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Orangensaft: kein Beleg für Anti-Demenz-Wirkung

Mit Zitruskraft gegen Demenz?

Mit Zitruskraft gegen Demenz?

Einfach immer Orangensaft trinken und sich dadurch gegen Demenz schützen? Wäre schön, ist aber nicht belegt.

Frage:Lässt sich Demenz durch jahrelangen Konsum von Orangensaft vorbeugen?
Antwort:wissenschaftliche Belege fehlen
Erklärung:Der schützende Einfluss von Orangensaft auf die geistige Leistungsfähigkeit wurde in zwei großen Studien über mehrere Jahre untersucht. Allerdings sind Veränderungen der geistigen Leistungsfähigkeit nicht dasselbe wie eine Demenz-Diagnose. Hinzu kommt: Die Studien kamen zu unterschiedlichen Ergebnissen, und Zufallsbefunde sind nicht auszuschließen. Deshalb lässt sich die Frage nicht beantworten.

Das möchte niemand: Im Alter dement werden, seine Liebsten nicht mehr erkennen, und für die Bewältigung des Alltags auf andere angewiesen sein. Da klingen Medienberichte doch sehr verheißungsvoll: Einfach regelmäßig Orangensaft trinken und schon halbiert sich das Risiko, an Demenz zu erkranken. Das soll zumindest eine US-amerikanische Studie herausgefunden haben.

Erholung für gestresste Zellen?

Und es gibt auch eine Theorie, warum Orangensaft vor Demenz schützen könnte: Wie andere Gemüse- und Obstsorten enthält der Saft Substanzen, die „freie Radikale“ abfangen. Darunter versteht man besonders reaktionsfreudige chemische Verbindungen, die Zellen schädigen [3].

Mal wieder Antioxidantien

Fachleute bezeichnen das als „oxidativen Stress“. Er kann im Gehirn empfindliche Nervenzellen schädigen. Substanzen, die die freien Radikale aus dem Verkehr ziehen, werden auch als Antioxidantien bezeichnet. Antioxidative Substanzen im Orangensaft sind etwa Vitamin C oder Flavonoide [1,2].

Allerdings gilt wie immer: Eine Theorie reicht nicht aus, sondern es braucht gute Studien. Ein Leser wollte von uns wissen, wie gut die schützende Wirkung von Orangensaft tatsächlich belegt ist. Hat die Zitrusfrucht einen vorbeugenden Effekt?

Widersprüchlicher Orangensaft

Zuerst haben wir uns die Studie angesehen, die die angebliche schützende Wirkung von Orangensaft belegen soll [1]. Darin wurden in den USA rund 28.000 Zahnärzte und andere männliche Gesundheitsfachleute über mehrere Jahrzehnte beobachtet und dabei zweimal auch auf ihre Gedächtnisfunktion getestet. Laut Autorenteam hat Orangensaft eine positive Wirkung.

Allerdings war Orangensaft nur eines von mehreren untersuchten Lebensmitteln. Daher ist nicht ganz klar ist, ob es sich bei dem positiv anmutenden Ergebnis eventuell nur um einen Zufallsbefund handelt.

Wir haben außerdem noch eine ähnliche langfristige Studie mit 14.000 Krankenschwestern [2] identifiziert. In dieser Untersuchung konnte ein Nutzen von Orangen und Orangensaft nicht eindeutig nachgewiesen werden.

Aussagekraft stark eingeschränkt

Hinzu kommt: Beide Studien erlauben keine sicheren Schlussfolgerungen, ob bei den Teilnehmenden mit verschlechterter Gedächtnisfunktion tatsächlich eine Demenz vorlag oder sich später noch entwickeln würde. Außerdem lässt sich durch die Art der Untersuchung nicht sicher ausschließen, dass möglicherweise andere Faktoren für den scheinbaren Nutzen von Orangensaft verantwortlich sind.

Ob der regelmäßige Genuss von Orangensaft tatsächlich eine Demenz verhindern kann, bleibt nach dem derzeitigen Stand der Wissenschaft deshalb unklar.

