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Botox gegen Migräne nur geringfügig hilfreich

Spritze gegen Migräne?

Spritze gegen Migräne?

Injektionen mit dem Nervengift Botulinumtoxin sollen Migräneattacken deutlich verringern können. Allerdings bewirken die Botox-Spritzen nur eine geringfügige Reduktion an Migränetagen pro Monat – und das auch nur bei Patienten mit sehr häufig auftretenden Migräneattacken.
 
 

 

Zeitungsartikel: Mit Skalpell und Botox gegen Migräne (27.7.2012, Kronen Zeitung)
Frage:Können Botox-Injektionen Migräne Migränesymptome lindern?
Antwort:Bei Patienten mit durchschnittlich 20 Migränetagen pro Monat können Botox-Injektionen die Häufigkeit geringfügig um 2 Tage verringern. Bei Personen, die seltener an Migräne oder Spannungskopfschmerz leiden, wirkt die Behandlung nicht.
Beweislage:
Mittlere wissenschaftliche Beweislagefür die gerinfügige Wirksamkeit

Unter Kopfschmerzen leiden viele Menschen ab und zu – dabei handelt es sich meist um sogenannte Spannungskopfschmerzen. Migräne stellt eine besonders schwerwiegende Form dieses Leidens dar. Betroffene quält nicht nur gravierender Kopfschmerz, oft sind sie auch stark Licht- und Lärm-empfindlich. Viele ziehen sich daher häufig in abgedunkelte Räume zurück. Nicht selten begleiten Übelkeit und Erbrechen die Schmerzen. Für gewöhnlich vergeht ein Migräneanfall von selbst, in manchen Fällen kann er aber bis zu 72 Stunden anhalten [2].

In Österreich ist etwa eine von 10 Personen von Migräne betroffen, der überwiegende Teil davon Frauen. [2, 3] In einigen Fällen gehen Wahrnehmungsstörungen wie etwa Sehstörungen, Taubheit oder Kribbeln mancher Körperteile einem Migräneanfall voraus – man spricht von einer sogenannten Migräne mit Aura. Oft empfinden Patienten bestimmte Faktoren als Auslöser solcher Anfälle. So kann etwa Stress, Sorgen, Müdigkeit, körperliche Anstrengung, aber auch das Eintreten der Menstruation oder die Verhütungspille (sprich hormonelle Veränderungen) eine Migräne-Attacke hervorrufen. [3]

Treten die Symptome an mehr als 15 Tagen im Monat auf, sprechen Ärzte von „chronischer Migräne“. Für Betroffene bedeutet dies eine enorme Beeinflussung ihres Alltags, zudem müssen sie regelmäßig Medikamente einnehmen.

Verschiedene Behandlungsmöglichkeiten

Für die akute Behandlung – also für den Fall einer gerade auftretenden Migräne-Attacke – stehen sogenannte Nonsteroidale Antirheumatika (NSAR, siehe auch „Kopfschmerzen: Helfen Wirkstoffkombinationen besser?„), Triptane und andere Arzneistoffe zur Verfügung. [4] Zur Vorbeugung von Anfällen werden so unterschiedliche Medikamente wie Blutdrucksenker (z.B. Betablocker), Antidepressiva oder krampflösende Mittel (z.B. Valproat oder Topiramat) angewandt. [5] Auch nicht-medikamentöse Behandlungsformen können manchmal hilfreich sein, wie etwa Akupunktur (siehe den Medizin-Transparent-Beitrag vom 3. 10. 2011) oder regelmäßiger Sport (Medizin-Transparent-Beitrag vom 8. 2. 2012). Der Kronenzeitung zufolge soll nun auch ein anderweitig bekanntes Mittel helfen, das Auftreten von Migräneattacken zu verhindern: das Nervengift Botulinumtoxin Typ A – besser bekannt unter den Handelsnamen Botox®.

Das starke Nervengift ist vor allem in der Lage, Muskelfasern zu lähmen. Am bekanntesten dürfte der Einsatz von Botox® in der Schönheitschirurgie sein, wo seine lähmende Wirkung in niedriger Dosierung zur Glättung von Stirnfalten eingesetzt wird. Doch auch bei neurologischen Erkrankungen wie Bewegungsstörungen oder zur Lösung von Muskelspannungen kommt Botulinumtoxin zur Anwendung.

Effekt von Botox nur gering

Zur Behandlung von Migräne wird das Nervengift von einem Arzt in mehreren Sitzungen an verschiedenen Stellen im Stirn- Schläfen- und Nackenbereich injiziert.

In einer aktuellen systematischen Übersichtsarbeit und Metaanalyse [1] zeigt sich, dass Botulinumtoxin lediglich bei Patienten mit sehr häufiger (chronischer) Migräne zu einer Besserung führt. Die Teilnehmer in den analysierten Studien litten durchschnittlich an 20 Tagen pro Monat an Migränesymptomen. Im Vergleich zu einer Scheinbehandlung mit Placebo-Spritzen konnten Botulinumtoxin-Injektionen die Zahl der Kopfschmerztage auf rund 18 verringern – eine Reduktion um gerade einmal zwei Tage pro Monat.

Bei Betroffenen, die seltener als 15 mal pro Monat Migränesymtpome haben, scheint die Injektionsbehandlung allerdings keine Wirkung zu zeigen. Auch chronische Spannungskopfschmerzen treten nach Botulinumtoxin-Behandlungen nicht seltener auf als zuvor.

Neben der unangenehmen Prozedur der Injektion und Schmerzen an der Einstichstelle können weiters einige unerwünschte Nebenwirkungen auftreten. Bei 7 von 100 Behandelten kam es etwa in Folge zu einem hängenden Augenlied, weitere häufige Begleiterscheinungen waren Nackensteifigkeit, Muskelschwäche oder Nackenschmerzen.

Gesamt gesehen kann Botulinumtoxin die Anzahl der Migränetage also geringfügig verringern, die Wirkung ist aber eher von geringem Ausmaß und keinesfalls so spektakulär wie in der Kronenzeitung dargestellt.

(Autoren: A. Kny, B. Kerschner, M. Strobelberger, K. Thaler)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Jackson u.a. (2012).
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse
Eingeschlossene Studien: 27 randomisiert-kontrollierte Studien (insg. 5313 Teilnehmer)
Fragestellung: Ist Botulinum Toxin A zur Prophylaxe von Migräne und Spannungskopfschmerz wirksam?
Mögliche Interessenskonflikte: keine angeführt

Titel: „Botulinum toxin A for prophylactic treatment of migraine and tension headaches in adults: a meta-analysis. JAMA. 2012 Apr 25;307(16):1736-45. (Zusammenfassung der Studie)

Weitere wissenschaftliche Quellen

[2] Lampl C, Buzath A, Baumhackl U, Klingler D. One-year prevalence of migraine in
Austria: a nation-wide survey. Cephalalgia. 2003 May;23(4):280-6. (Zusammenfassung der Studie)

[3] Cutrer FM, Bajwa ZA, Sabahat A (2012). Pathophysiology, clinical manifestations, and diagnosis of migraine in adults. In Dashe JF (ed.). UpToDate. Abgerufen unter http://www.uptodate.com am 31. 8. 2012.

[4] Bajwa ZA, Sabahat A (2012). Acute treatment of migraine in adults. In Dashe JF (ed.). UpToDate. Abgerufen unter http://www.uptodate.com am 31. 8. 2012.

[5] Bajwa ZA, Sabahat A (2012). Preventive treatment of migraine in adults. In Dashe JF (ed.). UpToDate. Abgerufen unter http://www.uptodate.com am 31. 8. 2012.