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Binaurale Beats: Töne gegen Angst und Stress?

Musik wirkt entspannend. Töne mit binauralen Beats auch?

Musik wirkt entspannend. Töne mit binauralen Beats auch?

Binaurale Beats sind schwingende Klänge. Ihnen wird eine entspannende und angstlindernde Wirkung nachgesagt. Bisherige Studien haben jedoch keine Belege dafür erbracht.

Frage:Können binaurale Beats Stress oder Angst vor Operationen und ärztlichen Behandlungen lindern?
Antwort:wissenschaftliche Belege fehlen
Erklärung:Bisherige Studien sind nicht aussagekräftig. Zudem widersprechen sich ihre Ergebnisse.

Die Behauptungen rund um binaurale Beats sind so vielfältig wie faszinierend: Durch das Hören spezieller Töne oder Klänge soll es möglich sein, die eigenen Gehirnwellen zu beeinflussen. Dadurch lassen sich angeblich Trancezustände hervorrufen sowie Konzentration oder Kreativität fördern.

Das akustische Phänomen soll auch in der Lage sein, Ängste und Stress zu lindern. Alles, was man dazu braucht: ein präparierter Soundtrack und Stereo-Kopfhörer.

Doch stimmen die Behauptungen rund um den schwingenden Ton wirklich? Können binaurale Beats tatsächlich Anspannung oder Angstzustände lindern?

Antworten ausständig

Um das zu überprüfen, durchforsteten wir zwei Forschungsdatenbanken. Wir fanden zwar fünf Studien. Doch Antworten können sie nicht liefern.

Angst vor OP

Vier Studien untersuchten insgesamt 291 Frauen und Männer. Sie hatten aufgrund einer unmittelbar bevorstehenden Operation, etwa an Augen oder Zähnen [1-3] bzw. einer Behandlung in der Notfall-Ambulanz [4] Angst.

Die Ergebnisse der Untersuchungen sind widersprüchlich. Einen klaren angstlindernden Effekt zeigen sie nicht. Aufgrund schwerer Mängel sind die Studien jedoch nicht aussagekräftig.

Stress nach Einsatz

Eine weitere Studie [5] untersuchte 74 Soldatinnen und Soldaten aus den USA. Sie fühlten sich nach einem Kriegseinsatz in Afghanistan gestresst. Durch das regelmäßige Hören von binauralen Beats schien sich der Herzschlag besser an unterschiedliche Situationen anpassen zu können. Die Autorinnen und Autoren der Studie deuten das als Stress-Verringerung; direkt wurde der Stresslevel aber nicht gemessen. Zusätzliche Unklarheiten bei der Durchführung der Studie senken die Aussagekraft der Ergebnisse weiter ab.

Fazit

Ob binaurale Beats tatsächlich angstlindernd und entspannungsfördernd wirken? Wir wissen es nicht. Diese Fragen können nur zukünftige besser durchgeführte Studien beantworten.

Was sind binaurale Beats?

Binaurale Beats sind eine akustische Täuschung, die im Gehirn entsteht. Man nimmt sie wahr, wenn beide Ohren über Kopfhörer Töne in leicht unterschiedlicher Tonhöhe vorgespielt bekommen.

Ein Beispiel: Das linke Ohr hört einen Ton mit einer Tonhöhe von 220 Hertz. Das rechte Ohr hört gleichzeitig einen geringfügig höheren Ton mit 224 Hertz.

Dabei nimmt man ein rasches Auf- und Abschwellen des Tons wahr – ein „wah-wah-wah-wah“ mit vier Schwingungen pro Sekunde (4 Hertz). Das entspricht dem Tonhöhen-Unterschied der beiden Töne.

Nimmt man den Kopfhörer von einem Ohr ab, verschwinden die binauralen Beats. Man hört nur noch einen gleichbleibenden Ton ohne Schwingungen.

Hier finden Sie ein 30 Sekunden langes Hörbeispiel (funktioniert nur mit Kopfhörern):

Physik und Wahrnehmung

In der Physik gibt es unter dem Namen „Schwebungen“ ein ähnliches Phänomen. Werden zwei Töne mit nah beieinanderliegender Tonhöhe gleichzeitig abgespielt, beginnen sie sich zu „reiben“: Die Schallwellen überlagern sich und die Lautstärke der Töne schwillt abwechselnd an und ab. Das lässt sich auch mit Messgeräten feststellen.

Bei binauralen Beats findet diese Überlagerung in unserem Gehirn statt – sie sind bloß in unserer Wahrnehmung vorhanden.

 

Die Studien im Detail

Insgesamt fanden wir fünf randomisiert-kontrollierte Studien zu unseren Fragestellungen. Dabei wurden die Versuchspersonen nach dem Zufallsprinzip einer von zwei Gruppen zugelost.

  • Eine Gruppe bekam Musik oder Geräusche mit binauralen Beats zu hören.
  • Die anderen Gruppen dienten als Kontrolle: Zwecks Vergleich wurde ihnen Musik oder Geräusche ohne binaurale Beats vorgespielt. Oder sie bekam gar nichts zu hören.

