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Bluttest für die Psyche?

Was kann aus dem Blut abgelesen werden?

Das Blutbild lässt Rückschlüsse auf viele verschieden Erkrankungen zu, aber gibt es auch Aufschluss über psychische Probleme?

Frage: Kann ein Bluttest psychische Erkrankungen feststellen?
Antwort:nicht (ausreichend) erforscht
Erklärung:Stress kann sich durchaus auf Blutwerte auswirken, aber umgekehrt ist uns kein Bluttest bekannt, der tatsächlich zur Diagnose von psychischen Erkrankungen geeignet ist.

Uns wurde von einem Arzt berichtet, der einen Bluttest als Grundlage für eine psychologische Einschätzung verwendet. Ist so etwas möglich? Für eine konkrete wissenschaftliche Antwort wäre die Frage so zu allgemein formuliert. In der Frage an uns wurde ein Link mitgeschickt – der jedoch nur wenig weiterhilft.
 
„Polyglobulie: Zu viele Erythrozyten (rote Blutkörperchen, Anmerkung) im Blut deuten auf einen Stau in der Vitalität hin“, liest man dort beispielsweise. Was genau ist mit Vitalität gemeint und wie sieht das aus, wenn sich diese irgendwo staut – und wo genau staut sie sich? Die Behauptungen sind so schwammig, dass wir das kaum auf eine konkrete Fragestellung eingrenzen konnten. Der Kern der Aussagen ist jedoch, Blutwerte könnten Aufschluss über psychologische Zustände geben. Wenn das so wäre, müsste es möglich sein, aus Blutwerten psychische Störungen zu diagnostizieren.
 
Diese Frage lässt sich überprüfen und wir haben gesucht, ob es Blutwerte gibt, die in der Diagnose von psychischen Erkrankungen verwendet werden.

Psychologische Tests für psychologische Erkrankungen

Wir haben keine psychologische Erkrankung gefunden, die mit Hilfe von Bluttests diagnostiziert wird. Ein Bluttest wird zumeist nur verwendet, um andere Ursachen für Symptome zu finden – beispielsweise Spuren von Drogen oder Zeichen von Infektionen [1-9].
 
Psychologische Erkrankungen werden anhand von Arztgespräch und psychologischen Tests diagnostiziert [1-9], meist muss eine Reihe von Beschwerden vorliegen. Psychische Krankheiten werden also nicht mit einem Bluttest diagnostiziert, sondern mit einem Test mit Bleistift und Papier.(bzw. Computerfragebogen). Damit das funktioniert, müssen die Tests anhand von Studien an vielen Menschen überprüft (validiert) werden. Dennoch bleiben sie bis zu einem gewissen Grad subjektiv, da nie garantiert ist, dass die Patienten ehrlich antworten und immer auch Graubereiche existieren.
 
Auch sind die Tests teilweise kulturspezifisch, lassen sich also nicht so einfach von einer Region der Welt auf eine andere übertragen. Im deutschsprachigen Raum sind Diagnosekriterien über den ICD-10-GM-Code [10] definiert und vereinheitlicht.
 
2014 ging in Österreich eine Meldung durch die Medien, dass in absehbarer Zeit ein Bluttest für Depression entwickelt werden könnte. Basis dafür war eine Studie der Medizinischen Universität Wien [12], die eine Verbindung zwischen einem bestimmten Bluttest und Depression demonstrierte. 2015 wurde ein solcher Test in einer Studie untersucht, wie er allerdings außerhalb von Studien unter realen Bedingungen funktioniert, ist derzeit noch unklar [11].

Das Zusammenspiel von Geist und Körper

Ein ganzes Forschungsgebiet widmet sich dem Zusammenspiel von Psyche und Immun- und Hormonsystem – die Psychoneuroimmunologie. Sie untersuchen Placebo – und Nocebo- Effekte (https://www.medizin-transparent.at/nocebo-wenn-nichts-schadet) und zeigen auch auf, wie sich Dinge, die sich auf unsere Psyche auswirken auch auf den Körper auswirken. Oft geht es dabei um Stress, der sich letztlich auch in gewissen Hormonkonzentrationen im Blut niederschlägt.
 
