Cannabis gegen Corona: CBD wahrscheinlich wirkungslos

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Bernd Kerschner

zuletzt aktualisiert: 24. März 2022
Cannabispflanzen enthalten neben berauschenden Inhaltsstoffen auch CBD (Cannabidiol).
CBD-Tropfen helfen wahrscheinlich nicht bei Covid-19. Auch dass eine vorbeugende Einnahme vor der Erkrankung schützen könnte, ist eher unwahrscheinlich. Studien dazu fehlen.
Frage:
Lindert CBD (Cannabidiol) die Beschwerden bei einer leichten bis moderaten Covid-19-Erkrankung?
wahrscheinlich nicht
Antwort:
Antwort:
Frage:
Schützt CBD oder der Konsum von Cannabis vor einer Covid-19 Erkrankung?
wissenschafliche Beweise fehlen
Antwort:
Antwort:
Erklärung:
CBD hat wahrscheinlich keinen Effekt auf die Beschwerden bei einer Covid-19 Erkrankung. Zu diesem Schluss kommt die einzige Studie, die das untersucht hat. Ihre Aussagekraft ist aufgrund der geringen Zahl an Teilnehmenden jedoch etwas eingeschränkt. Nicht erforscht ist ein möglicher vorbeugender Effekt. Es ist unklar, ob CBD oder andere Cannabis-Bestandteile – eingenommen oder geraucht - vor einer Corona-Infektion oder einer Covid-19-Erkrankung schützen.

Wie gehen wir vor?

Wirksamkeitsstudie(n)
Beobachtungsstudie(n)
Labor/Tier-Studien(n)

Es findet sich in Form von Tropfen zum Einnehmen, in Tees, als Nahrungsergänzungsmittel und in Kosmetika: Cannabidiol, besser bekannt unter der Abkürzung CBD. Der Inhaltsstoff der Cannabis-Pflanze hat keinen berauschenden Effekt, aber ihm wird eine beruhigende, angstlösende und schlaffördernde Wirkung nachgesagt. In den letzten Jahren ist CBD in Mode gekommen und spezialisierte CBD-Geschäfte finden sich mittlerweile in allen großen Städten Europas.

Auch die Corona-Forschung hat CBD unter die Lupe genommen. Einer kürzlich veröffentlichten Studie zufolge sollen bestimmte Cannabis-Inhaltsstoffe gegen das Coronavirus wirksam sein [2]. Die Studie machte Schlagzeilen – zurecht? Helfen CBD oder andere Inhaltsstoffe aus der Cannabispflanze bei einer Covid-19-Erkrankung? Können die Substanzen davor schützen, krank zu werden? Und wie sieht es mit dem Rauchen von Cannabis aus? Wir haben uns die besagte Studie genauer angesehen und uns auch auf die Suche nach anderen Forschungsergebnissen gemacht.

CBD-Tropfen bei Covid wahrscheinlich wirkungslos

Bei jener Studie, die es in die Schlagzeilen schaffte, handelt es sich um eine Untersuchung aus dem Labor [2]. Ob Cannabis-Inhaltsstoffe wie CBD bei Covid-19 helfen, können aber nur klinische Studien mit erkrankten Menschen beantworten. Experimente im Labor können zwar Hinweise liefern, über die tatsächliche Wirkung im menschlichen Körper sagen sie aber nur wenig aus. Außerdem: Die Ergebnisse der Laborstudie zeigte gar keinen Effekt von CBD auf Coronaviren – aber dazu später mehr.

Bei unserer Suche fanden wir eine klinische Studie mit Covid-19-Patientinnen und -Patienten, die ihre Erkrankung zuhause auskurierten [1]. Die Hälfte der Teilnehmenden erhielt zwei Wochen lang täglich 300 Milligramm CBD in Tropfenform, die andere Hälfte ein gleich aussehendes Schein-Präparat (Placebo). Das Ergebnis war ernüchternd: Sowohl während der Einnahme als auch am Ende der Studie ein Monat später hatten alle Teilnehmenden ähnlich starke Beschwerden, egal ob sie CBD oder das Placebo eingenommen hatten. Die Beschwerden dauerten auch bei beiden Gruppen gleich lang an.

Mit 92 Teilnehmenden war die Studie eher klein, aber die Studie scheint sauber durchgeführt. Wir können zwar nicht mit absoluter Sicherheit sagen, dass CBD bei Covid-19 wirkungslos ist, wir halten das aber für einigermaßen wahrscheinlich.

Entspannter krank dank CBD?

