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Ketogene Diät: Krebs verhungern lassen?

Wirkt eine kohlenhydratarme Diät gegen Krebs?

Low-Carb-Diät gegen Krebs?

Durch eine „ketogene Diät“ soll Krebszellen angeblich die Energie genommen werden. Überzeugende Belege für diese Annahme fehlen bisher.

Frage:Hilft eine ketogene, also eine fett- und eiweißreiche, stark kohlenhydratreduzierte Diät gegen Krebs?
Antwort:nicht (ausreichend) erforscht
Erklärung:Bis heute gibt es keine ausreichend gut gemachten Studien, die die Wirkung einer ketogenen Diät auf Krebs an Menschen untersucht hätten.

Zucker – genau genommen Traubenzucker – ist die Hauptenergiequelle für alle Körperzellen. Traubenzucker kann der Körper aus stärke- oder zuckerhaltigen Nahrungsmitteln wie Kartoffeln, Mehlprodukten oder Süßem selbst herstellen. Fehlen Kohlenhydrate in der Nahrung, kann unser Organismus seinen Stoffwechsel aber auch umstellen und die benötigte Energie aus Fett und Eiweiß gewinnen.

Einer Theorie zufolge sollen Krebszellen nicht fähig sein, ihren Stoffwechsel auf diese Art umzustellen. Angeblich brauchen sie den Zucker, um zu überleben. Aus dieser Idee wurde die Hypothese für eine Krebsdiät entwickelt: Würde die Ernährung so umgestellt, dass kaum noch Zucker in den Blutkreislauf gelangt, müsste das den Tumor doch verhungern lassen? [1] [4] [7].

Erreicht werden soll die „Entzuckerung“ durch eine so genannte ketogene Diät: also eine Ernährungsweise, die hauptsächlich aus Fett und Eiweiß und nur sehr wenig Kohlenhydraten besteht. Damit soll den Krebszellen die Energie entzogen werden.

In der Theorie klingt das nicht schlecht. Aber gibt es auch Beweise, dass eine ketogene Diät Tumore tatsächlich schrumpfen lässt?

Gute Studien zur ketogenen Diät bei Krebs fehlen

Beim Menschen ist die Datenlage sehr dünn: Bisher gibt es keine aussagekräftigen Studien, welche die Auswirkung einer kohlenhydratarmen Ernährung auf Krebs untersucht hätten. Zu diesem Schluss kommt ein Team von Wissenschaftlerinnen, die mehrere medizinische Literaturdatenbanken nach entsprechenden Studien durchforstet haben [1].

Es existieren zwar einige Tierstudien – sie brachten widersprüchliche Ergebnisse [4]. Doch Versuche mit Mäusen oder Hühnern lassen sich ohnehin nicht einfach auf den Menschen übertragen: Zu sehr unterscheidet sich zum Beispiel deren Stoffwechsel vom menschlichen.

Somit gibt es bisher keinen Nachweis für eine Wirksamkeit oder Nichtwirksamkeit der ketogenen Diät bei Krebs.

Nebenwirkungen einer ketogenen Diät

Umgekehrt gibt es Berichte über diverse Nebenwirkungen der Diät. Dazu gehören Müdigkeit, unerwünschter Gewichtsverlust und Verdauungsbeschwerden wie Verstopfung und Übelkeit. Anscheinend waren diese unerwünschten Effekte oft so gravierend, dass fast zwei Drittel der in den Krebs-Diät-Studien Untersuchten die ketogene Diät vorzeitig abgebrochen haben. Nur 37 Prozent der Erkrankten, die eine fett- und eiweißreiche, kohlenhydratarme Diät begonnen hatten, schaffte es, die Ernährungsweise bis zum Ende der Studie durchzuhalten [1].

In sehr seltenen Fällen kann es bei Personen, die ketogene Diäten machen, auch zu einer gefährlichen Übersäuerung des Blutes kommen. Im schlimmsten Fall kann eine solche Ketoazidose sogar zum Tod führen [7]. Deshalb sollten solche Diäten nur nach Rücksprache mit Fachleuten und unter ärztlicher Aufsicht gestartet werden.

Das deutsche Krebsforschungszentrum rät allgemein dazu, gegenüber „Krebsdiäten“ vorsichtig zu sein. Die Mechanismen, die von vielen dieser Ansätze behauptet werden – darunter auch die zur ketogenen Diät – seien entweder noch zu wenig erforscht oder mit derzeitigen Erkenntnissen der Krebsforschung nicht vereinbar [6].

Möglicherweise bringen zukünftige Studien mehr Erkenntnisse. Aktuell sind zumindest drei Studien am Laufen, die nach streng wissenschaftlichen Kriterien geplant zu sein scheinen und somit aussagekräftigere Ergebnisse versprechen [2].

Was macht eine ketogene Diät?

