Medizin transparent - Wissen was stimmt – unabhängig und wissenschaftlich geprüft

Jetzt anfragen

Sie fragen, wir antworten

Stimmt die Behauptung aus Internet, Werbung oder den Medien?

Artikel

Chemotherapie ab 2. Schwangerschafts-Drittel ungefährlich?

Hoffnung für schwangere Krebskranke?

Hoffnung für schwangere Krebskranke?

Mehreren Zeitungsberichten zufolge (Standard, ORF, Salzburger Nachrichten, Kleine Zeitung) ist bei Chemotherapie ab dem 2. Schwangerschafts-Drittel keine Auswirkung auf das Ungeborene zu befürchten. Völlig ausschließen lässt sich ein erhöhtes Risiko aufgrund der wenigen bisher untersuchten Fälle allerdings nicht.
 
 

Zeitungsartikel: Schwanger: Chemotherapie schädigt Baby nicht (Kleine Zeitung)
Studie: Chemotherapie schädigt Baby nicht (ORF.at)
Chemotherapie bei Schwangeren schadet Baby nicht (Salzburger Nachrichten)
Chemotherapie bei Schwangeren schädigt Babys nicht (Der Standard)
(alle 10. 2. 2012, basierend auf einer APA-Meldung)
Frage:Besteht bei einer Chemotherapie ab dem 2. Schwangerschafts-Drittel ein erhöhtes Risiko für Langzeit-Auswirkungen auf das ungeborene Kind?
Antwort:Bisher veröffentlichte Studien lassen kein stark erhöhtes Risiko für negative Auswirkungen auf das Kind vermuten, ausgeschlossen werden kann ein solches Risiko aber nicht.
Beweislage:
Niedrige wissenschaftliche Beweislagefür ein nicht erhöhtes Risiko

Krebsfälle in der Schwangerschaft sind relativ selten, man schätzt dass rund eine unter 1000 bis 2000 Schwangeren betroffen ist. Tritt ein solcher Fall allerdings ein, stehen Patientin und behandelnde Ärzte vor komplexen Problemen. So ist etwa bekannt, dass eine Chemotherapie zumindest innerhalb der ersten 3 Schwangerschaftsmonate zu Fehlbildungen des Ungeborenen führen kann. Bei manchen bösartigen Krebsarten würde aber ein verzögerter Beginn der Chemotherapie die Heilungschancen der Mutter stark senken – hier muss eine schwierige Entscheidung getroffen werden.

Einer gerade veröffentlichten Studie [1] zufolge würde eine Chemotherapie ab dem 4. Schwangerschaftsmonat kein Risiko für das Ungeborene bedeuten, so verschiedene Zeitungsberichte nach einer Meldung der Austria Presseagentur APA.

Was ist Chemotherapie?

Bösartige Krebszellen teilen sich häufiger als die meisten normalen Körperzellen. Auf der einen Seite macht sie das gefährlich, da der Krebs mitunter schnell wachsen und sich an anderen Stellen des Körpers in Form von Tochtergeschwulsten (Metastasen) ausbreiten kann. Auf der anderen Seite sind sie dadurch auch mit Hilfe spezieller Medikamente, sogenannten Zytostatika, angreifbar.

Diese Zytostatika werden in der Chemotherapie eingesetzt, da sie Zellen an der Teilung hindern und sie dadurch zum Absterben bringen können. Diese Eigenschaft wird ausgenützt, um eventuell nach einer Operation oder Bestrahlung noch vorhandene Krebszellen abzutöten. Sie kann hingegen auch dazu dienen, den Tumor bereits vor einer Operation zu verkleinern.

Allerdings besitzen auch manche gesunden Zellen im Körper die Fähigkeit zur schnellen Zellteilung. Dazu gehören beispielsweise die Zellen der Haarwurzeln, Schleimhautzellen in Magen, Darm und Mund, sowie blutbildende Zellen im Knochenmark. Da Zytostatika auch diese Zellen angreifen, lassen sich viele unerwünschte Nebenwirkungen wie Haarausfall, Übelkeit, Blutarmut sowie allgemeines Unwohlsein oft nicht vermeiden.

Chemotherapie in der Schwangerschaft mit möglichen Auswirkungen

Eine Chemotherapie in der Schwangerschaft stellt aufgrund der toxischen Eigenschaft von Zytostatika prinzipiell ein Risiko für das Ungeborene dar. Erfolgt die Behandlung in den ersten drei Schwangerschaftsmonaten, besteht zum Beispiel die Gefahr von folgenschweren Fehlbildungen des Gehirns oder des Herzens [1].

Die in mehreren Medienberichten beschriebene, kürzlich veröffentlichte Studie des Forscherteams um Frédéric Amant [1] ist die bisher umfangreichste Untersuchung zu Langzeitfolgen bei Kindern, die ab dem 4. Schwangerschaftsmonat einer Chemotherapie der Mutter ausgesetzt waren. Dabei zeigte sich, dass die verwendeten chemotherapeutischen Substanzen (darunter häufig als möglicherweise herzschädigend bekannte Anthracycline) offenbar keine Häufung von Langzeitschädigungen verursachten. Bei den untersuchten Kindern wurde auch über Jahre hinweg keine überzufällig große Rate an Herzschäden, Lern- oder Verhaltensstörungen sowie sonstige gesundheitliche Beeinträchtigungen festgestellt.

