Chemotherapie: Verträglicher mit Glutathion?

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Julia Harlfinger, Jana Meixner

zuletzt aktualisiert: 2. August 2021
Es ist ungewiss, ob Glutathion die Nebenwirkungen der Chemotherapie lindert.
Nervenschädigungen durch eine Chemotherapie können die Lebensqualität der Betroffenen empfindlich beeinträchtigen. Ist Glutathin die Lösung?
Frage:
Verbessert Glutathion die Verträglichkeit einer Chemotherapie bei Krebs?
wissenschafliche Beweise fehlen
Antwort:
Antwort:
Erklärung:
Acht Studien haben untersucht, ob Glutathion die Nervenschäden bei einer platinhaltigen Chemotherapie mildern oder verhindern kann. Doch leider lassen sie keine verlässlichen Schlussfolgerungen zu: Die Studien waren eher klein, verwendeten verschiedene Messwerkzeuge und kamen zu widersprüchlichen Ergebnissen.

Wie gehen wir vor?

Wirksamkeitsstudie(n)
Beobachtungsstudie(n)
Labor/Tier-Studien(n)

Eine Chemotherapie bei Krebs hat zum Ziel, dass Krebszellen absterben. Je nach Krankheitsstadium soll so die Erkrankung geheilt oder zumindest gebremst und die Lebensqualität verbessert werden.

Allerdings bringt eine Chemotherapie teils erhebliche Nebenwirkungen mit sich. Denn die stark wirksamen Medikamente beeinträchtigen nicht nur die Krebszellen, sondern auch die gesunden Körperzellen. Je nach Chemotherapie können etwa Übelkeit und Erbrechen, Haarausfall und Abgeschlagenheit (Fatigue) auftreten. Auch Schäden an Haut, Schleimhaut oder Nerven sind möglich [5].

Chemotherapie besser vertragen?

Um diese Nebenwirkungen abzumildern, gibt es einige Möglichkeiten [4]. Allerdings sind die nicht in allen Fällen erfolgreich. Manchmal muss eine Chemotherapie sogar deshalb verringert, pausiert oder gar ganz abgesetzt werden.

Gerade die Anhängerschaft von „alternativen“ Therapien preist deshalb diverse Substanzen an, die eine Chemotherapie besser verträglich machen sollen. Dazu gehört auch Glutathion, das angeblich vor allem vor Nervenschädigungen schützt.

Wie Glutathion vielleicht wirkt

Glutathion ist ein Eiweißmolekül, das aus drei Aminosäuren besteht. Es hat im Körper antioxidative Aufgaben, etwa den Schutz vor „freien Radikalen“. Durch seine chemische Struktur kann es an Schwermetalle wie Platin binden [1].

Auf diesem Weg könnte es theoretisch die schädliche Wirkung der platinhaltigen Chemotherapien abmildern – aber möglicherweise auch deren Wirksamkeit gegen Krebs beeinträchtigen. Denn zumindest für andere Antioxidantien gibt es Hinweise, dass sie möglicherweise den Effekt von Krebsbehandlung abschwächen [7,8].

Um Nutzen und Risiken von Glutathion als Begleitbehandlung einer Chemotherapie abschätzen zu können, sind gut gemachte Studien notwendig. Danach haben wir gesucht.

Glutathion als Infusion

Unsere Recherche haben wir sehr umfassend angelegt. Wir sind auf Untersuchungen gestoßen, bei denen Glutathion als Infusion verabreicht wurde, und zwar ergänzend zu einer Chemotherapie mit platinhaltigen Medikamenten. Alle Studien wollten erheben, ob sich durch Glutathion-Infusionen die nervenschädigenden Nebenwirkungen verändern.

Aussagen zu Glutathion als Nahrungsergänzungsmittel zum Schlucken, zur Wirkung von Glutathion bei anderen Chemotherapien (ohne Platin) oder in Bezug auf andere Nebenwirkungen können wir deshalb nicht treffen.

Gefunden haben wir eine systematische Übersichtsarbeit mit sieben Einzelstudien [1] sowie eine neuere Einzelstudie [2]. In den Studien wurden die Teilnehmenden in zwei Gruppen aufgeteilt: Die eine Gruppe erhielt ergänzend zur Chemotherapie Glutathion, die andere ein Scheinmedikament oder keine Zusatzbehandlung.