Gedächtnisstörung und mehr

In Österreich sind schätzungsweise 130.000 Menschen an Demenz erkrankt [4]. Hinter dem Sammelbegriff „Demenz“ verbirgt sich eine ganze Reihe von Erkrankungen, bei denen die Betroffenen unter Gedächtnisstörungen leiden, sich zunehmend schlechter orientieren können und immer mehr auf Hilfe angewiesen sind.

Die Ursachen sind vielfältig. Eine Demenz kann entstehen, wenn das Gehirn aufgrund von Durchblutungsstörungen nicht ausreichend versorgt wird – das bezeichnet man als „vaskuläre Demenz“.

In vielen anderen Fällen ist die Ursache nicht bekannt. Die häufigste Diagnose lautet dann „Alzheimer-Demenz“. Bisher ist kein Mittel gefunden, um eine bereits ausgebrochene Demenz-Erkrankung nachhaltig aufzuhalten oder gar zu heilen [5].

Schwierige Vorbeugung

Auch in punkto Demenz-Vorbeugung tappt die Wissenschaft (noch) im Dunkeln. Trotz zahlreicher Studien ist es bisher nicht gelungen, einzelne Maßnahmen zu identifizieren, die das Risiko für eine Demenz erheblich senken können. Hilfreich ist vermutlich ein dauerhaft gesunder Lebensstil mit ausreichend Bewegung, geistiger Aktivität und sozialer Interaktion [6].

Studien zur Vorbeugung einer Demenz sind übrigens ziemlich schwierig: Aussichtsreiche Maßnahmen müssten sinnvollerweise mehrere Komponenten umfassen (z. B. Bewegungstherapie), schon in den mittleren Jahren beginnen, viele Menschen einschließen und lange dauern [7,8].

 

Die Studien im Detail

Bei unserer Literaturrecherche sind wir auf zwei große Studien [1,2] aus den USA gestoßen. Etwa 28.000 Männer und 14.000 Frauen im mittleren Alter nahmen daran teil; sie wurden über einen Zeitraum von 15 bis 25 Jahren beobachtet. Bei beiden Studien waren ausschließlich Gesundheitsfachleute eingeschlossen. Sie protokollierten den Verzehr bestimmter Nahrungsmittel. Außerdem wurde mit Hilfe von Fragebögen die geistige Leistungsfähigkeit erfasst.

Ein grundsätzliches Problem in beiden Studien: Die Teilnehmenden haben jeweils selbst entschieden, was sie wann in welcher Menge essen und trinken. Diese Entscheidungen hängen möglicherweise aber von Faktoren ab, die auch die gemessenen Effekte beeinflussen. So könnte es etwa sein, dass Menschen, die regelmäßig Sport treiben, gleichzeitig auch mehr Orangensaft konsumieren als Couch-Potatoes. Viele dieser verzerrenden Faktoren lassen sich in Beobachtungsstudien messen und bei der Auswertung berücksichtigen, aber nicht alle. Deshalb bleibt immer eine Rest-Unsicherheit, ob die beobachteten Veränderungen tatsächlich durch die verzehrten Lebensmittel verursacht worden sind.

Die Studie mit den Krankenschwestern [1] erfasste zu Beginn und zwei Jahre später den Verzehr von flavonoidreichen Lebensmitteln, dabei wurden unter anderem Orangen und Orangensaft gemeinsam betrachtet. Die Studie an Männern [2] fragte nach dem Verzehr verschiedener Gemüse- und Obstsorten sowie Säften. Orangensaft wurde getrennt erfasst. Die Teilnehmer mussten bei dieser Studie den Fragebogen zu Beginn der Studie ausfüllen, danach 16 Jahre lang in jedem vierten Jahr.

In beiden Fällen bezog sich der Fragebogen auf den Lebensmittel-Konsum im vergangenen Jahr. Fraglich ist bei diesem Vorgehen, wie gut sich die Teilnehmenden über einen relativ langen Zeitraum an die verzehrten Lebensmittel erinnern konnten oder ob sie vielleicht – wie so oft in Ernährungsstudien – ein wenig geflunkert haben. Auch bleibt unklar, ob die wenigen stichprobenartigen Befragungen den tatsächlichen Verzehr im gesamten Zeitraum umfassend abbilden können.

