Kresse und Kren: Blasenentzündung adé?

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Julia Harlfinger, Jana Meixner

zuletzt aktualisiert: 16. November 2021
Blasenentzündungen: Vorbeugen und heilen mit pflanzlichen Mitteln?
Mittel mit Kapuzinerkresse und Meerrettich (Kren) sollen bei Blasenentzündungen helfen oder sogar vorbeugend wirken. Die aktuelle Studienlage ist allerdings wenig überzeugend.
Frage:
Verhindern pflanzliche Mittel mit Kapuzinerkresse und Meerrettich (Kren) wiederkehrende Blasenentzündungen?
wahrscheinlich nicht
Antwort:
Antwort:
Frage:
Lindern pflanzliche Mittel mit Kapuzinerkresse und Meerrettich die Beschwerden bei einer Blasenentzündung so gut wie ein Antibiotikum?
wissenschafliche Beweise fehlen
Antwort:
Antwort:
Erklärung:
Zur Vorbeugung haben wir nur eine kleine, aber einigermaßen verlässliche Studie gefunden. Demnach können Kapuzinerkresse-Meerrettich-Mittel Blasenentzündungen wohl nicht verhindern. Zur Behandlung einer Blasenentzündung konnten wir ebenfalls nur eine Studie auswerten. Sie lässt aber zu viele Fragen offen, um die Wirksamkeit klar einschätzen zu können.

Wie gehen wir vor?

Wirksamkeitsstudie(n)
Beobachtungsstudie(n)
Labor/Tier-Studien(n)

Häufig zur Toilette. Dann brennt es beim Wasserlassen, der Urin kann manchmal sogar blutig gefärbt sein. Gerade Frauen kennen das Problem Blasenentzündung oft nur allzu gut.

Antibiotika helfen bei der Infektion durch Bakterien schnell gegen die Beschwerden. Allerdings haben Antibiotika natürlich Nebenwirkungen, und ein übermäßiger Gebrauch kann dazu beitragen, dass sich Resistenzen entwickeln, die Erreger also nicht mehr auf bestimmte Antibiotika ansprechen. Antibiotika sind auch nicht immer nötig, weil unkomplizierte Blasenentzündungen oft auch von selbst, also ganz ohne Medikamente, ausheilen.

Pflanzlich: Genauso gut?

Für Personen, die Antibiotika vermeiden, aber nicht alleine auf Selbstheilungskräfte setzen möchten: Können dann pflanzliche Mittel bei Blasenentzündungen eine Alternative sein? Zum Beispiel Mittel mit Kapuzinerkresse und Meerrettich (Kren)?

Es gibt sie als Nahrungsergänzungsmittel im Internet zu kaufen, in Deutschland ist ein solches Präparat als rezeptfreies Arzneimittel in Apotheken erhältlich. Eine Leserin wollte von uns wissen, wie gut solche Mittel bei Blasenentzündungen helfen.

Laborversuche sind zu wenig

Die Idee dahinter ist nicht ganz abwegig: Beide Pflanzen enthalten Senföle, die verschiedene Bakterien abtöten können. Sie sind in Laborversuchen auch gegen den häufigsten Keim wirksam, der Blasenentzündungen verursacht: das Darmbakterium Escherichia coli.

Als Nachweis eines Nutzens reicht das jedoch nicht aus, denn dafür sind gut gemachte Studien mit Betroffenen notwendig. Wir haben uns bei unserer Recherche auf die aussagekräftigste Studienart konzentriert: randomisiert-kontrollierte Untersuchungen, also solche, bei denen die Teilnehmenden nach dem Zufallsprinzip auf eine Behandlungs- und eine Kontrollgruppe aufgeteilt sind.

Verschiedene Fragestellungen

Von diesen Studien haben wir bei der Suche in mehreren Literaturdatenbanken genau zwei finden können [1,2], beide testeten das zugelassene Arzneimittel aus Deutschland. Inwiefern sich die Ergebnisse auf andere Mittel mit Kapuzinerkresse und Meerrettich übertragen lassen, lässt sich für uns nicht abschätzen.

An beiden Studien nahmen hauptsächlich Frauen mit einer unkomplizierten Blasenentzündung teil. Bei ihnen traten also keine Komplikationen wie etwa eine Nierenbeckenentzündung auf. Ob die Ergebnisse auch für komplizierte Blasenentzündungen gelten, können wir daher nicht sagen.

Die beiden Studien hatten unterschiedliche Fragestellungen:

  • eine beschäftigte sich mit der Vorbeugung von wiederkehrenden Blasenentzündungen [1],
  • die andere mit der Behandlung einer akuten Infektion [2].

