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Babyschwimmen: Chlor als Asthma-Auslöser?

Chlorwasser: Mehr Risiko als Spaß beim Babyschwimmen?

Chlorwasser: Mehr Risiko als Spaß beim Babyschwimmen?

Babyschwimmen ist beliebt. Fachleute befürchten jedoch, dass der Kontakt mit Chlorwasser Asthma und Allergien auslösen könnte. Die Wissenschaft ist sich unsicher.


Frage:Kann Chlorwasser beim Babyschwimmen Asthma oder Allergien später im Kindesalter verursachen?
Antwort:widersprüchliche Studienlage
Erklärung:Bisher durchgeführte Studien sind zu wenig aussagekräftig und widersprüchlich, um konkrete wissenschaftliche Aussagen treffen zu können.

Babyschwimmen liegt im Trend. Von Mama oder Papa durch das warme Wasser getragen oder geschaukelt zu werden, ist für Babys oft angenehm. Es soll aber auch ihre geistige und körperliche Entwicklung fördern. Mittlerweile bieten viele Schwimmbäder Kurse für Babys ab einem Alter von rund drei Monaten an.

Manche Fachleute warnen jedoch vor möglichen Nachteilen für die Gesundheit. Ihre Vermutung: mit Chlor desinfiziertes Wasser könnte bei Säuglingen und Kleinkindern Asthma verursachen oder Allergien auslösen.

Schuld sei ein reizender Stoff, der sich in gechlortem Wasser bildet: Trichloramin. Diese Verbindung entweicht aus dem Wasser und ist für den typischen Chlorgeruch in Schwimmbädern verantwortlich. Trichloramin kann erwiesenermaßen Schleimhäute, Atemwege und Augen reizen [3].

Müssen sich Eltern Sorgen machen, wenn sie mit ihrem Nachwuchs am Babyschwimmen teilnehmen?

Widersprüchliche Ergebnisse

Wir haben in bisher durchgeführten Studien nach einer Antwort gesucht. Ob Babys, die Chlor im Schwimmwasser ausgesetzt sind, später im Kindesalter eher Asthma oder Allergien entwickeln, ist jedoch unzureichend erforscht.

Zwar haben zahlreiche Forschungsteams versucht, dies zu untersuchen. Die meisten Studien sind jedoch nicht gut durchgeführt und daher kaum aussagekräftig. Die beiden Studien mit der besten Qualität [1,2] haben wir uns näher angesehen : Für die erste Studie fragte ein Forschungsteam Eltern von Jugendlichen: Waren diese in ihre ersten beiden Lebensjahren schwimmen?

Es stellte sich heraus, dass die Jugendlichen mit Asthma eher beim Babyschwimmen gewesen waren als jene ohne Asthma. Ob aber wirklich das Babyschwimmen der Auslöser für die Asthmaerkrankungen war, kann die Studie nicht belegen. Denn es gibt viele andere Risikofaktoren für Asthma.

In einer zweiten Studie hat ein Wissenschaftsteam rund 200 Kinder zwei Jahre lang beobachtet. Sie waren zu Beginn der Studie fünf Jahre alt und hatten weder Asthma noch Allergien. Im Verlauf der Studie entwickelte sich bei einigen der anfangs gesunden Kinder Asthma oder eine Allergie. Allerdings geschah dies bei Frühschwimmern, die schon vor dem dritten Geburtstag regelmäßig schwimmen waren, ebenso häufig wie bei Spätschwimmern [2].

Die beiden Studien widersprechen sich also.

Verzerrung durch Erinnerungslücken möglich

Beide Studien sind zudem von einem Problem betroffen, das alle bisher durchgeführten Studien haben: Die Eltern wurden zum Babyschwimmen erst befragt, als ihre Kinder fünf [2] beziehungsweise 16 bis 17 Jahre alt waren [1]. Nach so langer Zeit ist es schwierig, sich genau zu erinnern, wann, wie häufig und wie lange das eigene Kind früher als Baby in einem Schwimmbad war. Es könnte auch sein, dass sich Eltern von Kinder mit Asthma anders erinnern als solche mit gesunden Kindern. Die Studienergebnisse beruhen daher auf möglicherweise verzerrten Erinnerungen.

Insgesamt helfen die bisher veröffentlichten Studienergebnisse nicht, um eine Entscheidung für oder gegen Babyschwimmen zu treffen. Inwieweit Chlor im Schwimmwasser die Gesundheit von Kindern beeinträchtigt, können nur zukünftige, strenger durchgeführte Studien zeigen.

Asthma und Allergien

Asthma kann in jedem Lebensalter auftreten, am häufigsten jedoch in der Kindheit und Jugend. Etwa eines von zehn Kindern leidet an Asthma, wobei Buben häufiger betroffen sind als Mädchen [4].