Im Vergleich mit gesunden Gleichaltrigen zeigte sich aber, dass mehr Kinder von Chemotherapie-behandelten Müttern leichte Auffälligkeiten des Herzschlags aufwiesen. Diese lagen zwar noch im Normbereich, ein Zusammenhang mit der Chemotherapie lässt sich aber nicht ausschließen. Gleiches gilt für eine geringfügig erhöhte Rate an Verhaltensauffälligkeiten. Außer für die Untersuchung der Herzgesundheit stand aber keine direkte Vergleichsgruppe zur Verfügung, was die Aussagekraft der Untersuchungen an der ohnehin kleinen Gruppe von 70 Kindern zusätzlich schmälert. Für 2 der Kinder – ein Zwillingspaar – bei denen neurologische Entwicklungsverzögerungen festgestellt wurden, können die Forscher zudem einen möglichen Zusammenhang mit der Zytostatika-Behandlung der Mütter nicht ausschließen, auch wenn die Wahrscheinlichkeit dafür gering ist.

Auffällig waren jedenfalls signifikant geringere Intelligenzquotienten-Werte der Frühgeborenen – ein Phänomen, das auch bei Frühgeborenen ohne Chemotherapie der Mutter bekannt ist.

Wenige Hinweise in älteren Studien

Auch in älteren Studien finden sich keine direkten Hinweise auf eine starke Gefährdung des Ungeborenen, sofern die Chemotherapie ab dem zweiten Schwangerschafts-Drittel erfolgt. Dabei ist allerdings zu beachten, dass diese Untersuchungen meist weniger detaillierte Ergebnisse zur geistigen und gesundheitlichen Entwicklung der beobachteten Kinder aufweisen als die zuvor beschriebene Untersuchung [1].

Eine Studie [2], in der die Kinder durchschnittlich über drei Jahre lang begleitet wurden, fand, dass die Neugeborenen, die ab dem zweiten Schwangerschafts-Drittel einer Chemotherapie ausgesetzt waren, durchschnittlich um 200 Gramm leichter zur Welt kamen als Kinder krebskranker Mütter ohne Chemotherapie-Behandlung. Dieser geringe Unterschied dürfte aber für die weitere Entwicklung des Kindes keine wesentliche Rolle spielen. Eine erhöhte Rate an Frühgeburten konnten die Forscher nicht feststellen. Für die Häufigkeit von Missbildungen berichten die Wissenschaftler allerdings nur die Rate für die Kinder der Chemotherapie-behandelten Mütter, nicht aber für die Kontrollgruppe. Mit 38 pro 1000 Fehlbildungen soll sie allerdings der in der Normalbevölkerung üblichen Häufigkeit entsprechen.

In einer Studie eines Forscherteams unter der Leitung des Mexikaners Augustin Avilés [3] wurden 84 Kinder untersucht, von denen mehr als ein Drittel bereits im ersten Schwangerschafts-Drittel einer Chemotherapie ausgesetzt waren. Die Autoren berichten von keinerlei gesundheitlichen, psychologischen oder geistigen Auffälligkeiten von der Geburt bis zur Schulzeit. An detaillierten Vergleichen mit einer Kontrollgruppe gleichaltriger Kinder können sie diese Einschätzung aber nicht festmachen.

Auch in einer späteren Untersuchung [4] finden Avilés und sein Team keine Hinweise auf eine mögliche Schädigung des Herzens durch eine Chemotherapie mit Anthracyclinen, selbst im ersten Schwangerschafts-Drittel. Allerdings weisen sie darauf hin, dass derartige Fälle durchaus bekannt sind [5].

Die Ergebnisse einer weiteren Untersuchung an 55 Kindern [6] deuten ebenfalls auf keine stark erhöhten Auffälligkeiten nach einer Chemotherapie ab dem zweiten Schwangerschafts-Drittel hin. Wie in den bereits zuvor beschriebenen Studien lässt sich aber eine eventuell geringfügige Häufung von angeborenen Fehlbildungen oder Langzeit-Auswirkungen auf die geistige und gesundheitliche Entwicklung der Kinder nicht ausschließen – dafür ist die Teilnehmerzahl zu gering, und es fehlt eine klare Vergleichsmöglichkeit mit einer Kontrollgruppe.

Schlussfolgerung

Die Wahrscheinlichkeit für eine starke Häufung schwerer Missbildungen oder gravierender Langzeitfolgen für Kinder, die ab dem zweiten Schwangerschafts-Drittel einer Chemotherapie ausgesetzt waren, scheint gering zu sein. Das zeigen zumindest 5 kleinere Studien, bei denen Forscher solche Kinder über längere Zeit regelmäßig untersuchten. Da in den meisten dieser wissenschaftlichen Veröffentlichungen nur wenige bis gar keine Vergleiche mit einer geeigneten Kontrollgruppe gezogen wurden, sind deren Ergebnisse nur bedingt aussagekräftig und mit Vorsicht zu genießen. Wie auch die Autoren mehrerer dieser Studien anmerken, lässt sich ein geringfügig erhöhtes Risiko damit nicht feststellen.

