Coenzym Q10: Hilfe bei Muskelschmerzen?

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Julia Harlfinger, Jana Meixner

zuletzt aktualisiert: 5. Oktober 2021
Was tun, wenn die Muskeln nach der Einnahme von Statinen schmerzen?
Die Einnahme von Statinen verhindert Herzinfarkte. Allerdings treten bei der Behandlung häufig Muskelschmerzen auf. Kann Coenzym Q10 gegen diese Nebenwirkung helfen?
Frage:
Lindert Coenzym Q10 Muskelbeschwerden bei der Behandlung mit Statinen?
wissenschafliche Beweise fehlen
Antwort:
Antwort:
Erklärung:
Mehrere Studien kommen zu widersprüchlichen Ergebnissen. Außerdem ist die Schwankungsbreite des geschätzten Effekts ist sehr groß, und die einzelnen Untersuchungen haben gewisse Mängel. Auf dieser Basis sind keine sicheren Schlussfolgerungen möglich.

Wie gehen wir vor?

Wirksamkeitsstudie(n)
Beobachtungsstudie(n)
Labor/Tier-Studien(n)

Menschen mit koronarer Herzkrankheit bekommen in der Regel ein Medikament aus der Gruppe der Statine verordnet, zum Beispiel Simvastatin oder Atorvastatin. Dadurch sinkt das Risiko für einen Herzinfarkt deutlich [3].

Allerdings können als Nebenwirkung Muskelschmerzen auftreten – teilweise so stark, dass Betroffenen ihre körperliche Aktivität einschränken [4].

Um die Muskelschmerzen abzumildern, bewerben diverse Internet-Seiten die Einnahme von Coenzym Q10. Ein Leser wollte von uns wissen, ob dieses Nahrungsergänzungsmittel tatsächlich hilft, die Verträglichkeit von Statinen zu verbessern, also die Muskelschmerzen zu reduzieren.

Interessanter Ansatz…

Die Idee ist nicht ganz abwegig: Coenzym Q10 kommt natürlicherweise im Körper vor und spielt eine wichtige Rolle im Energiestoffwechsel der Muskulatur. Es gibt auch Studien, die untersucht haben, ob Menschen, die Statine einnehmen, tatsächlich weniger bzw. zu wenig Coenzym Q10 im Blut haben. In einigen Untersuchungen ließ sich ein Mangel nachweisen, in anderen dagegen nicht [4].

…aber nicht zweifelsfrei belegt

Wir haben, um die Wirksamkeit von Coenzym Q10 zu klären, nach gut gemachten Studien gesucht, bei denen die Teilnehmenden nach dem Zufallsprinzip eine Behandlung mit Coenzym Q10 oder mit einem Scheinmedikament erhalten haben.

Wir konnten tatsächlich 9 solcher Studien mit insgesamt über 400 Teilnehmenden finden [1] [2]. Allerdings können wir daraus keine sicheren Schlussfolgerungen ziehen.

Dafür gibt es mehrere Gründe:

  • Zum einen können wir mangels Details in den Veröffentlichungen die Qualität der Studien und damit die Aussagekraft nicht sicher bewerten.
  • Bei einigen Studien sind nicht die Daten aller Teilnehmenden in die Auswertungen eingeflossen. Das ist problematisch.
  • Außerdem kommen die Studien zu sehr unterschiedlichen und teils sogar widersprüchlichen Ergebnissen.

Dadurch lässt sich nicht abschätzen, ob bzw. wie stark Coenzym Q10 tatsächlich Muskelschmerzen lindert.

Nebenwirkungen nicht erfasst

Ob durch die Einnahme von Coenzym Q10 irgendwelche Nebenwirkungen auftreten, haben die Studien nicht ermittelt. Zu möglichen unerwünschten Effekten dieses Nahrungsergänzungsmittels können wir daher keine Aussagen treffen.

Ursache ungeklärt

Dass Statine die Muskulatur schädigen können, ist eine bekannte, wenn auch relativ seltene Nebenwirkung. Allerdings berichten viele Menschen, die Statine einnehmen, über Muskelschmerzen. Diese machen sich vor allem nach körperlicher Anstrengung bemerkbar.

Oft aber lassen sich bei Untersuchungen keine Zeichen einer Muskelschädigung finden, wie etwa erhöhte Blutwerte des Enzyms Kreatininkinase. Ungeachtet dessen können die Beschwerden so stark werden, dass die Betroffenen die Statine absetzen [4,5].

Ist es der Nocebo-Effekt?

Wie dieses Phänomen zustande kommt, ist bislang nicht richtig geklärt. Zur Debatte stehen etwa genetische Faktoren [4,5]. Neuere Untersuchungen deuten jedoch darauf hin, dass möglicherweise auch Nocebo-Effekte eine Rolle spielen: Schon eine negative Erwartungshaltung kann ausreichen, um Beschwerden hervorzurufen.

So haben Patientinnen und Patienten phasenweise abwechselnd entweder ein Statin oder ein Placebo erhalten, ohne zu wissen, was sie gerade einnehmen. Dabei protokollierten sie ihre Muskelschmerzen. Ergebnis: Nur sehr wenige Teilnehmende hatten in der Statin-Phase tatsächlich stärkere Beschwerden als in der Placebo-Phase. Bei den allermeisten waren die Muskelschmerzen also in Wirklichkeit nicht durch das Statin verursacht. Einige hatten sogar mit Placebo mehr Beschwerden als mit dem Statin [6,7].

