Chemotherapie: Besser verträglich durch Fasten?

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Julia Harlfinger, Jana Meixner

zuletzt aktualisiert: 2021-12-20
Derzeit ist noch unklar, ob Fasten die Chemotherapie verträglicher macht.
Weniger Nebenwirkungen, höhere Lebensqualität? Kurze Phasen des Fastens sollen eine Chemotherapie bei Krebs verträglicher machen. Belegt ist das allerdings aber nicht.
Frage:
Verbessert kurzzeitiges Fasten die Lebensqualität bei Krebs?
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Antwort:
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Frage:
Verringert kurzzeitiges Fasten die Nebenwirkungen einer Chemotherapie bei Krebs?
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Erklärung:
Zu beiden Fragen haben wir nur drei sehr kleine Studien gefunden. Deren Ergebnisse sind so wenig verlässlich, dass wir keine Einschätzung treffen können. Wir können also nicht sagen, ob sich die Lebensqualität der Betroffenen verbessert und ob Fasten bei der Chemotherapie die Nebenwirkungen reduziert.

Wie gehen wir vor?

Wirksamkeitsstudie(n)
Beobachtungsstudie(n)
Labor/Tier-Studien(n)
Eine Chemotherapie hemmt die rasche Teilung und das übermäßige Wachstum von Krebszellen. Sie soll bei krebskranken Menschen zu einer Heilung der Krankheit führen oder zumindest das Leben verlängern. Doch leider schädigt eine Chemotherapie meist auch gesunde Körperzellen. Deshalb sind belastende Nebenwirkungen möglich, zum Beispiel an den Schleimhäuten oder Nerven. Es finden sich immer wieder Berichte darüber, dass gezieltes Fasten für einen kurzen Zeitraum während der Chemotherapie möglicherweise dazu führt, dass die unerwünschten Nebenwirkungen ausbleiben oder wenigstens milder ausfallen. Auch die Lebensqualität soll sich verbessern. Eine Leserin wollte von uns wissen, was dazu bereits bekannt ist.

Körperzellen schützen

Die Idee dahinter klingt ziemlich raffiniert: Das Fasten vor und nach der Chemotherapie erzeugt einen kurzfristigen Nährstoffmangel. Dieser Mangel soll, so eine Beobachtung aus Laborversuchen, dazu führen, dass sich gesunde Körperzellen seltener teilen. Durch diese „Trägheit“ könnten sie unempfindlicher gegenüber der Chemotherapie werden. Für die Krebszellen gilt das nicht. Ihr rasches Wachstum und ihre Teilung lässt sich durch einen kurzen Nährstoffmangel nicht beeindrucken, sie reagieren offenbar nach wie vor empfindlich auf eine Chemotherapie [1].

Wenig untersucht

Schöne Theorie. Aber funktioniert das auch in der Praxis? Um das herauszufinden, haben wir uns auf die Suche nach aussagekräftigen Studien gemacht. Dabei haben wir uns auf Untersuchungen konzentriert, bei denen die Testpersonen nach dem Zufallsprinzip einer von zwei Gruppen zugeteilt waren:
  • Zeitlich begrenztes, kurzes Fasten während der Chemotherapie.
  • Oder die übliche Ernährung, ganz wie immer.
Allerdings haben wir nur drei Studie [1a, 1b, 2] finden können. Die Nebenwirkungen der Chemotherapie [1a, 2] und die Lebensqualität der Patientinnen [1b, 2] standen im Fokus dieser Studien. An ihnen haben insgesamt 67 krebskranke Frauen teilgenommen. In der Fastengruppe durften sie vor und nach der Chemotherapie für 24 bis 36 Stunden keine oder nur ganz wenige Kalorien zu sich nehmen. Die Ergebnisse sind aber ziemlich unklar und teils auch widersprüchlich. Die Studien waren klein, die Patientinnen mussten ihre Lebensqualität und die Nebenwirkungen meist selbst einschätzen, waren aber nicht "verblindet" (d.h. wussten, welcher Gruppe sie angehörten). Auf dieser Basis können wir daher nicht verlässlich sagen, ob Fasten während der Chemotherapie tatsächlich sinnvoll ist oder nicht, also Nebenwirkungen reduziert und die Lebensqualität erhöht.

