Blutdrucksenker: besser abends statt morgens?

AutorIn: Iris Hinneburg
Review:

Julia Harlfinger, Jana Meixner

zuletzt aktualisiert: 2. Juni 2020
Blutdrucksenken im Schlaf?
Lieber am Abend statt in der Früh: Zu diesem Ergebnis kommt eine große Studie zu Blutdrucksenkern. Die lässt aber viele wichtige Fragen offen.
Frage:
Verhindert die abendliche Einnahme von Blutdruckmitteln mehr Herzinfarkte, Schlaganfälle und weitere akute Herz-Kreislauf-Erkrankungen?
wissenschafliche Beweise fehlen
Antwort:
Antwort:
Erklärung:
Laut zwei großen Studien soll die abendliche Einnahme von Blutdrucksenkern das Risiko für Herzinfarkte, Schlaganfälle und ähnliche akute Herz-Kreislauf-Erkrankungen im Vergleich zur morgendlichen Einnahme deutlich senken. Der beschriebene Effekt ist aber einerseits eher unsicher und andererseits wenig plausibel. Deshalb lässt sich nicht sagen, ob die abendliche Einnahme tatsächlich besser ist. Die größere der beiden Studien wird nochmals überprüft (Stand: Juni 2020).

Wie gehen wir vor?

Metastudien
Langzeitstudien
Fallstudien

Bluthochdruck betrifft in Deutschland und Österreich viele Menschen und wird oft mit Medikamenten behandelt. Deshalb hat eine Studie [2], die Ende 2019 veröffentlicht wurde, aufhorchen lassen: Wirken die Medikamente besser, wenn man sie abends einnimmt – statt wie üblich in der Früh? Ein Leser wollte von uns wissen, wie diese Studie einzuordnen ist.

Nachts normalerweise niedriger

Die Theorie hinter der abendlichen Einnahme ist gar nicht so abwegig: Bei den meisten Menschen sinkt der Blutdruck nachts beim Schlafen ab. Bei einigen Menschen mit Bluthochdruck oder anderen Erkrankungen bleibt der Blutdruck nachts jedoch ähnlich hoch wie tagsüber. Verschiedene Untersuchungen deuten darauf hin, dass bei höherem nächtlichen Blutdruck das Risiko für Ereignisse wie Herzinfarkt oder Schlaganfall steigt [4].

Demnach wäre es doch eigentlich sinnvoll, den Blutdruck nachts zu drücken – und zwar durch die Einnahme der Medikamente erst vor dem Schlafengehen. Was ist dran an dieser Theorie? Wir haben dazu recherchiert.

Viele Studien, wenig relevante Ergebnisse

Zurerst mussten wir feststellen: Bereits viele Studien sind der Frage nach dem besten Einnahmezeitpunkt für Blutdrucksenker nachgegangen. Dafür haben Patientinnen und Patienten, zugeteilt nach dem Zufallsprinzip, ihre Medikamente in der Früh oder am Abend genommen.

Allerdings haben die meisten Studien nur gemessen, wie stark der Blutdruck sinkt. Ob dies auch ein geringeres Risiko für Herzinfarkt, Schlaganfall und Co nach sich zieht, ist in den meisten Studien offen.

Deshalb haben wir uns auf Studien konzentriert, die direkt ausgewertet haben, ob sich der Einnahmemodus auf die Häufigkeit von akuten Herz-Kreislauf-Erkrankungen ausgewirkt hat. Bei unserer umfangreichen Suche in zwei großen Datenbanken haben wir nur zwei solcher Untersuchungen finden können [1,2].

Guter Eindruck auf den ersten Blick

Auf den ersten Blick machen die Studien einen ganz guten Eindruck: Sie teilten die insgesamt rund 22.000 Patientinnen und Patienten mit Bluthochdruck und anderen Herz-Kreislauf-Risiken in zwei Gruppen. Der Zufall bestimmte die Gruppenzuteilung. Die eine Gruppe nahm die Blutdrucksenker wie üblich morgens ein. Die andere Gruppe schluckte mindestens eines der Medikamente zur Blutdrucksenkung abends.

Über mehrere Jahre werteten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler dann aus, wie viele Herzinfarkte, Schlaganfälle oder ähnliche akute Herz-Kreislauf-Erkrankungen sich ereigneten und wie oft diese zum Tod führten:

  • Bei der Einnahme morgens gab es pro Jahr etwa bei 3 von 100 Teilnehmenden eine akute Herz-Kreislauf-Erkrankung.
  • Bei der Einnahme abends gab es pro Jahr etwa bei 1 bis 2 von 100 Teilnehmenden eine akute Herz-Kreislauf-Erkrankung.

Diesen Ergebnissen zufolge sinkt das Risiko – relativ betrachtet – um die Hälfte, absolut betrachtet um etwa ein bis zwei Prozentpunkte.

