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Chili im Pflaster: Den Schmerzen eine kleben – mit Capsaicin

Schmerzkiller im Pflaster: Capsaicin, ein Inhaltsstoff von Chili

Schmerzkiller im Pflaster: Capsaicin, ein Inhaltsstoff von Chili

Chili verleiht gut gewürzten Gerichten Schärfe. Sein feuriger Inhaltsstoff Capsaicin soll, in Form von Pflastern, auch Schmerzen lindern.


Frage: Lindert ein Pflaster mit hochdosiertem Capsaicin Schmerzen nach einer Gürtelrose?
Antwort:wahrscheinlich Ja
Erklärung:Bei einigen Personen mit überstandener Gürtelrose kann ein Pflaster mit dem hochdosierten Wirkstoff Capsaicin (8%) wahrscheinlich Nervenschmerzen (neuropathische Schmerzen) für rund 12 Wochen lindern.

Frage:Lindert ein Pflaster mit hochdosiertem Capsaicin Schmerzen bei Diabetes mellitus oder einer Infektion mit dem HI-Virus?
Antwort:wissenschaftliche Belege fehlen
Erklärung:Die zu dieser Fragestellung vorhandenen Studien sind von schlechter Qualität und lassen keine Rückschlüsse zu. Es ist also unklar, ob hochdosiertes Capsaicin (8%) in Pflasterform bei Personen mit Diabetes oder HIV Nervenschmerzen lindern kann.

Es ist zum Aus-der-Haut-Fahren: Brennende, bohrende Schmerzen! Dazu oft Juckreiz, Kribbeln oder Taubheitsgefühle. Nervenschmerzen können einem das Leben zur Höllenqual machen.

Manche Betroffene haben Tag und Nacht Schmerzen. Bei anderen reicht schon die geringste Berührung, und der Schmerz schießt blitzartig ein [1, 6]. Man muss derlei Schmerzen wohl am eigenen Leib erfahren haben, um ihre Intensität nachvollziehen zu können.

Schmerzen haben viele Ursachen

Die Liste der Erkrankungen, die zu diesen mitunter jahrelang quälenden Nervenschmerzen führen können, ist lang: Eine durchgemachte Gürtelrose, eine Infektion mit dem HI-Virus oder Diabetes zählen dazu.

Auch nach Operationen oder durch Alkoholmissbrauch kann es zu Nervenschmerzen kommen [1,2,6]. Manche Menschen kämpfen damit nach einem Schlaganfall oder wenn sie an Multipler Sklerose erkrankt sind [1,6].

Dauerhafter Quälgeist

Unabhängig davon, welche Krankheit zu den Nervenschmerzen führt – die Betroffenen sind oft verzweifelt und versuchen, ihre Beschwerden zu lindern. Nicht immer gelingt das mit herkömmlichen Schmerzmitteln, die außerdem beträchtliche Nebenwirkungen haben können [1].

Eine andere Behandlungsmöglichkeit sind Pflaster mit Capsaicin. Capsaicin steckt in Chilischoten und verleiht ihnen ihre feurige Schärfe. In Anti-Schmerz-Pflastern soll Capsaicin die schmerzenden Nervenzellen, kurz gesagt, überstimulieren, erschöpfen und dadurch betäuben.

Capsaicin gegen Schmerzen nach Gürtelrose

Wir haben uns angesehen, wie wirksam Pflaster mit Capsaicin in hoher Dosis (8%) bei Nervenschmerzen sind. Bisherige Studien haben sich vor allem mit der Frage auseinandergesetzt, ob Pflaster mit Capsaicin Schmerzen nach einer Gürtelrose, bei einer HIV-Infektion oder als Folge von Diabetes günstig beeinflussen.

Ein Forschungsteam des Cochrane-Netzwerks hat dazu acht Studien analysiert [1]. Die aussagekräftigsten Ergebnisse zeigen zwei Studien mit 576 Personen: Sie litten an Nervenschmerzen nach einer Gürtelrose und erhielten im Rahmen der Studien entweder einmalig ein Pflaster mit hoher Capsaicin-Dosis oder ein Placebo-Pflaster, in dem Capsaicin nur in Spuren vorhanden war und daher als unwirksam galt.

Je nachdem, welche Körperstelle behandelt wurde, blieb das Pflaster 30 bis 90 Minuten kleben. In den darauffolgenden acht bis zwölf Wochen wurden die teilnehmenden Personen befragt, inwieweit sich ihre Schmerzen verändert hatten.

Die Ergebnisse der Untersuchungen deuten darauf hin, dass das Capsaicin-Pflaster bei einigen Betroffenen die Schmerzen deutlich lindern könnte.