Wahrscheinlich kein Schutz

Für die Vorbeugung [1] bekam die eine Gruppe das Kresse-Meerrettich-Mittel. Sie schnitt aber nicht besser ab als die Kontrollgruppe, die zwecks Vergleich das Scheinpräparat einnahm. Die Teilnehmenden erkrankten also ähnlich häufig an einer erneuten Blasenentzündung. Wir halten die Ergebnisse für einigermaßen verlässlich, obwohl die Studie relativ klein war.

Vergleich mit Antibiotikum

Zur Behandlung einer Blasenentzündung testete das Forschungsteam das pflanzliche Präparat im Vergleich zu einem Antibiotikum [2]. Dabei linderte das Antibiotikum die Beschwerden schneller als das Mittel mit Kapuzinerkresse und Meerrettich, nach acht Tagen gab es keinen Unterschied mehr.

Demnach dürfte das das pflanzliche Mittel also wohl kein vollwertiger Ersatz für ein Antibiotikum sein. Ob es zumindest besser wirkt als ein Scheinmedikament, lässt sich nicht sicher sagen, da ein solcher Vergleich fehlt. Der wäre aber sinnvoll gewesen, weil die Beschwerden bei einer Blasenentzündung meistens innerhalb einiger Tage auch von selbst verschwinden.

Die Aussagekraft dieser Studie ist für uns deutlich eingeschränkt, da sie vorzeitig abgebrochen wurde und die Teilnehmeranzahl klein war. Außerdem gibt es einige Ungereimtheiten zum nachträglichen Ausschluss einiger Testpersonen aus der Studie. Alles in allem lassen sich daraus keine verlässlichen Schlussfolgerungen ziehen.

Verträglichkeit schlecht dokumentiert

Wie Nebenwirkungen in den Studien erfasst wurden, dokumentieren die Publikationen nur unzureichend [1,2]. Zumindest scheint es aber in beiden Untersuchungen keine schwerwiegenden Nebenwirkungen gegeben zu haben.

In der Studie zur Vorbeugung ist nachzulesen, dass sich das pflanzliche Mittel und das Scheinmedikament bei Beschwerden wie Übelkeit oder allergischen Reaktionen nicht wesentlich unterschieden [1]. Laut der Studie zur Behandlung sind bei ähnlich vielen Teilnehmenden Magen-Darm-Beschwerden und Kopfschmerzen aufgetreten [2].

Brennendes Problem

Blasenentzündungen treten bei Frauen öfter auf als bei Männern. Das liegt an den anatomischen Unterschieden: Bei Frauen ist die Harnröhre kürzer als bei Männern. So ist für Bakterien der Weg in die Harnblase deutlich einfacher.

Einige Menschen haben ein höheres Risiko für Blasenentzündungen. Dazu zählen Schwangere, Menschen mit Fehlbildungen im Harntrakt und mit Erkrankungen wie Diabetes oder Multipler Sklerose. Auch in der Zeit nach den Wechseljahren ist das Risiko erhöht [3,5].

Nicht immer nötig: Antibiotika

Bei etwa 30 bis 50 Prozent der Frauen heilt eine unkomplizierte Blasenentzündung innerhalb einer Woche ohne spezielle Behandlung von selbst wieder ab. Mit Antibiotika geht es etwas schneller.

Komplikationen sind bei solchen Blasenentzündungen eher selten, und das Risiko steigt durch den Verzicht auf Antibiotika nur geringfügig an [3].

Immer wieder

Einige Frauen bekommen mehrmals im Jahr eine Blasenentzündung. Zur Vorbeugung gibt es die Empfehlung, direkt nach dem Sex die Blase zu entleeren und viel zu trinken. Ob das tatsächlich hilft, ist aber nicht gut untersucht.

Unter Umständen kann eine vorbeugende Einnahme von Antibiotika sinnvoll sein. Die Einnahme erstreckt sich in der Regel über sechs oder zwölf Monate. Das senkt zwar einerseits das Risiko für eine erneute Blasenentzündung. Andererseits kann es zu Nebenwirkungen wie Durchfall oder Pilzinfektionen in der Scheide kommen [3,4].

Mehr Information

Wir haben bereits mehrmals zum Thema Blasenentzündung recherchiert und sind dabei der Wirkung von Mannose, Utipro plus, einer Kombination aus Rosmarin, Liebstöckel und Tausendguldenkraut sowie Aronia und Cranberrys nachgegangen.

