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Brustkrebs-Früherkennung ab 40 – Nutzen oder Schaden?

Diagnose Brustkrebs?

Diagnose Brustkrebs?

Der Nutzen von Mammographie bereits ab einem Alter von 40 Jahren, wie in einem Standard-Artikel empfohlen, ist wissenschaftlich umstritten. Die Brustkrebs-Vorsorgeuntersuchung kann zwar in einzelnen Fällen Leben retten, allerdings führt sie auch zu falschen Alarmen und manchmal unnötigen Brustoperationen.


 

Zeitungsartikel: Frauen sollten ab 40 zur Brustkrebs-Früherkennung (14. 10. 2011, Der Standard)
Frage:Lässt sich der Nutzen von Mammographie ab 40 Jahren gegen die Risiken von falschen Alarmen und unnötigen Behandlungen abwiegen?
Antwort:Mammographie kann in einzelnen Fällen einen Todesfall durch Brustkrebs verhindern. Allerdings ist das Brustkrebsrisiko für Frauen unter 50 Jahren geringer als bei älteren Frauen, während Mammographien in Altersgruppe zwischen 40 und 49 häufiger zu falschen Alarmen führen. Daher ist Mammografie bereits ab 40 Jahren umstritten. Die Entscheidung dazu sollte nach umfassender Information der Patientin vorbehalten bleiben.
Beweislage:
Niedrige wissenschaftliche Beweislage

Das Thema Brustkrebs-Vorsorgeuntersuchung taucht in regelmäßigen Abständen in den Medien auf. Meist wird in den Berichten suggeriert, dass Früherkennungsmaßnahmen wie Mammographie (einer Röntgenuntersuchung der Brust) das Risiko für eine fortgeschrittene Brustkrebs-Erkrankung stark senken kann. Nach einer Studie des deutschen Max Planck Instituts überschätzen demnach rund 9 von 10 österreichischen Frauen die Wirksamkeit der Mammographie.

Eine besonders oft wiederkehrendes Thema ist dabei die Vorsorge-Mammographie für Frauen unter 50 Jahren. So weist auch der Artikel im Standard vom 14. 10. 2011 Leserinnen darauf hin, bereits im Alter von 40 mit Untersuchungen zur Brustkrebs-Früherkennung zu beginnen. Auf die Nachteile und möglichen unerwünschten Folgen der Vorsorgeuntersuchungen wird allerdings nicht eingegangen.

Brustkrebs ist Angaben der Statistik Austria zufolge die häufigste Krebserkrankung bei Frauen. Von 1000 Mädchen, die 2009 geboren wurden, werden bis zum 75. Lebensjahr 73 an Brustkrebs erkranken – das entspricht ungefähr jeder 14. Österreicherin (Der Standard spricht fälschlicherweise von jeder 8. Frau in Österreich). Während die Zahl der Brustkrebserkrankungen in den letzten Jahrzehnten zugenommen hat, ist die dadurch bedingte Sterblichkeit im selben Zeitraum gesunken. Von 1000 Frauen wären vor 20 Jahren noch 25 gestorben, mittlerweile sind es nur mehr 17. Dieser Rückgang wird sowohl der früheren Entdeckung durch die Brustkrebs-Vorsorge wie auch den verbesserten Behandlungsmöglichkeiten zugeschrieben.

Mammographie – Vorteile & Nachteile

Mammographie – die Röntgenuntersuchung der Brust – besitzt zweifelsohne das Potential, Leben zu retten. Von 2000 Frauen, die über 10 Jahre regelmäßig zur Mammographie gehen, wird eine weniger versterben als ohne Vorsorgeuntersuchung, so die Autoren einer systematischen Übersichtsarbeit und Meta-Analyse [1].

Dass die Mammographie-Vorsorgeuntersuchung allerdings auch Schaden anrichten kann, ist nur wenig bekannt. Bei rund 200 von 2000 über einen Zeitraum von 10 Jahren untersuchten Frauen sieht das Röntgenbild zunächst verdächtig aus, obwohl sich später herausstellt, dass diese Frauen keinen Krebs haben. Die psychische Belastung bis zur endgültigen Abklärung, ob tatsächlich Krebs vorliegt, kann dabei enorm sein.

Bei 10 von 2000 Frauen schließlich führen solche falschen Alarme zu einer Operation der Brust, obwohl diese Patientinnen eigentlich gesund sind. Oft kommt es bei diesen Frauen anschließend zu einer Nachbestrahlung sowie in manchen Fällen auch zu einer Chemotherapie.

Dies passiert deshalb, da mit Hilfe der Mammographie harmlose Zellveränderungen im Brustgewebe, die sich nie zu Krebs entwickeln würden, nicht von bösartigen Veränderungen unterschieden werden können. Auch durch eine anschließende Entnahme von Gewebe (Biopsie) zur weiteren Untersuchung unter dem Mikroskop kann nicht vorhergesagt werden, ob sich die gefundenen Zellveränderungen tatsächlich zu einem gefährlichen Krebs entwickeln werden oder harmlos bleiben.

In etlichen Fällen, wo tatsächlich Krebs vorliegt, wäre dieser so langsam gewachsen, dass er auch ohne Screening problemlos erkannt worden wäre. Nur ein kleiner Teil der mit Mammographie gefundenen Zellveränderungen ist tatsächlich bösartig und so schnell wachsend, dass sie ein Arzt oder die Betroffene ohne Vorsorgeuntersuchung nicht bemerkt hätten.

