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Damm-Massage senkt wahrscheinlich Risiko für Geburtsverletzungen

Hallo Welt!

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Schwangeren wird häufig empfohlen, vorbeugende Damm-Massagen durchzuführen. Dies soll weit verbreiteten Geburtsverletzungen entgegenwirken.

Frage:Kann eine Damm-Massage während der Schwangerschaft helfen, um bei Erstgebärenden eine Geburtsverletzung zu verhindern?
Antwort:wahrscheinlich Ja
Erklärung:Die bisherige Studienlage zeigt, dass sich in der Gruppe der Frauen, die zum ersten Mal ein Baby bekommen, Geburtsverletzungen am Damm wahrscheinlich etwas reduzieren lassen. Dies ist insbesondere darauf zurückführen, dass weniger Dammschnitte durchgeführt wurden. Der positive Effekt ließ sich nicht für Frauen zeigen, die bereits eine vaginale Entbindung hinter sich hatten.

Weltweit finden jährlich etwa 140 Millionen Geburten statt. Rund 87.000 davon entfallen auf Österreich [10,11].

Geburtsverletzungen sind häufig

So bedeutsam dieses Erlebnis für die werdenden Eltern auch ist – eine Geburt geht mit gewissen gesundheitlichen Risiken einher. So wird etwa häufig bei der Geburt der „Damm“ verletzt – das ist das muskulöse Gewebe zwischen Scheide und After. Und zwar dann, wenn die Mutter ihr Kind durch den Geburtskanal presst.

Manchmal sind die geburtsbedingten Verletzungen am Damm nur klein, und sie können rasch von selbst heilen. Aber es kann auch notwendig sein, sie zu nähen. Dazu zählen tiefere Risse bis in die Muskulatur und gezielte Dammschnitte durch die Geburtshelferinnen und Geburtshelfer, um die Geburt zu beschleunigen. Manche Frauen haben aufgrund der Dammverletzungen längerfristig Beschwerden [1,2].

Massage als Vorbereitung

Um Verletzungen des Damms zu vermeiden, wird oft eine vorbeugende Damm-Massage empfohlen. Diese Massage soll in den letzten Wochen vor der Entbindung regelmäßig durch die Schwangeren bzw. deren Partnerinnen und Partner zu Hause durchgeführt werden. Ziel ist es, den Damm auf die große Dehnung während der Geburt vorzubereiten und somit das Verletzungsrisiko von Haut und Muskeln des Damms zu mindern.

Daten von über 2600 Frauen

Wir wollten wissen, was die vorbeugende Damm-Massage wirklich bewirken kann. Ist sie förderlich, um Geburtsverletzungen verhindern?

Um den Effekt zu beurteilen, haben wir mehrere Forschungsdatenbanken nach Studien durchsucht und die besten verfügbaren Informationen ausgewählt: eine Übersichtsarbeit [1] von 2013, die die Ergebnisse von rund 2500 Frauen zusammenfasste. Außerdem haben wir eine Studie von 2018 [2] mit Daten von 108 Frauen herangezogen, die erst nach Erscheinen der Übersichtsarbeit veröffentlicht worden ist.

Insgesamt schätzen wir die Basis für unsere Einschätzung als ziemlich vertrauenswürdig, aber keineswegs makellos ein.

Einige Erstgebärende profitieren

Laut dieser Studien [1,2] haben Frauen, die vor der Geburt zwecks Vorbeugung ihren Damm massieren, wahrscheinlich ein etwas geringeres Risiko für bestimmte Geburtsverletzungen. Gemeint sind Verletzungen, die genäht werden müssen, insbesondere Dammschnitte.

Doch offenbar profitierne nicht alle Frauen von der Risikoreduktion. Denn der Effekt zeigte sich nur in der Gruppe jener Frauen, die zum ersten Mal ein Baby auf die Welt brachten.

Zur Veranschaulichung ein paar Zahlen – wie von den beiden Autoren der Übersichtsarbeit [1] berichtet:

  • Mit Massage hatten ca. 63 von 100 Erstgebärenden eine Damm-Verletzung (inkl. Dammschnitt), die genäht wurde.
  • Ohne Massage hatten ca. 70 von 100 Erstgebärenden eine Damm-Verletzung, die genäht wurde.

Folglich ist die Damm-Massage wahrscheinlich bei ca. 7 von 100 Erstgebärenden wirksam, um eine Geburtsverletzung (inkl. Dammschnitt) zu verhindern, die genäht werden muss.

