetes ist eine chronische Stoffwechselerkrankung, bei der der Blutzuckerspiegel dauerhaft zu hoch ist. Bei vielen Betroffenen bessert sich die Erkrankung durch Gewichtsabnahme, gesündere Ernährung, mehr Bewegung und blutzuckersenkende Medikamente. Gelingt das nicht, kann der erhöhte Blutzuckerspiegel längerfristig die Blutgefäße und Nerven schädigen. Dadurch steigt mit den Jahren das Risiko für gesundheitliche Folgen: Wunden an den Füßen treten häufiger auf und heilen schlechter, das Sehvermögen kann stark nachlassen und das Risiko für Herzinfarkte und Schlaganfälle steigt [2,3].

Gute Keime, schlechte Keime

Menschen mit Typ-2-Diabetes scheinen eine veränderte Darmflora zu haben – in ihrem Darm kommen manche förderlichen Mikroorganismen seltener vor als bei Gesunden [4]. Einige Fachleute glauben, dass dies Diabetes begünstigen könnte. Sie hoffen, dass die lebenden Bakterien in Probiotika die Darmflora verbessern und so die Diabetes-Erkrankung lindern könnten. Probiotische Bakterien kommen zum Beispiel in Joghurt vor. Es gibt jedoch auch Probiotika-Präparate in Form von Kapseln und Tabletten zu kaufen.

Doch stimmt diese Theorie überhaupt? Begünstigt die veränderte Darmflora den hohen Blutzuckerspiegel? Und wenn ja, können Probiotika diese Veränderung rückgängig machen und so den Blutzuckerspiegel wieder senken?

Höchstens kleiner Effekt

Möglicherweise können sie das tatsächlich. Zumindest, wenn man sie in Form von Kapseln oder Tabletten einnimmt. Auf Milchprodukte oder Probiotika in Pulver-Form scheint das nicht zuzutreffen. Das ergab eine Zusammenfassung von allen aussagekräftigen Studien [1].

Die Wirkung der Kapseln und Tabletten scheint allerdings nicht groß zu sein: In den bisherigen Studien konnten sie den Langzeitzuckerwert HbA1c um durchschnittlich 0,55 Punkte senken. Das liegt knapp über dem Mindestwert von 0,5 Punkten, den eine Diabetes-Behandlung laut amerikanischer Arzneimittelbehörde FDA erreichen sollte [5].

Der Langzeitzuckerwert HbA1c bezeichnet den Anteil des roten Blutfarbstoffs Hämoglobin in den roten Blutkörperchen, an den sich Zucker langfristig angelagert. Bei gesunden Menschen sind weniger als 5,7 Prozent des Hämoglobins „verzuckert“. Bei Diabetes sind es 6,5 Prozent oder mehr [6].

Nicht gut abgesichert

Der Effekt von Probiotika auf den HbA1c-Wert ist nicht gut belegt, denn die Studien haben große Mängel und sind daher nur bedingt aussagekräftig (siehe Abschnitt „Die Studien im Detail“). Zudem ist unklar, ob der Effekt auch langfristig anhält – und ob man dafür die Probiotika dauerhaft einnehmen müsste. Die längste Studie dauerte nämlich bloß 12 Wochen.

Ein Maßnahmenpaket gegen Folgeerkrankungen

Für häufig verordnete Diabetes-Medikamente ist nicht nur gesichert, dass sie den Blutzucker senken. Studien zeigen, dass viele davon auch vor Folgeerkrankungen wie Nierenversagen und Herzinfarkten schützen [7]. Für Probiotika ist das nicht erforscht.

Welche Kombination aus Lebensstiländerungen und Medikamenten am besten dabei helfen kann, die Diabetes-Erkrankung in den Griff zu bekommen, ist individuell unterschiedlich. Ob der Blutzuckerspiegel nur leicht erhöht oder viel zu hoch ist, spielt dabei eine Rolle. Aber auch das Alter und ob zusätzliche Erkrankungen vorliegen.

Verlässliche Informationen zu Typ-2-Diabetes und welche Möglichkeiten es gibt, die Erkrankung wirksam zu behandeln, finden Sie auf Gesundheitsinformation.de.

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Die Studien im Detail

Nach welchen Studien haben wir gesucht?