Eventuell erleichtert aber bereits die vorhandene wissenschaftliche Beweislage Ärzten und Patientinnen eine Entscheidung für oder gegen den Beginn einer möglicherweise für die Mutter lebensrettenden Chemotherapie trotz einer Schwangerschaft. Und wie Amant und seine Kollegen in ihrer Studie [1] anmerken, dürfte etwa eine frühzeitig eingeleitete Geburt eventuell ein größeres Risiko für die geistige Entwicklung des Kindes darstellen als eine Chemotherapie. So zeigten um einen Monat zu früh Geborene im Durchschnitt einen um 11 IQ-Punkte geringeren Intelligenztest-Wert (bei einem Bevölkerungsdurchschnitt von 100 Punkten).

(AutorIn: B. Kerschner, Review: M. Strobelberger, K. Thaler)

Artikel empfehlen: auf Facebook teilen auf Twitter teilen

 

 

Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Amant u. a. (2012)
Studientyp: Kohortenstudie
Teilnehmer: 70 Kinder von 68 Müttern, die in der Schwangerschaft Chemotherapie erhalten hatten
Untersuchungszeitraum: durchschnittlich 22 Monate (von 17 Monaten bis zu 17 Jahren)
Fragestellung: Hat eine Chemotherapie im 2. und 3. Schwangerschaftsdrittel negative Auswirkungen auf die langfristige geistige, neurologische und gesundheitliche Entwicklung des Kindes?

Titel: “Long-term cognitive and cardiac outcomes after prenatal exposure to chemotherapy in children aged 18 months or older: an observational study.” Lancet Oncol. 2012 Feb 9.  (Zusammenfassung der Studie)

[2] Cardonick u. a. (2010)
Studientyp: Kohortenstudie und Fallserie
Teilnehmer: 218 schwangere Frauen mit Krebsdiagnose, die 227 Kinder zur Welt brachten (davon 152 Frauen / 157 Ungeborene, die Chemotherapie ausgesetzt waren)
Untersuchungszeitraum: durchschnittlich Nachfolgeuntersuchungen über 3 Jahre
Fragestellung: Hat eine Chemotherapie im 2. und 3. Schwangerschaftsdrittel negative Auswirkungen auf die langfristige neurologische und gesundheitliche Entwicklung des Kindes?

Titel: “Perinatal outcomes of a pregnancy complicated by cancer, including neonatal follow-up after in utero exposure to chemotherapy: results of an international registry”. Am J Clin Oncol. 2010 Jun;33(3):221-8. (Zusammenfassung der Studie )

[3] Avilés u. a. (2001)
Studientyp: Kohortenstudie
Teilnehmer: 84 Kinder
Untersuchungszeitraum: durchschnittlich Nachfolgeuntersuchungen über 19 Jahre (zwischen 6 und 29 Jahren)
Fragestellung: Hat eine Chemotherapie in der Schwangerschaft negative Auswirkungen auf die langfristige neurologische und gesundheitliche Entwicklung des Kindes?

Titel: “Hematological malignancies and pregnancy: a final report of 84 children who received chemotherapy in utero“. Clin Lymphoma. 2001 Dec;2(3):173-7. (Zusammenfassung der Studie)

[4] Avilés u. a. (2005)
Studientyp: Kohortenstudie
Teilnehmer: 81 Kinder, die zu Studienbeginn älter als 5 Jahre waren
Untersuchungszeitraum: bis zu 20 Jahren
Fragestellung: Hat eine Chemotherapie mit Anthracyclinen in der Schwangerschaft negative kardiologische Langzeit-Auswirkungen auf das Kind?

Titel: “Long-term evaluation of cardiac function in children who received anthracyclines during pregnancy“. Ann Oncol. 2006. Feb;17(2):286-8. (Studie im Volltext)

[6] Hahn u. a. (2006)
Studientyp: Kohortenstudie
Teilnehmer: 55 Kinder
Untersuchungszeitraum: Nachfolge-Untersuchungen teilweise bis ins Schulalter
Fragestellung: Hat eine Chemotherapie in der Schwangerschaft negative Langzeit-Auswirkungen auf die Entwicklung des Kindes?

Titel: “Treatment of pregnant breast cancer patients and outcomes of children exposed to chemotherapy in utero. Cancer. 2006 Sep 15;107(6):1219-26. (Studie im Volltext)

Weitere wissenschaftliche Quellen

[5] Germann u. a. (2004)
Studientyp: Fallserie
Teilnehmer: 160 Neugeborene
Fragestellung: Hat eine Chemotherapie in der Schwangerschaft negative Auswirkungen auf die Entwicklung des Fötus?

Titel: „Anthracyclines during pregnancy: embryo-fetal outcome in 160 patients“. Ann Oncol. 2004 Jan;15(1):146-50. (Studie im Volltext)