Medizin transparent - Wissen was stimmt – unabhängig und wissenschaftlich geprüft

Jetzt anfragen

Sie fragen, wir antworten

Stimmt die Behauptung aus Internet, Werbung oder den Medien?

Artikel

Belege für Wirksamkeit von Grippemittel Tamiflu fragwürdig

Patient mit Grippe

Patient mit Grippe

Zahlreiche Regierungen hatten große Mengen des Grippemittels auf Vorrat gekauft – nun finden sich etliche vom Hersteller unter Verschluss gehaltene Studien, die die Erwartungen an den Wirkstoff Oseltamivir (Tamiflu®) deutlich dämpfen. In einem unkritischen Standard-Bericht wird darauf nicht eingegangen.
Update 10.4.2014

Zeitungsartikel: Krankheitsdauer verkürzt sich um rund einen Tag (20. 1. 2012, Der Standard)
Frage:Wirkt Oseltamivir (Markenname Tamiflu) gegen Symptome und Begleiterscheinungen einer Influenza-Infektion?
Antwort:Oseltamivir verringert die Krankheitsdauer bei Grippe-ähnlichen Symptomen um etwa einen halben Tag. Für eine Verringerung der Anzahl an Krankenhausaufenthalten oder der Schwere an Komplikationen gibt es keinen Hinweis. Auch eine Unterdrückung der Übertragbarkeit auf andere Menschen lässt sich nicht belegen.
Beweislage:
Niedrige wissenschaftliche Beweislagefür eine geringfügige Verkürzung der Symptomdauer
Beweislage:
Niedrige wissenschaftliche Beweislagegegen die Verhinderung schwerer Komplikationen / Krankenhausaufenthalte

Umgerechnet mehr als 6 Milliarden Euro gaben Regierungen im Jahr 2009 im Zuge der H1N1-Pandemie aus, um große Mengen des Grippemittels Oseltamivir (Markenname Tamiflu) auf Vorrat zu kaufen. Die Erwartungen an das Medikament waren hoch: einer zusammenfassende Bewertung (Meta-Analyse) von 10 klinischen Studien zufolge [1] sollte das Mittel nicht nur die Schwere und Dauer einer Influenza-Infektion senken, sondern auch ernste Begleiterscheinungen deutlich reduzieren. Voraussetzung sei die Einnahme innerhalb der ersten 48 Stunden nach Beginn der Symptome, so der Hersteller.

Eine Infektion mit Influenza-Viren („echte Grippe“), zu denen auch die als „Schweinegrippe“ bezeichneten Influenza A – Erreger vom Untertyp H1N1 zählen, äußert sich meistens in Symptomen wie Fieber, Gliederschmerzen, Husten sowie Mattheit, die rund 1 Woche oder länger anhalten. Dabei können – besonders bei älteren Menschen oder bestimmten Risikogruppen – auch Komplikationen durch zusätzlichen bakterielle Infektionen, wie etwa Lungenentzündungen, auftreten.

Empfehlungen der internationalen Gesundheitsorganisation WHO sowie nationaler Gesundheitsbehörden zufolge soll Oseltamivir aber nicht nur solche Komplikationen verhindern, sondern auch die Ausbreitung der Krankheit – etwa im Falle einer Influenza-Epidemie – abschwächen. Genügend Argumente für die WHO, um Oseltamivir in die offizielle Liste der „Essentiellen Medikamente“ aufzunehmen.

Großteil der Studiendaten nie veröffentlicht

Dem Standard (Online-Ausgabe vom 20. 1. 2012) zufolge erzeugten einander widersprechende Ergebnisse unterschiedlicher Meta-Analysen zur Wirksamkeit dieses Medikaments für Verwirrung. So hätte die erste dieser Meta-Analysen [1] ein „deutlich positives Bild“ gezeichnet, das durch später erschienene Überblicksarbeiten teilweise in Zweifel gezogen worden wäre.

Dabei wird allerdings nicht erwähnt, dass 8 der 10 Studien, die in der ersten Meta-Analyse [1] eingeschlossen wurden, nie veröffentlicht worden waren. Die positiven Ergebnisse der vom Hersteller Roche in Auftrag gegebenen Meta-Analyse waren also durch andere Wissenschaftler nicht überprüfbar.