Auf den zweiten Blick: viele Ungereimtheiten

Allerdings gibt es beim näheren Hinsehen mehrere Schwachpunkte und einige Ungereimtheiten. Deswegen können wir diesen Ergebnissen nicht vertrauen.

So bleibt etwa offen, ob die Teilnehmenden bis auf die unterschiedliche Uhrzeit der Einnahme tatsächlich gleich behandelt wurden – Details über Dosierungen der Blutdrucksenker sowie weitere Medikamente fehlen nämlich in den Veröffentlichungen. Andere Angaben sind so vage, dass man sich darauf keinen Reim machen kann.

Zu gut, um wahr zu sein?

Unklar ist auch, warum die Ergebnisse der großen Studie [2] nicht so recht ins Bild von anderen Studien zur Blutdrucksenkung passen.

Ähnlich große Effekte für die Vermeidung von Herzinfarkten und Schlaganfällen sind bisher nur aus Untersuchungen bekannt, die Blutdrucksenker mit einem Scheinmedikament verglichen haben. In der neuen Studie nahmen aber alle Probandinnen und Probanden Blutdrucksenker ein. Daher sollte der Unterschied zwischen den Gruppen eigentlich deutlich kleiner sein.

Ebenfalls stutzig macht: In den anderen Studien mussten für Erfolge bei der Vermeidung von Herz-Kreislauf-Ereignissen relativ große Veränderungen im Blutdruck erreicht werden. Im Gegensatz dazu reichten in dieser Studie [2] jedoch schon relativ kleine Veränderungen des Blutdrucks aus, um in vergleichbarem Umfang Todesfälle durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu verhindern.

Liegt der verhältnismässig große Erfolg tatsächlich an der abendlichen Einnahme der Blutdrucksenker? Oder spielen in Wirklichkeit andere Faktoren eine Rolle, die in der Studie nicht ausreichend erfasst worden sind [4]?

Erneut in der Prüfung

Diese offenen Fragen haben inzwischen dazu geführt, dass das „European Heart Journal“ ein Untersuchungsverfahren eingeleitet hat. Diese Zeitschrift rät davon ab, weitreichende Schlussfolgerungen aus den möglicherweise unzuverlässigen Ergebnissen zu ziehen [5].

Ob die Einnahme am Abend tatsächlich besser ist als die Einnahme am Morgen, ist deshalb trotz der ziemlich großen Studien weiterhin unklar.

Einer von mehreren Risikofaktoren

Bluthochdruck gilt als einer von mehreren Risikofaktoren für akute Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems. Die bekanntesten sind Herzinfarkt und Schlaganfall.

Weitere Risikofaktoren sind beispielsweise erhöhte Cholesterinwerte, Übergewicht und Rauchen. Die Risikofaktoren werden in der Regel gemeinsam betrachtet, um daraus das Herz-Kreislauf-Risiko abzuschätzen.

Auf dieser Basis lässt sich dann gemeinsam mit Arzt oder Ärztin beraten, ob ein Blutdrucksenker sinnvoll sind, eventuell gemeinsam mit anderen Medikamenten. Es ist also nicht automatisch notwendig, bei leicht erhöhtem Blutdruck ohne weitere Risikofaktoren sofort Blutdrucksenker einzunehmen [3].

Fanden Sie den Beitrag hilfreich?

Die Studien im Detail

Beide Studien, die wir bei unserer Suche identifizieren konnten, wurden in Spanien durchgeführt. Alle vier Forscherinnen und Forscher der ersten Studie [1] waren auch Teil des 16-köpfigen Studienteams der zweiten Studie [2]. Es gibt also eine große Schnittmenge der beteiligten Forschungsgruppen.

Bei der ersten Studie, die 2010 veröffentlicht wurde, stammten alle der rund 2200 Teilnehmenden aus einem Krankenhaus [1]. Die zweite Studie wurde Ende 2019 veröffentlicht und war der Anlass für die Leseranfrage. Sie schloss rund 19.000 Teilnehmende ein, die an 20 Kliniken behandelt wurden [2].

Die Teilnehmenden beider Studien waren relativ ähnlich: Sie waren zu Beginn der Studien zwischen Mitte 50 und 60 Jahren alt und lebten seit rund 7 bis 8 Jahren mit der Diagnose Bluthochdruck. Die Mehrzahl hatte bereits vor der Studie blutdrucksenkende Medikamente genommen.

Rund 10 bis 15 Prozent rauchten, etwa 20 bis 25 Prozent hatten Diabetes, die Hälfte bis zwei Drittel waren übergewichtig. Zu Beginn der Untersuchungen waren die Blutdruckwerte sowie die Cholesterinwerte mäßig erhöht. Zwischen 5 und 10 Prozent der Teilnehmenden hatten zuvor bereits einen Herzinfarkt oder eine ähnlich schwere Erkrankung durchgemacht.

Morgens oder abends?