Um andere nicht anzustecken, mussten sich die erkrankten Teilnehmenden zwei Wochen lang von anderen isolieren. Das und Angst vor einer Verschlimmerung der Krankheit kann auf die Stimmung schlagen, den Schlaf beeinträchtigen und Angst machen. CBD wird vor allem wegen seiner angstlösenden und beruhigenden Wirkung beworben. Wenn es schon nicht die Covid-Symptome lindert – könnte CBD dann die Erkrankung zumindest psychisch weniger belastend machen?

Um das herauszufinden, befragte das Studienteam die Teilnehmenden auch zu ihrem psychischen Befinden. Doch auch hier zeigte sich kein Unterschied zwischen der CBD- und der Placebo-Gruppe. Beide Gruppen gaben ähnlich häufig Beschwerden wie Unruhe, Schlafstörungen oder Ängstlichkeit an.

Keine Studien zu CBD als Covid-Schutz

Ob die regelmäßige Einnahme von CBD einer Covid-19 Erkrankung vorbeugen kann, können wir nicht beantworten, das wurde bisher offenbar nicht untersucht. Zudem gibt es aus anderen Studien Hinweise darauf, dass CBD die Infektanfälligkeit möglicherweise sogar erhöhen könnte [4].

Keine Wirkung, aber auch keine Nebenwirkungen

Auch wenn CBD keine Wirkung zeigte: Nebenwirkungen hat das Studienteam ebenfalls nicht beobachtet. Bereits bekannte Nebenwirkungen von CBD sind unter anderem Durchfall, Fieber, Erbrechen und möglicherweise erhöhte Infektanfälligkeit. Auch Wechselwirkungen mit Medikamenten, wie etwa Psychopharmaka, Antibiotika oder Herz-Medikamenten sind möglich [4]. Wer regelmäßig Medikamente einnimmt, sollte sich vor der Einnahme von CBD-Produkten über mögliche Wechselwirkungen informieren oder besser auf die Einnahme verzichten.

Mit Gras gegen Corona?

Natürlich wollten wir es ganz genau wissen und haben auch nach Studien zu Cannabiskonsum zu Rausch-Zwecken und Covid-19 gesucht. Schützt vielleicht das Marihuana-Rauchen vor dem Virus? Die Suche blieb jedoch erfolglos, wir konnten keine Studien dazu finden. Auch andere Cannabis-Inhaltsstoffe zur Vorbeugung oder zur Behandlung von Covid-19 wurden bisher scheinbar nicht untersucht.

Laborstudie: Spannend, aber wenig aussagekräftig

Doch was ist nun mit jener Studie [2], die die Hoffnung auf CBD als wirksames Covid-Mittel schürte? Auch diese haben wir uns genau angesehen. Es handelt sich dabei um eine Labor-Studie, bei der im Reagenzglas SARS-CoV-2 Viren mit 11 verschiedenen Cannabinoiden in Kontakt gebracht wurden. Das Forschungsteam wollte wissen, ob die chemischen Stoffe das Virus hemmen, und daran hindern können, menschliche Zellen zu infizieren. Obwohl sie in manchen Medienberichten auftaucht, ist die Meldung schlichtweg falsch, die Forschenden hätten in ihrer Studie eine Anti-Corona-Wirkung von CBD nachgewiesen: Laut dem Forschungsteam hatte CBD in den Versuchen keinen Effekt auf das Coronavirus. Dasselbe gilt auch für THC, das für den berauschenden Effekt von Cannabis verantwortlich ist.

Nur zwei der untersuchten Substanzen zeigten eine Wirksamkeit: Cannabidiolsäure und Cannabigerolsäure. Keine der beiden Substanzen ist jedoch in CBD-Tropfen enthalten.

Als Grundlage für die Vermutung, CBD-Tropfen oder Marihuana-Rauchen würden gegen Covid-19 helfen taugt diese Studie jedenfalls nicht.

Alleskönner aus der Cannabis-Pflanze?

Cannabidiol (CBD) stammt zwar aus der Cannabis-Pflanze, doch es hat keine berauschende oder süchtig machende Wirkung und gilt damit nicht als Suchtgift [3,5]. CBD liegt im Trend, ihm werden zahlreiche positive Wirkungen auf die Gesundheit nachgesagt. Eine Umfrage der Stiftung Warentest hat ergeben, dass 12 Prozent der Deutschen regelmäßig CBD-Produkte konsumieren [4]. Anbieter diverser – meist hochpreisiger – Produkte versprechen so einiges: Der Stoff aus der Cannabis-Pflanze soll nicht nur beruhigen und beim Einschlafen helfen, sondern laut manchen Anbietern auch gegen so vielfältige Beschwerden wie Arthrose, Depression, Regelschmerzen, Migräne, Alzheimer und sogar Krebs helfen [3].