Dass Hersteller von Arzneimitteln ihre Studiendaten unter Verschluss halten, ist ein großes Problem für die objektive Beurteilung der Wirksamkeit von Medikamente. Für Oseltamivir wurden beispielsweise beinahe zwei Drittel der Studienteilnehmer-Daten nie veröffentlicht. In einer kürzlich aktualisierten systematischen Übersichtsarbeit [2] versuchten Wissenschaftler des Cochrane-Netzwerks daher, Zugang zu diesen unveröffentlichten Studiendaten zu bekommen, um ein objektiveres Bild über die Wirksamkeit von Oseltamivir zu bekommen.

Dies versuchten die Cochrane Wissenschaftler durch Anfragen an die nationalen Gesundheitsbehörden der USA und Japans sowie an die europäische Arzneimittelbehörde EMA zu erreichen. Diese Einrichtungen erhalten für die Erteilung von Medikamentenzulassungen Zugang zu vollständigen Studienberichten, die – im Gegensatz zu wissenschaftlichen Studienveröffentlichungen mit rund 10 Seiten – einen Umfang von mehreren Tausend Seiten haben können.

Ungereimtheiten, Mängel und moderate Wirksamkeit

Uneingeschränkten Zugang zu allen Studiendaten erlangten die Autoren der Cochrane-Überblicksarbeit auch mit dieser Herangehensweise nicht. Eine vollständige Beurteilung der Wirksamkeit von Oseltamivir war ihnen deshalb nicht möglich. Zusätzlich entdeckten die Wissenschaftler Ungereimtheiten bei der Durchführung der Studien. So wurden möglicherweise nicht alle Influenza-infizierten Patienten tatsächlich auch als solche in den Untersuchungen berücksichtigt.

Update 10.4. 2014: Hersteller Roche hat auf großen öffentlichen Druck auch bisher unveröffentlichte Studiendaten herausgegeben. In einer aktualisierten Fassung ihrer Übersichtsarbeit konnten die Cochrane-Wissenschaftler nun die vollständigen Daten von 20 randomisiert-kontrollierter Studien einbeziehen. [3]

Die Auswertung der vorhandenen Daten ergab jedoch, dass der Wirkstoff bei Patienten mit Grippe-Symptomen die Krankheitsdauer im Durchschnitt um weniger als einen Tag verkürzte. Während die Patienten in der Gruppe, die nur ein Scheinmedikament (Placebo) erhielt, knapp 7 Tage (160 Stunden) krank waren, brachte eine Behandlung mit Oseltamivir eine statistisch nur 21 Stunden frühere Genesung mit sich.

Update 10.4. 2014: Die Auwertung aller von Roche herausgegebenen Studien 2014 bestätigt die nur geringfügige Besserung der Symptomdauer. Demnach beträgt der Unterschied nur 17 Stunden – die Krankheitsdauer verkürzt sich also um knapp mehr als einen halben Tag.

Kein Unterschied zeigte sich in der Rate der Grippe-bedingten Spitalsaufenthalte. Diese waren allerdings moderat und betrafen auch ohne Oseltamivir-Behandlung nur etwa 8 von 1000 Patienten.

Ob Oseltamivir allerdings zusätzliche bakterielle Infektionen wie etwa Lungenentzündungen, Bronchitis oder Mittelohrentzündungen verhindern kann, ließ sich aufgrund fehlender Daten nicht einschätzen. Interessant hierbei ist, dass die US-amerikanische Gesundheitsbehörde FDA im Gegensatz zur europäischen EMA nie von einer solchen Verringerung an Komplikationen ausgegangen war.

Update 10.4. 2014: Die nun vollständig vorliegenden Daten bestätigen: Das Risiko für Lungenentzüngen, Bronchitis oder Mittelohrentzündungen bleibt auch nach der Einnahme von Oseltamivir gleich hoch wie für ein Scheinmedikament. Auch schwere Komplikationen einer Influenza kann das Medikament nicht verhindern.

Die Behauptung des Herstellers, Oseltamivir könne die Ausbreitung von Influenza unterdrücken – einem wichtigen Argument für die Bevorratung des Arzneimittels für den Fall einer Grippe-Epidemie – ließ sich aufgrund von Mängeln in der Durchführung der Studien ebenfalls nicht belegen.