In den Studien erhielten die Teilnehmenden eines oder mehrere Medikamente gegen hohen Blutdruck. Dabei konnten die behandelnden Ärztinnen und Ärzte aus verschiedenen Medikamentengruppen wählen. Ausschlaggebend für die Wahl waren unter anderem die vorherige Behandlung und das Ansprechen auf die Therapie.

In beiden Studien wurden zwei Einnahmezeitpunkte miteinander verglichen: Die eine Gruppe nahm alle Medikamente morgens ein. Bei der anderen Gruppe sollte zu Beginn der Studie für mindestens einen der Blutdrucksenker die Einnahme abends erfolgen. Im weiteren Verlauf konnte auch für weitere Mittel der Einnahmezeitpunkt auf den Abend gelegt werden.

Die Teilnehmenden wurden im Mittel über 5,5 bis 6,3 Jahre beobachtet. Für diesen Zeitraum erfassten die Forschungsteams verschiedene akute Erkrankungen, die mit der Herz-Kreislauf-Gesundheit zusammenhängen: etwa Herzinfarkte, Schlaganfälle und Herzstillstände – teilweise mit tödlichem Ausgang.

Wirklich gleich?

Wie zuverlässig die Ergebnisse sind, ist jedoch unklar. Denn in beiden Studien fehlen detaillierte Angaben zur zufälligen Zuteilung, sodass wir die Verlässlichkeit des Verfahrens nicht beurteilen können. Ebenso wird auch nicht beschrieben, ob die Teilnehmenden in beiden Gruppen ähnliche Dosierungen der Medikamente erhalten haben.

Den Teilnehmenden war natürlich durch die Medikamenteneinnahme bewusst, zu welcher Gruppe sie gehörten. Haben sie sich von diesem Wissen beeinflussen lassen? Es könnte sein, dass sie unterschiedlich gesund gelebt haben, etwa weiter rauchten oder mehr Sport machten.

Schließlich konnten die behandelnden Ärztinnen und Ärzte abgesehen von den Blutdrucksenkern noch andere Medikamente verschreiben, zum Beispiel Mittel zur Senkung der Blutfett- oder Blutzuckerwerte. Diese reduzieren möglicherweise auch das Herz-Kreislauf-Risiko.

In der Studie gibt es keine Informationen zur Verordnung dieser Medikamente in beiden Gruppen. War diese ähnlich genug für einen fairen Verlgeich? Daher können wir nicht abschätzen, ob die vermeintlichen Vorteile in der Abend-Gruppe tatsächlich auf die Blutdrucksenker oder zumindest teilweise auf andere Medikamente zurückzuführen ist.

Offene Fragen

Zusätzlich gibt es bei beiden Studien eine Reihe von Ungereimtheiten: So stimmt für die kleinere Studie [1] die Anzahl der Teilnehmenden in der Veröffentlichung nicht mit den Angaben im Studienregister [6] überein. Es bleibt in beiden Studien unklar, wie viele der Teilnehmenden alle Medikamente abends einnahmen bzw. wie viele der Medikamente tatsächlich abends geschluckt wurden.

Wissenschaftliche Quellen


[1] Hermida (2010)
Studientyp: randomisierte kontrollierte Studie
Teilnehmer: Rund 2000 Patientinnen und Patienten mit Bluthochdruck
Fragestellung: Verhindert die abendliche Einnahme der Blutdruckmittel mehr Herz-Kreislauf-Ereignisse?
Interessenkonflikte: keine nach Angaben der Autoren

Hermida R u.a. Influence of circadian time of hypertension treatment on cardiovascular risk: results of the MAPEC study. Chronobiol Int. 2010;27:1629-51
Zusammenfassung
Volltext

[2] Hermida (2019)
Studientyp: randomisierte kontrollierte Studie
Teilnehmer: rund 20.000 Patientinnen und Patienten mit Bluthochdruck
Fragestellung: Verhindert die abendliche Einnahme der Blutdruckmittel mehr Herz-Kreislauf-Ereignisse?
Interessenkonflikte: keine nach Angaben der Autoren

Hermida R u.a. Bedtime hypertension treatment improves cardiovascular risk reduction: the Hygia Chronotherapy Trial. Eur Heart J. 2019 Oct 22. pii: ehz754
Zusammenfassung
Volltext

Weitere wissenschaftliche Quellen

[3] IQWiG (2019) Bluthochdruck (Hypertonie) (Zugriff 18.05.2020)

[4] arznei-telegramm. Hochdruckmittel: Einnahme zur Nacht besser als am Morgen? arznei-telegramm 2019; 50: 117-119

[5] Editor’s note. The Hygia trial: Discussions about surprising results. European Heart Journal 2020; 41: 1600

[6] NCT00295542. Ambulatory Blood Pressure Monitoring in the Prediction of Cardiovascular Events and Effects of Chronotherapy (MAPEC). (Zugriff 20.05.2020)