So besserten sich die Nervenschmerzen für acht bis zwölf Wochen:

  • Mit dem Capsaicin-Pflaster bei 36 von 100 Personen.
  • Mit einem Schein-Pflaster bei 25 von 100 Personen.

Das heißt, das Capsaicin-Pflaster könnte 11 von 100 Personen helfen.

Wirkung unklar bei Diabetes und HIV

Nicht so eindeutig konnte das Forschungsteam beantworten, ob ein Pflaster mit Capsaicin helfen kann, um die durch HIV oder Diabetes ausgelösten Nervenschmerzen in den Griff zu bekommen [1]. Zwar zeigen die Ergebnisse bisheriger Untersuchungen durchwegs in diese Richtung. Dennoch können wir derzeit keine solide Aussage treffen. Zu groß sind die methodischen Mängel der vorhandenen Studien, und zu unsicher daher die Ergebnisse.

Manche mögen’s scharf

Wer scharfes Essen liebt, dem hat Capsaicin sicher schon einmal auf der Zunge gebrannt, zum Beispiel beim Genuss eines feurigen Chili con carne. Capsaicin verleiht Chilischoten ihre Schärfe.

Doch woher kommt die Annahme, dass Capsaicin in Pflasterform Nervenschmerzen lindern kann? Dahinter steckt ein plausibler Mechanismus. Denn Capsaicin wirkt nicht nur wärmend und durchblutungsfördernd. Der Chili-Inhaltsstoff reizt auch bestimmte Nervenzellen, die auf Schmerzempfindung spezialisiert sind (TRPVI-Schmerzrezeptoren) [1, 3].

Diese speziellen Nervenzellen sitzen im ganzen Körper, natürlich auch im Mund. Das wissen all jene aus eigener Erfahrung, die beim Würzen mit Chili etwas zu viel des Guten erwischt haben.

Alarmstimmung durch Capsaicin

Capsaicin führt dazu, dass die stimulierten Nervenzellen mittels eigens ausgeschütteten Botenstoffen an das Gehirn die Signale „Schmerz“ und „Hitze“ melden. Die Reaktion auf diese Meldungen macht sich im ganzen Körper bemerkbar.

Im Falle eines scharfen Chili con carne sieht das so aus: Der Mund brennt, die Blutgefäße weiten sich, Schweiß wird zur Kühlung erzeugt, die Nase rinnt, die Augen tränen, das Gesicht rötet sich. Erwischt man zu viel Capsaicin, kann es zu Übelkeit, Erbrechen oder einer Erhöhung des Blutdrucks kommen [3].

Capsaicin macht unempfindlich

Beim Pflaster mit hochdosiertem Capsaicin passiert etwas ganz Ähnliches: Über das Pflaster gelangt Capsaicin direkt an die im Körper schmerzende Stelle. Dort dockt es an die für die Schmerzsignale zuständigen Nervenzellen an.

Das führt zur Ausschüttung der Botenstoffe. Und zwar solange, bis die Vorratsspeicher entleert sind. Schließlich werden die Nervenzellen durch diese Überstimulation „erschöpft“. Die schmerzende Körperstelle fühlt sich unempfindlich und betäubt an [1,4].

Zu einer solchen Gewöhnung kommt es übrigens auch bei beim regelmäßigem Genuss von stark gewürzten Speisen. Dann verringert sich die Empfindlichkeit, und das höllische Brennen im Mund ist nicht mehr so schlimm [3].

Nicht zur Selbstbehandlung geeignet

Die Behandlung mit einem Capsaicin-Pflaster klingt einfach und leicht selbst zu bewältigen: Ein Pflaster für ungefähr eine Stunde aufkleben und danach warten, ob der Schmerz nachlässt.

Doch ohne Arzt oder Ärztin ist das Aufbringen des Pflasters eine ziemlich schmerzhafte Angelegenheit – immerhin enthält es hochkonzentriertes Capsaicin! Außerdem kann es in seltenen Fällen vorkommen, dass der Blutdruck dabei vorübergehend ansteigt. Deshalb darf nur ein Arzt oder eine Ärztin das Chili-Pflaster auf die schmerzende Stelle kleben [1,4].

Vor und nach der Behandlung

Damit die Behandlung erträglich ist, kommt zuvor eine Betäubungscreme auf die entsprechende Hautstelle [1]. Auch das medizinische Personal schützt sich beim Aufbringen mit Handschuhen vor der Schärfe des Pflasters.

