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Den Schmerz außer Acht lassen

Meditation zur Schmerzbewältigung?

Meditation zur Schmerzbewältigung?

Durch Meditation besser mit chronischen Schmerzen umgehen zu lernen versprechen Achtsamkeits-basierte Behandlungsmethoden. Obwohl an Philosophien aus Buddhismus und Yoga angelehnt, ist die Therapieform auch für nicht-spirituelle, nicht-religiöse Patienten gedacht. Einzelne Studien bescheinigen Achtsamkeits-basierten Therapien zwar Erfolge in der Schmerzbehandlung, dennoch ist die Wirksamkeit noch unklar.
Update am 31.3.2014

 

Zeitungsartikel: Psychotherapie: Ein besserer Umgang mit Schmerzen lässt sich lernen (Die Presse, 18. 7. 2011)
Frage:Bewirken Achtsamkeits-basierte Methoden eine Besserung chronischer Schmerzen?
Antwort:Manche klinische Studien deuten auf eine Wirksamkeit Achtsamkeits-basierter Methoden zur Schmerzbehandlung hin, mehrere andere Studien können eine solche Wirkung jedoch nicht bestätigen. Eine definitive Antwort könnten Studien mit einer größeren Teilnehmerzahl bringen.
Beweislage:
Ungenügende wissenschaftliche Beweislage

Statt chronische Schmerzen nur zu bekämpfen, zielen Achtsamkeits-basierte Methoden darauf ab, Schmerz zwar zu akzeptieren, aber die Einstellung und Reaktion auf Schmerz zu ändern. In der „Presse“ vom 18. Juli 2011 wird ein Buch zur Thematik vorgestellt. Dem Autor und Schmerztherapeuten Peter Tamme zufolge habe Schmerz zwei Gesichter: den objektiven Schmerz und das subjektive Leiden Zweiteres ließe sich durch die eigene Einstellung beeinflussen.

Die Achtsamkeits-basierte Schmerzbehandlung basiert auf dem Konzept der Achtsamkeits-basierten Stressreduktion, die der US-amerikanische Molekularbiologe Jon Kabat-Zinn Ende der 1970er Jahre entwickelte. Das auf englisch „Mindfulness-based stress reduction“ genannte Prinzip lehnt sich an Ideen aus Buddhismus und Yoga an, ohne jedoch Spiritualität oder Religiosität vorauszusetzen. In 8 wöchentlichen Sitzungen und täglichen, zuhause durchgeführten Meditationsübungen sollen Patienten einen neuen Umgang mit Stress-auslösenden Umständen – wie zum Beispiel Schmerz – erfahren. Dabei geht es darum, diese Wahrnehmungen zwar zuzulassen, aber zu lernen, diese neutral und quasi aus der Entfernung neu und mit Gleichmut betrachten zu können.

Chronische Schmerzen, wie beispielsweise Kopf-, Rücken- oder rheumatisch-bedingte Schmerzen sind weit verbreitet und lassen sich nicht immer erfolgreich mit schmerzstillenden Medikamenten behandeln. Eine wirksame Therapie mithilfe von Meditations-Übungen könnte vielen Patienten Erleichterung verschaffen.

Zusammenfassung der Ergebnisse

Eine systematische Literaturrecherche in den medizinischen Fachliteratur-Datenbanken Pubmed und der Cochrane Library fand 7 randomisiert-kontrollierte Studien, die den Einfluss von Achtsamkeits-basierten Methoden auf chronischen Schmerz untersuchten. In beinahe allen dieser Untersuchungen nahmen Patienten mit chronischen Schmerzen an 8 wöchentlichen Sitzungen teil, in denen Prinzipien der Achtsamkeits-basierten Stressreduktion oder Achtsamkeits-basierte Meditations-Übungen vermittelt wurden. (In einer Studie (von Teixeica aus dem Jahr 2010) war es nur 1 Sitzung bei einer Dauer von 4 Wochen.) Zusätzlich zu den wöchentlichen Sitzungen sollten in fast allen Studien zuhause täglich Meditationsübungen durchgeführt werden, nur in einer Studie (von Wong, 2009) wurde dies nicht explizit erwähnt.