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Die Studien im Detail

Bei unserer Suche sind wir auf insgesamt neun Studien gestoßen. Acht der Studien sind in einer systematischen Übersichtsarbeit [1] zusammengefasst. Darüber hinaus haben wir noch eine neuere Einzelpublikation [2] berücksichtigt.

Alle Studien haben den Nutzen von Coenzym Q10 bei Statin-bedingten Muskelschmerzen mit Placebo verglichen. Dafür waren die Teilnehmenden nach dem Zufallsprinzip entweder einer Behandlungsgruppe oder einer Placebogruppe zugeteilt.

Die einzelnen Studien waren mit jeweils 37 bis 76 Personen eher klein; insgesamt nahmen rund 420 Patientinnen und Patienten im mittleren Alter teil. Sie alle hatte Muskelschmerzen nach der Einnahme von Statinen bekommen. Nach einer Einnahmepause und dem Abklingen der Beschwerden setzten sie die Statinbehandlung dann fort.

In der Behandlungsgruppe erhielten die Teilnehmenden je nach Studie zwischen 100 und 600 Milligramm Coenzym Q10 zum Einnehmen. Die Kontrollgruppe bekam ein Scheinmedikament. Die Studien dauerten unterschiedlich lang, die kürzesten rund vier Wochen, die längsten etwa drei Monate.

Widersprüchliche Ergebnisse

In dieser Zeit gaben die Teilnehmenden in regelmäßigen Abständen an, wie stark ihre Muskelschmerzen waren. In sieben Studien ging es der Coenzym-Q10-Gruppe nicht besser als der Placebogruppe. Nur in zwei Untersuchungen (einer Studie in [1] und [2]) schnitt die Gruppe mit Coenzym Q10 besser ab.

Das Forschungsteam der systematischen Übersichtsarbeit fand keine eindeutige Erklärung für die widersprüchlichen Ergebnisse. Sie prüften, ob etwa die Dosierung von Coenzym Q10 eine Rolle spielte, die Behandlungsdauer oder das Alter der Studien. Doch es zeichnete sich kein eindeutiges Muster ab.

Es gab aber eine Auffälligkeit: Eine der sehr positiven Studien (in [1]) wurde vom Hersteller eines Coenzym-Q10-Präparats gesponsert. Er hat nicht nur das Testpräparat zur Verfügung gestellt, sondern auch die Laboruntersuchungen unterstützt – das Ausmaß dieser Unterstützung war für uns nicht zu eruieren. Als das Forschungsteam diese Studie aus der Gesamtauswertung entfernte, kamen die restlichen Studien zusammengefasst rechnerisch zu einem relativ ähnlichen Ergebnis: Coenzym Q10 hilft nicht besser als ein Scheinmedikament. Ob eine Verzerrung durch den möglichen Interessenskonflikt tatsächlich die einzige Erklärung für die unterschiedlichen Ergebnisse ist, bleibt aber unklar. Denn die ebenfalls positive Einzelstudie [2] gibt keine Hersteller-Unterstützung an.

Unklarheiten gibt es auch in der Frage, wie gut die Studien eigentlich gemacht waren. So ließ sich etwa nicht bei allen Studien zweifelsfrei feststellen, ob tatsächlich alle gemessenen Werte berichtet wurden [1] oder ob wirklich die Daten aller Teilnehmenden in die Auswertung eingeflossen sind [2].

Wissenschaftliche Quellen


[1] Kennedy (2020)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit
Eingeschlossene Studien: 8 randomisierte kontrollierte Studien
Teilnehmende: 361 Patienten mit Muskelschmerzen nach Statin-Einnahme
Fragestellung: Verbessert die Einnahme von Coenzym Q10 Muskelschmerzen, die bei der Einnahme von Statinen aufgetreten sind?
Interessenkonflikte: keine nach Angaben der Autoren

Kennedy C u.a. Effect of Coenzyme Q10 on statin-associated myalgia and adherence to statin therapy: A systematic review and meta-analysis. Atherosclerosis 2020, 299:1-8
(Zusammenfassung)
(Freier Volltext)

[2] Derosa (2019)
Studientyp: randomisierte kontrollierte Studie
Teilnehmer: 60 Patienten mit Muskelschmerzen nach Statin-Einnahme
Fragestellung: Verbessert die Einnahme von Coenzym Q10 Muskelschmerzen, die bei der Einnahme von Statinen aufgetreten sind?
Interessenkonflikte: Keine nach Angaben der Autoren

Derosa G u.a. Coenzyme q10 liquid supplementation in dyslipidemic subjects with statin-related clinical symptoms: a double-blind, randomized, placebo-controlled study. Drug Des Devel Ther 2019;13: 3647-3655
(Zusammenfassung)
(Freier Volltext)

Weitere wissenschaftliche Quellen

[3] IQWiG (2017) https://www.gesundheitsinformation.de/koronare-herzkrankheit.html. Abgerufen am 01.10.2021

[4] UpToDate (2021) Statin muscle-related adverse events. Abgerufen am 28.09.2021

[5] Arznei-Telegramm (2016) Was tun bei Muskelbeschwerden unter Statin-Therapie? 47: 103-105. Abgerufen am 01.10.2021

[6] Arznei-Telegramm (2021) „Statinunverträglichkeit“ überprüft. 52: 6. Abgerufen am 01.10.2021

[7] Arznei-Telegramm (2021) Muskelbeschwerden unter Statinen. 52: 31. Abgerufen am 01.10.2021