Nach der Entfernung des Pflasters klagen viele Schmerzpatientinnen und -patienten über eine vorübergehende Rötung und ein Brennen der gereizten Haut. Selten kann es auch zu Entzündungen oder Blutergüssen kommen [1,4,5].

Geschädigte Nerven als Ursache

Schmerzen sind lebenswichtige Warnsignale des Körpers. Bei einem Schnitt in den Finger sendet der Körper eine Meldung: in Form eines plötzlich auftretenden Schmerzsignals. Diese Art von Schmerz ist wichtig, da sie vor weiteren Verletzungen und Schäden schützt.

Sind Nervenbahnen geschädigt, können Schmerzen auch ohne äußeren Reiz auftreten. Im Fachjargon heißt dieser Nervenschmerz „Neuropathischer Schmerz“ [1].

Obwohl neuropathische Schmerzen durch verschiedenste Erkrankungen ausgelöst werden können, ist das zugrunde liegende Prinzip dasselbe: Die schmerzleitenden Nervenbahnen werden durch Infektionen, Verletzungen oder Stoffwechselerkrankungen in Mitleidenschaft gezogen. Dadurch können sie ihrer ursprünglichen Aufgabe, der Übermittlung von Schmerzen an das Gehirn, nicht mehr nachkommen, sondern verursachen selbst Schmerzen [6].

3 von 100 leben damit

Nervenschmerzen stellen eine starke Beeinträchtigung des Alltags dar. Etwa drei von 100 Österreichern und Österreicherinnen sind davon betroffen [1].

Da herkömmliche Schmerzmittel meist nicht ausreichen, müssen die Betroffenen oft auf stark schmerzunterdrückende Medikamente (Opioide) zurückgreifen. Auch Antidepressiva oder physikalische Therapien können helfen, die Schmerzen zu lindern [1,4,6].

Anhaltende Schmerzen nach einer Gürtelrose

Eine häufige Ursache von neuropathischen Schmerzen ist eine zurückliegende Gürtelrose. Von 100 Personen, die den stark schmerzenden Hautausschlag durchgemacht haben, kämpfen 6 bis 18 noch Monate oder sogar Jahre danach mit Nervenschmerzen [2].

Wie es zu den Nervenschmerzen nach einer Gürtelrose kommt und was Betroffene dagegen tun können, wird auf der wissenschaftsbasierten Webseite Gesundheitsinformation.de beschrieben. Das ist das Patienteninformationsservice des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWIG) in Deutschland: „Anhaltende Schmerzen nach einer Gürtelrose“

 

Die Studien im Detail

Kann ein Pflaster mit hoher Capsaicin-Konzentration Nervenschmerzen mit diversen Ursachen lindern? Ein britisches Wissenschaftsteam des Cochrane-Netzwerks hat zu dieser Frage alle bis Juni 2016 veröffentlichten Studien analysiert [1]. Die Autorinnen und Autoren konnten insgesamt acht Studien mit 2488 teilnehmenden Personen in einer systematischen Übersichtsarbeit und Metaanalyse auswerten.

Wirksamkeit bei Schmerzen nach Gürtelrose

Klare Rückschlüsse konnten sie aus zwei Arbeiten mit 571 Patienten und Patientinnen ziehen, die unter Nervenschmerzen nach einer Gürtelrose litten. Die Testpersonen erhielten entweder ein Capsaicin-Pflaster mit hoher Konzentration (8%) oder eine Scheintherapie mit Placebo-Pflaster (0,04%), das aufgrund seiner schwachen Dosierung für unwirksam gehalten wurde.

Acht und zwölf Wochen nach Therapiebeginn wurden die Patienten und Patientinnen befragt. Wurden die Beschwerden gelindert? Wie stark sich ihre Schmerzen verändert hatten, konnten die Testpersonen auf einer siebenteiligen Skala zeigen.

Jede dritte Person (36 von 100), die ein Pflaster mit hochdosiertem Capsaicin (8%) erhalten hatte, gab an, dass die Nervenschmerzen in dieser Zeitspanne deutlich nachgelassen hatten. Im Gegensatz dazu: Bei jeder vierten Personen, die nur eine Scheintherapie erhalten hatte, besserten sich die Beschwerden (25 von 100).

Das heißt also, dass Capsaicin-Pflaster zu einer deutlichen Schmerzlinderung führen können – wenn auch die Wirksamkeit durchaus nicht bei allen Anwenderinnen und Anwendern deutlich ist.

