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Tamiflu: Wirksamkeit von Grippemittel fragwürdig

Pro Grippesaison erkranken bis zu 30 Prozent aller Kinder an Influenza

Pro Grippesaison erkranken bis zu 30 Prozent aller Kinder an Influenza

Tamiflu ist ein umstrittenes Medikament gegen Influenza. Das Mittel scheint bei ansonsten Gesunden nur wenig gegen die echte Grippe ausrichten zu können.

Frage:Senkt Oseltamivir (Markenname „Tamiflu“) bei ansonsten gesunden Erwachsenen die Schwere und Dauer einer Influenza?
Antwort:möglicherweise Ja
Erklärung:Oseltamivir könnte bei ansonsten gesunden Erwachsenen die Dauer einer Influenza („echte Grippe“) um etwa einen halben Tag verringern. Dass Komplikationen durch Tamiflu verhindert werden können, ist nicht belegt. Ob Grippekranke durch Tamiflu weniger ansteckend sind, ist unklar.

Am 9. Jänner hat dieses Jahr in Österreich die Grippesaison begonnen [7]. Wer sich mit der „echten Grippe“ (Influenza) ansteckt, wird typischerweise von Fieber, Schüttelfrost, Muskel- und Gelenksschmerzen, Kopf- und Halsschmerzen, Husten und Schnupfen geplagt. Im Gegensatz zu den viel häufigeren Erkältungen („grippale Infekte“) beginnen bei einer Grippe die Beschwerden oft schnell. Das Krankheitsgefühl ist vergleichsweise stark [3].

Jährlich gibt es Grippe-Epidemien; dann sind weltweit etwa eine Milliarde Menschen betroffen (ca. 10-30% aller Erwachsenen, ca. 20-30% aller Kinder) [4]. Verantwortlich dafür sind Grippeviren, auch Influenza-Viren genannt. Diese Erreger, verbreitet durch Tröpfchen von Mensch zu Mensch, befallen die oberen Atemwege. Grippeviren richten bei ansonsten gesunden Erwachsenen selten einen dauerhaften Schaden an. Nach einer Woche Ruhe zuhause ist meist das Schlimmste überstanden [3].

Säuglinge und Kleinkinder, chronisch Kranke und ältere Menschen haben hingegen ein höheres Risiko für Komplikationen, zum Beispiel eine Lungenentzündung. In seltenen Fällen kann die Grippe, ausgelöst durch das Influenza-Virus, sogar zum Tod führen [5].

Schneller gesund durch Tamiflu?

Der unter dem Handelsnamen „Tamiflu“ verkaufte Wirkstoff Oseltamivir soll Abhilfe schaffen. Wie andere Virostatika hemmt Tamiflu die Vermehrung von Viren. Der Krankheitsverlauf soll abgemildert werden, die Beschwerden sind angeblich schneller weg – so zumindest die Theorie hinter dem verschreibungspflichtigen Medikament. Was bringt es tatsächlich? Viele Antworten haben wir in einer Übersichtsarbeit des Cochrane-Netzwerks gefunden [1].

Krankheit ein wenig kürzer

Die Anti-Grippe-Tabletten könnten die Dauer der Grippe ein wenig verkürzen: Kinder und Erwachsene, die ansonsten gesund sind, leiden – ohne Tamiflu – im Durchschnitt sieben Tage an der Grippe. Mit Tamiflu wären diese Erwachsenen ungefähr 17 Stunden früher frei von Symptomen; Kinder würden in etwa 24 Stunden gewinnen [3].

Für diese Wirkung muss die erste Tablette innerhalb von zwei Tagen nach Beginn der Grippe eingenommen werden. Sonst scheint das Mittel den erwünschten Effekt nicht mehr zu haben [3].

Nicht seltener oder kürzer im Krankenhaus

Die aktuelle Studienlage bestätigt nicht, dass Tamiflu-Probandinnen und Probanden ohne spezielle Risiken seltener ins Krankenhaus müssen [1].

Diese mit Tamiflu behandelten Patientinnen und Patienten dürften im Durchschnitt auch nicht kürzer im Krankenhaus bleiben, wobei das Risiko für einen Spitalsaufenthalt ohnehin mit und ohne Medikament eher gering ist: 8 von 1000 Grippekranken müssen stationär behandelt werden [1].

Schutz vor schweren Verläufen oder Tod nicht belegt

Das Risiko einer Bronchitis, Lungen- oder Mittelohrentzündung scheint bei ansonsten gesunden Erwachsenen durch das Medikament ebenfalls nicht gesenkt zu werden. Auch auf das (geringe) Risiko, an der Grippe zu sterben, dürfte der Wirkstoff Oseltamivir keine Auswirkungen haben [1].

Unklar, ob weniger ansteckend

Einer weiterer vermeintlicher Vorteil von Tamiflu: Es soll weniger ansteckend machen. Bisher durchgeführte Studien konnten dies weder belegen noch ausschließen – dafür gibt es in den entsprechenden Untersuchungen zu viele Mängel, die die Ergebnisse verzerren könnten [1].

Nicht ohne Nebenwirkungen

Tamiflu ist selbstverständlich nicht ohne Nebenwirkungen: Studienteilnehmerinnen und -teilnehmer, die Oseltamivir bekamen, litten häufiger an Übelkeit, Erbrechen und Durchfall [1].

Auch gibt es Hinweise, dass der Wirkstoff in seltenen Fällen zu Nierenproblemen oder psychiatrischen Problemen führen kann. Halluzinationen, Depressionen oder Verwirrung können als seltene Nebenwirkungen des Anti-Grippe-Medikaments auftreten [2].