In sechs von acht Studien berichteten die Studienteams von einer Verbesserung in der Glutiathon-Gruppe. Allerdings können wir aus den Untersuchungen leider keinswegs verlässliche Schlussfolgerungen ziehen.

Fazit: unsicher

Denn die Studien sind meist eher klein, was die Ergebnisse unsicher macht. Einige der Studien widersprechen sich auch. Wir können außerdem die Verlässlichkeit der Untersuchungen nicht abschließend bewerten, weil in einigen Veröffentlichungen wichtige Details fehlen.

Daher unser Fazit: Wir können weder bestätigen noch ausschließen, dass Infusionen mit Glutathion die Nervenschäden als Nebenwirkung von platinhaltigen Chemotherapien abmildern oder verhindern.

Und die Nebenwirkungen?

In den Studien sind keine zusätzlichen Nebenwirkungen von Glutathion aufgefallen. Zumindest gab es keine Hinweise darauf, dass es den Patientinnen und Patienten in den Glutathion-Gruppe schlechter ging als in der Vergleichsgruppe.

Einige Forschungsteams untersuchten, ob die Teilnehmenden in der Glutathion-Gruppe schlechter auf die Chemotherapie ansprachen. Dafür gab es keine Hinweise. Aber auch hier ist das Ergebnis mit Vorsicht zu betrachten.

Nervenschädigung durch Chemotherapie

Einige Krebsmittel können die Nerven schädigen. Dazu gehören platinhaltige Mittel. Betroffen sind vor allem die kleineren Nerven an Händen und Füßen, was zu Kribbeln oder Schmerzen führt. Auch kann das Tast- und Temperaturempfinden gestört sein [6].

Bei einigen Krebsmitteln treten die Nervenschädigungen schon kurz nach der Verabreichung des Medikaments auf. Sie verschlechtern sich oft nach dem Ende der Chemotherapie noch weiter und können über mehrere Monate bestehen bleiben [3].

Bisher gibt es keine etablierten Möglichkeiten, solchen Nervenschädigungen vorzubeugen. Von Glutathion, Acetylcystein oder Vitamin E raten aktuelle Behandlungsleitlinien explizit ab. Denn für die Wirksamkeit dieser Präventionsmaßnahmen gibt es keine Belege [3,4].

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Die Studien im Detail

Bei unserer Recherche haben wir eine systematische Übersichtsarbeit [1] gefunden, die sieben Einzelstudien enthält, sowie eine neuere Einzelstudie [2]. Unsere Einschätzung stützt sich also insgesamt auf acht Untersuchungen.

An den Studien waren insgesamt rund 570 Patientinnen und Patienten beteiligt, die wegen verschiedener Krebserkrankungen eine Chemotherapie über mehrere Monate hinweg bekamen. In den unterschiedlichen Chemotherapien waren immer Krebsmittel mit Platin enthalten, entweder Cisplatin, Oxaliplatin oder Carboplatin.

Verschiedene Dosierungen

Die Teilnehmenden waren nach dem Zufallsprinzip auf zwei Gruppen aufgeteilt: Die eine erhielt vor jeder Chemotherapie eine Infusion mit Glutathion, die andere entweder eine Infusion mit einem Scheinmedikament, etwa eine Kochsalzlösung, oder keine Zusatzbehandlung. Glutathion wurde in sehr unterschiedlichen Dosierungen verabreicht.

Am Ende untersuchten die Forschungsteams, ob die Behandelten Anzeichen für Nervenschädigungen hatten: etwa eine schlechtere Reizweiterleitung oder Missempfindungen.

Schwierig zu vergleichen

In sechs von acht Studien hatte die Glutathion-Gruppe laut Autorenteams einen Vorteil gegenüber der Scheinmedikament-Gruppe. In zwei Untersuchungen gab es den Berichten zufolge keinen Unterschied.