Mehr zum Thema Blasenentzündung (Ursachen, Vorbeugung, Behandlung usw.) ist nachzulesen auf den Seiten von gesundheitsinformation.de

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Die Studien im Detail

Zum Einsatz von Kapuzinerkresse und Meerrettich (Kren) bei Blasenentzündungen haben wir zwei Studien [1,2] gefunden, bei denen die insgesamt 270 Teilnehmenden aus Deutschland nach dem Zufallsprinzip entweder einer Behandlungsgruppe oder einer Kontrollgruppe zugeteilt wurden. Dabei wusste niemand der Beteiligten, wer zu welcher Gruppe gehörte; es handelte sich also um verblindete randomisiert-kontrollierte Studien. Diese sind am besten dazu geeignet, die Wirksamkeit eines Medikaments zu testen.

Die allermeisten Teilnehmenden waren Frauen, die insgesamt häufiger von Blasenentzündungen betroffen sind. In beiden Untersuchungen ging es um unkomplizierte Blasenentzündungen. Die Wirkung gegen Komplikationen wie Nierenbeckenentzündungen wurde also nicht getestet, auch Personen mit Risikofaktoren für komplizierte Verläufe waren von der Teilnahme ausgeschlossen.

In beiden Studien kam ein Präparat zum Einsatz, das in Deutschland als pflanzliches Arzneimittel verkauft wird. Es enthält pro Tablette 200 Milligramm Kapuzinerkressekraut und 80 Milligramm Meerrettichwurzelpulver. Beide Studien sind vom Hersteller des Mittels finanziert. Für ähnliche Präparate oder für Mittel mit nur einem der beiden Bestandteile haben wir keine randomisiert-kontrollierten Untersuchungen finden können.

Die Fragestellungen der beiden Studien waren unterschiedlich: Eine beschäftigte sich mit der Behandlung einer akuten Blasenentzündung [2], die andere mit der Vorbeugung wiederkehrender Blasenentzündungen [1].

Zur Vorbeugung

An der Studie zur Vorbeugung [1] nahmen 174 Personen teil, davon 170 Frauen. Sie waren im Durchschnitt 54 Jahre alt und in der Vergangenheit bereits mehrmals an einer Blasenentzündung erkrankt. Sie starteten, als sie gerade eine Blasenentzündung hatten und bekamen dann eine Woche lang ein Antibiotikum. Danach nahmen die Teilnehmenden vorbeugend drei Monate lang das pflanzliche Mittel (2 x 2 Tabletten pro Tag) oder das Scheinpräparat ein.

Ein halbes Jahr lang unterzogen sich die Teilnehmenden regelmäßig zu festgelegten Zeitpunkten verschiedenen Tests. Hatten die Teilnehmenden typische Symptome einer Blasenentzündung und Bakterien im Urin, folgte die Diagnose Blasenentzündung. Wenn zwischendurch verdächtige Beschwerden auftraten, sollten sich die Teilnehmenden selbständig im Studienzentrum melden. Am Ende der Studie gab es den Vergleich: In welcher Gruppe sind weniger Blasenentzündungen aufgetreten: Mit dem Kresse-Meerrettich-Präparat oder mit dem Placebo?

Dabei schnitt das pflanzliche Mittel nicht besser ab als ein Scheinmedikament. Denn die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zählten in der Behandlungsgruppe rechnerisch im Mittel 0,65 Blasenentzündungen; in der Kontrollgruppe waren es 0,64. Wie viele Frauen genau (einmalig oder mehrfach) betroffen waren, ist in der Publikation nicht angegeben. Demnach bietet das Kapuzinerkresse-Meerrettichpräparat wahrscheinlich keinen vorbeugenden Schutz.

Das Ergebnis schätzen wir als einigermaßen sicher ein, auch wenn etwa ein Viertel der Teilnehmenden die Studie vorzeitig abgebrochen haben. Die Forschenden haben jedoch statistische Methoden verwendet, um die fehlenden Daten zu ersetzen. Um ganz sicher zu sein, sind es jedoch zu wenige Teilnehmende.

Zur Behandlung

Wie sich das pflanzliche Mittel als Therapie bei einer unkomplizierten Blasenentzündung bewährt, hat eine Studie [2] mit 96 Teilnehmenden untersucht, davon 87 Frauen, die im Mittel 38 Jahre alt waren. In dieser Studie bekam eine Gruppe das Kresse-Meerrettich-Präparat, die Kontrollgruppe das Antibiotikum Cotrimoxazol. Dieses Medikament ist heutzutage meistens nicht mehr Mittel der ersten Wahl, war zum Studienzeitpunkt vor rund zehn Jahren in Deutschland allerdings der Standard.