Wie Asthma entsteht, ist nicht gut erforscht, es sind jedoch mehrere Risikofaktoren bekannt [4]. So tritt Asthma in manchen Familien häufiger auf als in anderen – das Risiko scheint also zum Teil vererbbar zu sein. Passivrauchen erhöht dies ebenfalls die Wahrscheinlichkeit, Asthma zu bekommen.

Das Risiko an Asthma zu erkranken ist auch erhöht, wenn man bereits an Neurodermitis oder einer Allergie leidet. Bei einer Allergie reagiert das Immunsystem unnötig stark und bekämpft eigentlich harmlose Stoffe wie beispielsweise Blütenpollen oder Absonderungen von Hausstaubmilben.

Schwimmen bei Asthma

Hat ein Kind bereits Asthma, scheint Schwimmen die Erkrankung nicht negativ zu beeinflussen [4]. Im Gegenteil, Sport kann sogar dafür sorgen, dass die Lunge leistungsfähiger wird [4]. Studien an Kindern und Jugendlichen zeigen, dass auch Schwimmen eine leichte derartige Wirkung haben dürfte [5]. Ob bestimmte Sportarten günstiger sind als andere, lässt sich jedoch nicht sagen [4].

Nähere wissenschaftlich belegte Informationen bietet die Seite Gesundheitsinformation.de des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWIG): sowohl zu Asthma wie auch zu Allergien.

Chlor zur Desinfektion

Es ist wichtig, dass das Wasser in einem Schwimmbecken desinfiziert wird. Andernfalls können sich darin Keime ausbreiten.

Das häufigste Mittel zur Desinfektion sind Chlorverbindungen. Diese Chlorverbindungen können mit Urin, Schweiß, Kosmetika oder Hautschuppen reagieren. Dabei bildet sich in geringen Mengen das reizende Trichloramin. Da dieser Stoff kaum in Wasser löslich ist, entweicht er in die Luft. Ab welcher Konzentration er nachweislich gesundheitliche Beeinträchtigungen verursacht, ist nicht ausreichend erforscht. In Schwimmbädern kann eine ausreichende Belüftung dafür sorgen, dass nur eine geringe Menge an Trichloramin in der Luft bleibt [3].

Das Beckenwasser lässt sich auch mit anderen Methoden desinfizieren, beispielsweise mit Ozon oder bestimmen Filtern. Diese werden jedoch nur selten eingesetzt.

 

Die Studien im Detail

Auf der Suche nach einem möglichen Zusammenhang zwischen Asthma und Babyschwimmen haben wir zwei medizinische Forschungsdatenbanken durchforstet. Dabei haben wir einige Studien gefunden. Doch die meisten konnten nicht ausschließen, dass die Kinder bereits vor dem ersten Mal im Chlorwasser an Asthma erkrankt waren oder damit verwandte Beschwerden hatten. Diese Studien haben wir nicht berücksichtigt.

Übrig für unsere Einschätzung blieben daher nur zwei Studien [1,2].

Was vor dem Asthma war

Bei einer der beiden Studien handelt es sich um eine sogenannte Fall-Kontroll-Studie. Für diese befragte eine Forschungsgruppe in Nordschweden Eltern von 337 Jugendlichen, die bis zum Alter von sechs Jahren an Asthma erkrankt waren. Diese 337 Jugendlichen bildeten die Fall-Gruppe. Zum Vergleich dienten die Befragungsdaten einer Kontroll-Gruppe von 633 gleichaltrigen Jugendlichen, die niemals Asthma hatten.

Die Eltern beider Gruppen sollten sich erinnern, ob ihr Nachwuchs in den ersten beiden Lebensjahren regelmäßig in gechlortem Wasser schwimmen gewesen war.

Fehlende Beweiskraft

Den Befragungsdaten zufolge gab es unter den Asthmabetroffenen mehr ehemalige Babyschwimmerinnen und Babyschwimmer als unter der gesunden Kontrollgruppe.

Dass das Babyschwimmen Auslöser für die Asthmaerkrankung war, können die Studienergebnisse jedoch nicht belegen. Zwar gaben sich die Studienautorinnen und -autoren Mühe, den möglichen Einfluss von bekannten Risikofaktoren aus den Daten herauszurechnen. Sie konnten jedoch nicht ausschließen, dass rauchende Väter, die Luftverschmutzung oder unbekannte Risikofaktoren zu Asthma geführt haben.

Wie bereits im Text erwähnt, sind die Angaben zum Babyschwimmen möglicherweise verzerrt. Schließlich mussten sich die Eltern an die Babyzeit ihrer Teenager zurückerinnern.
Nicht ganz verlässlich ist auch die Erfassung von Asthma in der Fallgruppe. Zwar gaben die Eltern an, dass die Asthmadiagnose ihres Kindes in den ersten sechs Lebensjahren ärztlich bestätigt wurde. Ob dies tatsächlich der Fall war, überprüften die Forscherinnen und Forschern aber nicht weiter, zum Beispiel mit Hilfe von Krankenakten.