4 der 7 Studien (Teixeica 2010, Morone 2009, Plews-Ogan 2005 und Wong 2009) konnten keinen Vorteil durch die Therapie von chronischen Schmerzen mit Achtsamkeits-basierten Methoden gegenüber einer Schein-Therapie, gewöhnlicher Schmerzbehandlung oder Informations-Vorträgen feststellen.

Die Ergebnisse einer Studie (von Morone aus dem Jahr 2008) deuteten zwar auf keine Verbesserung der Schmerzempfindung durch ein Achtsamkeits-basiertes Programm hin, die Patienten mit chronischen Rückenschmerzen konnten aber am Ende der 8-wöchigen Therapie ihre Schmerzen besser akzeptieren.

In 2 der 7 Studien (von Esmer 2010 und Zautra 2008) zeigte sich hingegen eine merkbare Abnahme der Schmerzempfindung. Allerdings kommt Zautra in seiner Studie zu dem Ergebnis, dass Kognitive Verhaltenstherapie (eine anerkannte psychotherapeutische Richtung) eine noch größere Wirksamkeit als eine Achtsamkeits-basierte Therapie aufweist.

Die wichtigsten Merkmale aller 7 Studien sind am Ende dieser Seite detailliert aufgelistet.

Was lässt sich daraus schließen?

Achtsamkeits-basierte Meditation und Methoden, die auf Achtsamkeits-basierter Stressreduktion aufbauen, scheinen also in manchen Fällen Schmerzen erträglicher machen zu können. Warum nicht alle Untersuchungen zu diesem Ergebnis gekommen sind, kann viele Gründe haben:

So wurde etwa in jeder Studie eine etwas andere Achtsamkeits-basierte Behandlungsform angewandt, von denen manche mehr und manche weniger zur Schmerztherapie geeignet sind. Auch war die Anzahl der Teilnehmer in den meisten Studien sehr gering. Dadurch kann es leichter geschehen, dass die Ergebnisse stark von der tatsächlichen Wirksamkeit abweichen als bei Untersuchungen mit sehr vielen Teilnehmern.

Die Wirksamkeit Achtsamkeits-basierter Therapien zur Behandlung chronischer Schmerzen ist also unsicher. Mehr Gewissheit könnten klinische Studien mit größeren Teilnehmerzahlen und einer genormten Behandlungsmethode erbringen.

Update, 31.3.2014: Es git eine neue systematische Übersichtsarbeit, dennoch bleibt die Beweislage ungenügend, da darin keine neuen methodisch guten Studien enthalten sind.

(AutorIn: B. Kerschner, Review: M. Strobelberger, K. Thaler, Update: C. Christof, J. Wipplinger)

Information zu den wissenschaftlichen Studien

Update: Cramer u.a..(2012), Systematische Übersichtsarbeit im Volltext

(bei allen weiteren Studien handelt es sich um randomisiert-kontrollierte klinische Studien)

Studien, die keinen Vorteil Achtsamkeits-basierter Methoden finden:

Studie von Teixeica (2010):
Teilnehmer: 20 Patienten mit durch Diabetes verursachten Glieder-Schmerzen
Dauer: 4 Wochen
Behandlung: 1 Einführungs-Sitzung, 5x pro Woche Meditation zuhause
Vergleichsgruppe: Scheinbehandlung
Ergebnis: kein merkbarer Vorteil für Achtsamkeits-basierte Behandlung

Studie von Morone und Kollegen (2009):
Teilnehmer: 40 Patienten mit chronischen Kreuzschmerzen
Dauer: 8 Wochen
Behandlung: wöchentliche Meditationssitzungen zu 90 min. und 5x/Woche Meditationsübungen zuhause
Vergleichsgruppe: Informations-Vorträge
Ergebnis: kein merkbarer Vorteil für Achtsamkeits-basierte Behandlung

Studie von Plews-Ogan und Kollegen (2005):
Teilnehmer: 30 Patienten mit chronischen Schmerzen des Bewegungsapparats
Dauer: 8 Wochen
Behandlung: wöchentliche Achtsamkeits-basierte Stressreduktions-Sitzungen zu je 2,5 Std. und Übungen zuhause
Vergleichsgruppe: Standard-Schmerzbehandlung
Ergebnis: kein merkbarer Vorteil für Achtsamkeits-basierte Behandlung

Studie von Wong (2009):
Teilnehmer: 100 Patienten mit unterschiedlichen chronischen Schmerzen
Dauer: 8 Wochen
Behandlung: wöchentliche Achtsamkeits-basierte Stressreduktions-Sitzungen
Vergleichsgruppe: Informations-Vorträge
Ergebnis: kein merkbarer Vorteil für Achtsamkeits-basierte Behandlung (allerdings wurden keine Einzelergebnisse in der Studie angeführt!)