Mehr Nebenwirkungen als angenommen

Der Vergleich mit Studien eines ähnlich wirksamen Grippemedikaments (Wirkstoff Zanamivir, Markenname Relenza) ließ die Autoren Unregelmäßigkeiten bei der Bewertung unerwünschter Nebenwirkungen vermuten. So enthielten die Placebo-Tabletten Substanzen, die in den Oseltamivir-Pillen nicht enthalten waren, aber wahrscheinlich selbst Nebenwirkungen verursachten, was einen Vergleich der Wirkstoffgruppe mit der Placebo-Gruppe erschwerte.

Wurden diese Unterschiede allerdings berücksichtigt, zeigte sich, dass Oseltamivir wahrscheinlich rund dreimal häufiger zu Übelkeit und Erbrechen führte und etwa eineinhalb Mal häufiger Durchfall verursachte als ohne Einnahme des Wirkstoffes.

Fehlende Daten würden mehr Klarheit bringen

Insgesamt gesehen gehen die Autoren des Cochrane-Netzwerkes trotz einer Vielzahl an fehlenden Daten dennoch nicht davon aus, dass Oseltamivir keine Wirksamkeit bei Influenza-Infektionen zeigt. Eine vollständige Veröffentlichung der fehlenden Daten von Seiten des Herstellers würde aber ein umfassenderes Bild über viele Aspekte von Oseltamivir ermöglichen.

Für ein weiteres Medikament mit ähnlicher Wirkungsweise (Zanamivir, Markenname Relenza) , das wie Oseltamivir zur Gruppe der sogenannten Neuraminidase-Hemmer zählt, wurde den Autoren von der Herstellerfirma der Zugang zu weiteren Studiendaten versprochen. Daher planen die Wissenschaftler, die Beurteilung von Zanamivir zu einem späteren Zeitpunkt vervollständigt nachzureichen.

Update 10.4.2014: Die Cochrane Collaboration hat gemeinsam mit einer kritischen Öffentlichkeit die Herausgabe aller Daten erreicht und ihre systematische Übersichtsarbeit aktualisiert (Zusammenfassung).

Die vermeintliche Wirkung gegen Komplikationen und gegen eine Ausbreitung der Krankheit, haben wesentliche Entscheidungen in Gesundheitssystemen beeinflusst. Da für diese Wirkung jedoch der Nachweis fehlt, empfehlen die Cochrane Collaboration und das British Medical Journal sämtliche Empfehlungen und Richtlinien zu Tamiflu zu überarbeiten.

(AutorIn: B. Kerschner, Review: M. Strobelberger, K. Thaler; Update: B. Kerschner, J. Wipplinger)

Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Kaiser u.a. (2003)
Studientyp: Meta-Analyse
Anzahl der inkludierten Studien: 10 (davon 8 unveröffentlichte)
Teilnehmer insgesamt: 3564
Vergleich: Wirksamkeit von Oseltamivir im Vergleich zu Placebo

Titel: Impact of oseltamivir treatment on influenza-related lower respiratory tract complications and hospitalizations. Arch Intern Med. 2003 Jul 28;163(14):1667-72. (Studie im Volltext)

[2] Jefferson u. a. (2012)
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse der Cochrane Collaboration
Anzahl der inkludierten Studien: 15 (5 für die zusammenfassende Bewertung der Wirksamkeit)
Teilnehmer insgesamt: 9030
Vergleich: Wirksamkeit von Oseltamivir im Vergleich zu Placebo

Titel: Neuraminidase inhibitors for preventing and treating influenza in healthy adults and children. Cochrane Database of Systematic Reviews 2012, Issue 1. Art. No.: CD008965. DOI: 10.1002/14651858.CD008965.pub3. (Zusammenfassung der Studie)

[3] Jefferson u. a. (2014)
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse der Cochrane Collaboration
Anzahl der inkludierten Studien: 20 für Oseltamivir
Teilnehmer insgesamt: 9623
Vergleich: Wirksamkeit von Oseltamivir im Vergleich zu Placebo

Jefferson T, Jones MA, Doshi P, Del Mar CB, Hama R, Thompson MJ, Spencer EA, Onakpoya I, Mahtani KR, Nunan D, Howick J, Heneghan CJ. Neuraminidase inhibitors for preventing and treating influenza in healthy adults and children. Cochrane Database of Systematic Reviews 2014, Issue 4. Art. No.: CD008965. (Zusammenfassung der Studie)