Es gibt unterschiedlich aufgebaute ketogene Diäten. Allen gemein ist der hohe Anteil an Fett an der Nahrung. Eiweiß wird nach Belieben erlaubt oder etwas reduziert. Manche der Diäten verzichten ganz auf Kohlenhydrate, andere zum Großteil [1]. Ketogene Diäten sind also „Low Carb“-Diäten.

Die wohl bekannteste ketogene Diät ist die Atkins-Diät, die Fleisch und Fett sowie (vor allem grünes) Gemüse und sehr geringe Kohlenhydratmengen vorsieht [1] [7].

Dieser Kohlenhydrat-„Entzug“ führt zu Veränderungen im Stoffwechsel. Üblicherweise bezieht der Körper seine Energie ja aus der Nahrung. Für Hungerzeiten hat er aber die Möglichkeit entwickelt, auf eigene Reserven zurückzugreifen: Zuerst braucht er die Zuckervorräte auf, die in der Leber und den Muskeln gespeichert sind. Danach geht es an die Fettdepots. Durch einen aufwendigen Prozess werden aus Fetten so genannte Ketonkörper gebildet, die den Organismus, allem voran das energiefressende Gehirn, mit Energie versorgen [1, 2].

Ob eine ketogene Ernährungsweise Tumore beeinflusst, ist offen

Ketogene Diäten simulieren zum Teil Hungerzeiten, indem sie keine Kohlenhydrate bereitstellen, sättigen aber durch Fette und Eiweiß. Die in unseren Breiten unübliche Ernährungsweise führt dazu, dass die Umwandlung von Fetten in Ketonkörper angekurbelt wird (daher auch der Name „ketogene Diät“). Unter anderem kann diese Ernährungsweise eine Verringerung der Blutzuckerwerte erreichen.

Wie weit der Blutzuckergehalt im Körper gesenkt werden müsste, bis Tumoren tatsächlich beeinträchtigt werden, beziehungsweise ob das überhaupt gelingt, ist derzeit allerdings noch völlig offen. Immerhin scheinen auch viele Krebszellen in der Lage zu sein, auf unterschiedliche Energiequellen zurückzugreifen [8, 9]. Möglicherweise schaffen es Krebszellen also ähnlich wie der übrige Körper, sich aus anderen Nährstoffen und Fettdepots ausreichend selbst zu versorgen. Die Theorie, dass Krebszellen unbedingt Zucker aus Nahrungsmitteln brauchen, ist nicht bewiesen.

Die ketogene Diät bei Epilepsie

Bei einer bestimmten Form von kindlicher Epilepsie, die mit Medikamenten nicht behandelt werden kann, hat sich die ketogene Diät bei einigen Kindern und Jugendlichen als wirksam erwiesen [3]. Ob das auch für Erwachsene gilt, muss noch besser untersucht werden.

Ein paar der epilepsiekranken Kinder, die eine ketogene Diät einhielten, sind selbst an Krebs erkrankt. Eine Fallstudie aus dem Jahr 2010 an fünf betroffenen Kindern zeigte keine Auswirkung der ketogenen Diät auf das Tumorwachstum [5]. Allerdings ist diese Fallzahl zu klein, um daraus eindeutige Schlüsse ziehen zu können.

[Die ursprüngliche Fassung dieses Artikels erschien am 3. Juli 2013. Seit der letzten Aktualisierung am 1.7.2014 sind neue Übersichtsarbeiten unterschiedlicher Qualität erschienen. Sie bringen keine Änderung unserer Einschätzung.]

 

Die Studien im Detail

Eine systematische Übersichtsarbeit suchte nach allen Studien, die vier Varianten einer ketogenen Diät mit unterschiedlich hoher Fett-Eiweiß-Kohlenhydrat-Zusammensetzung bei unterschiedlichen Krebsarten untersucht hatten [1]. Die Autorinnen konnten keine randomisiert kontrollierten Studien finden – also Studien mit zwei Versuchsgruppen, die per Zufall unterschiedlichen Behandlungsformen zugeteilt wurden. Nur solche objektiv gestalteten Studien können verlässliche Aussagen liefern.

Von den insgesamt 330 Versuchspersonen bekamen 177 eine ketogene Diät. Die Diätprotokolle waren oft mangelhaft oder fehlten sogar ganz, kritisieren die Autorinnen. Die Dauer der Ernährungsumstellung reichte von wenigen Stunden bis zu mehreren Jahren (nur für eine Person); damit konnten die Daten auch nicht zusammen ausgewertet werden.

In den meisten Arbeiten ging es darum, ob die Diät verträglich oder durchführbar ist. Nur in wenigen Studien wurde die Wirkung der Diät auf das Tumorwachstum erhoben (ohne signifikante Ergebnisse). Das wäre jedoch die eigentlich interessante Fragestellung für die Betroffenen.