Neben falschen Alarmen vermitteln die Screenings aber auch irrtümliche Sicherheit. Denn sogar mit regelmäßig durchgeführten Mammographien wird in 7 von 100 Fällen ein vorhandener Brustkrebs nicht entdeckt. Leider gibt es keine besseren Vorsorgeuntersuchungs-Methoden.

Brustkrebs-Screening ab 40 umstritten

Auch einer anderen systematischen Übersichtsarbeit zufolge [2] können Mammographie-Untersuchungen einem vergleichbar großen Anteil an Frauen das Leben retten, die sonst an Brustkrebs gestorben wären. Allerdings ist das Sterberisiko für Brustkrebs von Frauen zwischen 40 und 49 geringer als das von 50 – 59-jährigen. Daher wäre die Anzahl der Frauen, die durchschnittlich untersucht werden müssten, um einen Todesfall zu vermeiden, in der jüngeren Gruppe um einiges größer als in der älteren Gruppe.

Dies und die Tatsache, dass Mammographieaufnahmen jüngerer Frauen schwerer zu beurteilen sind, da sie dichteres Brustgewebe haben, ist der Grund, warum es es beim Screening von Frauen unter 50 häufiger zu falschen Alarmen kommt als bei älteren Untersuchten. Die U.S. Preventive Services Task Force (USPSTF) nahm diese Meta-Analyse [2] als Grundlage für eine Brustkrebs-Vorsorge-Empfehlung [3]. Darin wird die Mammographie-Untersuchung zur Früherkennung für Frauen von 50 bis 75 zweimal jährlich empfohlen. Die Entscheidung für Frauen von 40 und 49 sollte dem Gremium zufolge jedoch individuell unter Berücksichtigung der Umstände und Einstellung der Patientin erfolgen.

Zählt eine Patientin nicht zu einer Risikogruppe, empfielt die USPSTF daher kein regelmäßiges Screening unter 50 Jahren. Ein solches erhöhtes Risiko besteht etwa aufgrund familiärer Häufung oder spezieller Genmutationen, die bekanntermaßen mit Brustkrebs in Verbindung stehen.

Da die wissenschaftliche Beweislage aber nur wenig Aufschluss darüber gibt, ob die Vorteile des Screenings ab 40 die Nachteile überwiegen, gibt es diesbezüglich unterschiedliche Empfehlungen. Während etwa neben der USPSTF die Europäische Union oder das britische National Health Service Mammographie-Vorsorgeuntersuchungen erst ab 50 Jahren empfiehlt, setzt sich etwa die World Health Organisation (WHO) der Vereinten Nationen oder die American Cancer Society bereits für ein Screening ab 40 Jahren ein.

Resumée: Individuelle Entscheidung

Die Entscheidung zur Teilnahme am Mammographie-Screening sollte auf individueller Basis erfolgen und sich an den persönlichen Umständen sowie Erwartungen der Frau orientieren, so die USPSTF [3]. Dafür ist es allerdings notwendig, Frauen über Vor- und Nachteile von Screenings umfassend aufzuklären.

In einer Informations-Broschüre des nordischen Cochrane-Zentrums (auf deutsch hier herunterladbar) wird die wissenschaftliche Beweislage so zusammengefasst:

Es kann vernünftig sein, sich an einem Brustkrebs-Screening zu beteiligen. Es kann aber ebenso vernünftig sein, sich nicht daran zu beteiligen, da das Screening sowohl nützen als auch schaden kann.

Um die richtige Wahl treffen zu können, muss jede Frau das Für und Wider des Brustkrebs-Screenings kennen.

(AutorIn: B. Kerschner, Review: M. Strobelberger, K. Thaler)

Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Gøtzsche & Nielsen (2011)
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse der Cochrane Collaboration
Anzahl der inkludierten Studien: 7 randomisiert-kontrollierte Studien
Teilnehmerinnen insgesamt: 600 000 Frauen
Vergleich: Brustkrebs-bedingte Todesfälle bei regelmäßiger Mammographie verglichen mit Kontrollgruppe ohne Mammographie-Untersuchungen

Titel: ”Screening for breast cancer with mammography”. Cochrane Database Syst Rev. 2011 Jan 19;(1):CD001877. Review. (Zusammenfassung der Studie)

[2] Nelson u.a. (2009)
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse
Anzahl der inkludierten Studien: 8 randomisiert-kontrollierte Studien
Teilnehmerinnen insgesamt: 556 907 Frauen
Vergleich: Brustkrebs-bedingte Todesfälle bei regelmäßiger Mammographie verglichen mit Kontrollgruppe ohne Mammographie-Untersuchungen

Titel: Screening for Breast Cancer: Systematic Evidence Review Update for the US
Preventive Services Task Force [Internet]. Rockville (MD): Agency for Healthcare
Research and Quality (US) (Studie im Volltext)

[3] U.S. Preventive Services Task Force
Empfehlung basierend auf [2]

Titel: Preventive Services Task Force recommendation statement. Ann Intern Med. 2009 Nov17;151(10):716-26, W-236. Erratum in: Ann Intern Med. 2010 Feb 2;152(3):199-200. Ann Intern Med. 2010 May 18;152(10):688. (Zusammenfassung der Empfehlung)