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Der BH: schlecht für die Brust?

Schadet ein BH der Gesundheit?

BH oder lieber nicht? Das ist die Frage.

Immer wieder geistern Meldungen durch die Medien, es sei besser, gar keinen BH zu tragen. Ist da was dran?

Frage 1:Bringt das Nicht-Tragen von Büstenhaltern medizinische Vorteile?
Frage 2:Bringt das Tragen eines BHs medizinische Vorteile?
Antwort:nicht (ausreichend) erforscht
Erklärung:Ob es gesünder oder sogar von Vorteil ist, keinen BH zu tragen, kann mangels Studien nicht beantwortet werden.

Umgekehrt behaupten ein paar Studien, dass gut sitzende Büstenhalter Brustschmerzen verhindern könnten. Die Arbeiten sind allerdings methodisch schwach und haben so gut wie keine Aussagekraft.

Von Zeit zu Zeit tauchen in den Medien beunruhigende Meldungen über BHs auf. So gab es das Gerücht, das jahrelange Dauertragen von Büstenhaltern könnte möglicherweise Brustkrebs verursachen. Diesen Mythos haben wir in einem eigenen Beitrag entkräftet.

Einen anderen unerwünschten Effekt wollte ein französischer Sportmediziner erforscht haben: Die ständige Unterstützung der Brust durch BHs lasse das Brustgewebe ausleiern und schwach werden, verkündete er 2013 in einer Radiosendung, weshalb Frauen lieber auf BHs verzichten sollten [8]. Dass die „Studie“ damals noch nicht einmal veröffentlicht war, hinderte die Presse nicht daran, die Botschaft des Franzosen in alle Welt zu posaunen. Reste dieses Medien-Hypes finden sich bis heute im weltweiten Netz.

Wir haben nachgesehen, ob die Studie inzwischen veröffentlicht ist. Fehlanzeige: Es gibt keinerlei Eintrag in den wissenschaftlichen Datenbanken.

Und wie sieht es mit anderen Arbeiten zu dieser Fragestellung aus? Gibt es Hinweise darauf, dass es für Frauen besser sein könnte, auf einen BH zu verzichten?

Keine Belege, dass ein BH die Brust verändert

Bei unseren ausführlichen Suchen ist uns nur eine Arbeit zu dem Thema untergekommen: 1990 wurde in Japan an elf Frauen untersucht, wie sich das konsequente Tragen eines stark stützenden BHs auswirkt [1].

Das Ergebnis scheint auf den ersten Blick tatsächlich die These des französischen Forschers zu stützen: Nach drei Monaten schienen die Brüste der Frauen stärker nach unten zu hängen und etwas weiter auseinander zu stehen.

Allerdings ist diese Aussage allein schon wegen der geringen Teilnehmerinnenzahl fragwürdig. Es gab auch keine Kontrollgruppe. Zudem wurden von den Forscherinnen und Forschern außer dem Körpergewicht keine anderen möglichen Einflussfaktoren auf die Brustform berücksichtigt, zum Beispiel der Hormonstatus der Frauen bei den jeweiligen Messungen. Aus dieser Studie kann deshalb keinerlei Aussage über den Effekt von BHs abgeleitet werden.

BHs: hilfreich bei Brustschmerzen?

Eine Formveränderung der Brust durch BHs ist also nicht nachgewiesen, genauso wenig wie irgendwelche gesundheitlichen Vorteile durch das Weglassen eines BHs.

Stattdessen fanden wir die umgekehrte Empfehlung: Frauen, die zeitweise an schmerzenden Brüsten leiden, könnten sich mit einem gut sitzenden BH angeblich Linderung verschaffen [5–7].

Diese Empfehlung basiert allerdings auf nur drei Arbeiten mit geringer bis gar keiner Aussagekraft [2–4]. Ob das Tragen eines BHs gegen schmerzende Brüste hilft, ist damit wissenschaftlich nicht nachgewiesene.