Belastende Nebenwirkungen

Eine Chemotherapie soll Krebszellen im Körper abtöten. Viele Krebsmedikamente hemmen deshalb die Teilung und das Wachstum der Krebszellen. Von dieser Wirkung sind aber auch gesunde Körperzellen betroffen, besonders solche, die sich schnell teilen. Deshalb kann es zu Chemotherapie-Nebenwirkungen wie Haarausfall oder Schäden an den Schleimhäuten kommen. Auch die Bildung von Blut- und Immunzellen kann beeinträchtigt sein, und Nervenschädigungen sind möglich. Viele Nebenwirkungen klingen nach dem Ende der Chemotherapie innerhalb einiger Wochen ab. Welche Nebenwirkungen auftreten und wie stark sie ausfallen, hängt oft davon ab, welche Medikamente bei der Chemotherapie zum Einsatz kommen. Sie können jedoch auch von Mensch zu Mensch unterschiedlich ausgeprägt sein. Für einige Nebenwirkungen gibt es wirksame Maßnahmen, um sie zu verhindern oder abzumildern, etwa gegen Erbrechen [4].

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Die Studien im Detail

Bei unserer Literaturrecherche haben wir insgesamt drei Studien zum kurzzeitigen Fasten bei einer Chemotherapie finden können, die zu unseren vorab festgelegten Qualitätskriterien passten [1a und 1b, zusammengefasst in 1] [2]. Dabei waren die Teilnehmenden nach dem Zufallsprinzip einer von zwei Gruppen zugeteilt: Eine Gruppe fastete während der Chemotherapie, die andere Gruppe blieb im selben Zeitraum bei den üblichen empfohlenen Ernährungsgewohnheiten [1a, 2]. In der dritten Studie [1b] wechselten die Teilnehmerinnen nach der Hälfte der Chemotherapie ihre Verhalten: Die eine Gruppe fastete zuerst und ernährte sich dann ohne Einschränkungen, in der zweiten Gruppe war es umgekehrt.

Wenige spezielle Teilnehmerinnen

Die Studien waren insgesamt sehr klein. Insgesamt nahmen 67 Frauen teil. Sie waren an Brustkrebs, Eierstockkrebs, Gebärmutter- oder Gebärmutterhalskrebs erkrankt. Für die meisten Frauen war dies ihre erste Krebserkrankung; bei einigen wenigen handelte es sich um wiederkehrenden Krebs. Die Tumore waren sehr unterschiedlich in ihrer Größe, bei einigen Frauen hatte der Krebs auch die Lymphknoten befallen oder hatte bereits gestreut. Welche Medikamente für die Chemotherapien zum Einsatz kamen, war deshalb auch sehr unterschiedlich. Ob sich die Ergebnisse auch auf Männer, auf Personen mit anderen Krebserkrankungen, anderen Krebsstadien oder anderen Formen der Chemotherapie übertragen lassen, ist unklar.

Verschiedene Formen des Fastens

Die Form des Fastens war bei den Studien etwas unterschiedlich:
  • In zwei Untersuchungen [1a, 2] fasteten die Teilnehmerinnen jeweils 24 Stunden vor und nach der Chemotherapie. Nur kalorienfreie Getränke wie Wasser, schwarzer Kaffee oder ungesüßter Tee waren erlaubt.
  • In der anderen Studie [1b] war Essen 36 Stunden vor der Chemotherapie und 24 Stunden danach verboten. Allerdings konnten die Teilnehmerinnen neben Tee und Wasser auch noch Gemüsesaft und Gemüsebrühe trinken. Dabei durften sie aber nicht mehr als 350 Kilokalorien pro Tag zu sich nehmen.
Die Frauen in den Kontrollgruppen sollten sich nur ausgewogen ernähren und an die üblichen Ernährungsempfehlungen halten.

Mehr Lebensqualität?

In den drei Studien wurden jeweils etwas unterschiedliche Aspekte untersucht:
  • die Lebensqualität [1b, 2]. Befragt wurden die Patientinnen etwa zu Abgeschlagenheit, Schlafproblemen, Sorgen wegen der Krebserkrankung oder ihrer Lebensfreude.
  • die Nebenwirkungen der Chemotherapie [1a, 2]: Dazu haben die Patientinnen über mögliche Beschwerden berichtet, außerdem wurde verschiedene Blutwerte gemessen.
Die Ergebnisse sind aber nicht ganz eindeutig. Hinsichtlich der Lebensqualität gibt es schon innerhalb der einzelnen Studien Widersprüche: In der Untersuchung [1b], bei der die Teilnehmerinnen nach der Hälfte der Chemotherapie zwischen Fasten und Nicht-Fasten wechselten, verbesserte sich nur in einer Gruppe beim Fasten die Lebensqualität, in der anderen nicht. In der zweiten Untersuchung [2] zeigten sich in der verlässlichsten Analyse keine Unterschiede zwischen der Fasten-Gruppe und der Gruppe mit der üblichen Ernährung.