Möglich: Verzerrung durch Publikationsbias

Völlig abgesichert ist dieses Ergebnis allerdings nicht. So bemängeln die Autorinnen und Autoren der Übersichtsarbeit, dass sie einen sogenannten Publikationsbias nicht ausschließen können. Ein Publikationsbias liegt zum Beispiel vor, wenn Studien ohne statistisch signifikantes „positives“ Ergebnis nicht veröffentlicht werden.

Im unserem Fall könnte es sein, dass Capsaicin-Pflaster-Studien, die keine Wirksamkeit zeigen konnten, einfach in der Schublade verschwunden und nicht publiziert worden sind. Dieses deshalb auch unter dem Begriff „Schubladenphänomen“ bekannte Problem kann zu verzerrten Ergebnissen führen.

Unklar: Hilfe bei Schmerzen durch HIV und Diabetes

Das Forschungsteam [1] analysierte auch, ob Capsaicin-Pflaster bei HIV oder Diabetes die dafür typischen Nervenschmerzen lindern können. Die Ergebnisse erwecken auf den ersten Blick durchwegs den Anschein, dass Capsaicin wirksam sein könnte.

Allerdings liegt auch hier der Verdacht eines Publikationsbias nahe. Außerdem weisen die vorhandenen Studien teils grobe methodische Mängel auf. Beispielsweise wurde methodisch nicht korrekt mit den Daten jener Personen verfahren, die die Untersuchung vorzeitig abgebrochen haben. Dies macht die Ergebnisse weniger vertrauenswürdig.

Aus diesem Grund schätzen wir die Ergebnisse der vorliegenden Studien als nicht verlässlich ein und können daher nicht sagen, ob Capsaicin-Pflaster gegen die für HIV und Diabetes typischen Nervenschmerzen wirkt.

Keine Aussagen möglich: Schmerzlinderung nach Leisten-OP

Zur Frage, ob Capsaicin-Pflaster nach einer Operation in der Leistengegend gegen Nervenschmerzen wirksam ist, fand das Studienteam nur eine Arbeit. Diese ist mit nur 45 Teilnehmerinnen und Teilnehmern zu klein, um solide Aussagen treffen zu können.

Offen gelegte Verbindungen

Bei der Interpretation aller zitierten Ergebnisse ist zu beachten, dass einige der Autorinnen und Autoren der systematischen Übersichtsarbeit [1] mit diversen Pharmafirmen finanziell verstrickt waren. Darunter sind auch Herstellerfirmen von Capsaicin-Pflastern. Allerdings wurden diese möglichen Interessenskonflikte vom Forschungsteam transparent dargelegt. Daher gehen wir davon aus, dass die vorliegende Übersichtsarbeit nicht von persönlichen Befangenheiten beeinflusst worden ist.

(AutorIn: C. Christof, Review: B. Kerschner, J. Harlfinger)

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Ähnliche Artikel

 

 

Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Derry u.a. (2017)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit und Metaanalyse
Eingeschlossene Studien: 8 randomisiert-kontrollierte Studien
Teilnehmer/innen insgesamt: 2488 Personen mit neuropathischen Schmerzen
Fragestellung: Wirkt die Anwendung eines Pflasters mit hochdosiertem Capsaicin (8%) gegen neuropathische Schmerzen?
Interessenskonflikte: teilweise Verflechtungen des Autorenteams mit NeuroGSX, Astellas und Qutenza (jeweils Hersteller von 8% Capsaicin-Pflastern) und anderen Pharmaunternehmen

Derry et al. (2017).
Topical capsaicin (high concentration) for chronic neuropathic pain in adults.
Cochrane Database Syst Rev 1: Cd007393
Zusammenfassung

Information zu den wissenschaftlichen Studien

[2] Robert-Koch-Institut (2017)
Epidemiologisches Bulletin Nr. 36, Mitteilung der Ständigen Impfkommission (STIKO) am RKI.
Wissenschaftliche Begründung für die Entscheidung, die Herpes-zoster-Lebendimpfung nicht als Standardimpfung zu empfehlen.
Abgerufen am 07.06.2018

[3] DynaMedPlus. (2018)
Zu scharf ist nicht gesund – Lebensmittel mit sehr hohen Capsaicingehalten können der Gesundheit schaden.
Stellungnahme Nr. 053/2011 des BfR vom 18. Oktober 2011.
Abgerufen am 11.06.2018

[4] DynaMedPlus (2018)
Capsaicin.
Abgerufen am 11.06.2018

[5] European Medicines Agency (2015)
Qutenza Capsaicin. EMA/535073/2015
Zusammenfassung des EPAR für die Öffentlichkeit.
Abgerufen am 12.06.2018

[6] DynaMedPlus (2017)
Peripheral neuropathy.
Abgerufen am 11.06.2018