CBD: Als Nahrungsmittel nicht zugelassen

Die wenigsten dieser angeblichen Wirkungen sind jedoch durch wissenschaftliche Untersuchungen belegt. Noch dazu sind derartige krankheitsbezogene Werbeaussagen, sogenannte health claims, rechtlich nicht erlaubt. Ebenso wenig der Verkauf von CBD-Produkten, die zur Einnahme bestimmt sind: Als Nahrungsmittel oder Nahrungsergänzungsmittel ist CBD nämlich gar nicht zugelassen [3,5]. Verkauft werden die Produkte deshalb in der Regel mit dem Hinweis, dass sie nicht zur Einnahme bestimmt seien.

Als Arzneimittel wird CBD zur Vorbeugung epileptischer Anfälle im Rahmen bestimmter Erkrankungen verwendet. Manche Ärztinnen und Ärzte verschreiben Cannabis gegen Übelkeit und Appetitlosigkeit während einer Chemotherapie. Offiziell empfohlen wird es in Leitlinien zur Krebstherapie im Moment jedoch nicht [7].

Für CBD als vermeintliches Anti-Krebs-Mittel gibt es derzeit keine wissenschaftlichen Belege, wie wir in einem anderen Beitrag bereits herausgefunden haben. Auch Behauptungen, denen zufolge CBD bei Parkinson helfen kann, sind wissenschaftlich nicht belegt.

Ob CBD tatsächlich beim Einschlafen hilft, wie Anbieter behaupten, ist wissenschaftlich nicht ausreichend erforscht. Wir haben hier bereits dazu berichtet.

Marihuana auf Platz 3 der Rauschmittel

Berauschend wirkt CBD nicht – dafür ist Tetrahydrocannabinol, kurz THC, nötig. Der ebenfalls in der Cannabis-Pflanze enthaltene Stoff ist für die bekannten Effekte von Marihuana verantwortlich und wird in der Regel als Rauch konsumiert.

Marihuana ist nach Alkohol und Tabak die am dritthäufigsten verwendete Droge. Während in den USA rund 15 Prozent der erwachsenen Bevölkerung Cannabis zu Rauschzwecken konsumieren, ist in Europa der Konsum mit 2 Prozent vergleichsweise selten [6]. In Österreich und Deutschland ist der Besitz und Verkauf von Cannabis oder Cannabis-Produkten verboten, die mehr als 0,3 % (Österreich) bzw. 0,2 % (Deutschland) THC enthalten [4,5].

Regelmäßiger Cannabis-Konsum kann die geistige Leistungsfähigkeit sowie die Spermienqualität beeinträchtigen, und möglicherweise das Risiko für Herzinfarkte und Schlaganfälle erhöhen. Auch das Risiko für Psychosen und Schizophrenie scheint durch Cannabis-Konsum erhöht, besonders bei sehr jungen Menschen [6]. Dennoch: Verglichen mit Alkohol und Tabak sind die durch Marihuana-Konsum verursachen gesundheitlichen Schäden deutlich geringer [6,9].

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Die Studien im Detail

Wir wollten wissen, ob Cannabinoide Covid-19-Patientinnen und -Patienten helfen können und haben deshalb ausschließlich klinische Studien berücksichtigt, an denen Menschen teilgenommen haben. Studien aus dem Labor oder an Tieren können zwar Hinweise liefern, aber keine Wirksamkeit im menschlichen Körper belegen. Unsere Suche in zwei wissenschaftlichen Datenbanken haben wir möglichst breit angelegt: Wir suchten nach Studien, die die Wirksamkeit von einer der zahlreichen bekannten Cannabinoide auf das Coronavirus oder der Covid-19-Erkrankung untersuchten. Zu der Substanzklasse der Cannabinoide zählen neben vielen anderen Substanzen das meist als Beruhigungs-Tropfen verkaufte CBD (Cannabidiol) und das psychoaktiv wirksame THC (Tetrahydrocannabinol), das für den berauschenden Effekt von Cannabis verantwortlich ist.

Wir fanden jedoch nur eine einzige Studie zu einem Cannabinoid und Covid-19 [1]. Die Studie stammt von einem brasilianischen Forschungsteam und untersuchte die Wirksamkeit und Sicherheit von CBD. Die 92 teilnehmenden Frauen und Männer waren alle leicht bis mittelschwer an Covid-19 erkrankt. Das heißt sie hatten Fieber, Husten, Gliederschmerzen und andere typische Covid-Symptome, benötigten aber keinen zusätzlichen Sauerstoff und mussten nicht im Krankenhaus behandelt werden.