Offenbar wirkt sich die die Massage speziell darauf aus, dass weniger Dammschnitte durchgeführt werden. Denn bei bei ca. 5 von 100 Erstgebärenden kann die Damm-Massage wahrscheinlich einen Dammschnitt verhindern:

  • Mit Massage hatten ca. 27 von 100 Erstgebärenden einen Damm-Schnitt.
  • Ohne Massage hatten ca. 32 von 100 Erstgebärenden einen Damm-Schnitt.

Die Wahrscheinlichkeit, einen Dammriss zu erleiden, senkte sich durch die Damm-Massage zwar rein rechnerisch auch ein wenig – aber diese Veränderungen könnten sehr gut auch zufallsbedingt sein und in Wirklichkeit gar keinen Effekt auf die Frauen haben.

Unerwünschte Nebenwirkungen haben beide Arbeiten [1,2] nicht speziell erfasst.

Verletzliche Zone

Als „Damm“ oder „Perineum“ wird die Region zwischen After und Scheide bezeichnet. Der Damm besteht zum Großteil aus Muskeln.

Während Geburten kommt es bei bis zu 85 Prozent der Frauen zu Verletzungen des Damms: Einige Faktoren erhöhen das Risiko einer Dammverletzung: zum Beispiel erstmalige vaginale Geburt, ein Baby mit höherem Gewicht oder der Einsatz von medizinischen Instrumenten wie Geburtszange und Saugglocke [1,2,8].

Kurz- und langfristige Probleme

Die Verletzungen des Damms reichen von kleineren oberflächlichen Rissen der Haut bis zu tiefen Rissen in die Muskulatur. Verletzungen entstehen auch durch gezielte Schnitte („Dammschnitt“ bzw. „Episiotomie“), durch die das medizinische Personal rasch mehr Platz für das Baby schaffen möchte.

Manche dieser Verletzungen heilen gut von selbst ab, etwa zwei Drittel müssen aber genäht werden. Verletzungen des Damms können kurzfristig unangenehm sein, aber auch längerfristig für Probleme sorgen, zum Beispiel Schmerzen, Inkontinenz oder Probleme beim Sex [1,2,8].

Mehr Dehnung durch Massage?

Bei der Damm-Massage soll das Gewebe zwischen der hinteren Scheidenwand und dem After u-förmig mit ein bis zwei Fingern langsam massiert werden, und zwar mit leichtem Druck von oben nach unten. Dabei kann es vor allem anfangs zu etwas unangenehmen Empfindungen kommen.

Die Massage kann auch von Partnerin oder Partner übernommen werden. Wichtig: Die Finger sollten gewaschen und eingeölt sein. In Bezug auf Häufigkeit und Dauer variieren die Empfehlungen, die Frauen erhalten [9].

Massage während der Wehen

Übrigens kann auch noch während der Wehen eine Damm-Massage durch die Geburtshelferinnen und Geburtshelfer erfolgen. Als weitere Möglichkeiten gelten warme Kompressen oder ein Dammschutz mit den Händen („hands on“) während der Austreibungsphase.

Ziel ist es auch hier, dem Dammgewebe ein langsames Dehnen zu ermöglichen und Verletzungen zu vermeiden. Der Nutzen von diversen Dammschutz-Techniken ist bislang nicht immer ausreichend erforscht [7].

 

Die Studien im Detail

Für unsere Bewertung haben wir zwei Publikationen aus 2013 und 2018 berücksichtigt [1,2]. Laut unserer Recherche enthalten diese Arbeiten die besten derzeit verfügbaren Informationen zum Thema vorgeburtliche Damm-Massagen. Sie haben das Ziel, das Verletzungsrisiko während der Geburt zu senken.

Daten von 2500 Frauen

Für ihre systematische Übersichtsarbeit [1] haben zwei australische Forscher verschiedene Datenbanken und andere Quellen im Oktober 2012 nach allen verfügbaren Publikationen zu Damm-Massage während der Schwangerschaft durchsucht. Letztlich haben sie für ihre Übersicht vier gut gemachte Studien analysiert.

An diesen Studien [3-6] nahmen knapp 2500 Frauen aus Kanada, Japan und Großbritannien teil. Bei allen war eine „Spontangeburt“ (vaginale Entbindung) geplant. Für rund 2000 Teilnehmerinnen war es die erste vaginale Geburt.