Was nach dem Babyschwimmen kam

Für die zweite Studie, eine Kohortenstudie, untersuchte eine belgische Forschungsgruppe 196 Kindergartenkinder zwei Jahre lang [2]. Zu Studienbeginn waren die Kinder im Durchschnitt 5,7 Jahre alt. 180 von ihnen hatten zu diesem Zeitpunkt kein Asthma, 142 keine Allergie.

Für ihre Beobachtungen schloss die Forschungsgruppe alle Kinder aus, die zu Studienstart bereits an Asthma oder einer Allergie litten. Ein solches Studiendesign, bei dem die Ereignisse (in diesem Fall: Auftreten von Asthma oder Allergie) erst in der Zukunft eintreten, nennen Fachleute „prospektiv“. Die Ergebnisse einer prospektiven Studie sind prinzipiell verlässlicher als beispielsweise die einer Fall-Kontroll-Studie.

Innerhalb des zweijährigen Beobachtungszeitraums entwickelten einige der zuvor gesunden Kinder Asthma oder Allergien. Allerdings zeigten die Studienergebnisse keinen Zusammenhang mit dem Babyschwimmen. So erkrankten Kinder, die in den ersten drei Lebensjahren in Chlorwasser schwimmen waren nicht häufiger als Altersgenossen, die erst später Kontakt mit Schwimmbecken hatten.

Verminderte Aussagekraft

Einige Probleme mindern jedoch die Aussagekraft dieser entwarnend anmutenden Ergebnisse. Beispielsweise ist die Studie nicht gänzlich prospektiv. Ob die teilnehmenden Kinder Babyschwimmer waren, erfragte die Forschungsgruppe bei den Eltern nämlich erst im Nachhinein. Auch hier könnte das Erinnerungsvermögen der Eltern die Genauigkeit der Daten beeinträchtigt haben.

Es gab auch bedeutende Unterschiede zwischen Frühschwimmern und jenen Kindern, die erst nach dem dritten Lebensjahr Kontakt mit Chlorwasser gehabt haben. Unter den Frühschwimmern war ein größerer Anteil an Kindern mit Neurodermitis. Neurodermitis ist ein bekannter Risikofaktor für die Entwicklung von Asthma. Diese und andere Unterschiede hat die Forschungsgruppe jedoch nicht ausreichend in ihren Berechnungen berücksichtigt.

(AutorIn: B. Kerschner, Review: J. Harlfinger, M. Van Den Nest)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Anderson u.a. (2018)
Studientyp: Fall-Kontroll-Studie
Teilnehmende: 337 Kinder mit und 633 ohne Asthma im Alter von 1 bis 6 Jahren aus Nordschweden
Studiendauer: erste Eltern-Befragung zu Asthma, als deren Kinder 7 bis 8 Jahre alt waren, letzte Befragung im Alter von 16 bis 17 Jahren
Fragestellung: Haben Kinder bzw. Jugendliche mit Asthma häufiger am Babyschwimmen oder Kleinkind-Schwimmkursen teilgenommen als Kinder ohne Asthma?
Interessenskonflikte: keine laut Autoren und Autorinnen

Andersson M, Backman H, Nordberg G, Hagenbjörk A, Hedman L, Eriksson K,
Forsberg B, Rönmark E. Early life swimming pool exposure and asthma onset in children – a case-control study. Environ Health. 2018 Apr 11;17(1):34. (Studie in voller Länge)

[2] Voisin u.a. (2014)
Studientyp: Prospektive Kohortenstudie
Teilnehmende: 196 belgische Kinder im Alter von durchschnittlich 5,7 Jahren
Studiendauer: 2 Jahre
Fragestellung: Erkranken Kinder häufiger an Asthma, wenn sie bis zum Alter von 2 Jahren oder später regelmäßig in gechlortem Wasser geschwommen waren?
Interessenskonflikte: keine laut Autoren und Autorinnen

Voisin C, Sardella A, Bernard A. Risks of new-onset allergic sensitization and airway inflammation after early age swimming in chlorinated pools. Int J Hyg Environ Health. 2014 Jan;217(1):38-45. (Zusammenfassung der Studie)

Weitere Quellen

[3] Umweltbundesamt Deutschland (2011)
Gesundheitliche Bewertung von Trichloramin in der Hallenbadluft. Bundesgesundheitsbl 2011 · 54:997–1004. (Artikel in voller Länge)

[4] IQWIG (2017)
Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen. Asthma – Gesundheitsinformation.de Abgerufen am 20.8.2018 unter https://www.gesundheitsinformation.de/asthma.2591.de.html

[5] Beggs u.a. (2013)
Beggs S, Foong YC, Le HC, Noor D, Wood-Baker R, Walters JA. Swimming training for asthma in children and adolescents aged 18 years and under. Cochrane Database Syst Rev. 2013 Apr 30;(4):CD009607. (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)