Ob Probiotika-Präparate die Blutzuckerkontrolle verbessern können, lässt sich am aussagekräftigsten in randomisiert-kontrollierten Studien beantworten. Dabei werden Patientinnen und Patienten mit Typ-2-Diabetes per Zufall (randomisiert) auf zwei Gruppen aufgeteilt. Die Behandlungsgruppe nimmt Probiotika ein – etwa in Form von Kapseln, Tabletten, Beutel mit Probiotika-Pulver oder als probiotische Lebensmittel. Die Kontrollgruppe bekommt stattdessen ein gleich aussehendes Schein-Präparat (Placebo) oder Lebensmittel ohne Probiotika. Idealerweise sind sowohl die Teilnehmenden als auch das Forschungsteam „verblindet“. Das bedeutet, sie wissen nicht, wer das echte Präparat und wer das Placebo bekommt.

Bei unserer Recherche in zwei Forschungsdatenbanken haben wir eine aussagekräftige systematische Übersichtsarbeit [1] gefunden, die alle bisherigen randomisiert-kontrollierten Studien zusammenfasst.

Wie aussagekräftig sind die Studien?

Die Einschätzung, dass probiotische Kapseln und Tabletten den Blutzucker bei Typ-2-Diabetes senken könnten, beruht auf der Zusammenfassung von fünf Studien.

Deren Aussagekraft beurteilen wir als gering, da ihre Ergebnisse uneinheitlich sind. Außerdem haben die Studien Mängel:

  • In einer Studie haben einige der Teilnehmenden frühzeitig abgebrochen. Das kann das Ergebnis verzerrt haben.
  • Es ist nicht klar, ob alle Studien korrekt verblindet waren. Wissen Teilnehmende oder Forschende, wer das echte Präparat einnahm und wer das Placebo, führt das zu Erwartungen. Diese können das Ergebnis beeinflussen.
  • Es könnte sein, dass sich Behandlungs- und Kontrollgruppe in mehreren Studien bereits vor der Behandlung unterschieden haben. Der Grund dafür ist, dass die Gruppen-Zuteilung möglicherweise nicht zufällig war. Somit ist kein fairer Vergleich zwischen Probiotika- und Placebo-Behandlung möglich.
  • Es gibt Hinweise darauf, dass einige Studien nicht veröffentlicht wurden, weil sie keine Wirkung der Probiotika auf den Blutzuckerspiegel nachweisen konnten. Möglicherweise ist der zusammengefasste Effekt also geringer als behauptet.

Wir können auch nicht sicher sagen, dass Kapseln wirklich besser wirken als Pulver. Denn Kapseln, Pulver und probiotische Lebensmittel wurden in den Studien nicht direkt verglichen, sondern erst in der zusammenfassenden Übersichtsarbeit. Um beurteilen zu können, ob beispielsweise Kapseln besser als Pulver wirken, wäre ein Direktvergleich in einer Studie aussagekräftiger.

Wissenschaftliche Quellen


[1] Zhang (2022)
Zhang C, Jiang J, Wang C, Li S, Yu L, Tian F, Zhao J, Zhang H, Chen W, Zhai Q. Meta-analysis of randomized controlled trials of the effects of probiotics on type 2 diabetes in adults. Clin Nutr. 2022 Feb;41(2):365-373. (Link zur Studie)

[2] Gesundheitsinformation.de (2020)
Diabetes Typ 2. Abgerufen am 01.08.2022 unter www.gesundheitsinformation.de

[3] Gesundheitsinformation.de (2020)
Anzeichen eines diabetischen Fußes erkennen. Abgerufen am 01.08.2022 unter www.gesundheitsinformation.de

[4] Nauck et al. (2021)
Nauck MA, Wefers J, Meier JJ. Treatment of type 2 diabetes: challenges, hopes, and anticipated successes. Lancet Diabetes Endocrinol. 2021 Aug;9(8):525-544.

[5] FDA (2022)
Abgerufen am 01.08.2022 unter www.fda.gov

[6] Harreiter und Rhoden (2019): Diabetes mellitus – Definition, Klassifikation, Diagnose, Screening und Prävention (Update 2019). In: Diabetes mellitus – Anleitungen für die Praxis. Überarbeitete und erweiterte Fassung 2019. Herausgeber: Österreichische Diabetes Gesellschaft Wien Klin Wochenschr (2019) 131 [Suppl 1]:S6–S15

[7] Bundesärztekammer, Kassenärztliche Bundesvereinigung und Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (2021)
Nationale Versorgungsleitlinie Typ-2-Diabetes, 2. Auflage, Version 1, S.35-37
Abgerufen am 04.08.2022 unter www.awmf.org