Studien zu ketogenen Diäten bei Krebs von schlechter Qualität

Nur eine einzige von den 15 ausgewerteten Arbeiten verglich die Auswirkung einer ketogenen mit einer kohlenhydrathaltigen Ernährung. Aber abgesehen davon, dass darin mit 27 Krebserkrankten nur eine sehr kleine Anzahl an Probandinnen und Probanden untersucht wurde, ist diese Studie auch aufgrund anderer Mängel nicht aussagekräftig.

In den anderen 14 in der Übersichtsarbeit erwähnten Studien fehlt der Vergleich mit einer gewöhnlichen Ernährung. Somit lässt sich nicht sagen, ob möglicherweise beobachtete Effekte tatsächlich auf die ketogene Diät zurückzuführen wären.

Die Liste an aufgetretenen Nebenwirkungen hingegen ist lang und reicht von Verdauungsproblemen wie Übelkeit und Verstopfung über Müdigkeit bis hin zu Gewichtsverlust – bei einer Krebserkrankung ein ganz und gar unerwünschter Effekt. Die Akzeptanz für die ungewohnte Kost sei deshalb auch gering gewesen: Nur 67 der 177 Personen mit ketogener Diät (37 Prozent) schafften es, die Diät während der gesamten Studiendauer einzuhalten.

Die relevante Frage zur Wirkung auf Tumoren bisher unerforscht

Das heißt: Bis heute wurde die für Krebskranke eigentlich relevante Frage – nämlich ob kohlenhydratarme oder -freie Diäten etwas gegen Tumoren ausrichten können –, an Menschen noch fast gar nicht untersucht. Die wenigen Fälle, die bisher vorliegen, zeigten keine oder keine sichere Verbesserung.

Immerhin sind einige Studien zu ketogenen Diäten bei Krebs an Menschen gerade im Laufen, darunter mindestens drei randomisiert kontrollierte Studien [2]. In Zukunft könnten also möglicherweise bessere Daten vorliegen.

(Autorin: V. Ahne, Review: B. Kerschner, C. Christof)

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Information zur wissenschaftlichen Studie

[1] Erickson u.a. (2017)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit
Eingeschlossene Studien: 15 (5 Fallberichte, 8 prospektive Studien, 2 retrospektive Studien)
Teilnehmende insgesamt: 330 Krebskranke; 177 davon erhielten eine ketogene Diät
Fragestellung: Hat eine ketogene Diät Einfluss auf das Tumorwachsum oder auf Nebenwirkungen von Krebstherapien?
Interessenkonflikte: laut Autorinnen keine in Zusammenhang mit dieser Arbeit

Systematic review: Isocaloric ketogenic dietary regimes for cancer patients. Med Oncol. 2017 May;34(5):72 (Zusammenfassung der Arbeit) https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/28353094

Weitere wissenschaftliche Arbeiten

[2] Winter u.a. (2017)
Role of ketogenic metabolic therapy in malignant glioma: A systematic review. Crit Rev Oncol Hematol. 2017, Apr;112:41-58 (Zusammenfassung der Arbeit)

[3] Martin u.a. (2016)
Ketogenic diet and other dietary treatments for epilepsy. Cochrane Database of Systematic Reviews. Published Online: 9 FEB 2016 (Volltext der Übersichtsarbeit)
(Deutsche Zusammenfassung)

[4] Mengmeng u.a. (2014)
Roles of Caloric Restriction, Ketogenic Diet and Intermittent Fasting during Initiation, Progression and Metastasis of Cancer in Animal Models: A Systematic Review and Meta-Analysis. PLoS One. 2014; 9(12) (Volltext der Übersichtsarbeit)

[5] Chu-Shore u.a. (2010)
Tumor growth in patients with tuberous sclerosis complex on the ketogenic diet. Brain Dev. 2010 Apr;32(4):318-22 (Zusammenfassung der Studie)

[6] Krebsinformationsdienst (2017)
Essen nach Vorschrift: Lässt sich Krebs durch eine Diät beeinflussen? Deutsches Krebsforschungszentrum zu Krebsdiäten. Abgerufen am 07.08.2017 unter
https://www.krebsinformationsdienst.de/leben/alltag/ernaehrung-leben-diaeten.php

[7] UpToDate (2017)
Eric HW Kossoff u.a.: The ketogenic diet and other dietary therapies for the treatment of epilepsy. Abgerufen am 07.08.2017 unter http://www.uptodate.com/contents/the-ketogenic-diet-and-other-dietary-therapies-for-the-treatment-of-epilepsy

[8] Spektrum (2016)
„Der veränderte Stoffwechsel von Krebszellen“. Englischsprachiges Video der Nature-Redaktion vom 22.08.2016. Abgerufen am 07.08.2017 unter http://www.spektrum.de/video/der-veraenderte-stoffwechsel-von-krebszellen/1472843

[9] Institut für Qualität und Information im Gesundheitswesen (IQWIG) (2016)
Wie Krebszellen wachsen und sich ausbreiten. Abgerufen am 07.08.2017 unter https://www.gesundheitsinformation.de/wie-krebszellen-wachsen-und-sich-ausbreiten.2263.de.html