Stimmung, Stress und psychische Erkrankungen können sich also durchaus auf messbare Faktoren im Blut auswirken [12,13]. Das heißt aber noch nicht, dass umgekehrt Blutwerte uns psychische Erkrankungen zuverlässig verraten. Ein Beispiel: Wenn jemand sehr angespannt ist, steigt der Spiegel an Stresshormonen im Blut. Ein hoher Stresshormon-Blutspiegel kann aber viele Ursachen haben, eine eindeutige Diagnose ist nicht möglich. Beispielsweise steigen die Werte bei Angst genauso wie bei Überforderung in der Arbeit, aber auch bei positiven Erlebnissen wie einer Fahrt in der Hochschaubahn.

 

(AutorIn: J. Wipplinger, Review: B. Kerschner, P. Mahlknecht)

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Wissenschaftliche Quellen

[1] UpToDate (2015)
Rothschild AJ (2015). Unipolar major depression with psychotic features: Epidemiology, clinical features, assessment, and diagnosis. In Solomon D (ed.). UpToDate. Zugriff am 29. 12. 2015 unter www.uptodate.com/contents/unipolar-major-depression-with-psychotic-features-epidemiology-clinical-features-assessment-and-diagnosis

[2] UpToDate (2015)
Bukstein O (2015). Attention deficit hyperactivity disorder in adults: Epidemiology, pathogenesis, clinical features, course, assessment, and diagnosis. In Hermann R (ed.). UpToDate. Zugriff am 29. 12. 2015 unter www.uptodate.com/contents/attention-deficit-hyperactivity-disorder-in-adults-epidemiology-pathogenesis-clinical-features-course-assessment-and-diagnosis

[3] UpToDate (2015)
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[4] UpToDate (2015)
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[5] UpToDate (2015)
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Stone J, Sharpe M (2015). Conversion disorder in adults: Clinical features, assessment, and comorbidity. In Solomon D (ed.). UpToDate. Zugriff am 29. 12. 2015 unter www.uptodate.com/contents/conversion-disorder-in-adults-clinical-features-assessment-and-comorbidity

[7] UpToDate (2015)
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[9] UpToDate (2015)
Schneier FR (2015). Social anxiety disorder in adults: Epidemiology, clinical manifestations, and diagnosis. In Hermann R (ed.). UpToDate. Zugriff am 29. 12. 2015 unter http://www.uptodate.com/contents/social-anxiety-disorder-in-adults-epidemiology-clinical-manifestations-and-diagnosis

[10] DIMDI (2015)
Deutsches Institut für medizinische Dokumentation und Information. ICD-10-GM. Zugriff am 29. 12. 2015 unter www.dimdi.de/static/de/klassi/icd-10-gm

[11] Bilello u.a. (2015)
Bilello JA, Thurmond LM, Smith KM, Pi B, Rubin R, Wright SM, Taub F, Henry ME, Shelton RC, Papakostas GI. MDDScore: confirmation of a blood test to aid in the diagnosis of major depressive disorder. J Clin Psychiatry. 2015 Feb;76(2):e199-206. (Studie in voller Länge)

[12] Çakır u.a. (2015)
Çakır U, Tuman TC, Yıldırım O. Increased neutrophil/lymphoctye ratio in patients with bipolar disorder: a preliminary study. Psychiatr Danub. 2015
Jun;27(2):180-4. (Zusammenfassung)

[13] Semiz u.a. (2014)
Semiz M, Yildirim O, Canan F, Demir S, Hasbek E, Tuman TC, Kayka N, Tosun M. Elevated neutrophil/lymphocyte ratio in patients with schizophrenia. Psychiatr Danub. 2014 Sep;26(3):220-5. (Zusammenfassung)