Vier Studien untersuchten, inwieweit binaurale Beats die Angst vor einer bevorstehenden ärztlichen Behandlung lindern können. Aufgrund von groben Problemen und Unklarheiten in der Durchführung und einer geringen Anzahl an Teilnehmenden sind sie jedoch nicht aussagekräftig. Zudem widersprechen sich die Ergebnisse.

Angst vor Augenoperation

In einer Studie nahmen 141 Personen mit Grauem Star teil, die unmittelbar vor ihrer Augenoperation standen [1]. Sie wurden drei Gruppen zugelost. Gruppe 1 hörte 60 Minuten lang Musik, die mit Naturgeräuschen und binauralen Beats hinterlegt war. Gruppe 2 hörte Musik „pur“, und Gruppe 3 trug Kopfhörer – aber ganz ohne Musik oder Geräusche.

Vor und nach der Studie beurteilten die Teilnehmenden das Ausmaß ihrer Angst mit Hilfe eines genormten Fragebogens. Unterschiede zwischen den Gruppen bei der Angst-Intensität konnte das Studienteam nicht finden.

Bei einer gut gemachten Studie könnten wir nun annehmen, dass binaurale Beats keine spezielle Wirkung haben. Doch die Aussagekraft der Studie ist gering, und wir können diesen Schluss nicht verlässlich ziehen. Einerseits geht nicht hervor, welcher zeitliche Abstand zwischen Beschallung und Augen-OP lag. Zudem ist der Vergleich zwischen den Gruppen nicht fair. Für klare Ergebnisse hätte Gruppe 1 Musik mit binauralen Beats hören müssen, denen keine zusätzlichen Naturgeräusche hinzugefügt wurden.

Weisheitszahn-Operation

Eine weitere Studie [2] untersuchte 60 Patientinnen und Patienten, denen ein Weisheitszahn gezogen werden sollte. Während sie auf die Zahnbehandlung warteten, bekam eine Hälfte für 10 Minuten binaurale Beats zu hören. Die anderen 30 Personen bekamen keine Tonaufnahme vorgespielt.

Auch hier beurteilten die Teilnehmenden ihr Angstlevel mittels Fragebogen. Die durchschnittliche Angstbeurteilung war zu Studienende bei der binauralen Beats-Gruppe niedriger als bei der Kontrollgruppe.

Ob der Unterschied tatsächlich auf die binauralen Beats zurückgeht, kann die Studie allerdings nicht beantworten. Zudem könnte auch schon die Erwartung einer wirksamen Behandlung angstlindernd gewesen sein.

Operationen in Vollnarkose

An einer Studie [3] zu Operationsangst nahmen 108 Personen teil, die auf eine unmittelbar bevorstehende Operation samt Vollnarkose warteten. Ein Drittel bekam keine Klang-Behandlung, ein Drittel hörte eine Tonaufnahme mit binauralen Beats, und Gruppe 3 hörte dieselbe Tonaufnahme ohne binaurale Beats.

Nach dem Hören der Aufnahmen schätzte die binauralen Beat-Gruppe ihre Angst ein wenig niedriger ein als die Gruppe mit der gewöhnlichen Tonaufnahme. Allerdings war ihr Angstlevel vor Beginn der Klang-Behandlung höher als in der anderen Gruppe. Der Vergleich ist also unfair und das Ergebnis nicht aussagekräftig.

Behandlungen in Notfall-Ambulanz

170 Männer und Frauen, die in eine Notfallambulanz zur Behandlung kamen, wurden fünf Gruppen zu je 34 Personen zugeteilt [4]. Eine Gruppe bekam eine 20-minütige Tonaufnahme mit Naturgeräuschen zu hören, die mit binauralen Beats hinterlegt war, eine zweite Gruppe hörte in der selben Zeit nur Naturgeräusche. Die drei anderen Gruppen sind für die Beurteilung der Wirksamkeit von binauralen Beats nicht interessant.

Nach dem Hören der Tonaufnahmen beurteilten die beiden für uns wichtigen Gruppen ihre Angst ähnlich. Die Ergebnisse sind allerdings wenig aussagekräftig, da bei der Endauswertung die Daten von einem Fünftel der Teilnehmenden fehlten. Zudem war allen an der Studie beteiligten bekannt, wer binaurale Beats zu hören bekam und wer nicht. Die dadurch ausgelöste Erwartungshaltung könnte das Ergebnis verzerrt haben.

Stress nach Militäreinsatz

74 US-Soldatinnen und Soldaten wurden per Zufall entweder einer binauralen Beats-Gruppe oder der Kontrollgruppe zugelost [5]. Vier Wochen lang, an jeweils drei aufeinanderfolgenden Abenden, sollten die Teilnehmenden vor dem Einschlafen eine Tonaufnahme hören. Die Tonspuren der beiden Gruppen waren bis auf hinzugefügte binaurale Beats gleich.