Studien, die merkbare Vorteile Achtsamkeits-basierter Methoden finden:

Studie von Morone und Kollegen (2008):
Teilnehmer: 37 Patienten mit chronischen Kreuzschmerzen
Dauer: 8 Wochen
Behandlung: wöchentliche Achtsamkeits-basierte Stressreduktions-Sitzungen zu je 90 min. und Meditationsübungen zuhause
Vergleichsgruppe: Warteliste (keine Behandlung)
Ergebnis: deutlich bessere Schmerz-Akzeptanz, aber keine merkbare Verbesserung der Schmerzen an sich.

Studie von Esmer und Kollegen (2010):
Teilnehmer: 25 Patienten mit chronischen Rücken- oder Beinschmerzen trotz vorheriger Operation
Dauer: 8 Wochen
Behandlung: wöchentliche Achtsamkeits-basierte Stressreduktions-Sitzungen zu je 1,5 bis 2,5 Std. und Meditationsübungen zuhause – zusätzlich zur Standard-Behandlung
Vergleichsgruppe: nur Standard-Behandlung
Ergebnis: merkbare Verbesserung der Schmerz-Akzeptanz und deutliche Reduzierung der Einnahme von schmerzstillenden Medikamenten

Studie von Zautra und Kollegen (2008):
Teilnehmer: 144 Patienten mit rheumatischer Arthritis
Dauer: 8 Wochen
Behandlung: Kognitive Verhaltentstherapie oder Achtsamkeits-basierte Meditation sowie Emotions-Regulations-Programm und Übungen zuhause
Vergleichsgruppe: Informations-Vorträge
Ergebnis: merkbare Verbesserung der Schmerzen (aber keine konkreten Zahlen genannt) und merkbare Verbesserung im Umgang mit Schmerz für beide Behandlungsgruppen, wobei die Effekte für Kognitive Verhaltenstherapie größer waren als die für das Achtsamkeits-basierte Programm

Wissenschaftliche Quellen

Esmer, G., J. Blum, et al. (2010) Mindfulness-based stress reduction for failed back surgery syndrome: a randomized controlled trial. The Journal of the American Osteopathic Association 646-652 (Zusammenfassung der Studie)

Morone, N. E., C. M. Greco, et al. (2008) Mindfulness meditation for the treatment of chronic low back pain in older adults: a randomized controlled pilot study. Pain 310-319 (Studie im Volltext)

Morone, N. E., B. L. Rollman, et al. (2009) A mind-body program for older adults with chronic low back pain: results of a pilot study. Pain medicine (Malden, Mass.) 1395-1407 (Studie im Volltext)

Plews-Ogan, M., J. E. Owens, et al. (2005) A pilot study evaluating mindfulness-based stress reduction and massage for the management of chronic pain. Journal of general internal medicine 1136-1138 (Studie im Volltext)

Teixeira, E. (2010) The effect of mindfulness meditation on painful diabetic peripheral neuropathy in adults older than 50 years. Holistic nursing practice 277-283 (Zusammenfassung der Studie)

Wong, S. Y. (2009) Effect of mindfulness-based stress reduction programme on pain and quality of life in chronic pain patients: a randomised controlled clinical trial. Hong Kong medical journal = Xianggang yi xue za zhi / Hong Kong Academy of Medicine 13-14 (Studie im Volltext)

Zautra, A. J., M. C. Davis, et al. (2008) Comparison of cognitive behavioral and mindfulness meditation interventions on adaptation to rheumatoid arthritis for patients with and without history of recurrent depression. Journal of consulting and clinical psychology 408-421 (Zusammenfassung der Studie)