Die geistige Leistungsfähigkeit der Frauen wurde 15 Jahre nach Studienbeginn getestet, bei den Männer 22 und 26 Jahre nach Start. Zwischen der Erfassung des Lebensmittelverzehrs und der Erhebung der geistigen Leistungsfähigkeit lagen in beiden Studien einige Jahre. Damit wollten die Forschungsteams ausschließen, dass sich mögliche Defizite in der Gedächtnisleistung auf die Aufzeichnungen zu den verzehrten Lebensmitteln auswirken. Außerdem soll der Lebensstil in den mittleren Lebensjahren für den geistigen Abbau entscheidender sein als im höheren Alter. Kurzfristigere Auswirkungen von verändertem Ernährungsverhalten würden sich so aber nicht erfassen lassen.

Ein wesentliches Manko in beiden Studien: Zwar wurden jede Menge Begleiterkrankungen wie Bluthochdruck oder Diabetes erfasst. Die geistige Leistungsfähigkeit wurde aber nicht zu Beginn der Studie getestet. Damit fehlen Ausgangswerte. Eventuell spielt das bei diesen Studien aber keine große Rolle, da durch die Beschränkung auf berufstätige Gesundheitsfachleute die Teilnehmenden über eine gute geistige Leistungsfähigkeit verfügten. Gleichzeitig mangelt es möglicherweise an der Übertragbarkeit auf andere Personengruppen.

In beiden Studie wurden hauptsächlich Einschränkungen des Gedächtnisses abgefragt. Aber selbst wenn solche Probleme bestehen, bedeutet das nicht zwingend, dass wirklich eine Demenz vorliegt oder demnächst ausbrechen wird. Für diese Diagnose müssen zusätzlich Schwierigkeiten bei der Bewältigung des Alltags hinzukommen und die Beschwerden auch über einen längeren Zeitraum bestehen [5]. Mit Momentaufnahmen wie in den beiden Studien lässt sich die Diagnose Demenz jedenfalls nicht stellen.

Ein weiteres Problem: Orangensaft war in beiden Studien nur eines von vielen Lebensmitteln, für das Effekte ausgerechnet wurden. Durch ein solches Vorgehen (mehrfache Analyse desselben Datensatzes) können leicht Zufallsbefunde entstehen und eine Wirkung vorgaukelt werden, die nicht von echten Effekten zu unterscheiden ist.

(AutorIn: I. Hinneburg, Review: J. Harlfinger, C. Christof)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Samieri (2014)
Studientyp: prospektive Kohortenstudie
Teilnehmende: rund 14.000 Krankenschwestern in den USA
Fragestellung: Welchen Einfluss hat die Zufuhr von Flavonoiden in der Nahrung auf die geistige Leistungsfähigkeit?
Interessenkonflikte: keine nach Angaben des Autorenteams

Samieri C u.a. Dietary flavonoid intake at midlife and healthy aging in women. Am J Clin Nutr. 2014; 100: 1489–1497

(Zusammenfassung)
(Freier Volltext)

[2] Yuan (2019)
Studientyp: prospektive Kohortenstudie
Teilnehmer: rund 28.000 männliche Gesundheitsfachleute in den USA
Fragestellung: Verringert der Verzehr von Obst, Gemüse und Säften selbstberichtete Probleme der geistigen Leistungsfähigkeit?
Interessenkonflikte: keine nach Angaben der Autoren

Yuan C u.a. Long-term intake of vegetables and fruits and subjective cognitive function in US men. Neurology 2019;92:1-13

(Zusammenfassung)

Weitere wissenschaftliche Quellen

[3] IQWiG (2017) Nahrungsergänzungsmittel: Können sie auch schaden? (Zugriff am 11.05.2019)

[4] Öffentliches Gesundheitsportal Österreichs (2017) Demenz (Zugriff am 11.05.2019)

[5] IQWiG (2017) Alzheimer-Demenz (Zugriff am 11.05.2019)

[6] UpToDate (2019) Prevention of dementia. (Zugriff am 08.05.2019)

[7] European Medicines Agency (2018) Guideline on the clinical investigation of medicines for the treatment of Alzheimer’s disease. (Zugriff am 11.05.2019)

[8] Livingston G u.a. (2017) Dementia prevention, intervention, and care Lancet 2017; 390: 2673–2734