Massage oder „nur“ Vorsorge

In allen Studien wurden die Schwangeren per Zufall auf zwei Gruppen verteilt. Die eine Gruppe erhielt eine Anleitung zur Damm-Massage. Die Frauen bzw. ihre Partnerinnen und Partner sollten diese ab etwa der 34. Schwangerschaftswoche selbstständig durchführen, unterstützt durch Schulungen, schriftliche Informationen, Meetings oder Telefonkontakt.

Je nach Studie waren die Anweisungen zur Damm-Massage ein wenig unterschiedlich: Demnach sollten die Massage-Einheiten je 4 bis 10 Minuten dauern und 3 bis 7 Mal pro Woche abgehalten werden. Für die Dokumentation von Dauer und Häufigkeit der Massagen standen spezielle Tagebücher zur Verfügung. Ob die Massagen korrekt und so häufig durchgeführt wurden wie vorgegeben bzw. wie gut dies in den Tagebüchern festgehalten ist, bleibt letztlich mit einer gewissen Unsicherheit behaftet.

Die Kontroll-Gruppe bekam keinerlei Anleitung für eine Damm-Massage. Natürlich ist nicht auszuschließen, dass auch Frauen aus dieser Gruppe sozusagen ohne „Verordnung“ durch das Studienteam eine solche durchgeführt haben.

Dennoch schenken wir den zusammengefassten Ergebnissen dieser Studie recht hohes Vertrauen. Demnach können manche Frauen, die zum ersten Mal vaginal entbinden, wahrscheinlich von einer Damm-Massage profitieren – was sich insgesamt wohl in etwas weniger Verletzungen inkl. Dammschnitten äußert. Dieser Effekt dürfte nicht zufallsbedingt sein.

Häufigere Massage ist nicht besser

Interessanterweise zeigen die Daten nicht, dass eine häufigere Massage den wahrscheinlichen Schutzeffekt verbessert. Im Gegenteil: Bei Frauen, die im Durchschnitt bis zu 1,5 Mal pro Woche die Massage durchführten, sank das Risiko einer Damm-Verletzung am stärksten. Bei häufigeren Massagen gab es einen kleineren Effekt (1,5-3,4 Mal/Woche) oder gar keinen Effekt (über 3,5 Mal/Woche) mehr. Um dieses paradox erscheinende Phänomen besser zu verstehen, wären weitere Studien notwendig.

Keine weiteren deutlichen Effekte

Kleine positive Effekte, so die Übersichtsarbeit, haben sich bei Damm-Rissen aller Schweregrade gezeigt – allerdings könnten diese vermeintlichen Wirkungen dem Zufall geschuldet sein.

Ebenso gab es laut Übersichtsarbeit keinen deutlichen Einfluss darauf, wie häufig Instrumente bei den Entbindungen zum Einsatz kamen, auch nicht auf spätere sexuelle Zufriedenheit oder Inkontinenz.

Spielte die Erwartungshaltung eine Rolle?

Wir finden, wie schon erwähnt, die Ergebnisse der Übersichtsarbeit [1] ziemlich vertrauenswürdig. Dennoch gibt es ein paar Punkte, die ihre Aussagekraft ein wenig einschränkt. Zum Beispiel waren die Schwangeren nicht verblindet – ihnen war natürlich klar, ob sie massierten oder „nichts“ taten.

Dies hat vielleicht die Erwartungshaltung der Frauen in beiden Gruppen beeinflusst und die Ergebnisse verzerrt. So ist es beispielswiese vorstellbar, dass Frauen aus der Massagegruppe informierter und motivierter waren – was sich wiederum auf die Häufigkeit der Geburtsverletzungen (inkl. Dammschnitt) ausgewirkt haben könnte.

Auch wenn das medizinische Personal eigentlich verblindet hätte sein sollen – wir können nicht ganz ausschließen, dass sie von den gebärenden Frauen über den jeweiligen Status „eingeweiht“ worden sind. Dieses Wissen könnte zum Beispiel bei den Frauen aus der aktiven Massage-Gruppe und den sie behandelnden Personen zu mehr Zögern vor einem Dammschnitt oder einer anderen Einschätzung der Geburtsverletzungen geführt haben.

Ähnliche Ergebnisse aus Nigeria

Wir haben zusätzlich eine Studie gefunden, die erst nach Erscheinen der Übersichtsarbeit durchgeführt worden ist [2]. Sie wurde in Nigeria durchgeführt und hat die Daten von 108 Erstgebärenden ausgewertet. Die Teilnehmerinnen wurden ebenfalls per Zufall auf zwei Gruppen aufgeteilt: 53 Frauen sollten ab der 34. bis 36 Schwangerschaftswoche täglich 10 Minuten lang massieren, und 55 Frauen sollten am normalen Vorsorgeprogramm teilnehmen, erhielten aber keine speziellen Massage-Instruktionen. Beide Gruppen wurden wöchentlich angerufen.