Zu Beginn und am Ende wurde die Herzratenvariabilität gemessen. Gleichzeitig mussten die Teilnehmenden 20 Minuten lang stressige Aufgaben erfüllen.

Den Autorinnen und Autoren zufolge wiesen die Messdaten der binauralen Beats-Gruppe auf weniger starken Stress hin als jene der Kontrollgruppe. Von der Herzratenvariabilität lässt sich jedoch nicht zwingend darauf schließen, wie gestresst eine Person ist.

Die Gruppen waren außerdem bereits zu Studienbeginn nicht miteinander vergleichbar. In der binauralen Beats-Gruppe lag der Frauenanteil bei 39 Prozent, in der Kontrollgruppe bei 18 Prozent. Daher können die Ergebnisse dieser Studie nichts über die Wirkung auf Stress aussagen.

(AutorIn: B. Kerschner, Review: J. Harlfinger, C. Christof)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Wiwatwongwana u.a. (2016)
Studientyp: randomisiert-kontrollierte Studie
Teilnehmende: 141 Personen mit Grauem Star
Untersuchungsdauer: 60 Minuten (vor der geplanten Augenoperation)
Fragestellung: Senkt das Hören von Musik und Naturgeräuschen mit binauralen Beats Angst vor einer Augenoperation stärker als das alleinige Hören von Musik?
Interessenskonflikte: keine laut Autorenteam

Wiwatwongwana D, Vichitvejpaisal P, Thaikruea L, Klaphajone J, Tantong A, Wiwatwongwana A; Medscape. The effect of music with and without binaural beat audio on operative anxiety in patients undergoing cataract surgery: a randomized controlled trial. Eye (Lond). 2016 Nov;30(11):1407-1414. (Studie in voller Länge)

[2] Isik u.a. (2017)
Studientyp: randomisiert-kontrollierte Studie
Teilnehmende: 60 Personen vor einer Weisheitszahn-Exktraktion
Untersuchungsdauer: 10 Minuten (vor dem geplanten Ziehen des Weisheitszahns)
Fragestellung: Senkt das Hören von binauralen Beats die Angst vor einer Zahnoperation stärker als keine Intervention?
Interessenskonflikte: keine laut Autorenteam

Isik BK, Esen A, Büyükerkmen B, Kilinç A, Menziletoglu D. Effectiveness of binaural beats in reducing preoperative dental anxiety. Br J Oral Maxillofac Surg. 2017 Jul;55(6):571-574. (Zusammenfassung der Studie)

[3] Padmanabhan u.a. (2005)
Studientyp: randomisiert-kontrollierte Studie
Teilnehmende: 108 Personen mit bevorstehender Operation unter Vollnarkose, davon 69 in den beiden Audiotrack-Gruppen
Untersuchungsdauer: 30 Minuten (vor der geplanten Operation)
Fragestellung: Senkt ein Audiotrack mit binauralen Beats Operationsangst besser als ein Audiotrack ohne binaurale Beats?
Interessenkonflikte: Angabe fehlt

Padmanabhan R, Hildreth AJ, Laws D. A prospective, randomised, controlled study examining binaural beat audio and pre-operative anxiety in patients undergoing general anaesthesia for day case surgery. Anaesthesia. 2005 Sep;60(9):874-7. (Zusammenfassung der Studie)

[4] Weiland u.a. (2011)
Studientyp: randomisiert-kontrollierte Studie
Studienteilnehmende: 170 Patientinnen und Patienten in einer Notfall-Ambulanz
Untersuchungsdauer: 20 Minuten (vor der Behandlung)
Fragestellung: Senkt das Hören von Naturgeräuschen mit binauralen Beats die Angst vor ärztlichen Behandlungen besser als dieselben Naturgeräusche ohne binaurale Beats?
Interessenkonflikte: keine laut Autorenteam

Weiland TJ, Jelinek GA, Macarow KE, Samartzis P, Brown DM, Grierson EM, Winter C. Original sound compositions reduce anxiety in emergency department patients: a randomised controlled trial. Med J Aust. 2011 Dec 19;195(11-12):694-8. (Zusammenfassung der Studie)

[5] Gantt u.a. (2017)
Studientyp: randomisiert-kontrollierte Studie
Teilnehmende: 74 Soldatinnen und Soldaten, die sich nach einem Kriegseinsatz gestresst fühlten
Untersuchungsdauer: 4 Wochen (3 aufeinanderfolgende Nächte pro Woche, mit Musikeinheiten von jeweils mindestens 30 Minuten)
Fragestellung: Beeinflusst das Hören von Musik mit binauralen Beats die Herzfrequenzvariabilität und damit indirekt auch Stress positiv?
Interessenskonflikte: nicht explizit beschrieben

Gantt MA, Dadds S, Burns DS, Glaser D, Moore AD. The Effect of Binaural Beat Technology on the Cardiovascular Stress Response in Military Service Members With Postdeployment Stress. J Nurs Scholarsh. 2017 Jul;49(4):411-420. (Zusammenfassung der Studie)