Schmerzende Brüste: ein weit verbreitetes Leiden

Sehr viele Frauen kennen das Gefühl berührungsempfindlicher oder sogar schmerzender Brüste. Manche Frauen können allmonatlich über ein Ziehen und Drücken in den Tagen vor Einsetzen der Regel erzählen – sie leiden an zyklischen Brustschmerzen, die mit steigendem Alter häufiger werden. Diese Schmerzen entstehen durch Hormonschwankungen im Laufe des Menstruationszyklus‘, treten meistens beidseitig auf und enden üblicherweise nach den Wechseljahren [6].

Deutlich seltener sind nicht-zyklische Brustschmerzen. Sie werden zum Beispiel durch eine Brustentzündung ausgelöst, wie sie etwa während des Stillens auftreten kann.

Manche Frauen haben Schmerzen, weil sie besonders große Brüste haben. Auch Hormonpräparate wie die Antibabypille können Brustschmerzen auslösen – im Fall der Hormonersatztherapie auch noch nach den Wechseljahren [6].

Fast immer unbegründet ist die Sorge, dass schmerzende Brüste auf Brustkrebs hindeuten. Für die meisten Frauen ist hier eine beruhigende Aufklärung sehr hilfreich [5].

Unser Fazit

Wissenschaftliche Belege zu gesundheitlichen Vor- oder Nachteilen von BHs fehlen. Damit bleibt es weiterhin jeder einzelnen Frau überlassen, den BH nach ihrem persönlichen Komfortgefühl und den eigenen Vorlieben zu wählen – oder keinen zu tragen, wenn ihr damit wohler ist.

Frauen, deren Brüste immer wieder schmerzen, hilft am ehesten der Hausverstand. Tut zum Beispiel ein großer Busen weh, weil er beim Sport zu stark bewegt wird, kann ein gut sitzender (Sport-)BH probiert werden. Schmerzt der Busen mit – oder sogar wegen eines? – BHs, hilft wahrscheinlich eher, den BH zumindest zeitweise wegzulassen bzw. auf ein besser sitzendes Modell umzusteigen.

[Die ursprüngliche Fassung dieses Artikels erschien am 15.5.2013. Eine neuerliche Literatursuche brachte keine neuen Erkenntnisse.]

 

Die Studien im Detail

Wir konnten keine einzige aussagekräftige Studie zu der Frage finden, ob das Weglassen eines BHs gesundheitliche Vorteile hat. Eine Arbeit aus Japan beschäftigte sich mit einer Formveränderung der Brust durch das Tragen eines BHs. Dafür bekamen elf Frauen für drei Monate einen fest sitzenden BH, die nächsten drei Monate sollten sie keinen BH tragen. Im wöchentlichen Abstand wurden ihre Brüste vermessen und fotografiert. Durch den BH soll sich angeblich die Form der Brust verändert haben. Allerdings nahmen viel zu wenige Teilnehmerinnen an der Studie teil, und sie dauerte auch zu kurz, um hier eine eindeutige Aussage machen zu können. Das Ergebnis ist somit nicht vertrauenswürdig [1].

BH gegen schmerzhafte Brüste?

Auch die Studien, auf deren Basis empfohlen wird, bei schmerzenden Brüsten einen gut sitzenden BH zu tragen, sind wenig aussagekräftig:

In einer bereits über 40 Jahre alten Arbeit bekamen 114 Frauen mit schmerzendem Busen einen gut passenden BH zu tragen, wofür sie aus immerhin 144 verschiedenen Größen wählen konnten [2]. Bei knapp einem Drittel der Frauen verschwanden innerhalb von 18 Monaten die Schmerzen vollständig, bei weiteren 49 trat eine deutliche Verbesserung ein.
Allerdings fehlte in der Studie eine Vergleichsgruppe. Es wurde auch keine statistische Analyse durchgeführt, und die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen berücksichtigten bei ihrer Analyse nur wenige andere Faktoren. So bleibt unklar, ob es zum Beispiel nicht auch ohne die BH-Behandlung zu einer Besserung gekommen wäre.

Medikament oder BH?