Die Teilnehmenden wurden per Los in zwei etwa gleich große Gruppen aufgeteilt (randomisiert). Die eine Gruppe nahm zwei Wochen lang zweimal täglich 150 mg CBD in Form von Tropfen ein, die andere ein gleich aussehendes Schein-Präparat (Placebo). Die Teilnehmenden gaben dem Studienteam täglich Auskunft über die Schwere ihrer Beschwerden. Zusätzlich berichteten sie auch von ihrem Gemütszustand und eventuellen Nebenwirkungen des Präparats. Weder die Teilnehmenden noch das Studienteam wusste, wer welcher Gruppe zugeteilt war.

Kein Benefit durch CBD

Nach 28 Tagen zog das Studienteam Bilanz: Insgesamt fühlten sich die Teilnehmenden der CBD-Gruppe nicht besser als jene der Placebo-Gruppe. Sie wurden auch nicht schneller wieder beschwerdefrei. Eher im Gegenteil: Der CBD-Gruppe ging es insgesamt sogar geringfügig schlechter als der Placebo-Gruppe. Dieser Unterschied kann zufallsbedingt sein. Wir können allerdings auch nicht aus schließen, dass CBD den Verlauf von Covid-19 sogar negativ beeinflussen könnte.

Auch auf psychische Beschwerden der Teilnehmenden, wie etwa Unruhe, Schlafstörungen, depressive Verstimmungen und Ängstlichkeit hatten die CBD-Tropfen keinen Effekt.

Die geringe Anzahl an Teilnehmenden schwächt zwar unser Vertrauen in das Ergebnis etwas, ansonsten wirkt die Studie allerdings solide durchgeführt. Einen therapeutischen Effekt von CBD-Tropfen bei Covid-19 halten wir für wenig wahrscheinlich.

Keine Studien zu THC oder anderen Cannabis-Inhaltsstoffen

Studien, in denen andere Cannabinoide zum Einsatz kamen oder solche, die den Effekt von Marihuana-Rauchen untersucht haben, konnten wir nicht finden. Auch ob die regelmäßige Einnahme von Cannabinoiden wie CBD einer Covid-19-Erkrankung vorbeugen kann, wurde offenbar nicht untersucht.

Wissenschaftliche Quellen


[1] Crippa u.a. (2021)

Studienart: Randomisiert-kontrollierte Studie

Teilnehmende: 92 Erwachsene, die leicht bis moderat an Covid-19 erkrankt waren

Fragestellung: Lindern Tropfen mit Cannabidiol (CBD) die Beschwerden bei Covid-19? Können sie die Krankheitsdauer verkürzen?

Interessenskonflikte: Das verwendete CBD-Präparat wurde von einer Herstellerfirma bereitgestellt.

Crippa, J. A. S., Pacheco, J. C., Zuardi, A. W., Guimarães, F. S., Campos, A. C., Osório, F. D. L., … & Cannabidiol for COVID-19 Patients (CANDIDATE) Trial Investigators. (2021). Cannabidiol for COVID-19 Patients with Mild to Moderate Symptoms (CANDIDATE Study): A Randomized, Double-Blind, Placebo-Controlled Clinical Trial. Cannabis and Cannabinoid Research.
(Studie in voller Länge)

 

[2] van Breemen u.a. (2022)
van Breemen, R. B., Muchiri, R. N., Bates, T. A., Weinstein, J. B., Leier, H. C., Farley, S., & Tafesse, F. G. (2022). Cannabinoids Block Cellular Entry of SARS-CoV-2 and the Emerging Variants. Journal of natural products. (Studie in voller Länge)

[3] Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen
Abgerufen am 16.2.2022 unter www.verbraucherzentrale.de

[4] Klartext Nahrungsergänzung (Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfahlen)
Abgerufen am 16.2.2022 unter www.klartext-nahrungsergaenzung.de

[5] Kommunikationsplattform VerbraucherInnengesundheit (BMSGPK)
Abgerufen am 16.2.2022 unter wwww.verbrauchergesundheit.gv.at

[6] UpToDate (2021)
Cannabis use: Epidemiology, pharmacology, comorbidities and adverse effects. Abgerufen am 16.2.2022 unter www.uptodate.com (Kostenpflichtig)

[7] UpToDate (2021)
Cannabidiol: Drug information. Abgerufen am 16.2.2022 unter www.uptodate.com (Kostenpflichtig)

[8] UpToDate (2021)
Prevention and treatment of chemotherapy induced nausea and vomiting in adults. Abgerufen am 16.2.2022 unter www.uptodate.com (Kostenpflichtig)

[9] Degenhardt u.a. (2018)
Degenhardt, L., Charlson, F., Ferrari, A., Santomauro, D., Erskine, H., Mantilla-Herrara, A., … & Vos, T. (2018). The global burden of disease attributable to alcohol and drug use in 195 countries and territories, 1990–2016: a systematic analysis for the Global Burden of Disease Study 2016. The Lancet Psychiatry, 5(12), 987-1012. (Link zur Studie)