Heisst das also, dass Glutathionin die Nervenschäden zu reduzieren vermag? Leider können wir diese Schlussfolgerung nicht ableiten. Dafür gibt es mehrere Gründe:

  • Die Untersuchungen umfassten unterschiedliche Krebserkrankungen und Chemotherapien. Das erschwert die Vergleichbarkeit.
  • Die Studien nutzten unterschiedliche Methoden zur Erfassung der Effekte. Daher lassen sich die Ergebnisse schlecht über mehrere Studien hinweg zusammenfassen. Für die einzelnen Messmethoden stehen jeweils nur sehr wenige Daten zur Verfügung. All das erhöht die Unsicherheit.
  • Aus den berichteten positiven Ergebnissen lässt sich nicht sicher abschätzen, ob der erhoffte Effekt auch so groß war, dass er für Betroffene tatsächlich spürbar ist.
  • Bei den meisten Studien fehlen in den Publikationen wichtige Details. Die wären aber wichtig, um die Verlässlichkeit sicher einschätzen zu können.
  • Besonders wichtig: Wussten die Beteiligten wussten, ob sie Glutathion oder das Scheinmedikament erhielten? Denn Auswirkungen auf die Nervenfunktion werden häufig durch Selbstauskünfte erhoben, die durch dieses Wissen bzw. die mangelnde Verblindung verzerrt werden können.
  • Die meisten Studienteams untersuchten Nervenschädigungen nur direkt nach dem Ende der Chemotherapie. Über einen eventuellen späteren Nutzen von Glutathion lassen sich also keine Schlüsse ziehen.
  • Die meisten Untersuchungen waren mit 20 bis 54 Teilnehmenden eher klein. Die beiden größten Studien mit jeweils etwas über 150 Teilnehmenden kommen zu widersprüchlichen Ergebnissen.

Wissenschaftliche Quellen


Wissenschaftliche Quellen

[1] Albers (2014)

Studientyp: systematische Übersichtsarbeit
Eingeschlossene Studien: für Glutathion sieben randomisierte kontrollierte Studien
Fragestellung: Verringern bestimmte Mittel, unter anderem Glutathion, die nervenschädlichen Effekte einer platin-basierten Chemotherapie bei Krebs?
Interessenkonflikte: Die Autoren haben Verbindungen zu mehreren Pharmafirmen. Die Mehrzahl dieser Firmen stellt allerdings keine Produkte her, um die es in dem Review geht.

Albers J u.a. (2014) Interventions for preventing neuropathy caused by cisplatin and related compounds. Cochrane Database Syst Reviews, CD005228.pub4 Freier Volltext

[2] Leal (2014)

Studientyp: randomisierte kontrollierte Studie
TeilnehmerInnen: 185 Patientinnen und Patienten mit Krebs, die sich einer platin-basierten Chemotherapie unterziehen
Fragestellung: Verhindert Glutathion die nervenschädlichen Effekte einer platin-basierten Chemotherapie bei Krebs?
Interessenkonflikte: keine Angaben. Die Studie wurde zumindest zum Teil aus öffentlichen Mitteln finanziert.

Leal A u.a. NCCTG N08CA (Alliance): The use of Glutathione for Prevention of Paclitaxel/Carboplatin Induced Peripheral Neuropathy: A Phase III Randomized, Double-Blind Placebo-Controlled Study. Cancer 2014; 120: 1890-1897 Freier Volltext

Weitere wissenschaftliche Quellen

[3] UpToDate (2021) Prevention and treatment of chemotherapy-induced peripheral neuropathy. Abgerufen am 15.07.2021 (kostenpflichtig)

[4] Leitlinienprogramm Onkologie (2020) Supportive Therapie bei onkologischen PatientInnen, Version 1.3. Abgerufen am 19.07.2021

Weitere Quellen

[5] Krebsinformationsdienst Nebenwirkungen und belastende Symptome bei Krebs. Abgerufen am 19.07.2021

[6] Krebsinformationsdienst (2018) Neuropathie bei Krebspatienten. Abgerufen am 19.07.2021

[7] Krebsinformationsdienst (2019)
Vorsicht mit Nahrungsergänzungsmitteln während der Brustkrebstherapie. Abgerufen am 19.07.2021

[8] Krebsinformationsdienst (2020) Recherche des Monats: Antioxidantien und malignes Melanom. Abgerufen am 19.07.2021