Eine arabische Studie verglich die Wirksamkeit von Sport-BHs mit der Wirksamkeit eines Medikaments [3]. Jeweils 100 Frauen mit schmerzendem Busen wurden für zwölf Wochen entweder mit dem Hormonpräparat Danazol behandelt oder erhielten einen passenden Sport-BH.

In der BH-Gruppe klagten anfänglich alle Frauen über mangelnden Komfort, später berichteten jedoch 85 Prozent der Patientinnen über eine Besserung der Brustbeschwerden. In der Danazol-Gruppe waren es lediglich 58 Prozent. Aber auch diese Studie weist schwere Mängel auf und ist nicht aussagekräftig.

Fallbeschreibungen haben keine Aussage

Eine dritte „Studie“ beobachtete drei sportliche Frauen mit unterschiedlicher Brustgröße, die verschiedene BH-Typen ausprobierten [4]. Ein Sport-BH wird als angenehmste BH-Form beim Sport geschildert. Allerdings sind derartige Fallbeschreibungen nicht aussagekräftig.

Die Frage, ob ein BH gesundheitliche Vor- oder Nachteile bringt, bleibt auf Basis bisheriger Studien somit ungeklärt.

(AutorIn: J. Wipplinger, V. Ahne, Review: C. Christof, B. Kerschner)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Ashizawa u.a. (1990)
Studientyp: Einzelstudie
Teilnehmerinnen: 11 Frauen zwischen 22 und 39 Jahren
Fragestellung: Verändert ein BH die Brustform?
Interessenkonflikte: keine angegeben

Breast form changes resulting from a certain brassière. J Hum Ergol (Tokyo). 1990 Jun;19(1):53-62 (Zusammenfassung der Studie)

[2] Wilson u.a. (1976)
Studientyp: Einzelstudie
Teilnehmerinnen: 114, wobei nur die Ergebnisse von 100 ausgewertet wurden
Fragestellung: Wirkt das Tragen von Sport-BHs beim Sport gegen Brustschmerzen?
Interessenkonflikte: Die BHs wurden vom Hersteller zur Verfügung gestellt.

Therapeutic value of a supporting brassière in mastodynia. Br Med J. 1976 Jul 10;2(6027):90 (Volltext der Studie)

[3] Hadi (2000)
Studientyp: Einzelstudie
Teilnehmerinnen: 200 Frauen mit Brustschmerzen
Fragestellung: Hilft das Medikament Danazol oder das Tragen eines Sport-BHs besser gegen Brustschmerzen?
Interessenkonflikte: keine angegeben

Sports Brassiere: Is It a Solution for Mastalgia? Breast J. 2000, Nov;6(6):407-409 (Zusammenfassung der Studie)

[4] Mason u.a. (1999)
Studientyp: Einzelstudie mit Bewegungsanalysen
Teilnehmerinnen: 3 sportliche Frauen
Fragestellung: Schützt ein Sport-BH bei sportlicher Aktivität vor Brustschmerzen?
Interessenkonflikte: keine angegeben

An analysis of movement and discomfort of the female breast during exercise and the effects of breast support in three cases. J Sci Med Sport. 1999 Jun;2(2):134-44 (Zusammenfassung der Studie)

Weitere wissenschaftliche Quellen

[5] Society of Obstetricians and Gynecologists of Canada (SOGC) (2006)
Rosolowich u.a.: Mastalgia. SOGC Clinical Practice Guideline. J Obstet Gynaecol Can. 2006 Jan;28(1):49-71 (Volltext der Guideline)

[6] UpToDate (2016)
Golsha u.a.: Breast pain. Abgerufen am 14.7.2017 unter https://www.uptodate.com/contents/breast-pain

[7] UpToDate (2017)

Staradub u.a.: Patient education – Common breast problems (Beyond the Basics). Abgerufen am 14.7.2017 unter https://www.uptodate.com/contents/common-breast-problems-beyond-the-basics

Weitere Quelle

[8] Radiosender der Université de Franche-Comté (2013)
Soutien-gorge: en porter ou pas? Gespräch mit dem französischen Forscher Jean-Denis Rouillon am 15.4.2013 (Zugang zur Audiodatei auf Französisch)