Auch in dieser Studie gab es das Problem der unvollständigen Verblindung. Darüber hinaus sind nicht die Daten aller ursprünglich in der Studie aufgenommenen Frauen ausgewertet worden, und die Anzahl der Teilnehmerinnen war nur klein. Diese Punkte schränken unser Vertrauen in die Ergebnisse durchaus ein.

Nichtsdestotrotz ortete das Autorenteam einen ähnlichen Trend wie die große Übersichtsarbeit [1]: Demnach soll die vorgeburtliche Damm-Massage bei Erstgebärenden die Zahl von Dammschnitten und anderen Verletzungen reduzieren.

Information zu Damm-Massage

Beide Autorenteams [1,2] sprechen sich dafür aus, dass Frauen im Zuge der Geburtsvorbereitung über die Möglichkeit der Damm-Massage informiert werden.

(AutorIn: T. Wolf, Review: J. Harlfinger, B. Kerschner, C. Christof)

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Ähnliche Artikel

 

 

Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Beckmann & Stock (2013)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse
Analysierte Studien: 4 randomisierte kontrollierte Studien (RCTs)
Teilnehmende insgesamt: 2497 Schwangere, darunter 2004 ohne vorherige vaginale Geburt
Studiendauer: ca. ab 34. Schwangerschaftswoche bis zur Geburt
Fragestellung: Kann eine Damm-Massage während der letzten Schwangerschaftswochen Verletzungen im Dammbereich verringern?
Interessenskonflikte: keine laut Autorinnen und Autoren

Beckmann MM, Stock OM. Antenatal perineal massage for reducing perineal trauma. Cochrane Database of Systematic Reviews 2013, Issue 4. Art. No.: CD005123.

Zusammenfassung der Studie

[2] Ugwu u.a. (2018)
Studientyp: randomisiert-kontrollierte Studie
Teilnehmende insgesamt: 122 Schwangere eingeschrieben. Daten nur von 108 Frauen ausgewertet, die die Studien auch beendet haben
Studiendauer: ca. ab 34. Schwangerschaftswoche bis zur Geburt
Fragestellung: Kann eine Damm-Massage während der letzten Schwangerschaftswochen Verletzungen im Dammbereich verringern?
Interessenskonflikte: keine laut Autorinnen und Autoren

Ugwu EO, Iferikigwe ES, Obi SN,2, Eleje GU, Ozumba BC. Effectiveness of antenatal perineal massage in reducing perineal trauma and post-partum morbidities: A randomized controlled trial. J Obstet Gynaecol Res. 2018 Jul;44(7):1252-1258.

Zusammenfassung der Studie

Weitere wissenschaftliche Quellen

[3] Labrecque M, et al. (1994)
Prevention of perineal trauma by perineal massage during pregnancy: a pilot study. Birth. 21(1):20–25.

[4] Labrecque M, Eason E, Marcoux S, Lemieux F, Pinault JJ, Feldman P, et al. (1999)
Randomized controlled trial of prevention of perineal trauma by perineal massage during pregnancy. American Journal of Obstetrics and Gynecology.180(3 Pt 1):593–600.

[5] Shimada M. (2005)
A randomized controlled trial on evaluating effectiveness of perineal massage during pregnancy in primiparous women. Journal of Japan Academy of Nursing Science;25(4):22–9.

[6] Shipman MK, Boniface DR, Tefft ME, McCloghryF. (1997)
Antenatal perineal massage and subsequent perineal outcomes: a randomised controlled trial. British Journal of Obstetrics and Gynaecology;104(7):787–91.

[7] Aasheim V, Nilsen ABV, Reinar LM, Lukasse M. (2017)
Perineal techniques during the second stage of labour for reducing perineal trauma. Cochrane Database Syst Rev; 6:CD006672.

[8] Dynamed (2018)
Perineal trauma and repair in labor and delivery (kostenpflichtig)
Abgerufen am 9.11.2018

[9] Perineal massage in pregnancy.
Abgerufen am 21.1.2019

[10] WHO recommendation on techniques for preventing perineal trauma during labour
Abgerufen am 21.1.2019

[11] Statistik Austria
Abgerufen am 23.1.2019