Die Teilnehmenden erhielten entweder eine Woche das pflanzliche Mittel (4 x 5 Tabletten pro Tag) oder drei Tage das Antibiotikum (2 x 1 Tablette pro Tag). Zusätzlich bekam die Kontrollgruppe auch Tabletten ohne Wirkstoff, damit die Behandlung bei beiden Gruppen identisch aussah.

Das Forschungsteam dokumentierte, welche Beschwerden über einen Zeitraum von 28 Tagen auftraten und wie lange diese dauerten. Die Studie war darauf angelegt zu zeigen, dass das pflanzliche Mittel dem Antibiotikum ebenbürtig ist. Das bestätigte sich allerdings nicht, sondern das Antibiotikum wirkte in fast allen Fällen besser als das pflanzliche Mittel.

Da bei einer Blasenentzündung die Beschwerden nach einigen Tagen meistens ohnehin von selbst verschwinden, wäre auch ein Vergleich mit einem Scheinmedikament wichtig gewesen. Diesen Vergleich gab es in der Studie aber nicht. Ob das pflanzliche Mittel besser wirkt als das Placebo, können wir anhand dieser Untersuchung nicht abschätzen.

Wenig verlässlich

Darüber hinaus gibt es in der Studie einige Punkte, die sie nicht sonderlich aussagekräftig erscheinen lassen: So sollten ursprünglich deutlich mehr Teilnehmende in die Studie aufgenommen werden, letztlich waren es aber nur knapp 100 Personen getestet worden.

Das Studienteam hat einen erheblichen Teil der 96 Teilnehmenden, insgesamt 38, nachträglich aus der Studie ausgeschlossen, wobei die Gründe dafür nicht transparent dargestellt sind. Es gibt zwar auch eine Auswertung, bei offenbar die Daten dieser Teilnehmenden eingeflossen sind. Wie das genau geschah, ist für uns jedoch nicht nachvollziehbar.

In den Publikationen beider Studien [1,2] fehlen detaillierte Angaben dazu, welche weiteren Medikamente oder andere Maßnahmen die Teilnehmenden zusätzlich zu den getesteten Arzneimitteln anwenden durften und in welchem Umfang das auch tatsächlich passierte.

Wissenschaftliche Quellen


[1] Albrecht (2007)
Studientyp: randomisierte kontrollierte Studie
Teilnehmer: 174 Personen mit wiederkehrenden Harnwegsinfekten
Fragestellung: Verhindert ein Präparat mit Kapuzinerkresse und Meerrettich wiederkehrende Harnwegsinfekte besser als ein Scheinmedikament?
Interessenkonflikte: Die Studie wurde durch den Hersteller gesponsort, einer der Autoren ist Angestellter des Herstellers.

Albrecht U u.a. A randomised, double-blind, placebo-controlled trial of a herbal medicinal product containing Tropaeoli majoris herba (Nasturtium) and Armoraciae rusticanae radix (Horseradish) for the prophylactic treatment of patients with chronically recurrent lower urinary tract infections. Curr Med Res Opin 2007;23:2415-22.
(Zusammenfassung)

[2] Stange (2017)
Studientyp: randomisierte kontrollierte Studie
Teilnehmer: 96 Teilnehmende mit einer akuten unkomplizierten Blasenentzündung?
Fragestellung: Lindert ein Präparat mit Kapuzinerkresse und Meerrettich die Beschwerden bei einer akuten unkomplizierten Blasenentzündung so gut wie ein Antibiotikum?
Interessenkonflikte: Der Hersteller hat die Studie finanziert. Die Autorinnen und Autoren geben an, dass der Hersteller jedoch keinen inhaltlichen Einfluss hatte.

Stange R u.a. Results of a randomized, prospective, double-dummy, double-blind trial to compare efficacy and safety of a herbal combination containing Tropaeoli majoris herba and Armoraciae rusticanae radix with co-trimoxazole in patients with acute and uncomplicated cystitis. Res Rep Urol 2017; ;9:43-50
(Zusammenfassung)
(Freier Volltext)

Weitere wissenschaftliche Quellen


[3] Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (2019)

Akute Blasenentzündung. Abgerufen am 25.10.2021

[4] UpToDate (2021)
Recurrent simple cystitis in women. Abgerufen am 22.10.2021 (kostenpflichtig)

[5] UpToDate (2021)
Acute simple cystitis in women. Abgerufen am 22.10.2021 (kostenpflichtig)