Weniger Nebenwirkungen?

Ob Fasten die Nebenwirkungen einer Chemotherapie verhindert oder abmildert, wird aus den Ergebnissen ebenfalls nicht klar: In einer der Untersuchungen [1a] zeigte sich kein Unterschied bei den Nebenwirkungen wie Abgeschlagenheit oder Nervenschmerzen: Sie waren in beiden Gruppen ähnlich häufig und ähnlich schwer. Möglicherweise könnte sich Fasten positiv auf einige Blutwerte auswirken, die sich sonst während der Chemotherapie verschlechtern können. Ob das für Krebs-Patientinnen und -Patienten aber tatsächlich spürbar ist, bleibt fraglich. In der zweiten Studie [2] zeichnet sich eine rechnerische Tendenz zu weniger Nebenwirkungen ab, aber ob dieser nur auf dem Papier existiert, lässt sich nicht sicher sagen.

Aussagekraft sehr eingeschränkt

Neben den widersprüchlichen Ergebnissen und der kleinen Anzahl der Testpersonen haben alle drei Untersuchungen weitere Probleme: Bei Untersuchungen zum Fasten wussten natürlich alle Testpersonen, zu welcher Gruppe sie gehörten. Gleichzeitig sollen sie selbst ihre Lebensqualität und mögliche Beschwerden einschätzen. Diese Bewertung kann aber durch das Wissen um die Gruppenzugehörigkeit beeinflusst werden, die erhobenen Werte sind daher größtenteils nicht zuverlässig. In einer Studie [2] fehlen in der Endauswertung außerdem die Daten einiger Teilnehmerinnen. Das alles führt dazu, dass die Ergebnisse der Studien äußerst unsicher sind und wir eine Wirksamkeit des Fastens weder belegt sehen noch ausschließen können.

Wissenschaftliche Quellen


[1] Costa (2021) Studientyp: systematische Übersichtsarbeit Eingeschlossene Studien: 2 randomisierte kontrollierte Studien [1a, 1b] mit insgesamt 47 Frauen mit Krebserkrankungen Fragestellung: Verbessert Fasten vor und während der Chemotherapie die Verträglichkeit und die Lebensqualität? Interessenkonflikte: keine nach Angaben des Autorenteams Costa E. u.a. Effects of Fasting on Chemotherapy Treatment Response: A Systematic Review of Current Evidence and Suggestions for the Design of Future Clinical Trials. Nutr Cancer 2021; 14:1-9 Zusammenfassung Darin enthaltene Studien: [1a] De Groot 2015 De Groot S. u.a. The effects of short-term fasting on tolerance to (neo) adjuvant chemotherapy in HER2-negative breast cancer patients: a randomized pilot study. BMC Cancer. 2015; 15: 652 Freier Volltext [1b] Bauersfeld 2018 Bauersfeld S u.a. The effects of short-term fasting on quality of life and tolerance to chemotherapy in patients with breast and ovarian cancer: a randomized cross-over pilot study. BMC Cancer. 2018; 18: 476. Freier Volltext [2] Riedinger (2020) Studientyp: randomisierte kontrollierte Studie Teilnehmer: 24 Frauen mit Krebserkrankungen Fragestellung: Verbessert Fasten vor und während der Chemotherapie die Verträglichkeit und die Lebensqualität? Interessenkonflikte: Keine nach Angaben des Autorenteams Riedinger C u.a. Water only fasting and its effect on chemotherapy administration in gynecologic malignancies. Gynecol Oncol 2020; 159:799-803 Zusammenfassung

Weitere wissenschaftliche Quellen

[3] Krebsinformationsdienst (2017) Kurzzeitfasten während der Chemotherapie. Abgerufen am 30.11.2021 [4] Krebsinformationsdienst (2019) Chemotherapie-Medikamente: Wirkstoffe und Nebenwirkungen. Abgerufen am 30.11.2021