Die Ergebnisse der international viel beachteten Übersichtsarbeit des Cochrane-Netzwerks wurden in einer kürzlich veröffentlichten Arbeit [2] bestätigt. Auch dieses Forschungsteam konnte keine deutlichen positiven Effekte von Tamiflu für ansonsten gesunde Erwachene orten.

 

Die Studien im Detail

Zwölf Autorinnen und Autoren der Cochrane Collaboration haben im Jahr 2014 [1] eine Übersichtsarbeit zu Studien über Tamiflu veröffentlicht. Sie bezieht sich auf die Wirkung und Sicherheit des Anti-Grippe-Medikaments bei ansonsten gesunden Erwachsenen und Kindern. Diese Übersichtsarbeit enthält auch Daten, die nicht immer öffentlich waren: Acht von 10 Studien hatte der Tamiflu-Hersteller Roche lange unter Verschluss gehalten – die wenigen veröffentlichten Ergebnisse waren durchweg positiv.

Das hat dazu geführt, dass die Weltgesundheitsorganisation WHO den Wirkstoff Oseltamivir auf die offizielle Liste der „Essentiellen Medikamente“ gesetzt hat. Daraufhin kauften zahlreiche Regierungen große Mengen des Grippemittels auf Vorrat, um für den Fall des Falles gerüstet zu sein. Mittlerweile hat die WHO das Grippemittel wieder zurückgestuft [8].

Durch Anfragen beispielsweise an die europäische Arzneimittel-Agentur EMA und die Pharmafirma Roche erhielt die Cochrane-Forschergruppe Einsicht in unveröffentlichten Studienergebnisse. Diese vollständigen Studienberichte sind für die Zulassung von Medikamenten notwendig und können einen Umfang von mehreren tausend Seiten haben. Letztendlich konnte die Forschergruppe 20 Studien mit 9623 Studienteilnehmer zu Oseltamivir auswerten. Dadurch veränderte sich die Einschätzung der Wirksamkeit von Tamiflu [1,7].

Mangelhafte Studien

Die Studien, auf denen die Übersichtsarbeit von Cochrane basiert, haben diverse Mängel. Die Autorinnen und Autoren haben zum Beispiel auf eine mögliche Verzerrung durch einen Selection Bias hingewiesen: Das heißt, dass die untersuchten Probandinnen und Probanden eventuell nicht repräsentativ für jene Menschen waren, die im „echten Leben“ Tamiflu nehmen. Auch, dass die Rahmenbedingungen für die unterschiedlichen Gruppen von Probandinnen und Probanden zwecks Vergleichbarkeit immer gleich waren, war laut Cochrane-Autorenteam nicht sichergestellt (Performance Bias). Und der so genannte Attrition Bias könnte ebenfalls die Ergebnisse der Studien verzerrt haben – also dass sich Personen aus den Tamiflu-Gruppen und den Placebo-Gruppen nicht gleich gut ans Studienprotokoll hielten oder unterschiedlich häufig vorzeitig aus den laufenden Studien ausstiegen. Deswegen sind die daraus abgeleiteten Aussagen auch mit einiger Vorsicht zu genießen.

(AutorIn: J. Harlfinger, Review: B. Kerschner, C. Christof)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Jefferson u. a. (2014)
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse
Anzahl der inkludierten Studien: 20 randomisiert-kontrollierte Studien zu Oseltamivir
Teilnehmer insgesamt: 9623 Kinder und Erwachsene
Vergleich: Wirksamkeit von Oseltamivir im Vergleich zu Placebo

Jefferson T, Jones MA, Doshi P, Del Mar CB, Hama R, Thompson MJ, Spencer EA, Onakpoya I, Mahtani KR, Nunan D, Howick J, Heneghan CJ. Neuraminidase inhibitors for preventing and treating influenza in healthy adults and children. Cochrane Database of Systematic Reviews 2014, Issue 4. Art. No.: CD008965. (Zusammenfassung der Systematischen Übersichtsarbeit)

Weitere wissenschaftliche Quellen

[2] Doll u.a. (2017)
Safety and effectiveness of neuraminidase inhibitors for influenza treatment, prophylaxis, and outbreak control: a systematic review of systematic reviews and/or meta-analyses. J Antimicrob Chemother. 2017 Nov 1;72(11):2990-3007. (Zusammenfassung der Systematische Übersichtsarbeit)

[3] IQWIG (2016)
Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen. Grippe.
www.gesundheitsinformation.de/grippe.2352.de.html Abgerufen am 14.01.2018

[4] DynaMed (2017a)
Influenza in adults. Available from www.dynamed.com/login.aspx?direct=true&site=DynaMed&id=435301. Abgerufen am 17.1.2018

[5] DynaMed Plus (2017b)
Antiviral medications for the treatment of influenza. www.dynamed.com/topics/dmp~AN~T911104/Antiviral-medications-for-the-treatment-of-influenza Abgerufen am 17.1.2018

[6] UpToDate (2018)
Treatment of seasonal influenza in adults. www.uptodate.com/contents/treatment-of-seasonal-influenza-in-adults Abgerufen am 17.1.2018

[7] Kmietowicz, Zosia (2017)
BMJ News: WHO downgrades oseltamivir on drugs list after reviewing evidence. www.bmj.com/content/357/bmj.j2841 Abgerufen am 18.1.2018

Andere Quellen

[8] Bundesministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Konsumentenschutz
Grippe (Saisonale Influenza). www.bmgf.gv.at/home/Grippe Abgerufen am 14.01.2018